18.02.2017

67. Berlinale 2017

Kritikerpreis an libanesischen Film

A FEELING GREATER THAN LOVE
A Feeling Greater Than Love

A feeling greater than love  gewinnt den Preis der Fipresci-Jury im Forum – und weitere erste Auszeich­nungen der unab­hän­gigen Jurys – Berlinale-Tagebuch, Folge 11

Von Rüdiger Suchsland

»»Dies ist ein Film, der genaue Beob­ach­tung und Sensi­bi­lität, multiple Perspek­tiven, sehr verschie­denes Bild­ma­te­rial, mehrere persön­liche Geschichten und Schick­sale zu einer kollek­tiven Geschichte eines Landes und einer Gene­ra­tion verbindet.
Voller Melan­cholie, ist er doch voller Hoffnung und der Sehnsucht nach einer besseren Zukunft.
Doku­men­ta­ri­sches Kinos im besten Sinn ist dies aufregend, spannend, ermu­ti­gend. Mary Jirmanus Saba gelingt ein sehr tapferer und reifer Film, der seinem Publikum viel über die unbe­kannte Geschichte des Nahen Ostens erzählt.
Eine Suche ohne eine bestimmte Antwort, aber mit vielen Hinweisen und produk­tiven Fragen – ein Film, der nach Ende der Vorfüh­rung noch lange weiter­lebt. Das Gefühl das darin mitlebt, ist in de Tat »größer als Liebe«. Es ist ein Gefühl für Andere, für die Gesell­schaft, für die Mensch­heit. Wir nennen es Politik.«

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Soweit die Begrün­dung der inter­na­tio­nalen Kriti­ker­jury für den Preis der inter­na­tio­nalen Film­kritik (FIPRESCI) im Inter­na­tio­nalen Forum an A Feeling Greater Than Love  (Shu'our akbar min el hob) von Mary Jirmanus Saba. Ich gehörte der Jury in diesem Jahr selber an, kann aber mit Recht sagen, es war mein Wunsch­ge­winner, und es war unter den Kollegen so gut wie keine Über­zeu­gungs­ar­beit nötig.
Die einzige echte Entschei­dung war die für einen Doku­men­tar­film, gegen einen Spielfilm.

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In der Sektion »Wett­be­werb« ging der Preis an On Body and Soul (Testről és lélekről) von Ildikó Enyedi: »...eine eigen­wil­lige Liebes­ge­schichte, lyrisch und voller Humor, die sich allen gesell­schaft­li­chen Konven­tionen wider­setzt. Der Film beein­druckt uns mit seiner stilis­ti­schen Fein­sin­nig­keit und Eloquenz, er zieht uns hinein in seine Freude am Leben und Lieben.«
In der Sektion »Panorama« ging der Preis an Pendular von Julia Murat: Pendula  erhält den FIPRESCI-Preis in der Sektion Panorama für seine heraus­ra­gende visuelle Qualität und seine erzäh­le­ri­sche Kraft, die in einem präzisen Porträt zweier zeit­genös­si­scher Künstler resul­tiert. Der Ausdruck der modernen und uner­schro­ckenen Choreo­grafie mensch­li­cher Bezie­hungen in der Geschichte verbindet sich voll­kommen mit der ästhe­ti­schen und drama­tur­gi­schen Origi­na­lität des Films.«

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»Seit 1992 sind die inter­na­tio­nalen Filmor­ga­ni­sa­tionen der evan­ge­li­schen und der katho­li­schen Kirchen – Interfilm und Signis – durch eine aus sechs Mitglie­dern bestehende gemein­same ökume­ni­sche Jury vertreten. Die Jury vergibt ihren Haupt­preis für einen Film aus dem Wett­be­werb, sowie je einen mit 2.500 Euro dotierten Preis für einen Film aus der Sektion Panorama und aus dem Programm des Forums.
Die Jury ehrt mit den Preisen Film­schaf­fende, die in ihren Filmen ein mensch­li­ches Verhalten oder Zeugnis zum Ausdruck bringen, das mit dem Evan­ge­lium in Einklang steht, oder die es in ihren Filmen schaffen, das Publikum für spiri­tu­elle, mensch­liche und soziale Werte zu sensi­bi­li­sieren.«
Die Preis­träger 2017: Testről és lélekről von Ildikó Enyedi, Lobende Erwähnung: Una mujer fantá­stica von Sebastián Lelio; im Panorama Tahqiq fel djenna von Merzak Allouache, Lobende Erwähnung: I Am Not Your Negro von Raoul Peck; im Forum 2017: Maman Colonelle von Dieudo Hamadi, Lobende Erwähnung: El mar la ma von Joshua Bonnetta und J.P. Sniadecki

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Die beiden Kompagnon-Förder­preise Berlinale Talents und Perspek­tive Deutsches Kino für je ein neues Projekt gingen an Nora Fing­s­cheidt, sowie an Levin Peter und Elsa Kremser. Die Preise sind mit 5.000 Euro dotiert.
Die Berlinale-Pres­se­mit­tei­lung erklärt weiter: »Die Initia­tive zielt dabei auf mehr als »nur« das konkrete Film­pro­jekt. Neben einer Stärkung der künst­le­ri­schen Hand­schrift unter­s­tützt das Mento­ren­pro­gramm die Preis­träger*innen bei der Vernet­zung mit der Branche und bietet berufs­be­glei­tende Coachings.«
Klingt ganz schön unkünst­le­risch und indus­trie­nahe, als ob die armen Kinder jetzt auch mal lernen müssten, wie es in der richtigen Welt zugeht. Aber wir gratu­lieren trotzdem, denn die Filme­ma­cher sind tatsäch­lich viel­ver­spre­chend – und die Jury, bestehend aus den Filme­ma­chern Feo Aladag, Sigrid Hoerner und Johannes Naber, wird es schon wissen.

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