Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers

Star Wars: Episode IX – The Rise of Skywalker

USA 2019 · 142 min. · FSK: ab 12
Regie: J.J. Abrams
Drehbuch: ,
Kamera: Dan Mindel
Darsteller: Adam Driver, Daisy Ridley, Billie Lourd, Carrie Fisher, Mark Hamill u.a.
Mit Abstand das größte Verdienst der neuen Trilogie: Daisy Ridley als Rey (Bild: Disney)

Schnitzeljagd der losen Fäden

Der erste Gedanke nach dem Screening von Star Wars: The Last Jedi war: Wie zum Teufel wollen sie das befrie­di­gend zu Ende bringen? Rian Johnson zog sein Programm, möglichst viele der Erwar­tungen zu unter­laufen, die von Star Wars: The Force Awakens geschürt wurden, gnadenlos durch und kappte dabei ganze Kausal­ketten, so dass klar war, dass Star Wars: The Rise of Skywalker ein schweres Erbe anzu­treten hat: nicht nur, dass die Fanbase nach dem kontro­versen Vorgänger, der einige der alten Tradi­tionen des Star-Wars-Mythos buchs­täb­lich nieder­brannte, entzweit ist, auch musste der Film vieles neu etablieren, was im letzten Teil einer Trilogie herkömm­li­cher­weise von den Vorgän­ger­filmen geleistet wird.

Dieser dritte Teil fühlt sich dann auch an wie seine eigene Trilogie. J. J. Abrams, der den künst­le­risch wenig über­zeu­genden ersten Teil wie ein Remake des aller­ersten Star-Wars-Films Star Wars: Episode IV – A New Hope von 1977 anlegte, lässt seine Prot­ago­nisten auf eine über­bor­dende Schnit­zel­jagd los, sie hüpfen von Schau­platz zu Schau­platz wie in den bishe­rigen beiden Teilen, auf der Suche nach dem x-ten MacGuffin. Es gibt Boden­kämpfe und Welt­raum­schlachten, wie immer Gut gegen Böse. So weit wie gehabt, doch was ist die Antwort auf die Ausgangs­frage?

J. J. Abrams löst ein unlös­bares Problem, indem er einfach einige der meist­kri­ti­sierten Aspekte von The Last Jedi negiert – die Liebes­ge­schichte zwischen Finn und Rose etwa ist wie ausgelöscht – und versucht, tradi­tio­nelle Werte zu reinstal­lieren. Dies vollführt er, indem er im Prinzip ein Remake von Return of the Jedi, also dem dritten Teil der Original Trilogy, abliefert. Insbe­son­dere in der Koda des Films ist dies evident. Dazu muss er den totge­glaubten Imperator als Super­bö­se­wicht wieder­be­leben, um die Lücke des Antago­nisten zu füllen, nachdem Rian Johnson ohne Not Snoke ausge­tilgt hatte. Auch dies ist eine kontro­verse und narrativ nicht fundierte Entschei­dung, an der klar wird, hier erleben wir einen Filme­ma­cher in Not, mit dem undank­barsten Job der Welt, und das bei „Star Wars“.

Abrams schafft es tatsäch­lich, einige der vielen, in der Luft hängenden losen Fäden auf akzep­table Weise zu schließen: Es wird erklärt, wie Leia ihre im Vorgänger über­ra­schend etablierten „Force Powers“ erlangt, und dies wird damit verknüpft, dass sie Reys durch Luke nicht voll­endete Jedi-Ausbil­dung weiter­führt. Mehr noch als das: Bei diesem Franchise stehen neben dem elemen­taren Kampf von Gut gegen Böse eine arche­ty­pi­sche Figu­ren­ent­wick­lung und das starke Band unty­pi­scher Freund­schaften im inneren Zentrum. Es gibt in The Rise of Skywalker endlich Figu­ren­ent­wick­lungen, die diese Bezeich­nung verdienen und sich über die gesamte Trilogie hätten erstre­cken müssen. Die starke Versu­chung Reys durch die dunkle Seite eröffnet ein span­nendes Zwie­ver­hältnis, vergleichbar zu Luke in „Return of the Jedi“, die Figur zweifelt endlich einmal an sich selbst und bekommt dadurch auf den letzten Drücker eine Art Bogen.

