14.02.2008
58. Berlinale 2008

Sehnsucht, Apathie, Wirklichkeit

Eröffnungsfilm 2008: Shine A Light

Das verflixte siebte Jahr: »Perspektive Deutsches Kino« zwischen Realismus und neuen Gefühlen – Berlinale Impressionen, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Neue Spiri­tua­lität, Teenage Angst, Straßen­strich, 1. Mai, Mädchen­fuß­ball, Kinder im Prekariat, Schüler im Internat, Fress­an­fälle, Patch­work­fa­mi­lien… – wer den Zeitgeist der Bundes­re­pu­blik verstehen will, der kommt an den Filmen der »Perspek­tive Deutsches Kino« nicht vorbei. Das ist das Schöne wie das Problem dieser Berlinale-Reihe, die, betreut vom uner­müd­li­chen Alfred Holighaus, seit Dieter Kosslicks Amts­an­tritt, also bereits im siebten Jahr, inter­na­tio­nale Bühne für das jüngere deutsche Kino sein will. Den Filmen, die hier laufen, fehlt etwas – Kunst­wille, tech­ni­sche Perfek­tion, Stars, aber auch Glätte, schale Routine – das sie für die anderen Reihen prädes­ti­nieren würde. Oder einfach die Länge, den hier laufen öfters auch 20- oder 45-minütige Werke – und das sind beileibe nicht die schlech­testen. Denn nicht jede Story braucht Spiel­film­länge, aber fast jeder hat mit kurzen Filmen ange­fangen, und viel­leicht begegnet man hier den Christian Petzolds und Dominik Grafs der Zukunft. »Unsere Filme müssen nicht perfekt sein« sagt Holighaus, »aber sie sollten etwas Beson­deres, Origi­nelles haben, etwas, das sie vom Durch­schnitt des deutschen Kinos abhebt.« Wer die Perspek­tive regel­mäßig verfolgt, der weiß: Immer wieder läuft hier das eine oder andere, das im kommenden Jahr Furore machen wird, beim Publikum einschlagen, oder auf späteren Festivals Preise gewinnen wird. In den letzten Jahren waren dies Filme wie Netto, Katze im SackPrin­zes­sin­nenbad und Hotel Very Welcome. In diesem Jahr könnten es Die Besu­cherin werden, oder Drifter, mögli­cher­weise auch Lea oder Jesus liebt Dich.

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Wieder sind es vor allem Regis­seu­rinnen, die beein­dru­cken: Lola Randl mit ihrem überaus reifen Film Die Besu­cherin, über das Implo­dieren einer Ehe und ein Frau­en­leben in bürger­li­chen Verhält­nissen, und Iris Janssen in Die Dinge Zwischen Uns. Beide Filme zeigen die Frauen, die ihren männ­li­chen Gegenü­bern überlegen sind. Auch als Langfilm hätte man gerne In Deiner Haut von Pola Schirin Beck gesehen. In nur gut 20 Minuten findet Beck treffende Bilder für die Einsam­keit eines puber­tie­renden Mädchens, deren neuer Freund sensibler ist als die Mutter. Eine Geschichte über Miss­ver­s­tänd­nisse, in wenigen Dialogen, und in der Haupt­rolle wunderbar gespielt von Kim Schnitzer, mit unsi­cherem Blick und einem Mund, der tausend Ausdrucks­formen kennt.
Auch der 45-Minüter Lea von Steffi Nieder­zoll ist das Portrait einer jungen Frau. Aber stilis­tisch ganz anders gelagert, als ein mit aufre­gender Künst­lich­keit insze­niertes kleines Seelen-Binnen-Drama, über ein unau­then­ti­sche Leben zwischen großer Sehnsucht, kleinen Fluchten und Feigheit vor dem Ich. Das alles hätte auch der Stoff von Lostage sein können, doch Bettina Eberhards Film über eine junge Frau, die angeblich von allen für einen Mann gehalten wird, kommt daher wie eine Geschichte aus dem 19. Jahr­hun­dert, will gebro­chener Heimat­film sein und besteht zwischen Kühen, Hühnern, Schweiß und Tsching­d­erassabumm doch vor allem aus Klischees vom Landleben, die mal wie Marga­ri­ne­wer­bung, dann wieder wie ein präten­tiöser Studen­ten­film aussehen.

