14.05.2004
57. Filmfestspiele Cannes 2004

All About Erwin

Life Is a Miracle
Life Is a MiracleWer hätte das gedacht, Erwin?
(Foto: Concorde Filmverleih)

Tagebuchnotizen, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Extreme Atmo­sphären, nie gesehene Bilder, ungeahnte, aufwüh­lende Stim­mungen – um dies zu erleben sind Festivals wie das von Cannes unent­behr­lich. Jenseits vom Messe­cha­rakter einer Veran­stal­tung, wo in Plas­tik­zelten am Strand Millio­nen­deals um Film­rechte abge­schlossen werden, geht es hier immer wieder doch zual­ler­erst um Filme, die aus dem Rahmen fallen, die Ausdruck einer indi­vi­du­ellen Persön­lich­keit sind, Autoren­filme im klas­si­schen Sinn. An seinen ersten Tagen löst der dies­jäh­rige Wett­be­werb dieses Verspre­chen ein: Schon eine Reihe Filme waren zu sehen, die so oder so aus dem Rahmen des Konven­tio­nellen fallen.

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Das gilt jeden­falls für den Serben Emir Kusturica. Damals, in jenen Tagen, als das Wünschen noch geholfen hat, und als Texte noch nicht per Mail an die Redak­tionen verschickt wurden, sondern von einer Sekre­tärin abgetippt, wurde in einer deutschen Wochen­zei­tung aus Emir Kusturica einmal Erwin. Nach seinem neuen Film sollte man ihn tatsäch­lich umtaufen. Life Is a Miracle macht da weiter, wo vor neun Jahren Under­world aufhörte. Der Film könnte aber auch Time of the Gypsies heißen: Vage von den Schluchten des Balkans und Jugo­sla­wiens Bürger­krieg handelnd, bietet Kusturica weiterhin vor allem Kusturica: Fort­wäh­rend sieht man Menschen lachen, schreien, fressen, zu schnellen Hufta­hufta-Rythmen tanzen (die Musik stammt natürlich auch vom Regisseur), in die Luft ballern, Grimassen schneiden. Erkan und Stefan sind genauso dabei, wie ein verrückter Priester, ein augen­rol­lender Brief­träger, unzählige Musi­kanten, der Völlerei schuldige Kommu­nisten, und ein liebes­kranker Esel, der immer auf den Eisen­bahn­schienen herum­steht, »weil er sich umbringen will.« Haha, so sind sie halt, im wilden Osten wird sugge­riert, was sind wir Balka­nesen doch emotional und echt und immer aus der tiefsten Seele heraus. Aber bloß weil er sich nicht wäscht und selten rasiert, ist Kusturica noch lange nicht authen­tisch. Auf diese Weise wird dann vage eine Geschichte von den Schrecken des Krieges erzählt. Die könnte einem viel­leicht nahe gehen, domi­nierte nicht der hyste­ri­sche Über­wäl­ti­gungs­stil des Regis­seurs alles andere. Eine lärmende Tortur, rasender Still­stand, der vor allem Ohren­schmerzen hinter­ließ – und Ermüdung.

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Das krasse Gegenteil zeigte der Iraner Abbas Kiaros­tami. Five besteht aus nur fünf Kame­ra­ein­stel­lungen. Über zwei Stunden passiert vor allem – nichts. Eine Vier­tel­stunde allein schaut man einem Holzstück zu, das am Strand von den Wellen bewegt wird. Kiaros­t­amis steng-aske­ti­sche, stel­len­weise etwas ober­leh­rer­hafte Medi­ta­tion ist eine Übung im Hinsehen. Gegen ihn ist Vincent Gallos The Brown Bunny vom Vorjahr ein Action­film. Ein solches Werk könnte nur in Cannes laufen – aber genau hier, in der hekti­schen Atmo­sphäre des Festivals, und zusätz­lich direkt nach Kustu­ricas Parforce­ritt ist es besonders schwer, sich darauf einzu­lassen.

