04.11.2004

Lauren Bacall...

Lauren Bacall
»The Look«

...und 50.000 masturbierende Chinesen...

Von Thomas Willmann

Sie bringt die Männer noch immer zum Schwitzen. Lange beneidet man den schwe­di­schen Film­jour­na­listen-Kollegen nicht, der auser­koren war, zusammen mit Festival-Direktor Hans Hurch das Press­kon­fe­renz-Podi­um­s­in­ter­view führen zu dürfen mit dem großen Viennale-Stargast Lauren Bacall. Die Lady hat noch immer einen messer­scharfen Geist und Humor – und wenig Geduld für auf imprä­ziser Vorbe­rei­tung fußende, ungenau formu­lierte Fragen und (sicher auch Sprach­bar­rieren-bedingte) Miss­griffe im Ton. Von tatte­riger Alters­milde keine Spur, obwohl die Dame jüngst ihren 80. feierte. Keine drei Minuten dauert es – nachdem die Foto­grafen ihre Blitz­lichter zucken ließen, Bacalls Hund Sofie, der diese Prozedur mit über sich ergehen lassen musste, hinaus­ge­bracht ist, und das Gespräch begonnen hat –, da meint der schwe­di­sche Kollege genau diesen Geburtstag ganz besonders betonen zu müssen, für alle im Raum, die viel­leicht noch nicht davon gehört hätten, und schon fängt er sich von Bacall ein scherz­haftes, aber deshalb bestimmt nicht weniger ins Mark tref­fendes »Your're fired!« ein. (»It’s bad enough that it’s true,« meint sie, man müsse ihr Alter nicht noch extra heraus­po­saunen...) Danach bekommt der arme Mann kein Bein mehr auf den Boden, stolpert bei jedem Versuch, seine Kompetenz doch noch zu beweisen, auf’s Neue (verwech­selt z.B. Jack Benny mit Henny Youngman), muss sehr bald von Bacall (wie einst legendär auf dem Münchner Filmfest Robert Fischer von Roman Polanski) den Vorschlag hinnehmen, doch mal das Plenum Fragen stellen zu lassen, und irgend­wann überlässt er die Gesprächs­füh­rung einfach weit­ge­hend Hans Hurch – der es auch nicht viel leichter hat. Es ist ein Abend, von dem die beiden bestimmt lange träumen werden, aber gewiss anders, als sie sich vorher träumen ließen...

Sie hat ihn noch immer drauf, »The Look«, ihren Marken­zei­chen-Blick, diese bei leicht gesenktem Kopf unter den charak­te­ris­ti­schen Augen­brauen aufschau­enden Augen, die viel verspre­chen für jeden, der sich ihr eben­bürtig erweisen sollte, die aber keinen Zweifel lassen, dass die meisten an dieser Heraus­for­de­rung scheitern werden und dass diesen großen Rest der Welt nur ihren Spott zu erwarten hat. Auch wenn die verfüh­re­ri­sche Kompo­nente dieses Blicks im Laufe der Jahre geschrumpft ist.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Lauren Bacall wirkt nicht wie eine Diva, nicht zickig. »A real Joe,« hat Bogey sie mal beschrieben; »I am one of the girls who is one of the guys in the picture,« zitiert die Viennale Bacall als Motto für ihren Film­reihen-Tribute. Und so trinkt sie bei der Pres­se­kon­fe­renz ihr Wasser auch gleich aus der Flasche, lacht viel – und gern auch über sich selbst. Einige der für die Podiums-Frage­steller schwie­rigsten Situa­tionen ergeben sich aus Versuchen, Bacall Kompli­mente zu machen. Später, bei der Publikums-Veran­stal­tung im Garten­bau­kino, wo Hurch allein mit Bacall auf der großen Bühne in zwei Sesseln sitzt und innerlich bestimmt wieder tausend Tode stirbt, weil die Lady ihm zur Gaudi des Publikums einfach nichts durch­gehen läßt und er sich immer wieder ins Lachen flüchten muss (»Jetzt bereut er, dass er mich einge­laden hat,« juxt Bacall), da sagt Hurch einmal, nachdem er wieder aufge­laufen ist, auch einfach »I was trying to make a compli­ment,« und da antwortet sie, dass sie tatsäch­lich noch nie gut drin war, Kompli­mente anzu­nehmen. Und sie versucht Hurch immer wieder klar zu machen, dass sie die Dinge nie ganz ernst nimmt (»Don’t you realize it’s all a joke?«), auch sich selbst nicht.
Sie scheint einfach jemand zu sein, der – wie man auf Englisch so schön sagt – »doesn’t suffer fools gladly«, der keine Zeit, keine Geduld, keine Höflich­keit übrig hat für Bullshit. Freilich schwingt da auch eine gewisse Eitelkeit mit – ohne die treibt es keinen Menschen auf die Bühne, vor die Kamera, und gerade die Selbst­ironie ist ja oft ein Zeichen für einen heim­li­chen Narzissmus.
Bacall ist geplagt von einer Erkältung, die sie direkt aus Paris impor­tiert hat, und nach der dennoch langen Pres­se­kon­fe­renz am Spät­nach­mittag läßt sie sich entkräftet stützen auf dem Weg runter vom Podium. Aber wenige Stunden später im Garten­bau­kino lässt sie es sich nicht nehmen, allein auf die und von der Bühne zu schreiten (und da trinkt sie ihr Wasser dann auch vornehm aus dem Glas), und man meint zu spüren, dass ihr die standing ovations von 700 Leuten durchaus Seelen­balsam bedeuten.

