04.10.2018
66. Festival de Cine de San Sebastián 2018

Muriel Box und der weibliche Blick

The Seventh Veil
»Best Original Screenplay« 1946 für The Seventh Veil
(Foto: Universal Pictures)

Eine vergessene Filmemacherin der klassischen Studioära in der Retrospektive – Notizen aus San Sebastián, Folge 6

Von Rüdiger Suchsland

Vor zehn Jahren lief die bisher beste Retro­spek­tive meiner Jahre in San Sebastián: »Japón en negro«, theo­re­tisch über japa­ni­schen Film Noir, praktisch aber überhaupt über japa­ni­sches Kino und seine enorme Breite, über die Wegge­fährten der großen Namen Kurosawa und Ozu. Nie habe ich mehr gelernt, als hier, und nie habe ich die Filme der Retro insgesamt derart genossen. An Nummer zwei folgt für mich Georges Franju im Jahr 2012, überhaupt ein groß­ar­tiges Jahr. Und im Jahr davor lief parallel »American Way of Death: Film Noir 1910-2010« und parallel auch noch Jacques Demy. Auf dritter Stelle muss ich wohl Preston Sturges 2003 nennen, oder doch Powell/Press­burger 2002, das war aber mein aller­erstes Jahr und ich musste sowieso noch sehr viel über Film­ge­schichte lernen. Außerdem erinnere ich mich auch an »50’s from the 50’s« im gleichen Jahr – da wurde das Festival 50 Jahre alt.
Aber selbst in schwächeren Jahren lohnt keine Sektion dieses Festivals auch nur ansatz­weise mehr. Die San-Sebastián-Retro­spek­tiven sind, so scheint mir, noch besser als die schon sehr guten von Locarno – woher genau dieser Eindruck kommt, kann ich gar nicht sagen. Viel­leicht denke ich das, weil sie meistens noch umfang­rei­cher sind, und weil man alles ange­nehmer program­miert – immer nach­mit­tags ab 16 Uhr bis gegen Mitter­nacht, sodass auch noch Zeit für Aktuelles bleibt, und nahezu jeder Film mindes­tens zweimal läuft – viel­leicht auch, weil die San Sebastián-Retro­spek­tiven in ihren Themen noch etwas uner­war­teter sind: Während Locarno fast immer auf Hollywood setzt, laufen hier eben auch Asiaten, Franzosen, und überhaupt manchmal auch etwas unbe­kann­tere, unwahr­schein­li­chere Namen und Themen. Kaum erwähnt werden muss, dass hier die Filme fast immer auf 35mm oder 16mm-Film­ma­te­rial vorge­führt werden.
Wahr­schein­lich spielt in meine Liebe zu den San Sebastián-Retro­spek­tiven aber auch die ganz subjek­tive Tatsache hinein, dass ich schon länger hier­her­komme, und den Ort wie das Festival einfach lieber mag als Locarno.

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Als ich zum ersten Mal herkam, gab es pro Jahr nicht weniger als drei Retro­spek­tiven. Eine zu einem histo­ri­schen Autor, eine thema­ti­sche und eine zu einem lebenden Filme­ma­cher. Das war zum Beispiel 2002 Volker Schlön­dorff, dann 2003 Michael Winter­bottom, dann mal Philippe Garrel und irgend­wann Barbet Schroeder. Es ist schon eine Weile her, dass man diese Sektion erstmal wegließ und dann nach ein paar Hin-und-Hers im Jahr 2013 endgültig gestri­chen hat – zugunsten von Unsinn, wie »Kuli­na­ri­schem Kino« und dem seichten Enter­tain­ment und Well­ness­filmen, das in Sektionen wie »Velodrome« oder gele­gent­lich auch »Zabaltegi« gezeigt wird.

Aber auch wenn an diesen viel auszu­setzen ist, muss man zugeben: Drei Retro­spek­tiven sind super, aber viel­leicht doch über­trieben. Man kann sie sowieso nicht alle sehen. Zwei aber, eine personale und eine thema­ti­sche, eine histo­risch und eine zeit­genös­sisch, sollten es schon sein – da hat San Sebastián über lange Jahre vorge­macht, wofür ein Festival eben auch da ist: Zur Bildung des Publikums, dazu die Aufgaben zu über­nehmen, die Cine­ma­the­quen und Programm­kinos aus den verschie­densten Gründen heute immer weniger leisten. Um so schwerer wiegt, dass seit zwei Jahren nur noch die histo­ri­sche Retro­spek­tive übrig geblieben ist. Finan­zi­elle Gründe mögen eine Ursache sein, aber bestimmt spielt auch der seit einiger Zeit erkenn­bare Popu­lismus des Festivals und die allge­meine Verfla­chung des San Sebastián-Programms eine Rolle. Hoffen wir mal gegen alle Erfahrung, dass sich das wieder ändert.

