28.12.2005
Jahresrückblick 2005

Lob und Beschimpfungen

Last Days
Last Days
(Foto: Alamode Film)

Eine kaleidoskopische Zeitreise durch das Kinojahr 2005

Von Willibald Spatz

Auch 2005 war ein Jahr der Bebil­de­rung. Man glaubt schon nicht mehr an die Existenz von Personen oder Ereig­nissen, wenn sie nicht in einem Kinofilm noch mal fiktional vor Augen geführt werden. Der Gewinner war Gus Van Sant mit den Last Days von Kurt Cobain, in dem Amerika seine groß gewordene innere Leere besummt.

Überhaupt Amerika. Lars von Trier wird nicht müde drauf­zu­schauen, sein Manderlay beweist aber, das wir mitt­ler­weile mit denen da drüben nichts mehr zu tun haben. Wir wollen nicht mehr dasselbe wie die, wir sind politisch und sexuell anders denkend. Wenn die Filme machen über ein Problem, das sie umtreibt, wie L.A. Crash einer über den Rassismus war, dann wirkt das Thema darin seltsam unreif und ober­fläch­lich abge­ar­beitet. Kino, das intel­lek­tuell gar keinen Zugang mehr findet in unsere Köpfe und uns so kalt zurück­lässt im Kino­sessel.

Besser war’s, wenn die Blicke von Fremden auf Amerika als ein fremdes Land fielen, in dem die versuchen zu leben und Filme zu drehen. Wim Wenders' Don’t Come Knocking und auch Ang Lees Brokeback Mountain handeln von nichts anderem als der Suche nach der Liebe, die in dieser Weite schwerer zu finden ist als ein Klumpen Gold – und plötzlich ist Amerika wieder die Kulisse, in der sich Träume verbergen. Auch Walter Salles kam von außen und lieferte mit Dark Water einen der zwei schönsten Horror­filme dieses Jahres ab. Das Grauen braucht nichts Über­na­tür­li­ches, sondern steckt in der Großstadt als Gebilde. Wie auch im anderen Horror­juwel The Descent von Neil Marshall ging es um das Kämpfen und Scheitern großer Frauen, was bemer­kens­wert ist, denn entweder sind die Männer inzwi­schen zu schwach und korrum­piert für die Heraus­for­de­rungen des Bösen oder man hat immer noch mehr Mitleid mit den weib­li­chen Helden.

Dafür hat ein anderer Film, den man gar nicht genug schimpfen konnte heuer, Die Chroniken von Narnia – Der König von Narnia, mit Tilda Swinton die tollste Bösefrau überhaupt. Wie gern hätte man den debilen Löwen mit seinen bescheu­erten Kind­sol­daten ihr unter­liegen sehen.

In Deutsch­land gab es mit Netto, dem Spiel­film­debüt von Robert Thalheim, und Willen­b­rock von Andreas Dresen zwei glänzend traurige Ostfilme. Und wenn das der wahre Grund der Wieder­ver­ei­ni­gung war, solche Filme möglich zu machen, dann hätte sie sich schon gelohnt.