| Deutschland/F/H 2025 · 147 min. · FSK: ab 6 Regie: Ildikó Enyedi Drehbuch: Ildikó Enyedi Kamera: Gergely Pálos Darsteller: Tony Leung Chiu-Wai, Luna Wedler, Johannes Scheidweiler, Enzo Brumm, Marlene Burow u.a. |
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| Kein Manifest, sondern eine Einladung zum Hinsehen... | ||
| (Foto: Pandora) | ||
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
– Johann Wolfgang von Goethe, Wandrers Nachtlied
Es beginnt mit einem scheinbar nüchternen Experiment: Babys reagieren mit maximaler Aufmerksamkeit auf das Neue, ihr Gehirn öffnet sich dem Unbekannten ohne Vorbehalt. Erwachsene hingegen lernen, das Neue auszublenden, zu filtern, abzuwehren. Schon dieser Auftakt markiert die Richtung von Silent Friend, dem neuen Film von Ildikó Enyedi. Es geht um Wahrnehmung, um Offenheit – und um die stille, beinahe vergessene Fähigkeit, sich auf etwas einzulassen, das nicht spricht und doch antwortet.
Enyedi erzählt in drei lose miteinander verbundenen Episoden, die sich vom frühen 20. Jahrhundert über die 1970er Jahre bis in die pandemischen 2020er erstrecken. Zentrum und Konstante ist ein alter Ginkgobaum im Botanischen Garten der Universitätsstadt Marburg. Er ist Beobachter, Resonanzraum, stiller Zeuge – weniger Symbol als Gegenüber. Dass der Film im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig lief und später auf der Sight & Sound-Liste der besten Filme des Jahres auftauchte, überrascht nicht: Silent Friend ist Kino von seltener Ruhe und formaler Konsequenz.
In der Gegenwartsebene begleitet der Film einen aus Hongkong stammenden Neurowissenschaftler, gespielt von Tony Leung, Chiu-wai, der als Gastprofessor in Marburg forscht. Nach EEG-Studien an Säuglingen richtet er seine Messinstrumente auf Bäume – ein ebenso absurdes wie zärtliches Unterfangen. Was denkt ein Kleeblatt, bevor es vom Pferd zertreten wird? Die Frage wird nie beantwortet, aber sie öffnet einen Denkraum, der über naturwissenschaftliche Neugier weit hinausgeht. Enyedi schlägt hier eine Brücke zwischen neuronaler Aktivität und pflanzlicher Existenz, ohne je ins Esoterische abzurutschen.
Die zweite Episode führt ins Jahr 1972. Der Student Hannes (Enzo Brumm) erlebt durch einen scheinbar banalen Akt des Beobachtens – eine Geranie, ein Garten, ein Blick – eine stille Transformation. Diese Passage entwickelt sich zu einer zarten Liebesgeschichte, getragen von Luna Wedler, die dem Film eine transzendentale emotionale Erdung verleiht. Hier findet Silent Friend eine Wärme, die nicht sentimental ist, sondern erfrischend und überraschend beharrlich.
Die früheste Ebene, angesiedelt um 1908, folgt Grete, der ersten Biologiestudentin der Universität Marburg. Ihre Leidenschaft für die Fotografie richtet sich auf Pflanzen, auf Strukturen, auf Muster. In den scheinbar unscheinbarsten Gewächsen entdeckt sie Ordnungen, die an heilige Geometrien erinnern – als ließe sich im Blattwerk eine verborgene Grammatik des Universums lesen. Enyedi inszeniert diese Entdeckungen nicht als Offenbarung, sondern als langsames Sehenlernen.
Vergleiche drängen sich auf: an The Tree of Life von Terrence Malick, an den metaphysischen Schluss von 2001 – Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick. Doch anders als diese großen kosmologischen Entwürfe interessiert Enyedi nicht die Überwindung der Natur oder deren metaphysische Transzendierung. Ihr Film sucht klein, tastend, beinahe bescheiden nach einer neuen Sprache der Liebe – einer universalen Sprache, die in einer von Kriegen und Kakophonien geprägten Gegenwart dringend gebraucht wird.
Formal bleibt Enyedi ihrer Handschrift treu. Wie schon in Körper und Seele balanciert sie präzise zwischen Realität und Traum, zwischen Körper und Geist, ohne sich je in bloßer Stimmung zu verlieren. Plot und Dialog behalten ihre Funktion, selbst dort, wo der Film meditativ wird. In dieser Hinsicht gelingt Silent Friend etwas Seltenes: Er ist kontemplativ, ohne spannungslos zu sein.
Thematisch knüpft der Film an Arbeiten an, die Zeit und Raum als verdichtete Erfahrungsräume begreifen – etwa Here von Robert Zemeckis oder In die Sonne schauen von Mascha Schilinski. Auch hier wird transgenerational gelebt, gearbeitet, gelitten. Doch Enyedi fügt eine weitere Dimension hinzu: die Zukunft. Nicht als dystopische Warnung, sondern als fragile Möglichkeit.
Immer wieder taucht bei all der Stille, die dieser Film in seiner Suche nach Kommunikation trägt, »Über allen Gipfeln ist Ruh« vor die inneren Augen; das berühmte Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe evoziert eine existentielle Stille, in der sich das menschliche Vergehen, das Aufgehen des Einzelnen im Naturzusammenhang, bereits ankündigt. In Silent Friend jedoch kehrt Ildikó Enyedi diese Perspektive um. Ihre Ruhe ist kein Vorzeichen des Verschwindens, sondern eine Bedingung der Aufmerksamkeit. Die Stille markiert hier nicht das Ende menschlicher Erfahrung, sondern ihren möglichen Neubeginn: als Zuhören, als Anerkennung eines Anderen – ob Mensch oder Pflanze –, der sich nie vollständig erschließen lässt und gerade darin eine eigene Würde behauptet.
Silent Friend ist ein leiser, kluger Film, der Geduld verlangt und sie reich belohnt. Kein Manifest, kein Thesenfilm, sondern eine Einladung zum Hinsehen, zum Innehalten. In seiner Zurückhaltung liegt seine ganze Kraft – und vielleicht auch seine größte politische Geste.