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Gewisse Hoffnung darauf gab auch die dies­jäh­rige Retro­spek­tive zu Muriel Box (1905-1991). Von der Britin hatte ich bisher noch nie etwas gehört. Die Schau der letzten neun Tage zeigte aber nicht zuletzt auch, dass manche Vorgänge und Probleme, die man für neu hält, tatsäch­lich schon ziemlich alt sind.
In den San Sebastián-Retros konnte man in den letzten Jahren das britische Kino weit besser studieren, als etwa das spanische oder fran­zö­si­sche. Dies war jetzt schon die fünfte Personen-Retro­spek­tive zu briti­schen Filme­ma­chern, seit ich hierher komme: Powell/Press­burger, Winter­bottom, Terence Davies, Losey im Vorjahr, und nun eben Box.

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Einen großen Teil der Retro­spek­tive habe ich gemeinsam mit Rudolf Worschech aus Frankfurt gesehen, dem es offenbar ähnlich geht wie mir, dass er im Zwei­fels­fall lieber den alten Filmen den Vorzug gibt. Während man sich in den meisten Fällen halt auf das Werk eines anerkannt großen Filme­ma­chers einlässt, lag der Reiz bei Muriel Box darin, dass sie voll­kommen unbekannt ist. »Groß« oder »bedeutend« würde ich ihr Werk nach dieser Woche jetzt nicht nennen, weil ich nicht glaube, dass das Werk einer Regis­seurin schon nur deshalb bedeutend war, weil sie eine der wenigen Frauen war, die zu der Zeit Film-Regie führten, aber es ist inter­es­sant, und das genügt auch.
Wichtiger als solche gene­rellen Aussagen sind bei einer Retro­spek­tive sowieso einzelne Beob­ach­tungen und Dinge, die einem nur auffallen, wenn man ein Gesamt­werk sieht, oder vieles davon auf einmal.

Muriel Box schrieb für fast 30 Filme das Drehbuch, bei 16 führte sie Regie, bei acht davon verfilmte sie ein eigenes Script – die Dreh­bücher schrieb sie aller­dings immer gemeinsam mit ihrem Mann Sidney Box, der auch der Produzent ihrer Filme war, und mit dem sie seit 1935 verhei­ratet war. Rudolf hatte Zeit, in den Katalog hinein­zu­lesen, ihm verdanke ich den Hinweis darauf, dass das Paar 1965 in eine Ehekrise geriet, die schließ­lich 1969 in die Scheidung mündete. Das war dann auch das Ende von beider Film­kar­riere.

Das Verhältnis zwischen beiden ist mir unklar. Man wird Sidney Box zugute halten dürfen, dass er, vergli­chen mit den Maßstäben der Epoche und anderen Ehemän­nern, mit seiner Frau eine außer­or­dent­lich gleich­be­rech­tigte Ehe und beruf­liche Part­ner­schaft führte, ja: Dass er ihr als Produzent die Möglich­keit gab, Regie zu führen, wozu er selbst offenbar keinen Ehrgeiz hatte. Da beide gleich­be­rech­tigt als Autoren der Dreh­bücher zeich­neten, sind die genauen Formen ihrer Zusam­men­ar­beit bzw. die jewei­ligen Anteile unklar. Viel­leicht weiß ich in ein paar Tagen nach Lektüre des Katalogs mehr.

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Die Retro­spek­tive umfasste 28 Filme, ich habe davon genau 20 Filme gesehen. Was ich gesehen oder nicht gesehen habe, hatte nur mit der Termin­lage zu tun, nicht mit den Titeln. Es ergab sich aber, dass ich von den sechs Filmen, bei denen Box fremde Dreh­bücher verfilmte, nur drei sah, während ich zehn von 14 Filmen sah, bei denen ein Regisseur ein Drehbuch von Box verfilmt hat. Der Film, bei dem mir das Verpassen am meisten leid tut, ist Easy Money von 1948, der einen sehr guten Ruf hat. Ihren – zumindest äußerlich betrachtet – größten Erfolg hatte Box sehr früh, bereits 1945 mit The Seventh Veil. Das war ihr zweites Drehbuch, und das Ehepaar Box bekam für den Film den Oscar für »Best Original Screen­play« 1946. Die Regie hatte Compton Bennett über­nommen – tatsäch­lich ist dies derjenige Film der Retro­spek­tive, der mir insgesamt am aller­besten gefallen hat. Ich werde darüber diese Woche noch ausführ­li­cher schreiben – eine furiose Künst­ler­bio­gra­phie, die Elemente der Gothic Story und des Film Noir mit den in dieser Zeit sehr modischen Motiven der Psycho­ana­lyse mischte. Man kann den Film, wenn auch in schlechter Qualität, auf YouTube angucken.

