16.02.2016
66. Berlinale 2016

Buh, bäh, Berlinale

Warum nur soll Boris Sans Béatrice nichts taugen?!

Das typische Phänomen der seltsamen Abwehrreaktionen

Von Dunja Bialas

»Soll man die Berlinale verbrennen?« wird auf Facebook gefragt. Mir selbst wird am selben Ort „Über­auf­ge­regt­heit“ attes­tiert, da ich viele Filme im Berlinale-Programm sehr gut fand (siehe der Kriti­ker­spiegel bei den Kollegen von critic.de). Auch hat sich mitt­ler­weile herum­ge­spro­chen, dass ich dem neuen Film des franko-kana­di­schen Regis­seurs Denis Côté, Boris Sans Béatrice, einiges abge­winnen konnte. Angeblich wurde Côté bei der Pres­se­kon­fe­renz ausgebuht. So schlecht fand ich den Film dann aber auch nicht, sagt ein Kollege zu mir, und fasst mich (mitleidig?) am Arm.

Die Berlinale-Hysterie ist wieder da. Die große, alle Jahre wieder­keh­rende Abwehr­be­we­gung von allem, was hier aufge­fahren wird. Mein Verdacht ist ja: Das bezieht sich vor allem auf den häss­li­chen Potsdamer Platz, an dem man sich den ganzen Tag aufhält. Auf die Schlangen, in die man sich reiht wie Schlacht­vieh, während man auf den Einlass in den Kinosaal wartet. Viele sind auch der Ansicht: Kosslick muss weg. Daran kann man sich dann noch die nächsten drei Jahre aufar­beiten, denn der Vertrag des seit sechzehn Jahren regie­renden Festi­val­di­rek­tors wurde erst kürzlich bis 2019 verlän­gert. Kosslick wird dann mit 71 Jahren abdanken.

Die Abwehr­re­ak­tion richtet sich aber auch auf alles Peinliche, Provin­zi­elle, Zweit­klas­sige, das einem als erst­klassig verkauft wird. Aber, mal ganz ehrlich, ich finde das unglaub­lich niedlich. Dieses Mithal­ten­wollen, aber dies nicht ganz können, weil die A-Klasse-Stars Berlin fern­bleiben. Nicht die ganz großen Filme aufzu­fahren (Respekt: erst mal kein Ausreißer wie Monuments Men im Programm), dafür viel „Mittel­klasse“, von der Produk­ti­ons­größe gespro­chen, und viel Poli­ti­sches. Dieter Kosslick hat das „Recht auf Glück“ als Motto ausge­rufen. Problem­filme sind dabei, wie jedes Jahr, wie 24 Wochen, der einzige deutsche Beitrag im Wett­be­werb (der beim Perlen­tau­cher als „blondiert“ runter­ge­schrieben wird, mit dem gleich­zei­tigen Zuge­ständnis, sich mehr auf die Dekors als auf das Drama konzen­triert zu haben). Aber auch ein Essay ist dabei, Cartas de Guerra, das, den Worten meines persön­li­chen Film­be­ob­ach­ters folgend, „Müll“ sein soll und nichts, aber schon gar nichts, mit einem Essay zu tun habe. Als Köder für die Film­kri­tiker bezeichnet ein geschätzter Kollege die Tatsache, dass im Wett­be­werb das Acht­stunden-Epos A Lullaby to the Sorrowful Mystery des phil­ip­pi­ni­schen Regis­seurs Lav Diaz zu sehen ist (es gibt schon jetzt keine Kauf­karten mehr für die Vorstel­lung im 1000-Plätze-Berlinale-Palast). Man könnte es auch als sadis­ti­schen Akt gegenüber der Jury bewerten und zumindest die Risiko-Bereit­schaft aner­kennen, es sich auf immer und ewig mit Meryl Streep zu verderben, die der Jury dieses Jahr vorsitzt. Aber viel­leicht gibt es ja da ein Gentlemen’s-Agreement?