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Die Nähe zum Zeitgeist ist wie gesagt der Trumpf der »Perspek­tive«. So rief man vor in paar Jahren das »Hartz IV«-Kino aus, ging es um gesell­schaft­liche Bestands­auf­nahmen und um Realismus jenseits jener Authen­ti­zität, die durch lange Einstel­lungen und langsame Erzähl­weise verbürgt wird. Wenn es mit der sozialen Krise vorbei ist, könnte man in diesem Jahr sagen, werden die Gefühle auf die Leinwand wieder wichtiger, die Seelen­schau, die Sehnsucht. Von Neo-Romantik sind diese Filme aber meilen­weit entfernt, genauso wie vom Ton der 90er-Jahre Bezie­hungs­filme.

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»Es muss abgehen, Mann!« sagt der eine Jüngling aus bravem Haus zum anderen, und darum begeben sich beide mitten ins Zentrum der Kreuz­berger 1. Mai-Demo. Doch die Randale will sich einfach nicht einstellen, auch nicht, als beide aus dem Schutz der Masse heraus ein paar leere Flaschen auf Türken werfen. Schon zuvor und auch in den nächsten Stunden waren ihre Hand­lungen immer wieder von einer überaus unklaren Bockig­keit und dick zur Schau gestellten Unan­ge­passt­heit geprägt, einer diffusen Sehnsucht nach Schmerz und »Eigent­lich­keit« auch, nach Härte und Schwere. Wo das herkommt, möchte man schon gern wissen, das immerhin bleibt von Berlin 1. Mai, mit dem die »Perspek­tive Deutsches Kino« eröffnet wurde.

In drei Episoden von drei Regis­seuren und Dreh­buch­au­toren kreist dieser Film um die Kreuz­berger 1. Mai-Demos, die mindes­tens so sehr Mythos und Touris­ten­at­trak­tion sind wie Realität. Auch dieser Film nimmt sie ähnlich dem touris­ti­schen Blick vor allem als Vorwand, betrachtet sie auf die Ober­fläche ihrer vermeint­li­chen Schau­werte hin und fragt eigent­lich nie nach der Wirk­lich­keit. Wie dem Hanswurst im Bauern­schwank, wie Kasperl, Seppl, dem Dorf­po­li­zist und dem Krokodil auf der Kinder­bühne begegnet man einem Panop­tikum aus grellen Klischees: einem liebes­kranken Polizist vom Land, der in der Metropole seinen Frust im Puff betäuben will, auf eine vers­tänd­nis­volle Nutte und schlän­gernde Zuhälter trifft, um am Ende daheim in den Armen der untreuen Geliebten so was wie Trost zu finden; einem präpo­tenten Türken­jungen, der seine Umwelt immer weiter provo­ziert, immer gewalt­tä­tiger wird und irgend­wann sogar den einzigen Menschen, der freund­lich zu ihm ist, kran­ken­haus­reif schlägt; einem Altlinken, der Stalin mag, eigen­händig Barri­kaden baut und einer 20 Jahre alten ersten »Randale«, also seiner Jugend nach­träumt; eine Punkerin mit Nadel in der Lippe (in nur vier Minuten Lein­wand­zeit intensiv gespielt von Hannah Herz­sprung, die man trotzdem langsam vor der Rolle des lost cute rebel girl warnen möchte); und drumherum allerlei lieben Nutten, laute Türken, ewigen Studenten und dummen Poli­zisten – was zusammen offenbar das derzei­tige »Berlin Flair« reprä­sen­tiert.

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Die Sehnsucht nach der Revolte begleitet das deutsche Kino schon lange. Gerade beschwört die deutsche Film­aka­demie in der Einladung zu einer Berlinale-Veran­stal­tung wieder den Geist des Ober­hau­sener Manifest, mit dem einst der »Neue Deutsche Film« gewann, und wenn man Berlin 1. Mai ansieht, drängt sich der Gedanke auf, die einzige Konti­nuität im deutschen Film sei der Vatermord, der im Kino leider immer auch etwas mit der Verwei­ge­rung zu tun hat, sich auf künst­le­ri­sche Erfahrung zu beziehen. Aber »aventi dilet­tanti« ist gar kein gutes Rezept fürs Filme­ma­chen, und mit bloßer Sehnsucht ist es eben nicht getan. Beides belegt Berlin 1. Mai präzis, bei dem nur die von Sven Taddicken (Emmas Glück) gedrehte, von Michael Proehl geschrie­bene Episode einigen Charme hat, stel­len­weise mit Dialog­witz gefällt, obwohl auch hier dann irgend­wann alles viel zu dick aufge­tragen und viel zu überladen ist. Der Dreck, die Straße, die Wildheit und Härte, von der dieser Film zu erzählen behauptet, sind allzu sichtbar ange­schminkt. Auch der Wille zum Genrekino, oder das Zauber­wort Ironie entschul­digt nicht alles – so zeigt sich der einzige Film der Sektion, der eine Art poli­ti­sche Utopie formu­liert, als Polit-Exploita­tion. Ein uner­klär­li­cher Eröff­nungs­film, nur insofern passend, als danach in der Perspek­tive alles nur besser wird.

