Once Upon a Time in Gaza

Palästina/F/P/D/GB/Q 2025 · 90 min. · FSK: ab 12
Regie: Arab Nasser, Tarzan Nasser
Drehbuch: , ,  u.a.
Kamera: Christophe Graillot
Darsteller: Nader Abd Alhay, Ramzi Maqdisi, Majd Eid, Is'haq Elias, Said Saada u.a.
Once Upon a Time in Gaza
Humor, der weniger entlastet als entlarvt...
(Foto: IMMERGUTEFILME)

Komik im Ausnahmezustand

Mit bitterem Humor und selbstreflexiven Brüchen analysieren die Nasser-Brüder Macht, Korruption und filmische Verführung in Gaza

Ich habe Once Upon a Time in Gaza letzten November auf dem 46. Inter­na­tio­nalen Film­fes­tival in Kairo gesehen, in einem altehr­wür­digen Vortrags­saal der American Univer­sity – einem Raum, dessen archi­tek­to­ni­sche Würde und histo­ri­sche Schwere fast ideal ist, um einen Reso­nanz­raum für poli­ti­sches Kino zu eröffnen. Umso auffäl­liger war die verhal­tene, beinahe kühle Reaktion des Publikums. Die Zurück­hal­tung ließ sich weniger als Ablehnung denn als Irri­ta­tion lesen: als Reaktion auf einen Film, der sich konse­quent einer eindeu­tigen mora­li­schen oder poli­ti­schen Posi­tio­nie­rung entzieht und damit nicht den derzeit vielfach erwar­teten narra­tiven Standards entspricht.

Mögli­cher­weise liegt diese Irri­ta­tion darin begründet, dass der Film sich weigert, die Hamas aus seinem erzäh­le­ri­schen und poli­ti­schen Koor­di­na­ten­system auszu­klam­mern – eine Leer­stelle, die gegen­wärtig in nicht wenigen doku­men­ta­ri­schen und fiktio­nalen Arbeiten aus der Region zu beob­achten ist, etwa in dem noch immer in den Kinos laufenden Die Stimme von Hind Rajab. Wie bereits in ihrem so zärt­li­chen wie hoch­po­li­ti­schen Gaza mon amour benennen die Brüder Tarzan Nasser und Arab Nasser auch hier den struk­tu­rellen und mora­li­schen Wahnsinn aller betei­ligten Akteure. Die Hamas erscheint erneut nicht als abstrakte Chiffre, sondern als konkret handelnde Macht mit korruptem, repres­sivem und gewalt­tä­tigem Potenzial – eine Darstel­lung, die weder rela­ti­viert noch entschul­digt, sondern analy­tisch zuspitzt wird.

Der Film eröffnet mit einem Zitat von Donald Trump, der Gaza im Jahr 2025 als »Riviera des Nahen Ostens« imagi­niert. Diese Setzung fungiert weniger als pole­mi­sche Provo­ka­tion denn als ironische Rahmung einer Erzählung, die sich mit den diskur­siven Verzer­rungen poli­ti­scher Realität befasst. Die eigent­liche Handlung setzt im Jahr 2007 ein: Gaza City unter israe­li­scher Blockade, ein Trauerzug für einen getöteten Hamas-Kämpfer. Der Tod wird hier nicht indi­vi­dua­li­siert, sondern ritua­li­siert – ikono­gra­fisch überhöht, beinahe mythisch, und doch von einer Leere durch­zogen, die an klas­si­sche Western­mo­tive erinnert und hier ein erstes Mal Sergio Leone und sein Once Upon A Time In The West refe­ren­ziert.