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Letztes Jahr in Vendig (und gerade auf dem Dok-Fest in München) quälte Lars von Trier einen dänischen Kollegen mit seinen The Five Obstruc­tions – eine prächtige Lektion im Filme­ma­chen. In Cannes gab es am ersten Tag bereits 10 On Ten zu sehen, ebenfalls von Kiaros­tami. In zehn Lektionen erklärt er sein Kino: Genau der richtige Auftakt zu einem Fetival wie diesem.

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Darf man eigent­lich in den ameri­ka­ni­schen Pavillon gehen? Viele Länder haben ein solches Zelt am Strand, das in der Regel von jenen Insti­tu­tionen gemietet wird, die die Filme eines Landes im Ausland vertreten, so wie in Deutsch­land die Export-Union. Natürlich ist der ameri­ka­ni­sche Pavillion wieder einmal der Größte. Viel gedruckte Infor­ma­tionen und kosten­lose Zeitungen liegen hier aus, der Kaffee ist schlecht und teuer, dafür gibt es Plätze, an denen die Laptop­be­sitzer kostenlos ins Internet können. Schon früher fand man es hier oft etwas zu schrill, zu laut, und nicht wirklich angenehm. Wenn es nicht ein blöder Satz und eigent­lich überhaupt kein Argument wäre, würde man sagen: Geld stinkt doch. Aber auch die poli­ti­schen Nach­richten der letzten Tage haben einem die Lust auf Ameri­ka­ni­sches etwas genommen. Plötzlich ertappt man sich dabei, auf alles Mögliche gereizt zu reagieren, was mit den USA zusam­men­hängt: Allein schon die lauten Stimmen. Das affek­tierte Getue. Ihr häßliches Englisch. Und wie sie aussehen!

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Natürlich gibt es auch Filme, die einem die USA nicht gerade sympa­thi­scher machen. Gleich drei von ihnen liefen am Donnerstag. Von Troja wollen wir hier lieber schweigen, obwohl der liebe Kollege Jupp Schnelle immerhin aus dem Kino kam und meinte: »Ich fand ihn eigent­lich nicht so schlecht, wie ich ihn finden wollte.« Aber dass es ein derber Schotter war, das gab auch er sofort zu. Nach Cannes gehören solche Filme nur, weil man offenbar aus Hollywood nichts Besseres anzu­bieten hat, und damit Brad Pitt auf dem roten Teppich erscheint – und natürlich damit unsereins sich darüber aufregt.

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Aber auch zwei Doku­men­ta­tionen erin­nerten einen wieder mal an alles, wofür die USA außer für Jefferson, Lincoln und Kennedy auch noch stehen: Außer Konkur­renz im Wett­be­werb lief auch Salvador Allende, eine Doku­men­ta­tion über den chile­ni­schen Staats­chef, der mit US-Hilfe von den Pinochet-Faschisten wegge­putscht wurde. Regisseur Patricio Guzman (geb.1941) ist einer der wich­tigsten Doku­men­tar­filmer Latein­ame­rikas. 1968 drehte er eine Doku­men­ta­tion über Allendes Wahlkampf, danach drei Filme über Pinochet und die Folgen. Guzmanns neuer, von arte kopro­du­zierter Film lohnte den Besuch für seine vielen Detail­in­for­ma­tionen und manch inter­es­santes Statement, für die Zeit­zeugen, die hier auftraten. Was die Analyse, vor allem der Monate vor dem Mili­tär­putsch und die Verstri­ckung der USA anging, ließ der Film hingegen einige Wünsche offen, bot glei­cher­maßen zuwenig Analyse und zuwenig persön­liche Position.
Denn erklärungs­be­dürftig wäre doch wohl schon, warum die Linke ihren eigenen Mann fallen ließ, warum angeblich ein ganzes Land hinter Allende stand, und dann doch der Mili­tär­putsch möglich war. Auch wüßte man gerne, warum Allende eigent­lich kuba­ni­sche Hilfe ablehnte und warum sowje­ti­sche Hilfe nie kam. Und schließ­lich dürften die USA zumindest ein paar Gründe (was man von ihnen hält, ist eine ganz andere Frage) mehr für ihr riskantes massives Enga­ge­ment gegen Allende gehabt haben, als dass Nixon ein Unsympath war.