Daisy Ridley ist in diesem Film phäno­menal, sie spielt mit genau dem richtigen Maß an Pathos und macht eine besonders in den vorhe­rigen Teilen unwirk­lich gezeich­nete Figur lebendig. Ihre Entde­ckung ist mit Abstand das größte Verdienst der neuen Trilogie. Auch der Arc von Kylo Ren/Ben Solo ist konse­quent zu Ende erzählt. Der arg infantile Humor von The Last Jedi ist auf ein ange­mes­senes Level herun­ter­ge­fahren, was die exis­ten­zi­ellen Themen, die die Reihe auszeichnen, stärker hervor­treten lässt. Das Thema Freund­schaft wird dankens­wer­ter­weise stärker betont – anstatt, dass sich das Figu­ren­trio in unsin­nigen Neben­mis­sionen permanent aufsplittet, kommt es hier wenigs­tens in einigen Sequenzen zu den liebevoll-schnodd­rigen Inter­ak­tionen, die man an der Original Trilogy so geliebt hat, und man darf Teil eines exzen­tri­schen Zirkels sein. Wenn Poe einer alten und entfrem­deten Lieb­schaft begegnet, kommt sogar ein Hauch des charis­ma­ti­schen Wesens von Han Solo auf. Man hätte sich gewünscht, in nunmehr über sieben Stunden Filmzeit deutlich mehr von alldem zu sehen.

Wo The Last Jedi eine neuen, unnost­al­gi­schen (jedoch arg verqueren) Blick in das Star-Wars-Universum warf, nimmt The Rise of Skywalker die nost­al­gi­sche Perspek­tive von The Force Awakens wieder auf. Alte Figuren und Motive haben einen promi­nenten Platz, beliebte Neben­fi­guren wie Chewbacca und C-3PO spielen eine relativ große Rolle. Es gibt etliche Refe­renzen, die für einen alten Fan rührend sind, insbe­son­dere der taktvolle Abschied von Leia Organa, der wie eine filmisch-fiktio­nale Beer­di­gung der realen Person Carrie Fisher ist, die vor den Dreh­ar­beiten zu diesem Film verstarb. Bis auf eine Ausnahme (diese betrifft die „Königs­kinder“ Rey und Ben) sind die emotio­nalen Höhe­punkte aller­dings nicht dem neuen Stoff, sondern der Original-Trilogy zuzu­schreiben. Immerhin wird die Liebe und der Respekt des Regis­seurs gegenüber diesen Filmen deutlich, wobei nicht jeder mit der Auflösung der „Skywalker-Saga“ zufrieden sein wird.

Abrams kann eben auch nicht zaubern, und so weist dieser Film etliche Probleme auf, die vor allem von den grund­le­genden Problemen der Trilogie rühren. Um bestimmte Situa­tionen aufzu­lösen, wissen sich die Autoren nicht anders zu behelfen, als der „Macht“ absurde magische Elemente anzu­dichten, die bisher nicht Gegen­stand der Filme waren. So erfährt das biblische Lazarus-Motiv eine mehrfache „Wieder­be­le­bung“. Das Plau­si­bi­li­täts­pro­blem um Palpa­tines Wieder­kehr sowie die video­spie­leske MacGuffin-Hatz wurden bereits ange­spro­chen, der finale Space-Battle ist seltsam anti­kli­ma­tisch und der obli­ga­to­ri­sche Triumph fühlt sich nicht einmal besonders glorreich an, sondern eher wie „nochmal mit einem blauen Auge davon­ge­kommen“, was sich auf die gesamte Trilogie anwenden ließe.

