Possible Love

Ga-neung-han sa-rang

Südkorea/F 2026 · 164 min. · FSK: ab 12
Regie: Lee Chang-dong
Drehbuch: ,
Kamera: Kim Ji-Yong
Darsteller: Jeon Do-yeaon, Sul Kyung-gu, Zo In-sung, Cho Yeo-Jeong, Jo Yuri u.a.
Possible Love
Die Lebenslügen der Menschen und deren Beobachtung...
(Foto: Netflix)

Parasiten der Klassengesellschaft

Lee Chang-dongs engagierte Kieslowski-Variation Possible Love

Dies ist unter vielem anderen eine Geschichte über einen Mann, der kaum spricht oder der nach einem trau­ma­ti­schen Erlebnis nicht sprechen kann. Seine Frau hingegen ist umso redse­liger, wenn nicht sogar einfach geschwätzig. Das führt dazu, dass sie sich mit einer Doku­men­tar­fil­merin anfreundet, die ihre Redse­lig­keit von Anfang an kalku­liert ausnutzt, die sich aber doch auch in aufrich­tiger Anteil­nahme für die ausge­spro­chen verwi­ckelte beruf­liche Situation zu inter­es­sieren beginnt, in der die beiden gefangen sind.

Kora­ni­sche Gesell­schaft: Ordent­liche junge Eltern, Erziehung des Kindes, Repres­sion. Die Ehe ist nicht richtig gut, man merkt es sofort. Alles ist starr, man schweigt im Auto.

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Mit unglaub­li­cher Ökonomie und Souver­ä­nität erzählt der Regisseur seine Geschichte. Alles ist wahn­sinnig klar.

Es geht von Anfang an um die Lebens­lügen der Menschen, und um deren Beob­ach­tung.

Inspi­riert von der zehnten Episode aus Krystof Kies­low­skis Dekalog, die dem Gebot »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut« gewidmet ist, ist Lee Chang-dongs Possible Love ein Film über zwei Paare und zwei Gesell­schafts­klassen. Der Regisseur ist engagiert in dem Sinn, dass er sich die Absicht hat, in seinem Film gesell­schaft­liche Verhält­nisse zu zeigen und Klas­sen­ver­hält­nisse und ökono­mi­sche Verhält­nisse. Es geht nicht um private Geschichten, es geht auch nicht um das Psycho­lo­gi­sche, auch nicht um den schlichten Witz oder den Effekt. Man kann sicher sein, dass Lee Chang-dong kein Zyniker ist – während man bei Parasite, den korea­ni­schen Erfolgs­film, der dem Regisseur bei allem Respekt wohl kaum aufrichtig gefallen dürfte – zu unpo­li­tisch und vergnüg­lich ist Bong Joon Hoos Film im Vergleich ausge­fallen. Possible Love setzt andere Akzente –, an den der Zusam­men­prall dieser beiden Welten aber kaum zufällig erinnert manchmal schon eher ein kaltes Achsel­zu­cken und ein Hinnehmen der Verhält­nisse wahrnimmt. Hier spürt man immer die Empörung und das Leiden die Trauer über die Verhält­nisse, den mora­li­schen Affekt.

Die Doku­men­tar­fil­merin hat zwar ein linkes Gewissen, aber passen­der­weise auch einen wohl­ha­benden Ehemann: einen reichen Erben und Börsen-Unter­nehmer, der gerade kurz vor dem Abschluss eines Geschäfts steht, das er per Telefon erledigt, und das ihm viel Geld einbringen wird – mehr, als der andere schweig­same Mann und seine Frau sich erträumen können.

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Ist Possible Love also viel­leicht ein Film, der ebenfalls schweigsam und lakonisch ist, obwohl es in ihm von Dialogen nur so wimmelt? Denn in Lee Chang-dongs neuestem Film sind Worte zwar allge­gen­wärtig, aber nicht immer von Bedeutung. Vielmehr verbergen sie häufig etwas. Was wirklich zählt, tritt erst nach und nach hervor, so als sträube sich auch der ganze Film dagegen, deutlich zu sein, zu sprechen, als finde er erst im Fortgang der Handlung allmäh­lich seine Sprache. Es handelt sich also um eine Fiktion über die Sprache, die in dem Film, den die Doku­men­tar­fil­merin dreht, zu Bildern werden. Zugleich aber erzählt der Film von Gespens­tern, von dem, was sich nicht sagen lässt, und wofür die Sprache – die verbale ebenso wie die filmische – noch keine Bezeich­nung gefunden hat: die Ausbeu­tung der Arbeits­kraft, der Kapi­ta­lismus in seiner heutigen Gestalt.

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Allmäh­lich wird es klar: Der schweig­same Mann wurde nach einem besonders schmerz­haften Vorfall entlassen: Er hatte an einem Streik teil­ge­nommen, der in Gewalt mündete, vor allem für ihn selbst. Dieses Ereignis zeigt der Film zweimal, als wüsste er nicht, wie er es »ausspre­chen« soll, oder als fände er nicht den richtigen Ton. Im Klas­sen­kampf und bei der Beschrei­bung des Kapi­ta­lismus ist das Ungesagte ebenso wichtig wie das Wenige, das sich überhaupt sagen lässt. Dasselbe gilt für Liebes­be­zie­hungen: Die Frau des schweig­samen Mannes wird sich von dem Unter­nehmer angezogen fühlen, und zwar auf ähnliche Weise, wie die Doku­men­tar­fil­merin sich zu deren Mann hinge­zogen fühlt.
Zugleich ist auch die Liebe in ihren Facetten nur ein Instru­ment der Ausbeu­tung: Auch die mögliche Liebe ist eines jener Güter, die man nicht begehren darf, will man nicht in eine emotio­nale Sprach­lo­sig­keit verfallen. Eines der letzten Geräusche des Films ist kein Wort. Es stammt von einer Tril­ler­pfeife, die dem wohl­ha­benden Paar gehört, schließ­lich aber bei dem kleinen Sohn des benach­tei­ligten Paares zwischen den Lippen landet.

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Das Kino muss offenbar erst noch eine ästhe­ti­sche Form finden, um die poli­ti­schen Verhält­nisse unserer Gegenwart ange­messen darzu­stellen. Possible Love versucht es mit aller Kraft: Durch eine bis ins Äußerste durch­dachte Ästhetik der Verwei­ge­rung, die sich mit unge­wöhn­li­cher Ruhe und bedacht­samer Vorsicht entfaltet. Gegen Ende versucht der Film viel­leicht, zu viele Dinge zugleich abzu­schließen; bisweilen macht er da aus vorhe­rigen Andeu­tungen allzu explizite Aussagen, obwohl alles schon längst verstanden wurde. Aber das spricht nicht gegen ihn: Alles ist eine Frage des Rhythmus, der Dauer. Schließ­lich entlädt sich diese Spannung, und der Film beginnt zu sprechen – so wie der schweig­same, traurige Mann, mit dem alles seinen Anfang nimmt.