Manche Meinungen können nur noch hinter vorge­hal­tener Hand geäußert werden. Dass zum Beispiel der deutsche 24 Wochen trotz aller Wider­s­tände, die man von Anfang an dem Film entge­gen­brachte, ein von Julia Jentsch grandios gespieltes, packendes Gewis­sens­drama ist, das zwar wenig Dialektik auffährt, aber eine Frau in eine der funda­men­talsten Entschei­dungen schickt, die man überhaupt treffen kann: die über Leben und Tod. Anna Zohra Berrached hat eine Fallhöhe eingebaut, indem ihre Prot­ago­nistin Stand-up-Comedian ist, einer­seits die Fallhöhe zum Humor, und dann natürlich noch diese ganze ethische Frage nach der Verant­wort­lich­keit und Role-Model-Rolle einer in der Öffent­lich­keit stehenden Promi-Frau. In der Anordnung kann das ziemlich auf den Keks gehen, da so sehr durch­schaubar, in der Durch­füh­rung ist es sinn­fällig und emotional plausibel. Ein ethisches Lehrstück ist der Film sicher­lich, aber ein äußerst packendes und funda­men­tales, das große Inten­sität verbreitet.

Meine Meinung zu Denis Côtés meis­ter­li­chem Schel­men­s­tück will keiner hören. Die Urteile sind einfach da: Der Film taugt nicht! Warum dies so sein soll, konnte mir aller­dings noch niemand sagen. Die Äuße­rungen gehen alle dahin: Ist halt nicht mein Kino. Naja. Ach so. Na dann. Boris Sans Béatrice lässt einen Geist aus der Flasche, entfes­selt eine Figur, die nur schwer greifbar ist, irgendwo zischen allmäch­tigem Gott, allwis­sendem Erzähler und mora­li­scher Instanz ange­sie­delt. Ein Derwisch, gespielt von Denis Lavant, dem ich immer mehr abge­winnen kann (großartig war auch seine Perfor­mance in dem Eröff­nungs­film der parallel zur Berlinale statt­fin­denen Woche der Kritik, Pablo Agueras Eva no duerme). Mit gold­be­sticktem Jäckchen und pocken­zer­fres­senem Gesicht gemahnt er die wunderbar arsch­loch­mäßige Haupt­figur Boris, der seine depres­sive Frau Béatrice hinter­geht und sich auch sonst zu seiner Umwelt wie ein Kotz­bro­cken verhält, zur Besserung. Alles in allem eine mit verqueren mytho­lo­gi­schen Anspie­lungen versehene Illus­tra­tion von »eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt«, denn Boris ist ein überaus reicher, assi­mi­lierter Russe in Kanada, der mit stahl­blauen Augen nur um sich selbst kreist. Ein echtes Ekel. Die Insze­nie­rung von Côté ist dabei wie auf dem Reißbrett gezogen, unter­kühlt, gestylt und gestaltet, in denen die Frauen fleisch­liche Körper und äthe­ri­sche Wesen sind und willens­stark das Recht auf Leben gegen die Kälte von Boris einfor­dern. Mit Abdrif­tungen ins Irra­tio­nale, zuneh­mendem Kirre­werden seiner Haupt­figur und Kontroll­ver­lusten. Eine völlig unpsy­cho­lo­gi­sche Tour de Force, die sich in den Ober­flächen einer abge­kühlten Hoch­glanz­welt aufhält, die sich des Realismus komplett enthebt. Mit dezent fantas­ti­schen Elementen (ein steu­er­loser Hubschrauber, ausge­stopfte Tiere, ein spre­chender Wald) und mytho­lo­gi­schen Vorhöl­len­be­zügen, wie der von Tantalus, der aufgrund seiner anmaßenden Hybris an die Götter für immer dürsten und hungern muss.

Denis Côté erzählt eine unzeit­geis­tige Geschichte, ein über­drehtes Lehrstück, das er in der Insze­nie­rung derart über­spitzt und überhöht, dass man es eigent­lich zu keinem Zeitpunkt für bare Münze nehmen kann. Ein schil­lernder Film, der einen hinein­zieht und heraus­wirft, verwirrt und erstaunt, dabei deutlich und klar ist.