Mit einer Frage begann dieser Text, und soll mit einer anderen schließen: Was wollten die eigent­lich erzählen? Inwieweit hat die „Sequel Trilogy“ etwas voran­ge­bracht? Diese Frage stelle ich bewusst unab­hängig von $$$. „Star Wars“ ist das Kind von George Lucas, also der Vision einer einzelnen Person, die hier der Verant­wor­tung mehrerer Instanzen – Produk­tion, „Story Group“, Regie – übergeben und in mehreren Etappen und mit signi­fi­kanten Führungs­wech­seln unter Zeitdruck abge­ar­beitet wurde. Kathleen Kennedy ist nicht Kevin Feige. Es gab keinen drama­tur­gi­schen Master­plan, der sozusagen aus einer Feder stammt und – siehe die Herr der Ringe-Trilogie – an einem Stück hätte gedreht werden können, um die Geschlos­sen­heit zu wahren. Statt­dessen sollte der erste Teil so schnell wie möglich ins Kino, um die Inves­ti­tion zu reka­pi­ta­li­sieren. Was nach drei Teilen dabei heraus­kommt, ist eine unaus­ge­go­rene Neuauf­lage der ersten Trilogie, mit einem speku­la­tiven ersten, einem undis­zi­pli­nierten zweiten und einem bemühten dritten Teil. Das Star-Wars-Universum wurde, anders als in der ansonsten ähnlich miss­ra­tenen Prequel-Trilogy, nicht entschei­dend erweitert. Man hat neue Figuren und Planeten geschaffen, die aber nicht für sich selbst stehen, weil sie nicht ausdrucks­voll genug sind. Die Dialektik wurde lediglich wieder­auf­ge­wärmt, Rebellion gegen Imperium, gute gegen dunkle Seite. Der am weitesten gehende neue Gedanke der Trilogie, nämlich dass jeder ein Jedi sein kann, wie es in The Last Jedi angelegt ist, und radikal mit den Vorstel­lungen von George Lucas bricht, spielt in The Rise of Skywalker plötzlich keine Rolle mehr – was fast besser so ist, denn es wurden genug mythische Aspekte trivia­li­siert.

The Rise of Skywalker ist ein befrie­di­gender Abschluss, viel­leicht sogar der best­mö­g­liche, einer letztlich geschei­terten Trilogie, in der evident wurde, dass viele Köche den Brei verderben, vor allem dann, wenn er aus wirt­schaft­li­chen Gründen zeitig auf den Tisch muss. The Rise of Skywalker hat bei weitem nicht die popkul­tu­relle Bedeutung, die er hätte haben können und ihm als Abschluss der dritten Star-Wars-Trilogie vorge­zeichnet war. Viel­leicht hätte man doch die mutmaß­lich in ganz andere Rich­tungen gehenden Story-Ideen von Lucas, welche Disney für diese Trilogie nicht berück­sich­tigt hat, nicht direkt in die Tonne schmeißen sollen. Bei so viel „hätte“ kommt man nur auf eine Conclusio – schade um die vertane Gele­gen­heit.

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Der Himmel über der Macht

Kein Ende; kein Anfang: Star Wars IX stolpert zwischen Mission und Vision, Extinction Rebellion und der Kündigung des Generationenvertrags und ist ein enttäuschender Abschluß der Kernerzählung

»Sometimes the best teacher failure is.«
Yoda

»Es kommt einem fast vor, als hätte Wim Wenders am Drehbuch mitge­schrieben.« – es war der Redakteur einer über­re­gio­nalen Tages­zei­tung, der mir das irgend­wann während der Vorfüh­rung von Star Wars: Episode IX – Der Aufstieg Skywal­kers zuflüs­terte. Es war nach etwa einer guten Stunde, als gerade Harrison Ford erschienen war. Nur für zwei, drei Minuten, gerade genug, um ein paar schlaue Dialogsätze aufzu­sagen, und charis­ma­tisch-verwit­tert in die Kamera zu schauen.

Harrison Ford, also Han Solo war nicht der erste und nicht der letzte aus einer Art All-Star-Band, der hier auftrat, als ob sie ein letztes Mal auf Tournee geht, und jeder darf noch mal sein Solo bekommen.

Die Selbst­ge­fäl­lig­keit des Star-Wars-Univer­sums, die sich in solchen Momenten zeigt, ist das Eine. Man findet sich selber wahn­sinnig toll. Dann möchte man es allen recht machen: Den Genera­tionen der über 60-jährigen, die seit der ersten Folge dabei sind, den Baby­boo­mern, die »Star Wars« 1977 noch im prä-puber­tären Halb­schlaf-Bewußt­sein erlebten, denen, die erst mit der zweiten und dritten Trilogie einstiegen, den Mille­nials, die es toll finden, dass es in »Star Wars« jetzt so viel »starke Frauen« gibt, als sei Princess Leia das nicht schon vor 42 Jahren gewesen, und der Alt-Right-Fraction die im Internet tobt »Keep Politics Out of Star Wars«, als sei »Star Wars« nicht immer schon politisch gewesen; den Nost­al­gi­kern, die seit 1977 Lucas-Jünger sind, und den Seherfah­rungen einer neuen Genera­tion, die härtere Bilder, schnel­leres Erzählen und knal­li­gere Effekte verlangen. Und allen anderen.

