27.09.2018
66. Festival de Cine de San Sebastián 2018

Leben und Sterben in Manila

Alpha - The right to kill
Abgründiges Gesellschaftsporträt: Alpha – The Right to Kill
(Foto: Memento International)

Vorrevolutionäre Zustände, Elitenversagen, kein Manila Vice – Notizen aus San Sebastián, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

Am Tag nach dem Eröff­nungs­film El Amor Menos Pensado bot der Franzose Louis Garrel mit Un homme fidèle eine weitere Trennungs- und Wieder­ver­hei­ra­tungs­kö­modie, die diesmal unter Thir­ty­so­me­things spielt – mit einem Touch von Ernst Lubitschs Upper-Class-Komödien zeigt Garrel in aller Heiter­keit, dass für jede Beziehung nicht Untreue die größte Gefahr ist, sondern die Lange­weile.

+ + +

Vor zehn Jahren war der Philipino Brillante Mendoza das nächste große Ding. Heute inter­es­siert sich die inter­na­tio­nale Filmszene viel weniger für Asien als damals, und wenn, dann vor allem für Apichat­pong Weer­a­set­hakul, Wang Bing, Lav Diaz und andere allzu einseitig kunst­las­tige Filme, allzu expe­ri­men­telle Werke, die beim breiten Publikum chan­cenlos bleiben – und meistens nicht zu Unrecht.

Mendoza aber hätte das Zeug gehabt, nein: er hat immer noch das Zeug, den asia­ti­schen Film nach Europa zu bringen, Autoren- und Genrekino zu versöhnen. Alpha – The Right to Kill ist ein straighter Poli­zei­film, der mit einer virtuos insze­nierten Poli­zei­razzia bei der Drogen­mafia beginnt. Mit einer Wucht und einer Konzen­tra­tion wie die Männer- und Gewalt­bal­lette eines Michael Mann, nur nicht so stili­siert, hat er nun einen Film mit Spannung und poli­ti­schem Tiefgang gedreht.
Mendoza, auch wenn er nicht mehr der aufge­hende Stern am Himmel des asia­ti­schen Kinos ist, sondern ein Regisseur, von dem man unter anderem Filme erwartet, die mit jener gewissen, sehr spezi­ellen produk­tiven Schlam­perei gedreht sind, die seine Werke immer inter­es­santer machen als die der meisten anderen, aber auch uneben und nie perfekt, dieser Mendoza steht aber mehr als in der Tradition von Manns 80’s-Camp in der der Neorea­listen. Dies ist kein »Manila Vice«, sondern ein Film, der den Alltag der kleinen Leute zeigt, und daran, was Drogen­handel in diesem Land auch bedeutet: Die Möglich­keit, die Familie zu ernähren und überhaupt zu überleben.

Kurz vor Weih­nachten spielt alles während einer Parade der Polizei, und wir lernen Moses und Elijah kennen. Um diese alttes­ta­men­ta­ri­schen Metaphern zu entschlüs­seln, bin ich gerade nicht bibelfest genug. Aber Moses der Gesetz­geber ist hier ein Geset­zes­hüter der beson­deren Art: Einsatz­leiter bei einer Einsatz­be­spre­chung der Polizei, die so autoritär abläuft, wie man sich das – wohl zu Recht – vorstellt. Elijah ist ein einge­schleuster Informant, zugleich ist früh klar, dass er und Moses noch eine andere Agenda haben.

Großartig ist die Darstel­lung der Razzia selbst: minu­ten­lang visuell, Tele­fon­si­gnale, eine Über­wa­chungs­ka­mera, Elijah geht rein, um markiertes Geld zu übergeben, die Dialoge gehen über Blicke und gegen­sei­tige Beob­ach­tung vonstatten. Dann Flucht über Dächer, alles mitten in den Slums, die Slums bieten Schutz, es wird die Schwie­rig­keit der Polizei gezeigt und was Drogen­krieg praktisch wirklich heißt. Dann ist der Drogen­boss tot, ein Rucksack zur Seite geschafft. Der letzte Blick zeigt Moses und den König eines Schach­spiels.

