08.09.2016
73. Filmfestspiele von Venedig 2016

Das Lob der guten Lüge

Home von Fien Troch
Home von Fien Troch überzeugte in der Reihe »Orizzonti«
(Foto: Walk This Way)

Zwei herausragende Film: von der Belgierin Fien Troch und dem Franzosen François Ozon, und Paolo Sorrentino Serienpilotfilm – Notizen aus Venedig, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

Wie schlecht das deutsche Kino ist, auch in seinen besten Filmen, das merkt man immer im Ausland auf Festivals in der Konfron­ta­tion mit Filmen anderer Länder. Etwa Home der belgi­schen Regis­seurin Fien Troch in der Venedig-Sektion »Orrizonti«.
Ein Film, der konse­quent Partei für seine Haupt­fi­guren ergreift, eine Handvoll Jugend­li­cher, die sehr viel Unsinn und einiges Schlim­mere tun. Das ist das Gute. Der Film hält sich nicht mit Mora­li­sieren und Schuld­zu­wei­sung auf. Das Schöne an diesem Film ist, dass er zeitgemäß ist. Nicht zu abstrakt, nicht aus der Welt gefallen. Nicht auf alle und jede Verhält­nisse über­tragbar.
Wer könnte so etwas in Deutsch­land machen?

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Es geht schon los mit einer sehr guten Szene: Ein Lehrer oder sogar der Schul­di­rektor, gibt einer Schülerin einen Verweis. Sie heißt Lina, später wird sie noch eine Rolle spielen. Vermut­lich hat sie etwas sehr Blödes gemacht, viel­leicht ist der Verweis berech­tigt, aber darum geht es hier gar nicht. Sondern der Lehrer lässt Lina überhaupt nicht zu Wort kommen, und ihre Sicht der Dinge beschreiben. Wir sehen dafür nur in ihr Gesicht. Er will auch nicht hören, was sie sich selbst gedacht hat. Er ist, wie die Gesell­schaft: Er will nur, dass sie funk­tio­niert, gehorcht, seiner Sicht der Dinge wider­spruchslos folgt. Er ist im Grunde unfähig zur Kommu­ni­ka­tion, und er ist in seiner ganzen Attitude viel zu streng. Zugleich ist er wie alle, wie man sie eben kennt: Ob Behörden oder Gerichte, manche Redak­teure, für die man arbeitet, oder viele Pres­se­ab­tei­lungen auf Film­fes­ti­vals: Die Sache inter­es­siert nicht, sondern die Macht. Wer sich durch­setzt. Und dass es schnell geht: Menschen, Schüler in diesem Fall, halten das System bei seinem Funk­tio­nieren auf.

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Erst traut man seinem Urteil nicht, fragt sich selbst: Musst Du schon wieder anderer Meinung sein und anti­au­to­ritär daher­reden? Ist das nur Oppo­si­ti­ons­geist? Dann aber ist es klar: Dieser Lehrer ist wirklich einfach zu streng, diese Schule, dieser ganze Typ Schulen, wie er ganz alt ist und neuer­dings wieder in Mode, ist unfähig zu Kommu­ni­ka­tion. Schon deswegen wird er sein Erzie­hungs­ziel nicht erreichen – weil er nicht verstanden wird.
So ist es hier Schülern verboten, im Flur zu stehen. Man muss sich bewegen, auf dem Weg zu irgendwas oder von irgendwas sein. Als ein Schüler am Anfang dem Haus­meister sagt: »Nur zwei Sekunden«, weil er eine SMS schicken will, wird er ange­schrien. Zwei Sekunden Stehen sind nicht erlaubt. Warum? Egal, es ist Vorschrift. So wird man keine freien Menschen erziehen – aber seien wir ehrlich: Das will man ja auch gar nicht. Sondern man will Funk­ti­ons­träger im sozialen System produ­zieren, Rädchen im Getriebe.

