Shaun das Schaf – Spuk im Kürbisfeld

Shaun the Sheep: The Beast of Mossy Bottom

Großbritannien/F 2026 · 80 min. · FSK: ab 0
Regie: Steve Cox, Matthew Walker
Drehbuch: ,
Musik: Natalie Holt
Kamera: Charles Copping
Shaun das Schaf - Spuk im Kürbisfeld
Ein bisschen zu viel »Familie«?
(Foto: Studiocanal)

Mäh mal langsamer!

Auch im dritten Kinoabenteuer beweisen Shaun und seine Herde, wie wunderbar altmodisch modernes Animationskino sein kann. „Shaun das Schaf – Spuk im Kürbisfeld“ ist liebevoll, detailversessen und oft sehr komisch. Nur eines haben die Schafe offenbar verlernt: auch einmal stillzuhalten

Äh, uh, weh – mäh! Es ist inzwi­schen mehr als dreißig Jahre her, dass Shaun erstmals aus der Herde hervor­trat. 1995 war er in Nick Parks Wallace-&-Gromit-Film Unter Schafen noch eine Neben­figur, wenn auch eine entschei­dende. Seit 2007 besitzt er seine eigene Fern­seh­serie, seit 2015 darf er ins Kino, und nun folgt mit Shaun das Schaf – Spuk im Kürbis­feld bereits der dritte Langfilm: Das Schaf hat Karriere gemacht.

Und noch immer funk­tio­niert das erstaun­lich gut. Denn am Grund­prinzip haben die Aardman-Studios kluger­weise wenig verändert. Gespro­chen wird weiterhin nicht, jeden­falls nicht in einer Sprache, die irgendein Wörter­buch kennen würde. Menschen nuscheln, Schafe mähen, Hunde grummeln, und trotzdem weiß jeder jederzeit ziemlich genau, was gemeint ist. Die Sprache dieser Filme besteht aus Blicken, Gesten, Geräu­schen und vor allem Timing. In einer Zeit, in der Anima­ti­ons­filme ihre Zuschauer nicht selten mit Dialogen, Botschaften und Erklärungen über­häufen, besitzt diese frei­wil­lige Sprach­lo­sig­keit inzwi­schen beinahe etwas Anar­chi­sches. Es ist wie ein als Zombie wieder­auf­er­stan­dener Stummfilm.

Das passt dieses Mal besonders gut zum Thema, denn dieses Mal ist Halloween auf der Mossy Bottom Farm. Shaun und seine Herde freuen sich auf ihre Kürbisse, bis der notorisch toll­pat­schige Bauer das Feld verwüstet. Shaun greift daraufhin zu den Mitteln eines verrückten Wissen­schaft­lers und entwi­ckelt ein Wachs­tums­mittel, das erwar­tungs­gemäß nicht ganz das tut, was es soll. Bald ist der Bauer verschwunden, ein haariges Monster streift durch die Wälder von Mossingham und die Dinge geraten auf jene Weise außer Kontrolle, die bei Shaun seit jeher das eigent­liche drama­tur­gi­sche Prinzip darstellt.

Die Regis­seure Steve Cox und Matthew Walker machen daraus einen kleinen Horror­film für Menschen, die eigent­lich noch gar keine Horror­filme sehen dürfen. Fran­ken­stein und seine Nach­fahren geistern durch die Bilder, Mons­ter­filme, Werwolf­ge­schichten und Thriller werden zitiert, selbst Psycho darf kurz vorbei­schauen. Das ist zunächst einmal hübsch und für Erwach­sene ein zusätz­li­ches Vergnügen: Während die Kinder der Handlung folgen, können die Eltern im film­his­to­ri­schen Unterholz nach Refe­renzen suchen. Ganz neu ist dieses Verfahren aller­dings nicht. Schon Shaun das Schaf – Der Film: UFO-Alarm von 2019 benutzte seine Science-Fiction-Zitate, um neben dem jungen Stamm­pu­blikum auch jene Erwach­senen bei Laune zu halten, die ihre Kinder ins Kino begleitet hatten. Für die wird dieses Mal auch noch eine Liebes­ge­schichte spendiert, die es eigent­lich nicht braucht. Aber auch sie gehört natürlich zum Bemühen, aus dem anar­chi­schen Kurz­film­helden Shaun einen Fami­li­en­film­star für möglichst viele Alters­klassen zu machen. Und immerhin besitzt die ungelenke Annähe­rung des Bauern an die Tierärztin genügend liebens­werten Aardman-Charme, um nicht bloß wie ein drama­tur­gi­scher Pflicht­termin zu wirken.

Das eigent­liche Problem liegt woanders. Ausge­rechnet bei etwas, das Aardman norma­ler­weise wie kaum ein anderes Anima­ti­ons­studio beherrscht: beim Timing. Shaun das Schaf: Spuk im Kürbis­feld ist voller Slapstick, Verfol­gungs­jagden, Zusam­men­s­töße, Miss­ver­s­tänd­nisse und Kata­stro­phen. Kaum ist eine Pointe vorbei, setzt die nächste Bewegung ein. Das funk­tio­niert über die sieben Minuten, die die Kurz­film­folgen lang sind, hervor­ra­gend. Über 80 Minuten wird es para­do­xer­weise irgend­wann ermüdend. Denn zu viel Slapstick und Action verhält sich ein wenig wie minus mal minus: Irgend­wann ergibt das Ganze ein Plus und wird erstaun­lich ermüdend und brav.

