09.02.2015
65. Berlinale 2015

Die Zärt­lich­keit der Welt

Knight of Cups
Christian Bale und Natalie Portman in Knight of Cups
(Foto: Studiocanal GmbH)

Kino als Bewusstseinsstrom: Terrence Malicks Film Knight of Cups ist der erste filmische Meilenstein seit Jahren im Wettbewerb der Berlinale – Berlinale-Tagebuch, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Ein Mann in der Salz-Wüste, irgendwo im Heute, irgendwo in Amerika, viel­leicht dem Death Valley, jenem »Tal des Todes«, das zwischen Los Angeles und Las Vegas gelegen ist. Diese beiden Städte nahe der ameri­ka­ni­schen Westküste sind die beiden Angel­punkte dieses Films. Er ist der siebte Film von Terrence Malick, jenem seltenen Exemplar eines ameri­ka­ni­schen Autoren­fil­mers. Mit Badlands erschloss der Ameri­kaner Malick vor über 40 Jahren dem Kino völlig neues Terrain, mit Der schmale Grat bezau­berte er 1999 ein welt­weites Publikum, mit The Tree of Life gewann er vor vier Jahren die Goldene Palme in Cannes, faszi­nierte wieder, spaltete aber auch.
Malick ist ein Meister filmi­scher Poesie, zugleich auch ein Philosoph des Kinos, aber eben ein Suchender, einer der nicht immer Antworten präsen­tiert in seinen Filmen, und schon gar keine grad­li­nigen Hand­lungs­stränge; ihn inter­es­sieren Fragen.

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Und von den ersten Sekunden an wirft einen dieser Film hinein in unsi­cheres Gelände: Auf das Bild des Mannes in der Wüste folgt ein Blick aus dem Weltraum auf Erde. Kein Mensch kann so blicken, sondern nur ein Schöpfer, ein Gott mögli­cher­weise...
Dieser göttliche Erzähler, der mit der milden Stimme Ben Kingsleys zu uns spricht, berichtet von einem Vater, der seinen Sohn in ein unbe­kanntes Land schickte. Dieser Sohn sei ein Fürst, ein Ritter, ein Pilger, er sei bestimmt, auf dem Grunde des Ozeans eine Perle zu finden.
Zur Erzählung dieser Fabel, die biblische Motive mit Elementen der Kreuz­zug­ge­schichte mischt, sehen wir einen Mann im Hier und Heute. Am Strand, in Luxus­ap­par­te­ments mit schönen Frauen. Aus dem Off erklingt bald seine Stimme. Später hören wir auch andere Erzähler.
Knight of Cups so der Titel, bezeichnet eine Tarot-Karte. Darauf ein Ritter in stäh­lerner Rüstung mit einem goldenen Kelch. Dieser »Ritter des Kelches« ist ein Künstler, ein Aben­teurer, ein Roman­tiker. Diese Karte steht für Offenheit, Gele­gen­heiten, für Möglich­keits­sinn.
In den folgenden zwei Stunden deckt der Regisseur wie ein Weissager immer neue Schick­sals-Karten vor dem Zuschauer auf: In acht Kapiteln, die heißen wie Tarot-Blätter: Der Gehenkte, Der Turm, Die Hohe­pries­terin, Der Tod.

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Das alles in dem für Terrence Malick so typischen, fesselnden, einma­ligen Stil: Fast ohne Dialoge, dafür in ständigen inneren Monologen erzählt. Auch die Kamera schwebt, tänzelt, driftet, kreist, blickt nicht so wie Kameras, sondern so, wie Menschen blicken.
In diesem Fall wie ein Mann. Diese Haupt­figur, der Mann vom Anfang ist ein Hollywood-Dreh­buch­autor. Er ist reich, erfolg­reich, einer von den oberen Zehn­tau­send.
Er ist ganz offen­sicht­lich jener Ritter, der auch ein Pilger ist, im fremden Land, ein Schlaf­wandler, der immer wieder neue Träume träumt, wie es heißt, aber eben auch ein Mensch auf der Suche nach dem Sinn im Leben, und damit der Prototyp von uns allen.

