25.02.2016
66. Berlinale 2016

Orien­tie­rungs­lo­sig­keit ist kein Verbre­chen

Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen
Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen von Tatjana Turanskyj und Marita Neher
(Foto: Grandfilm GmbH)

Berlinale-Nachwehen – Dunjas Berlinale, Teil 5

Von Dunja Bialas

Bevor ich jetzt gleich meinen Berlinale-Abschluss­kom­mentar loswerde, muss ich unbedingt den Berlinale-Blog von Dietrich Brüg­ge­mann erwähnen, der mir gestern den Abend versüßt hat. Wie unfassbar lang­weilig ist doch bisweilen, was und wie über die Berlinale berichtet wird! Wie vorher­sehbar und eintönig! Immerhin konnte ich mich selbst damit über­ra­schen, dass ich den Eröff­nungs­film Hail, Caesar! im Kreise meiner Co-Kritiker mit der Höchst­note versah. Was aber soll ich nur von der Meinung meines Kollegen Joseph halten, der sagte, der Film sei »too enter­tai­ning«?

Sehr aufschluss­reich finde ich, was mein geschätzter Artechock-Kollege Rüdiger gestern über die Berlinale schrieb: zu viele Filme, sie würde an Fettsucht leiden. Rüdiger ist mitt­ler­weile bei Folge 18 seines Tagebuchs ange­kommen.

Der absolute Hit ist im Netz derzeit ein Video, das eine Podi­ums­dis­kus­sion bei der »Woche der Kritik« zum Thema »Zeitgeist« zeigt. Die »Woche der Kritik« ist eine Paral­lel­ver­an­stal­tung zur Berlinale, manche sagen auch »Gegen-Berlinale«, die die Unter­zeichner des »Flug­blatts für akti­vis­ti­sche Film­kritik« im Mai 2014 ausge­rufen haben, also meine damaligen Vorstands­kol­legen vom Verband der deutschen Film­kritik Jennifer Borrmann, Claus Löser, Frédéric Jaeger, Dennis Vetter und auch ich. Inzwi­schen sind Jenni und Claus nicht mehr im Vorstand, ich selbst habe nur bei der Film­aus­wahl mitge­wirkt, und Frédéric und Dennis ackern wie die Wahn­sin­nigen. Für jeden Abend haben sie ein Panel mit zwei bis vier Gästen und oft auch zwei Mode­ra­toren orga­ni­siert. Am letzten Abend kam mir das wie eine Talkshow vor, ein ketze­ri­scher Gedanke, der sich einschlich, und den ich nicht mehr los wurde. »Anne Will« und »Günther Jauch«, nur in intel­li­genter. Politisch sollte es auch immer sein, film­po­li­tisch oder diskurs­po­li­tisch. Einmal begann das Podium regel­recht zu schweben, nach dem syrischen Doku­men­tar­film Coma von Sara Fattahi und der Diskus­sion zum Thema »Macht«, einmal wurde es ausge­he­belt, durch den sich den theo­re­ti­schen Über­le­gungen wider­set­zenden Philippe Gran­drieux, der eindrucks­voll zur Vorfüh­rung seines Films Malgré la nuit Körper­dis­kurs performte. Der momentane Hit ist die letzte Diskus­sion mit Tatjana Turanskyj und Marita Neher, die Orien­tie­rungs­lo­sig­keit ist kein Verbre­chen vorstellten und über »Zeitgeist« reden sollten. Im Bild zu sehen ist auch, wie sich Podi­ums­gast Rainer Knep­perges auf seinem Hochstuhl windet. Sein unver­hoh­lener Versuch, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, schei­terte. Brüg­ge­mann schreibt in seinem Blog: »Im ›Forum‹ wird nach dem Film geredet. Lang und extensiv. ›Intensiv‹ hieße vertie­fend, ›extensiv‹ heißt verlän­gernd. Film­ge­spräche sind fast immer extensiv. Allein die Fragen dauern schon irre lang. Und dann erst die Antworten.«

Eigent­lich hat mein Kollege Rüdiger recht: die Berlinale muss verlän­gert werden, und zwar durch extensive Texte. Die Nachwehen des Festivals dauern an. Dem muss entspro­chen werden! Mein Woche-der-Kritik-Kollege Dennis Vetter schrieb heute in einer Mail: Rück­mel­dung bis zum 30. Februar. Wenn man den Monat verlän­gern könnte, dann könnte man die Berlinale-Tage wieder reinholen, keine schlechte Idee.

Der längste Tag der Berlinale war natürlich der Tag mit dem längsten Film: der Donnerstag, als Lav Diaz' acht­stün­diges Filmepos A Lullaby to the Sorrowful Mystery gezeigt wurde. Da hat sich keiner mehr einge­kriegt. Filmteams hatten sich im Kinosaal mit ihren Kameras aufgebaut, um die merk­wür­dige Spezies Cineasten zu filmen, die sich so einen langen Film ansahen, und sie gleich nach Filmende zu inter­viewen: Wie fühlen Sie sich? In den Film­be­spre­chungen war dann auffal­lend oft von der Länge des Films zu lesen, und auch, dass er in Schwarz­weiß war. Das erinnert mich an meine erste Begegnung mit Lav Diaz 2006 in Fribourg, als ich den acht­stün­digen Heremias sah. Die Fragen, die man ihm stellte, waren: »Why in black and white? And why so long?«

Für manche Film­kritik zu A Lullaby to the Sorrowful Mystery bin ich aber auch sehr dankbar, wie die von Verena Lueken in der FAZ, die recher­chiert hat und Zusam­men­hänge erklärt. Im Grunde aber ging es mir eher wie Ekkehard Knörer, der in der taz von der Komple­xität des Figu­ren­ar­se­nals spricht und der erzäh­le­ri­schen Dichte, in der man herum­tastet wie die Figuren im phil­ip­pi­ni­schen Dschungel.

Inter­es­sant ist der Werdegang von Lav Diaz. Erfolg hatte er immer schon gehabt. Fribourg war eines der ersten europäi­schen Festivals, die ihn zeigten, und zu tun hatte das damit, dass die Frau des damaligen Leiters Martial Knaebel von den Phil­ip­pinen kam. Sein Programm war damals voll mit phil­ip­pi­ni­schen Filmen, nicht so sehr mit denen der jungen Gene­ra­tion, sondern mit den populären, ganz regulär im Kino gezeigten, jenseits der phil­ip­pi­ni­schen digitalen Welle, die damals über die Festivals herein­schwappte.

Lav Diaz hatte in Fribourg das Zimmer neben meinem bezogen und bekämpfte seinen Jetlag mit einem auf Disco­laut­stärke aufge­drehten Fernseher. Kennen­ge­lernt haben wir uns, als ich gegen seine Tür wummerte. Heute freut mich sehr, dass in zwei Tagen 1500 Menschen seinen Film gesehen haben, so viele wie viel­leicht sonst weltweit in mehreren Jahren. Und der Preis ist natürlich auch sehr schön. Silberner Bär heißt übrigens auf Tagalog: Osong Pilak!