Nur nicht den Novizen: Denn dies ist kein Film für jeden, sondern nur einer für Kenner, für alle, die firm sind im Star Wars-Universum. Beflissen wird alles zu Ende erzählt, ohne Humor, ohne Über­ra­schungen.
Die Schwie­rig­keiten zeigt bereits die klas­si­sche Einlei­tung: Wieder zieht sich über ein Panora­ma­bild des Ster­nen­him­mels ein Schriftzug, der sich nach hinten verjüngt. Aber in diesem Fall gibt es gleich drei Blöcke mit drei Erzähl­strängen, die da einge­leitet werden müssen, und man tut sich sofort schon mal schwer, sich an alles zu erinnern: Wer war dies jetzt noch mal?

Yoga und Selb­st­op­ti­mie­rung

Am Anfang sieht man die Haupt­figur Rey im Yoga-Schnei­der­sitz drei Meter über dem Boden schweben und um sie herum schweben auch alle möglichen Steine im Raum – allein durch ihre Konzen­tra­tion in die Luft gehoben. Sie ist auf ihrem »täglichen Trai­nings­kurs«. Das ist zu Beginn ein fast schon ironi­scher Verweis auf die Ursprünge des Star Wars Stoffes aus den 70er Jahren mit ihrer Späthippie-Philo­so­phie: Einer Mischung aus Zen-Buddhismus, Wasser­mann­zeit­alter. Taoismus – später kommt so etwas nicht mehr vor, aber wie in allen Star Wars Filmen geht es auch hier durchaus um die Macht des Geistes und die Macht der Gefühle, um den Ausgleich von Ying und Yang.
Yoga und Selb­st­op­ti­mie­rung gehen auch in der Welt von »Star Wars« ein perfektes (Jamaica-) Bündnis ein: Star-Wars-Helden, wenn sie nicht gerade Han Solo oder Poe heißen, sind immer auch Klas­sen­beste, Streber, die sie sich fort­wäh­rend verbes­sern wollen, an sich arbeiten, die immer unlocker sind.

Offenes Kunstwerk

Künst­le­risch ist »Star Wars« zwar ein offenes Kunstwerk im Sinne Umberto Ecos: Es gehört dem Publikum, jeder macht etwas ganz Eigenes daraus, und jeder macht etwas anderes daraus – es ist nicht fest­ge­legt. Moderne Kunst­werke sind offen für Deutung jeder Art.
Doch das Grund­prinzip ist sehr statisch: Alle Jahre wieder pünktlich zur Advents­zeit Laser­schwert-Kämpfe, X-Flügel-Jäger, zerbers­tende Raum­schiffe und Dialoge, die bedeu­tungs­voll von »der Macht« raunen – auch der neueste »Star Wars«-Film bietet all das, was zur Stan­dard­aus­stat­tung dieses Kino-Epos gehört. Dies ist zuerst mal ein Welt­raumaben­teuer, das vom univer­salen Kampf von Gut gegen Böse erzählt, auf der großen Ebene vom Imperium gegen die Rebellion, auf der kleinen persön­li­chen Ebene von der Familie: Söhne gegen Väter, Geschwister gegen­ein­ander, Mütter gegen Söhne. Die Story vom ewigen Kampf zwischen dem tota­li­tären »Imperium«, das sich nunmehr »Erste Ordnung« (oder »Erster Orden«, englisch: »First Order«) nennt, und den Rebellen, deren kurz­zeitig errich­tete Republik längst wieder zerbro­chen ist, wird auf mehreren Ebenen erzählt, in diversen Paral­lel­hand­lungen, die selten bis gar nicht zusam­men­ge­führt werden:
Ein Dutzend verschie­dene Figuren steht im Zentrum, darin eine Klein­fa­milie, es gibt Gute und Böse, Kinder suchen ihre Eltern, können nicht sicher sein, wer ihre Eltern sind, wachsen bei Adop­tiv­el­tern auf. Im Zentrum steht wieder die Anrufung des Helden und eine messia­ni­sche Erlöser-Figur mit magischen Kräften. Sie heißt Rey – also König auf Spanisch –, ist politisch korrekt eine Frau und pflegt offen­sicht­lich eine besonders innige Beziehung zur »Macht«, dem alle Elemente panthe­is­tisch verbin­denden Fluidum des »Star Wars«-Univer­sums. Im achten Teil war sie zur Jedi-Azubine geworden und hatte im Auftrag der Rebellen Luke Skywalker ausfindig gemacht – die Älteren erinnern sich: Dies war die Messias-Figur der ersten drei »Star Wars« Teile (1977-1983), ein plane­ta­ri­scher John Boy Walton, der auf ewig im Schatten des charis­ma­ti­schen Han Solo stur seine öde Mission verfolgte. Der mitt­ler­weile alt und grau gewordene Luke hat sich einen Vollbart wachsen lassen und auf eine karge Insel in mönchi­sche Einsam­keit zurück­ge­zogen.
Im Teil IX nun muss Rey weit­ge­hend ohne Luke auskommen (im entschei­denden Moment aber doch nicht, was die eman­zi­pa­to­ri­sche Botschaft gravie­rend schwächt). Immer noch muss Rey sich selber finden, sich defi­nieren und erwachsen werden.