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Der Ton des Films fängt einen sofort ein. Oder stößt ab. Der Film ist offen, aber kompro­misslos. Er biedert sich nicht an. Das nimmt unbedingt, also bedin­gungslos für ihn ein.

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Dies ist kein Film für alle und jeden. Kein Wunder, dass da auch manche zischen und tuscheln in den Reihen hinter mir. Die Blinden können das nicht sehen, die Tauben nicht hören, die Taub­blinden der Kritik sind auf sich zurück­ge­worfen. Klar ist diese Haltung elitär, klar ist dieser Film elitär. Aber ist er dies, so ist er doch zugleich auch sein Gegenteil.

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Malick ist wie gesagt ein Philosoph des Kinos, und wenn man sich nicht auf seine Art zu denken und zu empfinden, einlassen kann, sitzt man wie ein Taub­blinder im Kino.

Malicks Denk- und Seh-Stil ist asso­ziativ, seinem Kino als Bewusst­seins­strom genügen kurze Andeu­tungen für Hand­lungs­ele­mente, für die andere Regis­seure einen ganzen Film brauchen: der Vater­kon­flikt, der Selbst­mord des Bruders, die Uner­füllt­heit der Haupt­figur in seiner Arbeit und seiner Ehe.
Denn vor allem geht es hier um die Suche eines Menschen nach Gott, also nach der Liebe.

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Es geht um Ratio­na­lität, um Aufklärung, um Einsicht, um Licht.
Es geht um Tran­szen­denz, um Jenseits, um Mystik, um Licht.

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»Wo es einen Wirk­lich­keits­sinn gibt, muss es auch einen Möglich­keits­sinn geben.«
Robert Musil

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Es geht um Wirk­lich­keit: »No one cares about reality anymore.« Das wahre Leben ist nicht da, wo man glaubt. Wo ist es? »Get out of the cloud of dust, everyone is making up.«

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Es geht um Möglich­keit: »Ever­y­thing is possible, do anything, start over.« »The Palmtrees tell you ever­y­thing is possible«.
Das letzte Kapitel des Films heißt »Freiheit«. Das letzte Wort heißt »Begin!«

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Malick erzählt von der Vergäng­lich­keit der Welt, von der Dekadenz der Partys der Reichen und Berühmten, von der inneren Leere der modernen Hofge­sell­schaften. Und von der Verdammnis, die wie es auch einmal heißt, »einen im Alter ereilt, wenn die Stücke des eigenen Lebens sich zusam­men­fügen.«

Demge­genüber steht die sinnliche Gewiss­heit: die der gran­diosen Archi­tektur von Los Angeles, die ein eigener Haupt­dar­steller in diesem Film ist. Es ist eine Archi­tektur der Offenheit, der Luft, des Lichts, des Durch­läs­sigen.

Und der Natur, der Körper, des Wassers, des Meeres, der Tiere. Der unmit­tel­baren Allprä­senz des Spiri­tu­ellen in der Welt – Gottes mögli­cher­weise.
Und die der Liebe.

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Denn in dieser, Malicks sehr persön­li­cher Phäno­me­no­logie des Geistes mate­ria­li­sieren sich die Erkennt­nis­stufen des Lebens, die Evolution des Wissens der Haupt­figur in Form der Frauen, denen er begegnet.
Zugegeben sehr schönen Frauen mit Ideal­maßen, die aussehen, wie Cate Blanchet, Natalie Portman, und Freida Pinto.
Mit Knight of Cups ist Terrence Malick ein gran­dioser Film gelungen, wunder­schön anzusehen und geist­reich, anspruchs­voll in seinen Anspie­lungen, die von Plato bis Spinoza reichen, von Beethoven bis Arvo Pärt.
Aber zugleich direkt, klar und sinnlich: ein Film über die Zärt­lich­keit der Welt. Nur die Taub­blinden werden hier nicht mitträumen können.