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Dass Systeme in erster Linie ihren Selbst­er­halt und ihre Selbst­genüg­sam­keit sichern, auch auf Kosten derje­nigen, für die sie überhaupt konstru­iert wurden, ist nichts Neues. Was wir aber zur Zeit in unseren Gesell­schaften erfahren, ist, dass dieje­nigen, die da unter­ge­but­tert werden, sich zur Wehr setzen, auch mit destruk­tiven Mitteln. Die Mach­ter­grei­fung der Systeme korre­spon­diert mit der Selbst­er­mäch­ti­gung der vom System Ausge­schlos­senen.
Früher hieß das mal: »Macht kaputt, was Euch kaputt macht.« Es mag sich dabei um Notwehr handeln, doch es ändert nichts daran, dass sie ähnlich destruktiv ist. Die Antwort auf falsche Erziehung lautet nicht: »We don’t need no education.«

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Aber wer ist eigent­lich schuld, wenn Schulen wie Straf­an­stalten funk­tio­nieren, mit Über­wa­chen und Strafen, und mit Lehrern, die unfähig zu Kommu­ni­ka­tion sind? Wer ist eigent­lich schuld, wenn zuhause von den Eltern Gleich­gül­tig­keit oder unge­bremstes Laissez-faire herrscht. Wenn die puber­tie­renden Jungs kleine Paschas sind, und die Mütter frei­willig zum Dienst­per­sonal ihrer Kinder werden?

Home, der heraus­ra­gende Film von der Belgierin Fien Troch – und es ist bemer­kens­wert hier, dass es sich um eine Frau handelt, denn übermäßig mütter­freund­lich ist der Film nicht, bei einem männ­li­chen Regisseur würde man das kommen­tieren – zeigt Kinder, die Mist bauen und Erwach­sene, die über­for­dert sind, und die noch größeren Mist bauen. Die Mütter, wie gesagt, sind generell zu soft in absurder Weise und gele­gent­lich zu streng, gleich­falls absurd. Die Väter sind einfach nur abwesend. Diese Eltern verwöhnen die Kinder viel zu sehr, das soll alles andere ersetzen. Diese Eltern machen immer sauber, räumen immer auf. Äußere Ordnung ersetzt innere, ersetzt Erziehung.

Es geht um eine Gruppe von Jugend­li­chen. Kevin, Sohn kommt aus dem Knast, soll bei Tante Sonja, der Schwester der Mutter unter­ge­bracht werden. »He really is a good boy«, sagt sie. Ganz so kann man das aber nicht sagen: Kevin hat, wie wir öfters erleben werden, ein »anger-manage­ment-problem«.
Kevin hat einen Passanten zusam­men­ge­schlagen und immer wieder auf den am Boden Liegenden getreten. Das faszi­niert Lina als sie es im Netz sieht. Lina ist die Freundin von Sammy, Sonjas Sohn, der Ober­pascha unter den Kids, selbst­ge­fällig und bequem. Als wir ihn und Lina zum ersten Mal zusammen sehen, holt sie ihm einen runter.
Ein anderer Freund leidet unter seiner Mutter und ihrem fana­ti­schen Rein­lich­keits­wahn. Sie miss­braucht ihren Sohn in viel­fa­cher Weise: »Das ist meine Zone, das ist deine Zone«, in der Wohnung. Aber auch sexuell. Was diesem natürlich keiner glaubt. »They say I am old enough to deal with it.«
»I want to kill someone to feel alive«, postet Sammy später auf Facebook. Keine Sorge, er wird das nicht tun.

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Smart­phones überall, Smart­phone-Bilder, soziale Netzwerke, ihre gigan­ti­sche Bedeutung. Die zweite Welt neben der scheinbar realen, die wir für »unsere« halten. Die Regis­seurin portrai­tiert die Lebens­welten der Jugend­li­chen, so wie sie sich selbst erscheinen: Darin erinnert Home an Kids und Ken Park, an The Virgin Suicides und »Palo Alto«, als Elephant und Paranoid Park. Auch im musi­ka­li­schen Stil und der Bedeutung der im Übrigen groß­ar­tigen Musik. Und in Szenen, in denen der Film ganz atmo­sphärisch wird, die Kids einfach nur zeigt.
Worum gehts in Home? Darum. Um das Lebens­ge­fühl. Um die Lange­weile in der Repres­sion. Um kleine Fluchten: Musik, Gewalt, Sex.
Was passiert? Dafür muss man sich Home schon selbst ansehen.

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Etwas völlig anderes ist Frantz des Franzosen François Ozon: Deutsch­land kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Ein Mann kommt auf den Friedhof, wo auch viele der Soldaten liegen, die in den Massen­schlachten der Jahre zuvor getötet wurden. Der Mann besucht ein bestimmtes Grab, und die Witwe des Toten spricht den ihr Unbe­kannten an, und lädt ihn zum Abend­essen ein, in jenes Haus, in dem sie bei den Eltern ihres gefal­lenen Verlobten lebt. Frantz, der Titel bezeichnet jenen Toten, um den hier alles kreist: Das Reden, das Denken, das Fühlen, und wie sich heraus­stellt, sogar das Handeln der Lebenden.