Parallel dazu etabliert der Film seine erste narrative Achse: Osama (Issaq Elias), Betreiber eines Falafel-Ladens, sichert sein wirt­schaft­li­ches Überleben durch den illegalen Verkauf verschrei­bungs­pflich­tiger Medi­ka­mente. Unter­s­tützt wird er von Yahya (Nader Abd Alhay), einer stillen, unauf­fäl­ligen Figur, die zunächst als mora­li­scher Gegenpol erscheint. Als der korrupte Polizist Abou Sami Osama zur Zusam­men­ar­beit zwingen will, entfaltet sich eine Kette von Ereig­nissen, deren Tragik nicht aus melo­dra­ma­ti­scher Zuspit­zung, sondern aus struk­tu­reller Ausweg­lo­sig­keit resul­tiert.

Zwei Jahre später verschiebt der Film seine Perspek­tive und eröffnet eine zweite, selbst­re­fle­xive Ebene: Yahya wird aufgrund seiner äußer­li­chen Ähnlich­keit mit dem getöteten Kämpfer für einen staatlich geför­derten Propa­gan­da­film gecastet. Mangels tech­ni­scher Mittel greift das Filmteam auf reale Waffen und scharfe Munition zurück. Die Grenzen zwischen Insze­nie­rung und Realität beginnen zu verschwimmen; filmische Darstel­lung wird zur realen Gefähr­dung. Diese Konstel­la­tion erlaubt den Nasser-Brüdern eine präzise Analyse natio­na­lis­ti­scher Bild­pro­duk­tion: Der Film zeigt, wie poli­ti­sche Ideologie ästhe­ti­sche Formen okkupiert und wie leicht sich symbo­li­sche Gewalt in reale Gewalt übersetzt.

Gerade in dieser Film-im-Film-Struktur entfaltet Once Upon a Time in Gaza seine stärkste analy­ti­sche Schärfe. Regionale Kritiken, etwa von Cairo Scene, haben diesen Aspekt zu Recht hervor­ge­hoben und den Film als uner­schro­cken und zugleich über­ra­schend zugäng­lich beschrieben. Tatsäch­lich verbindet das Werk eine ausge­prägte Selbst­re­fle­xi­vität mit einem Humor, der weniger entlastet als entlarvt. Wie schon in Gaza mon amour fungiert Komik auch hier nicht als Gegenbild zur Kata­strophe, sondern als Instru­ment kriti­scher Distanz, das übrigens auch der kluge und leider völlig unter­schätzte Tel Aviv on Fire von Sameh Zoabi aus dem Jahr 2018 kreativ genutzt hat.

In diesem Sinne hebt sich Once Upon a Time in Gaza auch zu Arbeiten wie Qui vit encore oder Die Stimme von Hind Rajab ab, denen – wie Tobias Sedlmaier in der NZZ korrekt formu­liert – eine entschei­dende poli­ti­sche Kontex­tua­li­sie­rung fehlt, insbe­son­dere hinsicht­lich der Rolle der Hamas. Once Upon a Time in Gaza verwei­gert diese Ausblen­dung und insis­tiert darauf, Verant­wor­tung zu benennen, ohne das Leid der Zivil­be­völ­ke­rung zu rela­ti­vieren.

Dennoch bleibt ein struk­tu­reller Vorbehalt. So präzise, mutig und diskursiv notwendig dieser Film ist, so wenig erreicht er die formale Geschlos­sen­heit eines wirklich großen Werks. Die Erzählung bleibt episo­disch, stel­len­weise skiz­zen­haft, die einzelnen Motive fügen sich nicht immer zu einer zwin­genden drama­tur­gi­schen Gesamt­be­we­gung. Once Upon a Time in Gaza regt intel­lek­tuell an, fordert politisch heraus, erschüt­tert aber trotz oder viel­leicht gerade wegen seiner Italo-Western-artiger Leichen­schauen nicht nach­haltig. Dennoch ist Once Upon a Time in Gaza, der 2025 in der Un Certain Regard-Sektion des 78. Film­fes­ti­vals von Cannes lief und dort mit dem Preis für die beste Regie ausge­zeichnet wurde und auch beim 46. Cairo Inter­na­tional Film Festival drei Haupt­preise gewann, ein kluger und wichtiger Film – analy­tisch stark, formal jedoch begrenzt.