21.10.2001
51. Berlinale 2001

Berlinale, sei gedankt!

Namenstag: 13 Alan Berliners in THE SWEETEST SOUND

Berlinale, sei gedankt!

Danke! Merci! Gracias! Danach...

Von Thomas Willmann

Jetzt hat er also schon wieder ausge­brummt, der Bär (während der Schädel noch etwas brummt von all den Filmen). Wurde vergeben und ist bald wieder vergessen. Aber doch bitte nicht, ohne allen Betei­ligten den gebüh­renden Dank abge­stattet zu haben.
Der Jury z.B. wurde von den Preis­ge­ehrten schon viel gedankt, aber das wesent­liche »Danke! Danke!! Danke!!!« war noch nicht zu hören – nämlich dafür, dass sie den Goldenen Bären nicht an den lang­wei­ligen Thesen­film TRAFFIC vergeben hat, wie zu befürchten war.
Ein tief­emp­fun­denes »Wäre doch nicht nötig gewesen!« hingegen geht an Patrice Chereau für seinen Sieger­film INTIMACY. Der Sesam­strassen-Faktor (»Wieso, weshalb, warum?«) blieb mir bei dem gänzlich ungeklärt – aber der Streifen hat mir dafür die erhol­samste halbe Stunde Schlaf des ganzen Festivals beschert. Wenn ich höflich und besonnen wäre, würde ich sagen: Einfach nicht meine Art von Kino; einfach in der falschen Stimmung gewesen. Will aber nicht höflich sein und sage: Zeit­ver­schwen­dung, elendige.
Nicht minder tief­emp­fun­denen, wahren Dank hingegen an Michael Winter­bottom, dessen THE CLAIM auch ohne Tier­statue der eigent­liche Gewinner des Wett­be­werbs war: Ganz, ganz großes Melodram in atmo­sphärisch ungemein dichter, sinn­li­cher Bild-Umhüllung und zugleich ein sehr scharfes Nach­denken über Zivi­li­sa­tion und, nun ja, Traffic in jeder Hinsicht – Verkehr von Waren, Menschen, Gütern, Geld.

Dass Undank der Welten Lohn ist, musste nicht nur der preislose Winter­bottom erfahren, sondern auch Jean-Jacques Annaud. Dabei hätte man ohne sein ENEMY AT THE GATES (dessen Verhe­rungs­grad ich nicht im Selbst­ver­such überprüft habe) ja gar nicht gewusst, worüber die ersten zwei, drei Tage reden und schreiben. Deswegen doch noch ein verein­zeltes »Merci«.
Und den wenigen Stars, die kamen, wurde allerlei Dank- und Ehrbe­kun­dung zuteil – was aber mit all jenen, die wegblieben und uns so eine recht gemütlich-glamour­freie Berlinale bescherten, auf der man sich ganz auf die Filme statt auf krei­schende Fanhorden konzen­trieren konnte? Da muss doch noch ein »Thank you!« ertönen.
Wobei ja doch mehr Stars da waren, als gemeinhin bemerkt wurde. Da saß zum Beispiel der große Rod Steiger (anläßlich seines kleinen Auftritt in Dieter (YELLO) Meiers LIGHTMAKER) in der Pres­se­kon­fe­renz vor einem verlo­renen Häuflein Jour­na­listen und meinte ange­sichts des zunächst arg gebremsten Frage­stroms »I flew all the way here from Cali­fornia and nobody says a goddamn word«. Dann aber hielt er doch recht stilvoll Hof – und minu­ten­lange Monologe über die Kunst des Schau­spiels, ganz so, wie man ihn von der Leinwand kennt – bullig, einschüch­ternd, mit Stahl im Blick und zugleich verletz­li­cher, einfühl­samer Intel­li­genz.

Überhaupt, Pres­se­kon­fe­renzen und Publi­kums­dis­kus­sionen: Was wären die ohne jene Menschen, die ohne Rücksicht auf das eigene Ansehen zum allge­meinen Gaudium die pein­lichsten Auftritte hinlegen. Der Herr beispiels­weise, der partout nicht aufhören wollte, Steven Soder­bergh durch Zwischen­rufe davon zu über­zeugen, dass nicht etwa Godards À BOUT DE SOUFFLE der erste quasi-Dogma-Film sei, sondern Stanley Kubricks ÜBER DEN DÄCHERN VON NEW YORK (welchen Kubrick er damit auch immer gemeint haben mag – wohl KILLER’S KISS). »Stanley Kubrick! Stanley Kubrick!! ÜBER DEN DÄCHERN VON NEW YORK!« »Jetzt sei doch mal wieder still.« »Nein, nein. Ich bin sicher, er weiß das: Stanley Kubrick! ÜBER DEN DÄCHERN VON NEW YORK! Stanley Kubrick!!« Soder­bergh: »Well, there’s also Jules Dassin...« »STANLEY KUBRICK!!!«.
Oder die Dame, die beim deutsch geführten Gespräch zu LIGHTMAKER meinte, auf Englisch fragen zu müssen, weil der Film eben auf Englisch lief – obwohl sie Deutsche war und Englisch nicht in vers­tänd­li­cher Weise zu sprechen in der Lage. Wie sich dann aber heraus­stellte, waren die Fragen auch auf Deutsch etwas wirr...
Ihnen allen dicke Remer­ci­ments!