Das Wort »legend« hasst sie, eine Legende sei »a thing of the past«. Sie hingegen sei noch sehr lebendig – was man nicht bestreiten kann, zumal sie ja als Film­schau­spie­lerin derzeit wieder richtig gut im Geschäft ist, zuletzt in Lars von Triers Dogville, demnächst in seinem Manderlay; in Amerika startet gerade Birth von Jonathan Glazer, und nach Wien kam sie direkt von Dreh­ar­beiten einge­flogen. Ihre Absicht sei »to live as long as I can, so I can annoy everybody«.
Wie meist bei solchen lebenden Legenden... – pardon: Solchen Stars, die uns heute mythisch erschei­nende Ären miterlebt, mitge­prägt haben, geht es bei solchen Auftritten mit Frage-Antwort-Ritual in Wirk­lich­keit vor allem um das Aura­ti­sche, um die Leib­haf­tig­keit ihrer Anwe­sen­heit. Niemand kann ernsthaft damit rechnen, hier noch etwas wirklich Neues zu erfahren. Zumal bei Bacall, die in ihrer Auto­bio­gra­phie »By Myself« und ihrer Welt­an­schau­ungs-Darlegung »Now« im Wesent­li­chen alles gesagt hat, was ihr öffent­lich über ihre Karriere, ihr Leben, ihre Liebe zum einma­ligen Mr. Bogart und ihre Meinung zu Ruhm, Alter und dem ganzen Rest zu entlocken sein wird. (Die 25 Jahre alte Auto­bio­gra­phie wird übrigens nächstes Jahr als »By Myself... and then Some« neu erscheinen, um rund 100 Seiten erweitert, auf den aktuellen Lebens-Stand gebracht.)
Aber auch wenn Bacall inhalt­lich wenig von ihr Unbe­kanntes zu verkünden hat, haben sich die vertrauten Anekdoten und Ansichten bei ihr anschei­nend noch nicht, wie bei vielen alten Menschen, zu Nummern verfes­tigt, die auf das entspre­chende Stichwort jedesmal in fast iden­ti­scher Formu­lie­rung abspulen. Sie findet für die selben Sach­ver­halte in ihrem Buch, in der Pres­se­kon­fe­renz, bei der Publi­kums­gala am Abend jeweils andere Worte.
Und davon abgesehen ist es dann halt doch auch einfach sehr hübsch, in Wien selbst, von Lauren Bacall selbst, die Geschichte zu hören, wie sie dort in den »60ern einst Jason Robards heiraten wollte und dies nur deswegen nicht gelang, weil der echt öster­rei­chi­sche Beamte vom Wiener Stan­desamt ihr ohne amtliche Ster­be­ur­kunde nicht glauben wollte, dass Humphrey Bogart definitv tot sei...«

Bacall scheint nur zu bewusst, dass auch die Pres­se­kon­fe­renz ein AUFTRITT ist viel mehr als ein Interview, dass die Pres­se­leute ein Publikum sind – sie leidet sichtlich drunter, als sie das Gefühl hat, nicht auf einer Wellen­länge zu sein mit dem Raum voller Jour­na­listen, weil die Leute nicht oder an den falschen Stellen lachen. »I can«t connect to this room, klagt sie, und fragt, ob denn irgend­je­mand wach sei da draußen. Solche Probleme hat sie im Kino abends nicht. Da zündet jeder Gag – nicht wenige davon wie gesagt auf Kosten von Hans Hurch.

