| D/I/E/GB/USA 2026 · 95 min. · FSK: ab 16 Regie: Karim Aïnouz Drehbuch: Efthymis Filippou Kamera: Hélène Louvart Darsteller: Callum Turner, Elle Fanning, Riley Keough, Lukas Gage, Jamie Bell u.a. |
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| Aufstellen zum Familienbild (die Freundin kann rausgeschnitten werden) | ||
| (Foto: MUBI · Felix Dickinson) | ||
Die Rosensträucher stutzen: Das ist eine Geste der Rosenzucht, die für die Veredelung der Königinnen der Blumen sorgen soll. Hier jedoch wird in einem schwarzgalligen Film das Gegenteil virulent: Der Beschnitt wird wichtig, weil der edle Wuchs zum dekadenten Auswuchs degeneriert ist und wilde, statt edle Blüten treibt. Und natürlich ist der Rosenbusch ein Sinnbild für die menschliche Sphäre: Im Zentrum steht eine ultrareiche Familie und ihre Sprösslinge. Die, wir ahnen es, einer ums andere gestutzt werden.
Der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz, der eine Zeit lang auch in Berlin gelebt hat und dort den beobachtenden Dokumentarfilm Zentralflughafen THF (2018) drehte und ein Jahr später den zärtlich-poetischen Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão in Brasilien realisierte, wagte sich bereits 2024 mit dem Erotik-Thriller Motel Destino auf weitaus gewagteres Terrain. Hélène Louvart war in den genannten Spielfilmen seine Kamerafrau, was sich durch eine der jeweiligen filmischen Tonlage angeschmiegte Ästhetik mitteilte – die Göttin unter den Kamerafrauen ist bekannt für ihre die Filmintention übersetzenden Bilder. Und für Rosebush Pruning, der eine eigentlich sehr dunkle Seite des Reichtums zur Groteske überspitzt, hat sie farbenfrohe Illustrierten-Bilder gefunden, die vom sich eintrübenden Hochglanz der High Society erzählen.
Karim Aïnouz’ Rosebush Pruning ist ein Remake von Marco Bellocchios I pugni in tasca (Mit der Faust in der Tasche) von 1965 – angeblich sah er den Film während des Corona-Lockdowns. Und letztlich geht es im Film selbst auch ums Eingeschlossensein: Eine reiche Familie aus den USA, die nach Spanien ausgewandert ist und dort isoliert in ihrem Luxus-Anwesen lebt, genügt sich gewissermaßen selbst. Die Mutter ist verschwunden (und taucht später allerdings dann doch auf; Pamela Anderson spielt sie mit mädchenhafter Frische), der erblindete Vater sitzt meist im Sessel und kommandiert seine fünf erwachsenen Kinder herum. Diese befinden sich in der fortgeschrittenen Phase des Coming of Age und loten untereinander ihre sexuellen Eigentümlichkeiten aus. Im Zustand der Degeneration und des auf sich Gestelltseins ersinnen sie sich gegenseitig als Geschlechtspartner, in Inzest- und Transgender-Phantasien – während der Vater missbräuchlich wird.
Es wird immer wieder sehr unappetitlich. Der sexuellen Transgression folgt auch der Versuch, ein Trauma zu transgredieren, mit dem die erwachsenen Kinder leben müssen. Eine der rituellen Ersatzhandlungen zeigt sie, wie sie in die häusliche Vorratskammer eindringen (die diesen Namen nicht verdient hat, sie müsste wohl besser königliche Speisekammer tituliert werden, so groß ist sie), Fleisch aus der Kühltruhe entwenden und kurze Zeit später im Wald auslegen. Als sich die Wölfe im Rudel auf das Aasfleisch stürzen, kann erahnt werden, dass im Inneren der Familie das Herz offen liegt. Hinter dem skurrilen Zeitvertreib liegt ein bitteres Geheimnis.
Nur Jack (Jamie Bell), der älteste Bruder der Familie, möchte aus dem Delirium ausbrechen und mit seiner Freundin Martha (Elle Fanning) zusammenziehen – ein Plan, dem durch die Grundkonstellation natürlich Grenzen gesetzt werden. Schließlich drehen alle immer mehr ab.
Rosebush Pruning erinnert in seiner sich immer weiter hochschraubenden Tonlage der Absurditäten, Obszönitäten und auch Perversitäten an Emerald Fennells nur im Stream erschienenen Megahit Saltburn. Wie die Stimmung von anfänglicher Plausibilität allmählich aus dem Ruder gerät, bis alles kippt und die Entropie einsetzt, lässt sich auch bei Aïnouz mit schauriger Freude erleben. Letztlich ist für die nihilistische Tonlage, die sich in Rosebush Pruning durchsetzt, vor allem auch Aïnouz’ Drehbuchautor Efthymis Filippou zuständig. Er hat all die Parabeln der gesellschaftlichen Isolation und des Eingeschlossenseins geschrieben, die der griechische Nihilist Yorgos Lanthimos realisiert hat: beginnend beim frühen Dogtooth, über Alpen, The Lobster bis Kinds of Kindness. Wenn einem also in Rosebush Pruning eine gewisse Beklemmung überfällt: Dann folgt dies der höchsten Kunst der Menschenverachtung und sollte im freien Fall zelebriert werden. Den sich liebenden Geschwistern zuzusehen, ist sicherlich ein Kino der Oberfläche und des hohlen Zeitgeists. Und, bitteschön, genau darum geht es.