Muchas gracias hingegen an all jene, die dafür gesorgt haben, dass der unver­meid­liche Raubbau am Jour­na­lis­ten­körper (mit Schlaf­mangel, Licht­scheu, Rück­grat­ver­krüm­mung) für Festi­val­ver­hält­nisse maßvoll ausfiel. Endlich einmal sinn­volles Spon­so­ring: Ein bekannter fran­zö­si­scher Mine­ral­was­ser­fa­bri­kant stellte im Pres­se­zen­trum sein Produkt – in handliche Fläschen gefüllt und erfri­schend gekühlt – zur Benetzung der Bericht­erstatter-Kehlen kostenlos zur Verfügung und verhin­derte so zwei­fels­ohne unzählige Fälle von Dehy­dra­tion. Einzige Bitte: Wenn man dann nächstes Jahr noch Feinkost Käfer gewinnen könnte, mit einem rund-um-die-Uhr Presse-Buffet oder so... (Auch wenn das für den armen Asia-Imbiss in den Potsdamer Platz-Arkaden empfind­liche Umsatz­ein­bußen bedeuten würde.)
Mit weniger finan­zi­ellem, aber großem persön­li­chen Einsatz hingegen war ein italie­ni­scher Kollege am Werk, der mir (unwissend) in der S-Bahn drastisch warnend die verher­enden Folgen über­mäßigen Film­kon­sums vorführte: Wie ein Roberto Benigni-Imitator gschaft­elte er durch den Zug, trug seine Koffer und Taschen vor und zurück, fragte gepäckü­ber­laden und schwit­zend alle zwei Minuten, ob denn der Zug wirklich zum Zoolo­gi­schen Garten führe, erzählte ungefragt rade­bre­chend in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Italie­nisch allen, dass er von der Berlinale käme und 22 Filme gesehen habe (selbst war ich zu dem Zeitpunkt etwa beim Doppelten) und verpasste dann ob Konfusion und Gepäck­menge doch noch den recht­zei­tigen Ausstieg. Ich habe an dem Tag ein paar Filme ausfallen lassen und bin spaziern gegangen.

Ach ja, gutes Stichwort: Filme. Darum ging’s ja auch. Wollte ich dann nicht ganz vergessen, mich vor all jenen verneigt zu haben, die mir ein bis zwei­ein­halb begeis­ternde Stunden bescherten. Über ein paar davon habe ich mich ja schon letzte Woche ausge­lassen: ITALIENSK FOR BEGYNDERE, WIT, THE TAILOR OF PANAMA, JOINT SECURITY AREA. THE CLAIM (insgesamt mein Festi­val­fa­vorit) habe ich oben schon in zaghaften Ansätzen besungen; im Wett­be­werb wäre dann noch Catherine Breillats À MA SOEUR! besonders zu loben – gewiss kein ange­nehmer Film, aber einer, der in manchen Momenten den Blick so knallhart auf die Wahrheit hält, dass es einem friert. Und einer, der in bloßen Worten Grau­sam­keiten findet, die ungleich schlimmer sind als das harmlose grand guignol von HANNIBAL, das solch unsinnige Diskus­sionen auslöste. (Zwischen­ge­schoben sei hier auch ein beson­derer Dank an einen Kritiker des Tages­spiegel, der im Festi­val­re­sumé HANNIBAL zum Flop erklärte mit der Begrün­dung: »Die Darstel­lung der menschen­fres­senden Wild­schweine ist aufs schärfste zu verur­teilen!« Ein Klassiker fürs Poesie­album! Aber Recht hat der Mann: Die Darstel­lung ist wirklich sehr diskri­mi­nie­rend für menschen­fres­sende Wild­schweine – ganz zu schweigen von der Gefahr, dass das dann wieder alle möglichen Haus­schweine sehen und nachahmen...)
Auch fran­zö­sisch­spra­chig, auch (unter anderem) von der Schwie­rig­keit des Zwischen­mensch­li­chen handelnd, aber wesent­lich sinnen­froher als der Breillat-Film: LE ROI DANSE von Gérard (FARINELLI) Corbiau. Ein opulenter Film über Politik, Sex, Kunst und deren Zusam­men­hang, vorge­führt an der Geschichte von Jean-Baptiste Lully, Ludwig XIV. und Molière – berau­schend nicht zuletzt dadurch, dass Reinhard Goebels »Musica antiqua« sich von dem Film zu einem dermaßen packenden, leben­digen, kraft­vollen Spiel inspi­rieren haben lassen, wie man es bei herkömm­li­chen Lully-Aufnahmen nur selten zu hören bekommt.