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Die zusam­men­fas­send inter­es­san­teste Frage zu Muriel Box ist die: Wie verhalten sich ihre Fähig­keiten als Dreh­buch­au­torin zu denen als Regis­seurin? Ist sie eigent­lich die bessere Filme­ma­cherin, oder die bessere Autorin?
Mir fiel auf, dass die stärkeren Filme die waren, bei denen sie nur eines von beidem gemacht hat – während gerade ihre Verfil­mungen eigener Dreh­bücher mitunter auch deutliche Schwächen aufweisen. Aller­dings waren es auch wieder zwei der besten Filme – Street Corner und The Passio­nate Stranger – bei denen sie das Drehbuch schrieb und zugleich Regie führte.

Die genannten Schwächen mögen aber auch daran liegen, was man ihr überhaupt zu machen erlaubt hat. Zum Beispiel wirkt ihre aller­erste Regie­ar­beit, The Happy Family von 1952, wie ein seichter Fern­seh­stoff. Es handelt sich um eine Komödie über eine Klein­bürger-Familie, deren Haus und Laden­ge­schäft der Londoner Verkehrs­pla­nung zum Opfer fallen soll, und die sich dagegen mit zivilem Unge­horsam, Humor und Fami­li­en­sinn zur Wehr setzt.

Wie dieser Film machen viele Box-Werke den Eindruck eines verfilmten Thea­ter­stoffes. »Stage­bound« sagt man auf Englisch.
So glaube ich, dass sie am Ende nicht wirklich eine eigene Hand­schrift als Regis­seurin hatte. Muriel Box kommt vom Drehbuch her, vom Text, nicht vom Raum, nicht vom Bild, nicht von der Bewegung. Ihre Geschichten haben immer wieder Hand­lungen, die in einem Zimmer, einer Wohnung, oder sehr eng begrenzten Räumen spielen, oder in geschlos­senen, kaum verän­der­li­chen Räumen, wie auf einer Insel, oder in einem Gerichtshof. Wenn man die beliebte Frage nach dem »weib­li­chen Blick« ernst nimmt, dann müsste man sagen: Der weibliche Blick ist viel­leicht auch einer, der besonders sensibel für Grenzen ist, für Schranken, für Enge. Genauso möglich ist es aber auch, dass es sich dabei nicht um eine besondere Sensi­bi­lität handelt, sondern eben darum: Dass Frauen in früheren Epochen in ihrem Horizont begrenzter waren. Ihr Blick ähnelt dem der Sklaven, er ist beschä­digt durch jahr­hun­der­te­lange Unter­drü­ckung – und wie könnte er sich von dieser auch ganz frei halten?

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Ein paar Merkmale, die einem in den Filmen von Muriel Box immer wieder begegnen: Die Idee eines uner­reich­baren Para­dieses. Das Sujet »Ehe und Part­ner­schaft«, durchaus von einem kühlen, »objek­tiven« und mit Frauen sympa­thi­sie­renden Stand­punkt aus betrachtet, gemeinsam mit dem Willen, Frauen ins Zentrum zu stellen, sichtbar zu machen, die weibliche Erfahrung ins Zentrum ihrer Filme zu rücken. Box erwähnte öfters die Bedeutung der Lektüre von Virginia Woolf für ihre Arbeit. Als sie aufhörte, Filme zu machen, gründete sie mit 60 Jahren den ersten femi­nis­ti­schen Verlag Groß­bri­tan­niens: »Femina Box«.

Immer wieder spricht sie Themen an, die zu ihrer Zeit soziale Tabu­themen waren: Bigamie, Prosti­tu­tion, Geschlechts­krank­heit, Abtrei­bung, Teenager-Krimi­na­lität, Teenager-Sex, das Verhältnis der Briten zu Irland. Viele ihrer Filme wurden zensiert oder erhielten von lokalen Behörden Vorfüh­rungs­verbot.
Box ergriff konstant und immer wieder Partei für die kleinen Leute und ihre Schwächen. Und für die Frauen. Nicht unbedingt dagegen für die Jungen, oder die Kinder. Hier hat sie eine erstaun­lich konser­va­tive Position, pater­na­lis­tisch, von oben herab, ohne Vers­tändnis und viel Toleranz. Wir begegnen öfters einem »angry young man«, aber das lag wohl in der Zeit.
Ein Thema, das öfters vorkommt, ist die Macht der Kunst. Die Gesell­schaft – aber in welchem briti­schen Film dieser Zeit ist das kein Thema?
Box hatte Humor. Ihr Humor ist aber ein ironi­scher, ein Humor des Rela­ti­vie­rens, nicht des Verspot­tens oder Verdam­mens. Auffal­lend gern macht sie sich über Abkür­zungen lustig.
Als Regis­seurin stellte sie das Film-System infrage. So weigerte sich beispiels­weise die Schau­spie­lerin Jean Simmons, von einer Frau insze­niert zu werden.

(to be continued)