Ein weiterer Erzähl­strang bietet den besten Darsteller des Films: Adam Driver als Ben Solo, der Sohn von Han und Leia, der im siebten Film zum Vater­mörder wurde, und ein neuer Darth Vader werden wollte. Doch das fällt ihm nicht so leicht, denn auch das Gute schlum­mert noch in irgend­einem Kerker seiner geschun­denen Seele.

Und immer wenn man denkt, es geht nicht mehr dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her.

Allgemein bietet auch dieser Star Wars Film das Übliche und Erwart­bare: Spie­le­reien mit faschis­ti­scher Ästhetik, Opfer­my­tho­logie, Schlachten, endlose Verfol­gungs­jagden und Tragödien. Und immer wenn man denkt, es geht nicht mehr dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her.

Das alles nach dem narra­tiven Muster des Samplens, Springens, Driftens. Was hat jetzt diese Figur noch mal vor? Wodurch ist jene Figur gefährdet? Die Handlung kann nie da bleiben wo man ist, muss immer an die Neben­hand­lungen denken, sie verhäkeln, verknäulen, dann wieder ausein­ander, eins rechts, eins links, eins in die Mitte und dort den fünften Ball in der Luft nicht fallen lassen, puh!

So hastet der Film pflicht­schul­digst dahin, sampelt all jene paral­lelen Schau­plätze, die selten bis gar nicht zusam­men­ge­führt werden, neue und alte Figuren – Chewbacca, R2D2, C3PO – und Schau­spieler aller Haut­farben und Genera­tionen. Dazu kommen tech­no­lo­gi­scher Feti­schismus und die bekannten Eso-Dialoge – man könnte das alles ironisch nehmen, aber der Jedi-Kult um die »Macht« mit ihren hellen und dunklen Facetten ist für manche eine bier­ernste Welt­an­schauung. Die alten zentralen Musik­themen von John Williams tun ein Übriges, um das Publikum in andau­ernder Sicher­heit über die Bedeutung der jewei­ligen Szene zu halten.

Es wird nicht besser dadurch, dass es sich um lauter Verschnitte handelt: Rey ist wie auch Jyn in Rogue One: A Star Wars Story ein Princess-Leia-Verschnitt: Ein Girl, Ende Zwanzig mit braunem Haar, weil das auf der weißen Uniform besser aussieht, als Blond, und das nach hinten zu Zöpfen gebunden ist. Poe ein Han Solo Verschnitt – nur leider dann doch zu brav, zu soft, trotz schlechter Rasur. Und Ben (»Benjamin?«) Solo ein Darth Vader-Verschnitt und wie dieser ein Schurke mit Narbe im Gesicht. Auch BB-8 ist nur ein rollender R2D2. Aus derlei Nach­geäffe kann nichts Klas­si­sches draus werden. Statt­dessen erlebt man Disney­fi­zie­rung pur: Vor Expe­ri­menten hat der Konzern seit jeher Angst, darum spürt man das Motto »Zurück­hal­tung um jeden Preis« und »Sicher­heit zuerst« über­deut­lich.