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Zwischen­frage, im Anschluß an die Allende-Doku: Warum waren damals die Linken eigent­lich sexy? Und warum sind sie es heute nicht? Woher kommt diese Verbin­dung von Erotik und Macht in den 60ern? Denn die linken (jaja: links­li­be­ralen) Volks­tri­bune Kennedy, Brandt, Trudeau und eben auch Allende hatten – man siehts in den alten Bildern – ein beson­deres Charisma, flirteten mit den Massen. »He courted the people« hieß es in Guzmans Film. Und sie gingen auch alle ganz schön fremd, bis auf Trudeau, der erst gar nicht verhei­ratet war. Wie hängt das zusammen? Hängt es überhaupt zusammen? Ich konstas­tiere nur und frage (und vermute, dass es viel­leicht wirklich das Haupt­pro­blem linker Politik ist, dass sie heute nicht sexy ist. Und ich kenne, pardon, wirklich kein besseres Wort als das).

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Noch eine Zwischen­frage: Ist Troja nicht eigent­lich ein deutscher Film? Schließ­lich ist Petersen ja ein Deutscher, und Heinrich Schli­e­mann, der Troja ausge­bud­delt hat, auch. Und wenn der Öster­rei­cher Hans Wein­gartner jetzt wider­spruchslos als Deutscher firmiert... Am öster­rei­chi­schen Stand ist man sich übrigens ganz sicher, Die fetten Jahre sind vorbei sei ein öster­rei­chi­scher Film. »Der Regisseur ist Öster­rei­cher, die Produk­ti­ons­firma liegt in Wien. ›So wird das Spiel noch eine Weile weiter­ge­spielt werden, spätes­tens bis zum Montag­morgen, wenn der Film läuft. Viel­leicht wollen dann alle Wein­berger ausbür­gern? Aber ist das nicht schon wieder so ein typischer Kritiker­de­fai­tismus? Warum nicht mal patrio­tisch sein? Darum! Kritiker sind vater­lands­lose Gesellen und auch noch stolz drauf. Oder, wenn man es noch pathe­ti­scher möchte: Unser Vaterland ist das Kino. Ha! ok, ok...‹«

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Im Wett­be­werb lief noch eine zweite Doku­men­ta­tion, Mondovino vom Ameri­kaner Jonathan Nossiter. Der kurz­wei­lige Film schildert den inter­na­tio­nalen Wein­handel: Mehrere Händler und Produ­zenten werden vorge­stellt, manche von ihnen machen seit Jahr­hun­derten Spit­zen­weine. Man bekommt so nicht nur eine Ahnung von der Kultur des Wein­pro­du­zie­rens, man erlebt vor allem, wie diese Kultur in den letzten 20 Jahren allmäh­lich zerstört wird. Schuld sind tatsäch­lich wieder einmal die Globa­li­sie­rung und in diesem Fall die kali­for­ni­schen Wein­händler, die die fran­zö­si­schen Weine mit chemi­schen Tricks perfekt imitieren – im Film ist die Rede von »Plas­tik­chir­urgie« – und zudem bestimmte Geschmä­cker mit recht rohen Mitteln weltweit durch­setzen. Alles was anders ist, kommt da unter die Räder. Mondovino ist ein Lehrstück über Funk­ti­ons­weise und Abgründe des Kapi­ta­lismus – dabei nie plumpes Pamphlet. Die Botschaft ist viel einfacher: »Jeder Wein spiegelt seinen Schöpfer.« Für Filme gilt das natürlich auch.