Bei den Asiaten musste ich dieses Jahr länger als gewohnt suchen, bis die wahren High­lights gefunden waren – zwar war viel amüsantes, über­drehtes, gedie­genes Kino dabei, aber die echten Raus­reißer waren spär­li­cher gesät. THE FOUL KING war dann so einer – mit der vergnüg­lichste Film der ganzen Berlinale: Ein schüch­terner korea­ni­scher Büro­an­ge­stellter wird zum fiesen Profi-Wrestler. Viele Gags, gutes Tempo, perfektes Timing, korea­ni­sches Wrestling – was will man mehr...
Filmische Expe­ri­men­tier­freude, coole Stil­si­cher­heit, Spiel mit den Genre-Konven­tionen? Gab’s bei JIANG HU – THE TRIAD ZONE, dem stärksten Hong-Kong-Beitrag, der sich leider mit einem längeren Durch­hänger gegen Ende die Chance verscherzte, mein Film des Festivals zu werden.
Viel zurück­hal­tender als diese Streifen hingegen der japa­ni­sche SORO NO ANA (HOLE IN THE SKY) – ein wort­karger, lako­ni­scher (und immer wieder witzig) Film über eine mögli­cher­weise große Liebe, die irgend­wann anfängt und irgend­wann aufhört und die Menschen doch nicht aus ihrem Allein­sein reißen kann.
ALAI PAYUTHEY (WAVES) hatte schon mehr Opti­mismus zu bieten – die Liebe durfte am Ende trium­phieren, aller­dings erst, nachdem der Prot­ago­nist durch schwere Prüfung einge­sehen hat, dass sie etwas wesent­lich anderes und selbst­lo­seres ist als Verliebt­heit. Schade, dass dieses grandiose Melo das einzige Bollywood-Musical der Berlinale blieb – warum dieses Miss­trauen gegen Genre-Kino? So großartig und bewegend wie ALAI PAYUTHEY war sonst kaum ein Film in den andert­halb Wochen, so durch und durch wahres, echtes, pures Kino. Warum dann aus Indien immer lieber Bildungs­bürger-Sozi­al­dramen und Folklore als das pralle, geile Kommerz-Kino, das künst­le­risch mindes­tens eben so viel zu bieten hat. Aber nein: Genre-Filme müssen wohl generell warten, bis sie fünfzig Jahre alt sind und in den Retros und Hommagen als Klassiker laufen dürfen...
Der viel­leicht origi­nellste Film des Festivals war dann aber sowieso ganz wo anders zu finden: Unter den Dokus. Für THE SWEETEST SOUND ist Alan Berliner, Alan Berliner, Allan Berliner, Allen Berliner, Alain Berliner, Alan Berliner (das könnte ich jetzt noch ein gutes Stückchen fort­setzen...) gar nicht genug zu danken. Alan (NOBODY’S BUSINESS) Berliner hat sich Gedanken über (seinen) Namen gemacht – und alle anderen Alan Berliners zum Essen einge­laden, die er weltweit auftreiben konnte. (Darunter auch Alain (MA VIE EN ROSE) Berliner.) Um dieses Abendmahl für dreizehn Personen herum spinnt er in einer bloßen Stunde einen flotten, witzigen, tief­grün­digen Essay über das, was Namen mit uns machen und wir mit ihnen, über das, was es heißt, zu heißen. Fast über­flüssig zu sagen, dass es für diesen Berliner-Film keinen besseren Premie­renort geben konnte als die Berlinale.

Einen Dank habe ich noch bis ganz zum Schluss aufge­hoben. Der geht an Regisseur und Haupt­dar­steller von HOTOKE. Die beiden – vom leicht über­for­derten Über­setzter etwas im Stich gelassen und ange­sichts mancher Fragen eher ratlos – lieferten die wohl lustigste Publi­kums­dis­kus­sion dieses Jahr. Sie kannten genau ein Wort Deutsch – und das diente dann oft zwei, drei Minuten lang als Rettungs­anker, wenn sie nicht wussten, was sonst sagen: »Etto (japanisch für ›Äh...‹), etto... DANKE!... DANKE!... DANKE!«