Die Welt als Labyrinth und als Achter­bahn

Natürlich ist der Boom der Fantasy seit George Lucas Erwachen auch damit zu erklären, dass wir in einer Zeit leben, in der »Gott tot ist« (Nietzsche), in der wir unsere »tran­szen­den­tale Obdach­lo­sig­keit« (Georg Lukacs, nicht George Lucas) mit Ersatz­re­li­gionen und Ersatz­my­then stillen müssen. Nach der »Spiri­tua­lität« der Jedi gibt es eine Energie, die alles durch­zieht und die man durch Konzen­tra­tion und durch eine gewisse Art von Selbst­rei­ni­gung beein­flussen kann. Aus der man Stärke ziehen kann – das ist eine ganz populäre bis popu­lis­ti­sche Version von fernöst­li­chen Theorien: Taoismus, Zen-Buddhismus lernen Manager heute in Seminaren, bevor sie dann wieder in Ihrem Unter­nehmen die harten Kerls geben, tanken sie Energie und fühlen sich dann wie kleine Jedi-Ritter. Dies ist die unsym­pa­thi­sche und sehr elitäre Seite der Star-Wars-Philo­so­phie: Es gibt nur ganz wenige, die wirklich in der Lage sind, sich so unter Kontrolle zu haben, dass sie auf die höchste Stufe der ener­ge­ti­schen Kommu­ni­ka­tion und »die höchste Stufe der Macht« aufsteigen.

Es war schon immer Unsinn, in diesen Film eine Utopie hinein­zu­in­ter­pre­tieren, einen ernst­zu­neh­menden philo­so­phi­schen Zukunfts­ent­wurf – wie dieser neunte Star Wars-Film ist seine Vorgänger vor allem ein Produkt des Hier und Jetzt, keine Utopie, sondern ist ein Spiegel unserer Zeit. Er zeigt uns nicht eine Zukunft, sondern er zeigt uns die Gegenwart und den augen­blick­li­chen Zeitgeist: In seiner Betonung von Diver­sität aller Art; in der Gleich­be­rech­ti­gung der Frau­en­fi­guren. Aber auch darin, dass »Star Wars IX: Der Aufstieg Skywal­kers« ein ganz dunkles düsteres und auch ziemlich chao­ti­sches Szenario entwirft: Star Wars hat längst die Unschuld und den Opti­mismus seiner Anfänge verloren. Die Welt ist böse, Über­stehen ist alles. Die Welt erscheint als Labyrinth und als Achter­bahn zugleich.

Wie bei der Artus-Sage, bei Tolkien, bei den Wellness-Seminaren fürs schwarz­grüne Bürgertum ist das, was altdeutsch: »Blut«, neudeutsch: »die Gene«, post­mo­dern verschwallt: »Körper­ge­dächtnis« heißt, wichtiger, als alle Erfahrung, Erziehung, Bildung, Vernunft, der Kopf.

Wie im poli­ti­schen Unbe­wussten des Westens ist auch in »Star Wars« Demo­kratie nur eine Behaup­tung, nur schöner Schein. Dahinter haben wir es mit einer höchste elitären Variante von »Dynastie« zu tun, mit der Geschichte ein paar weniger aris­to­kra­ti­scher Sippen. Abge­stimmt wird sowieso nicht, vor allem aber kann nicht jeder Jedi und Welt­retter werden, sondern nur die Kinder und Kindes­kinder der alten Schach­teln und Säcke. Da spiegelt das »Star Wars«-Universum das ameri­ka­ni­sche, das Land der Bushs und Clintons, und des Trump-Prinzips: Die Macht ist nicht mit Dir und mir, sondern mit den Fami­li­en­banden – wie in der Renais­sance.

Auch sonst gibt es kaum Hand­lungs­frei­heit: Die Figuren können allen­falls wollen, was sie müssen, die Geschichte ist unaus­weich­lich vorbe­stimmt – aus »Star Wars« wird »Der Herr der Ringe«, statt Fort­schritt droht in der Geschichte die ewige Wieder­kehr des Gleichen: Ein bemer­kens­wertes Pop-Phänomen, das eine Zeit spiegelt, in der der Westen den Glauben an Fort­schritt und unend­liche Selbst­ver­bes­se­rung verloren hat, in der die Menschen sich »von unüber­schau­baren poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Dynamiken – und zum Teil auch bereits von undurch­schau­baren 'Mächten' bestimmt sehen. Wie im Natu­ra­lismus oder in der antiken Tragödie kann man jetzt auch im ›Star Wars‹-Universum seiner Bestim­mung, seinen Defor­ma­tionen nicht mehr entkommen.« (wie die großar­tige Juliane Liebert es in der SZ bereits vor zwei Jahren zu Teil VIII auf den Punkt brachte).