Auch Bacall hat den typischen »They don’t make them like they used to«-Sermon alter Film­künstler im Reper­toire, die »Früher war alles besser«-Predigt, die behauptet heute ginge es nur noch um Geld und Bruta­lität – welche von den Stumm­film­stars nicht anders zu hören war, als Bacall noch ein junges Mädchen war. Und wie üblich spenden einige Leute bereit­willig Beifall für die bornierte Behaup­tung, die Filme von heute wären ja ach so schreck­lich.
Das Besondere bei Bacall ist nur, dass sie sich da sehr schnell auch wider­spricht – dass sie von Scorsese schwärmt und von den jungen Regis­seuren, mit denen sie gerade zusam­men­ge­ar­beitet hat und davon, wie sehr diese einen dazu brächten, alles neu zu über­denken, was man über Film zu wissen glaubt. (Mit Woody Allen würde sie – was sich für die Ur-New Yorkerin ja eigent­lich auch mehr als anbieten würde – zudem durchaus gerne mal arbeiten, aber der, meint sie, habe ein Problem mit ihr. Ursprüng­lich wohl, weil er immer dachte, sie müsse ihm seine Bogart-Parodie übel­nehmen, aber auch seit sie dieses Miss­ver­s­tändnis ausgeräumt habe, käme er irgendwie nicht klar mit ihr...)
Und nach einer Tirade, in der sie »Hollywood« als Synonym verwendet für üble Kommer­zia­lität, meint sie danach gleich, sie habe »Hollywood« eben auf eine Weise verwendet, für die sie sich nach­träg­lich (ich übersetze sinngemäß) in den Arsch beißen könne.

Lauren Bacall hat noch nie mit ihrer poli­ti­schen Meinung hinter dem Berg gehalten, und da ist dann am Ende beider Gespräche endlich die Reihe an Hans Hurch, die Oberhand zu gewinnen, alller­dings auf subtile, um nicht zu sagen etwas perfide Weise. Denn weil Bacall – wie wohl jeder vernünftig denkende Mensch – eine ziemliche Anti­pa­thie gegen George W. Bush und seine Politik hegt, und weil sie dieser Anti­pa­thie geradezu pawlowsch auf’s geringste Stichwort hin lang, breit und vehement Ausdruck verleiht, und weil es eben in Europa derzeit sehr beliebt ist, Leute über Bush schimpfen zu hören, und noch beliebter, Ameri­kaner über Bush schimpfen zu hören, und am aller­be­lieb­testen freilich, BERÜHMTE Ameri­kaner über Bush schimpfen zu hören – und noch dazu so legendäre wie Lauren Bacall –, und weil zu alledem die Viennale ja nicht zuletzt auch den Anspruch eines keines­wegs unpo­li­ti­schen Festivals hat, führte Hurch Bacalls ihm bekannte Bereit­schaft zur Anti-Bush-Hass­kap­pen­pre­digt regel­recht vor, fast wie einen Zirkus­trick. Und die beiden bekamen dann auch den zu erwar­tenden billigen Applaus für die Nummer.
Es geht nicht darum, dass nicht alles stimmen würde, was Bacall da vom Stapel ließ, dass ich nicht genauso fände, dass Bushs anti­auf­klä­re­ri­sches, spal­te­ri­sches Regime mit das Schlimmste wäre, was den USA in den letzten Jahren passiert ist. Aber in so einem Kontext, auf so eine Weise hat doch eine solche Demons­tra­tion einer solchen Meinung eines solchen Stars wohl kaum einen Zweck außer Ressen­ti­ments zu bedienen, ein feixendes »Schau, die sagt’s auch!«-Gefühl zu wecken, und sich ein bisschen pseudo-provo­kante Poli­tagi­ta­tion auf’s Banner schreiben zu können. Was dann doch letztlich unter der Würde ist, die man einem Stargast von solchem Kaliber wie der Bacall zuge­stehen sollte.
Und geholfen hat es ja auch leider Gottes gar nix. Man würde sich nur wünschen, dass George W. mal mit der Bacall zusammen in einen Raum gesperrt würde und sich der Klinge ihres Geistes und Spotts ausge­setzt sähe, »The Look« stand­halten müsste. Wetten, dass es dann selbst diesem dummen Buben warm unter dem Kragen würde...

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Der zweite Teil mit den 50.000 mastur­bie­renden Chinesen kommt im Laufe des Donners­tags, verspro­chen!