Großartig ist, wie Mendoza ein komplexes Netz aus Bezie­hungen entfaltet – Moses und seine Familie, Elijah und seine Familie, Drogen­trans­port mit Brief­tauben, das Poli­zei­re­vier, die Kommu­ni­ka­tion zwischen beiden Haupt­fi­guren – wie er die Musik einsetzt, wie genau und gut er erzählt. Vor allem aber erzählt sein Film, wie die Polizei auf allen Ebenen eng mit der Drogen­mafia verbunden ist. So verwan­delt sich der Krimi­nal­film mit leichter Hand in ein abgrün­diges Gesell­schafts­por­trät und eine scharfe Kritik des mörde­ri­schen phil­ip­pi­ni­schen Anti-Drogen­krieges. Und ein Werk über verschie­dene Formen des Tötens auf den Phil­ip­pinen.

+ + +

Perücken sitzen schief, Kutschen wackeln. Im Victoria Eugenia wo einst die cheesy Operetten liefen, da passt dieser Film hin: Rostrot und Grün, das passt gut zu den roten Kleidern der Haupt­figur Laura, zum Kardi­nals­purpur, zu roten Haaren und weißer Haut. Schöne Bilder sind es zumindest – und nicht zu teuer, weil es kein Geld gibt, mit einer realis­ti­schen Textur, eben von Paulo Branco produ­ziert.
Die Portu­giesin Valeria Sarmiento erzählt mit The Black Book eine furiose Geschichte, die einem frühro­man­ti­schen Aben­teu­er­roman entstammen könnte, einer Vulgär­ver­sion von M.G. Lewis' »The Monk«: Mägde, die zu Prin­zes­sinnen werden, Prin­zes­sinnen, die als Wäsche­rinnen enden, Kardinäle mit ille­gi­timen Kindern und einem gift­mor­denden Hofmohr – wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Ein zweis­tün­diges sattes Vexier­spiel aus dem Europa zwischen 1780 und 1800, das sich nicht scheut, als Neben­fi­guren Marie-Antoi­nette, Charlotte Corday und Napoleon Bonaparte auftreten zu lassen – geist­reiche Kolpor­tage irgendwo zwischen Flucht nach Varennes und dem Kurier der Kaiserin. Man redet Fran­zö­sisch, Frauen heißen Suzanne de Montfort, Blut tropft in Wein, der Marquis ist ein häss­li­cher Schönling, inter­es­sant, mit unge­pflegten, prole­ta­ri­schen Händen. Dazu prä-revo­lu­ti­onäre Gespräche. Und was steht in dem schwarzen Buch des Titels? »A bit of mystery is sometimes a good thing«, sagt der Kardinal. Hohn­gelächter im Kino.
In den 50er Jahren, als das Wünschen noch geholfen hat, hätte Gérard Philipe in solch einem Film die Haupt­rolle gespielt. Die Fecht­szenen wären besser gewesen, der Rest nicht, aber wir hätten es geliebt. Tempi Passati.

+ + +

Mein Lieb­lings­mo­ment: Wenn Napoleon einem erfolg­losen Atten­täter sagt: »Sortez! Imbécile!«

+ + +

Vorre­vo­lu­ti­onäre Situa­tionen mit Ausnah­me­zu­ständen, Eliten­ver­sagen und Poli­zei­willkür bilden den Hinter­grund mehrerer Filme. Der bisher beste von ihnen ist Rojo vom Argen­ti­nier Benjamin Naishtat. Ange­sie­delt im Jahr 1975, als der kommende Mili­tär­putsch bereits seine Schatten voraus­wirft, handelt es sich um das Porträt einer Familie, besonders des Vaters, eines schein­hei­ligen Anwalts. In absurder Komik wird von Lebens­lügen und mora­li­schen Konflikten erzählt. Der Titel, der »Rot« bedeutet, meint sowohl die Hautfarbe der Urein­wohner, die poli­ti­sche Gesinnung mancher Figuren wie den Still­stand, in dem sich ein Land befindet, das spürt, dass die Zukunft nur schlechter sein kann als die Gegenwart.

+ + +

Mit Ameri­ka­nern im Kino. Vor dem Film hatte ich sie noch rein­ge­lassen und in der Reihe höflich Platz gemacht. Dann aber: Aufstehen vor den Credits. Weil ich nur die Beine zur Seite bewege, aber nicht selber aufstehe, bekomme ich die herrische Geste eines geborenen Chefs zu sehen, der die Finger der auf den Rücken gedrehten Hand nach oben zucken lässt: »Oh please stand up« – was keines­wegs als Bitte gemeint war.
Ich darauf: »The credits are part of the film.« Er: »Oh come on!« Ich: »Don’t be so typical American.« Ich hätte sagen sollen. »Sortez! Imbécile!«

(to be continued)