Dabei hätte gerade Shaun von seinen großen Vorfahren lernen können. Buster Keaton, Chaplin und die anderen Meister des Stumm­films wussten sehr genau, dass eine Pointe eine Pause braucht und eine Verfol­gungs­jagd jene ruhigen Momente, aus denen sie überhaupt erst ihre Beschleu­ni­gung beziehen kann. Keaton rannte eben nicht achtzig Minuten gegen Wände. Seine Filme kannten Still­stand, Beob­ach­tung und manchmal sogar Melan­cholie. Erst deshalb konnte die nächste Kata­strophe wieder Kata­strophe sein. Diese Atem­pausen gönnt sich Shaun das Schaf – Spuk im Kürbis­feld zu selten. Das ist umso erstaun­li­cher, weil Aardman eigent­lich nichts beweisen müsste. Die Figuren sind längst etabliert, ihre Welt funk­tio­niert, und Shaun kann inzwi­schen vermut­lich mit einer minimalen Bewegung seiner Ohren mehr erzählen als mancher Anima­ti­ons­held in einem drei­minü­tigen Monolog. Gerade deshalb hätte man ihm und uns etwas mehr Ruhe zutrauen dürfen.

Hinzu kommt, dass der Humor gegenüber manchen der wunder­baren Kurz­folgen merklich harmloser geworden ist. Wer Shaun derzeit etwa im Umfeld der Sendung mit der Maus auf Kika begegnet, kann dort einen trocke­neren, gele­gent­lich fast schwarzen Humor entdecken. Im Kino scheint dagegen der Wunsch zu regieren, wirklich niemanden zurück­zu­lassen. Das ist vers­tänd­lich: schließ­lich soll dieser Film vom Vorschul­kind bis zu den Großel­tern funk­tio­nieren, nimmt der Sache aber etwas von jener kleinen Boshaf­tig­keit, die Shaun im Kurz­format so unwi­der­steh­lich machen kann.

Und doch genügt dann und wann wieder ein Blick, eine winzige Bewegung. Ein Schaf steht für den Bruchteil einer Sekunde zu lange am falschen Ort. Bitzer versucht verzwei­felt, Ordnung in etwas zu bringen, das längst jeder Ordnung entglitten ist. Und plötzlich funk­tio­niert der Slapstick wieder voll­kommen. Vor allem aber kann man sich an dieser Stop-Motion-Welt kaum sattsehen. Noch immer besitzen diese Figuren eine Körper­lich­keit, die der glat­testen Compu­ter­ani­ma­tion fehlt. Man sieht förmlich, dass hier Dinge gebaut, model­liert, beleuchtet und Milli­meter für Milli­meter bewegt wurden. 30 Anima­toren arbei­teten nach Angaben des Studios auf 47 Sets an dem Film. In jedem Kürbis, jedem Fell­bü­schel und jedem schiefen Gegen­stand steckt jene obsessive Liebe zum Detail, die Aardman seit Jahr­zehnten auszeichnet. Gerade heute wirkt diese sichtbar hand­ge­machte Unvoll­kom­men­heit beinahe luxuriös.

Trotzdem bleibt der erste Shaun das Schaf-Kinofilm von 2015 der stärkere. Damals gelang es Mark Burton und Richard Starzak über­zeu­gender, aus dem kurzen Fern­seh­format einen Langfilm zu entwi­ckeln. Die Reise in die Stadt besaß nicht nur Tempo und Witz, sondern eine drama­tur­gi­sche Bewegung, die über die Anein­an­der­rei­hung von Gags hinaus­ging. Shaun das Schaf – Spuk im Kürbis­feld wirkt dagegen manchmal wie eine sehr, sehr lange und technisch außer­ge­wöhn­lich aufwen­dige Shaun-Folge.

Und schon 2015 zeigte sich eine andere Grenze. So brillant Aardman seine Figuren animiert und so univer­sell dieser Humor funk­tio­niert: Andere Stop-Motion-Filme haben sich emotional weiter hinaus­ge­wagt. Henry Selicks Coraline etwa in jene eigen­tüm­liche Mischung aus kind­li­cher Angst, Einsam­keit und schwarzer Fantasie; oder Adam Elliot 2024 mit Memoiren einer Schnecke sogar in eine Welt aus Verlust, Scheitern, Einsam­keit und Trost. Fünfzehn Jahre nach Mary und Max bewies Elliot damit erneut, dass Stop-Motion nicht nur eine Technik für Kinder­filme ist, sondern eine der erstaun­lichsten Möglich­keiten, von den Unwäg­bar­keiten des Lebens zu erzählen.

So weit will Shaun gar nicht gehen. Das muss er auch nicht. Aber ein wenig mehr Dunkel­heit hätte ausge­rechnet diesem Halloween-Abenteuer gutgetan und vor allem ein wenig mehr Vertrauen in die Stille. Denn Shaun das Schaf – Spuk im Kürbis­feld ist keines­wegs miss­lungen. Im Gegenteil: Er ist ein ungeheuer sympa­thi­scher, hand­werk­lich hinreißender und immer wieder sehr komischer Fami­li­en­film. Einer, den man keines­wegs nur an Halloween sehen kann und bei dem Kinder ihren Spaß haben werden, während Erwach­sene die anzi­tierten Monster-, Horror- und Film­klas­siker zählen dürfen. Nur hätte zwischen all dem Rennen, Fallen, Erschre­cken und Mähmähen manchmal jemand „Stopp!“ rufen sollen. Aber das geht natürlich nicht. Denn Shaun spricht ja nicht.