| Niederlande 2025 · 103 min. · FSK: ab 12 Regie: Mike van Diem Drehbuch: Mike van Diem Kamera: Martin Gschlacht Darsteller: Thekla Reuten, Fedja van Huêt, Noortje Herlaar, Valentijn Dhaenens u.a. |
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| Wie würde man selbst in einer solchen Notsituation entscheiden? | ||
| (Foto: Der Filmverleih GmbH) | ||
Zwei Ehepaare aus den Niederlanden haben sich vor zehn Jahren im Urlaub in den österreichischen Alpen kennengelernt und Freundschaft geschlossen. Sie haben sogar ein schickes Haus gemeinsam gekauft, in dem sie seitdem jedes Jahr im Sommer mit ihren beiden Töchtern eine Ferienwoche verbringen. Die Kinder sind inzwischen zu Teenagern herangewachsen.
In diesem Sommer brechen Elise (Frédérique van Baarsen) und Madelon (Rosa van Leeuwen) mit dem Quad des 16-jährigen Ralph (Jeremy Miliker), einem ortsansässigen Tiroler, zu einer Tour über steile Bergstraßen auf. Die Fahrt ohne Schutzhelme endet tragisch: Elise erleidet einen Schädelbruch und fällt ins Koma, Madelon hat dagegen nur Prellungen und einige gebrochene Rippen. Ralph kommt unversehrt davon. Der Unfall stellt das Leben von Elises Eltern Gwen (Noortje Herlaar) und Erik (Valentijn Dhaenens) auf den Kopf, aber auch Madelons Eltern Anouk (Thekla Reuten) und Danny (Fedja van Huët) sind fassungslos.
Die niederschmetternde Diagnose für Elise stellt die Freundschaft der beiden Elternpaare auf eine harte Probe. Während der langen Stunden im Krankenhaus oder im Ferienhaus brechen frühere seelische Verletzungen und unausgesprochene Konflikte auf. Die Lage spitzt sich zu, als die Ärzte ihre Befunde für Madelon revidieren müssen. Das Mädchen hat bei dem Unfall eine schwere Herzschädigung erlitten und braucht so schnell wie möglich ein neues Herz. Weil sich die Überlebensprognose für Elise weiter verschlechtert, stehen die vier Elternteile vor einem unlösbaren Dilemma.
Dass die freundschaftliche Harmonie ein Stück weit nur Fassade ist, deutet der erfahrene niederländische Regisseur Mike van Diem, der für sein Spielfilmdebüt, das Vater-Sohn-Drama Karakter, 1998 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, schon in der ersten Sequenz an. Da spielen die kleinen Mädchen bei der ersten Begegnung in einem Sandkasten vor einem idyllischen Bergsee. Aus dem Nichts heraus schlägt Elise der Gleichaltrigen mit voller Kraft eine Schaufel ins Gesicht. Elise erweist sich auch später als dominante Persönlichkeit, sie führt in der Gruppe das Wort. Die sanfte Madelon kann da nicht mithalten und spielt in der Interaktion mit Elise meist die zweite Geige.
Die Spannungen zwischen den Mädchen sind auch kurz vor dem tragischen Unfall kaum zu übersehen. Van Diem, der auf der Grundlage des Romans We doen wat we kunnen von Lykele Muus auch das Drehbuch schrieb, genügen hier wie auch an anderen Schlüsselstellen wenige Striche, um eine komplexe Figurenkonstellation zu charakterisieren. Nach dem Unglück nutzt er die sterilen Gänge und Krankenzimmer, in denen der Großteil des Films fortan spielt, um in bedächtig erzählten Szenen zu schildern, wie die bisherige Freundschaft und allmählich auch die Bindungen der Ehepaare Risse bekommen, bis sie allmählich zerbröseln. Je schlimmer die medizinische Situation für die beiden Unfallopfer wird, umso mehr werfen deren Eltern moralische Bedenken und Werte wie Anstand und Rücksichtnahme über Bord, um ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen und das jeweils vermeintlich Beste für Elise und Madelon herauszuholen. Da sind auch strategische Lügen kein Problem, etwa wenn Anouk bei einer Aussprache im Gasthaus zugibt: „Not kennt kein Gebot.“ Bei einigen abrupten Wendungen und Übergriffen der Elternfiguren gerät die sonst so stilsichere Inszenierung allerdings nah an die Strudel einer schwarzhumorigen Satire. Im Spannungsfeld zwischen Loyalität und Verantwortung manövrieren sich die vier Erwachsenen jedenfalls in eine psychologische Ausnahmesituation, aus der sie kaum noch herauszufinden scheinen. Unter van Diems Regie zeigt das spielfreudige Vierer-Ensemble glänzende darstellerische Leistungen, ohne dass sich eine oder einer von ihnen in den Vordergrund drängt.
Der Regisseur begleitet die intensiven Dialoge und stummen dramatischen Szenen oft mit getragenen Klaviermelodien und unterstreicht so die zunehmend melancholische Atmosphäre. Dabei bringt er nicht nur eigene Kompositionen ein, sondern auch Stücke von Johannes Brahms, Frédéric Chopin und Johann Sebastian Bach. Insgesamt ein meisterhaftes Familiendrama, das mehrere Festivalpreise gewonnen hat, darunter den Hauptpreis und den Publikumspreis des Spielfilmwettbewerbs beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin 2026. Van Diem meldet sich mit einem Film zurück, der mit seinen existenziellen Verstrickungen fesselt und hochemotionale Fragen aufwirft: Kann man sich wirklich in die Gefühlswelt einer Mutter oder eines Vaters versetzen, die ihr Kind aufgeben sollen, um ein anderes zu retten? Wie würde man selbst in einer solchen Notsituation entscheiden?