Die Ambi­va­lenz der Figuren ist somit nur behauptet. Ein Problem ist zudem, dass dem arg vorher­seh­baren Film genau­ge­nommen jede Spannung fehlt. Man weiß nicht nur, wie es ausgeht, sondern auch was auf dem Weg dahin passiert. Nur zwei, drei Über­ra­schungen peppen das letzte Drittel etwas auf, ansonsten Fehl­an­zeige: Die Guten leben wieder mal a la Che Guevara im Dschungel, alte Schriften tauchen auf, die keiner mehr entzif­fern kann, Sprachen die wir nicht verstehen und nicht lesen können – alles wie in der Mittel­stufe jedes zweiten deutschen Gymna­siums.

Denn wozu lernen in einer Welt, in der alles deter­mi­niert ist? Zwischen Mission und Vision irrt jeder der Charak­tere herum, keiner durch­schaut das Ganze – diese Welt ist eine grund­sätz­lich rätsel­hafte Wirk­lich­keit, der mit Aufklä­rung und mit Vernunft, mit Wissen­schaft und Analyse nicht beizu­kommen ist, in der auch Kommu­ni­ka­tion ihre Grenzen hat.

Die Kündigung des Genera­tio­nen­ver­trags und das Diktat der Gesam­terzäh­lung

Gleich­zeitig ist dies auch ein Film und auch insofern ein Zeit­geist­pro­dukt, als es ein Film ist, der vom Verhältnis der Jungen erzählt, von der Macht der Alten über die Jungen. Alte Männer tragen hier Mönchs­kutten und hausen in Innen­höfen in Ruinen.
Das ganze Star-Wars-Universum baut auf Fami­li­en­be­zie­hungen auf, auf der Behaup­tung, dass man seiner Herkunft nicht entkommen kann, dass man sich mit den Tradi­tionen ausein­an­der­setzen muss – aber auch kritisch ausein­an­der­setzen. Man dar sich auch von ihnen distan­zieren. Gerade auch im letzten Teil wird sehr deutlich gesagt, dass »das Blut«, also die Verwandt­schaft, die Fami­li­en­be­zie­hungen, die Gene uns nicht bestimmen und nicht domi­nieren – sondern die Willens­kraft. Man kann sich und sollte sich auch von seiner Herkunft distan­zieren, von seinen Tradi­tionen, man sollte sich seine Wahl­ver­wandt­schaft suchen: Es gibt hier für die positiven Haupt­fi­guren immer Ersatz­fa­mi­lien und Wahl­ver­wandt­schaften.

Das ist auch eine Botschaft für unsere Zeit: Dass man nicht allem gehorcht, was einem die Eltern und die Groß­el­tern sagen, dass das Dasein und die Existenz des bösen Groß­va­ters – eben keine mora­li­sche oder poli­ti­sche Verpflich­tung ist: Rey muss nicht auf die böse Seite der Macht gehen, weil dort der Opa schon steht, sondern sie hat eine Willens­frei­heit, und die Freiheit nein zu sagen. Dies ist also, wenn es eine Philo­so­phie ist, eine Philo­so­phie für freie Menschen. Diese Freiheit aller­dings wird einem nicht geschenkt, sondern man muss sie sich auch erkämpfen. Freiheit ist nichts Leichtes.

Die Jungen sind hier die Rebellen, und sie kündigen den Genera­tio­nen­ver­trag des Imperiums auf: Schluss! Aus! Ende! Die alten Säcke, die mit Mönchs­kutten in dunklen Höhlen hausen, und eine Oldschool-Macht­po­litik prak­ti­zieren, die die Welt in die Selbst­zer­stö­rung führt, die wollen wir nicht mehr: Dies ist der Film zur »Extinc­tion Rebellion« – und diese Beob­ach­tung geht sogar so weit, dass ein X, zu dem zwei Laser­schwerter gekreuzt werden, das Zeichen ist, unter dem die Rebellen schließ­lich siegen. Statt Familie und den Zwängen der Identität, der Tradition, des Blutes und der Gene, feiert dieser Film so zumindest am Ende die Absage an die Biologie, feiert Wahl­ver­wandt­schaften und Freiheit.

Aber alles steht unter dem Diktat der Gesam­terzäh­lung. Erzähl­stränge müssen geschlossen werden, rote Fäden gehalten, und jede alte Figur darf nochmal auftau­chen. So überwiegt am Schluss der Gedanke: Gut dass es vorbei ist. Ab jetzt könnte in neuen Fantasy-Universen die Zukunft zurück­kommen.

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