Der Unbe­kannte entpuppt sich als Franzose, er erzählt, dass er Frantz vor dem Krieg bei seinem Paris­auf­ent­halt kennen­lernte, und berichtet von einem gemein­samen Besuch im Louvre: »Wir standen lange vor Manets Gemälden. Ich erinnere mich: Er mochte eines besonders. Das Bild eines jungen blassen Mannes, mit dem Kopf nach hinten.«

So erzählt dieser Film zunächst einmal davon, dass es enge fran­zö­sisch-deutsche Bezie­hungen lange vor Adenauer und De Gaulle, lange vor dem Ersten Weltkrieg gab, jenseits der bekannten Propa­ganda von der Erbfeind­schaft. Da war nicht nur Heinrich Heine und später Heinrich Mann. Frantz erzählt aber auch vom über­ra­schend bösen Fran­zo­sen­hass in breiten Kreisen Deutsch­lands in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts. Hier, in diesem Film, geht es aller­dings um das Verbin­dende, um Annähe­rungen.

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Ausge­rechnet in unseren Zeiten, in denen die fran­zö­sisch-deutsche Freund­schaft und das Europa, das aus ihr erwuchs, manch' harter Probe ausge­setzt ist – und die härtesten dieser Proben dürften uns erst noch bevor­stehen – ausge­rechnet jetzt hat François Ozon, einer der wich­tigsten fran­zö­si­schen Filme­ma­cher, einen Film in Deutsch­land gedreht, der auch ein Film über Deutsch­land ist.
Zugleich ist dies auch eine univer­sale Parabel, ein Film über die Trauer und unseren Umgang damit, ein Emoti­ons­thriller, der auf ein paar Anleihen an Hitch­cocks Suspen­se­kino nicht verzichtet und der zugleich ein loses Remake eines frühen Films des großen Ernst Lubitsch ist: Broken Lullaby.

Vor allem aber ist Frantz eine Geschichte der Täuschungen. Denn was man früh ahnt, wird irgend­wann Gewiss­heit: Er hat nicht in allem die Wahrheit erzählt. Aber er ist damit nicht der Einzige. Und so ist Frantz – nicht zum ersten Mal bei Ozon – ein Lob der Lüge, der guten, gütigen Lüge, der Lüge, die tröstet, ein Lob der Lüge, die weiter­leben lässt.
Und ein Glanz­licht im Wett­be­werb um den Goldenen Löwen – mit einem heraus­ra­genden Auftritt der deutschen Darstel­lerin Paula Beer.

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»Ciao Rome, ciao world – what have we forgotten? We must be in harmony with god. We have forgotten to mastur­bate. We have forgotten to be happy. We have forgotten yooouuuuuuu!« Ein junger Papst, der redet wie ein Sekten­führer. Ein Fanta­tiker. Ein Populist. Ein Diktator.
Dieser gefähr­liche Mann ist die Haupt­figur im neuen Film von Paolo Sorren­tino: The Young Pope ist tatsäch­lich der eigen­s­tändig funk­tio­nie­rende Pilotfilm zu einer HBO-Fern­seh­serie. Sorren­tino hat viele Stars gewonnen: Jude Law als Papst, Diane Keaton, Ludovine »Stimmt die gibts ja auch noch«-Sagnier und viele andere in Sorren­tinos bestem Film seit Jahren. Einer scharfen, provo­ka­tiven Betrach­tung der Kirche und des Verhält­nisses von Macht und Recht.

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Wie von Sorren­tino gewohnt, ist dieser Film Zynismus in Rein­kultur, und weil Sorren­tino so geschmacklos ist, wie narziss­tisch, wird er dem Gegen­stand Katho­li­sche Kirche nicht gerecht. Er nimmt sie einfach nicht ernst genug, sondern gefällt sich in billigen Witzen: Kardinal mit Spritze im Hintern, ketten­rau­chender Kardinal mit Sauer­stoff­maske, Sex einer Nonne mit einem Schweizer Gardisten, Fußball spielende Nonnen, Priester mit schwarzem iPad, Priester, die beim Beten vom Rasen­spreng­au­to­maten über­rascht werden. Schen­kel­klopf­witze, als Melan­cholie getarnt, wie bei La grande bellezza.
Eigent­lich – und das ist immerhin ehrlich – hat er hier einen Film über sich selbst gemacht: »Ciao Rome, ciao world« – das ist Sorren­tino in Reinform.

(to be continued)