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Warum macht man so einen Film? Die Frage darf man auch nach Teenage Angst stellen, jeden­falls inhalt­lich, denn filmisch hat das knapp 80-minütige Werk immerhin seine Momente durch ein paar Bilder und gute Schau­spiel­ar­beit. Aber auch hier ist alles ausge­dacht: Ein Internat, das – wohl aus Mangel für Kompar­sen­geld beim Dreh – meist so wirkt, als sei es von nicht mehr als zehn Schülern bevölkert, bürger­li­chen Wohl­stands­kids, Schla­ger­musik, harte Sprüche aus weichen Gesich­tern, ein 68er-Lehrer, ein Verge­wal­ti­gungs­ver­such und ein sado­ma­so­chis­ti­sches Verhältnis, das mit Jungs­tränen und einem Toten endet.
»Das ist so deutsch« sagt Martina spontan, und wir überlegen, ob solche Filme mit ihrem Jungs­sa­dismus und latenter Homo­se­xua­lität auch in Spanien oder Frank­reich denkbar wären. Nein, allen­falls in Amerika und Japan, aber besser insze­niert.

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Auch hier wieder nur ange­schminkte Härte, die gerade durch ihre Penetranz so etwas Uner­träg­li­ches hat. Bitter­harten, zugleich bezwin­gend insze­nierten Realismus zeigt Robin, Hanno Older­dis­sens kühle, klare Miniatur über einen Jungen, der aus dem Heim, wo er besser geblieben wäre, zurück zu seinem Vater in die Sozi­al­woh­nung kommt: ein schreck­li­ches und schreck­lich aktuelles Kinder­leben zwischen Prekariat und Apathie.

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Als stark wie immer erweisen sich die Doku­men­tar­filme der Perspek­tive: Sebastian Heidin­gers Drifter ist auch filmisch überaus aufregend: Der Regisseur schildert das Leben der heutigen Kinder vom Bahnhof Zoo ohne Mora­lismus, voller Neugier und entdeckt so mensch­liche Wärme an Orten und in Momenten, wo man sie nicht vermutet hätte. Football Under­cover von David Assmann und Nayad Ajafi erzählt von einer merk­wür­digen deutsch-irani­schen Begegnung zweier Mädchen­fuß­ball­teams. Und Jesus Liebt Dich von Liliane Frank, Michaela Kirst, Robert Cibis und Matthias Luthardt beob­achtet vier Evan­ge­li­kale, die die Fußball-WM zur Missio­nie­rung nutzen wollen. Der Film begleitet seine Figuren und zeigt über­ra­schendes Wohl­wollen gegenüber diesen Menschen­fän­gern christ­li­chen Funda­men­ta­lismus', deren Haltung sich nicht mehr viel von den geschmähten Scien­to­logen unter­scheidet. Was politisch disku­tabel ist, ist aber zugleich die Tugend des Doku­men­ta­risten – das Gegenteil eines Michael Moore, der immer schon vorher weiß, was hinten raus kommen soll.

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Am Programm der ganzen Berlinale lässt sich ablesen, dass 2008, zumindest seine ersten Momente, kein besonders frucht­bares Jahr fürs deutsche Kino ist: Es gibt zur Zeit einfach weniger Filme als zuletzt, auch, weil die Berlinale in den letzten zwei Jahren je um die 50 deutsche Filme zeigte, und viele Filme­ma­cher ihre nächsten Werke noch nicht fertig haben. Auch das Perspek­tive-Programm leidet unter diesem Ange­bots­mangel – insgesamt ist dies zwar eine inter­es­sante, lohnens­werte Auswahl, aber die schlech­teste Perspek­tive aller Zeiten. Im Berliner Pres­se­news­letter war schon vorher von der »Perspek­tiv­lo­sig­keit Deutsches Kino« die Rede gewesen – das hatten wir damals noch doof gefunden, jetzt müssen wir zustimmen. Viel­leicht hat Kollegin Ellen recht: »Wenn es nur solche Filme gibt, muss man die Reihe eben wieder einstellen.«