Nouvelle Vague

Frankreich/USA 2025 · 106 min. · FSK: ab 12
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: , ,  u.a.
Kamera: David Chambille
Darsteller: Zoey Deutch, Guillaume Marbeck, Aubry Dullin u.a.
Nouvel Vague
When I think of all the good times...
(Foto: Plaion / Studiocanal)

Die Revolution als Rekonstruktion

Richard Linklater inszeniert die Entstehung von Godards Außer Atem als cinephiles Wimmelbild der frühen 1960er Jahre. Im Vordergrund stehen Mythen statt Menschen.

When I think of all the good times that I’ve wasted having good times.
– Eric Burdon, Good Times

Richard Linklater ist ein Regisseur, der seine Figuren norma­ler­weise beim Denken und sich Verwan­deln beob­achtet. Im groß­ar­tigen Boyhood, in der „Before“-Trilogie, selbst in scheinbar leich­teren Filmen wie A Killer Romance inter­es­siert ihn weniger die Handlung als das Gespräch, die Zeit, das Leben, das sich zwischen zwei Sätzen entfaltet. Dass ausge­rechnet er nun einen Film über die Entste­hung eines der radi­kalsten Werke der Film­ge­schichte gedreht hat – über Jean-Luc Godards Außer Atem und damit über die Geburts­stunde der Nouvelle Vague –, wirkt auf den ersten Blick fast folge­richtig. Und doch auch ein wenig paradox.

Nouvelle Vague erzählt die Geschichte jener Dreh­ar­beiten, die 1960 das Kino verän­derten. Guillaume Marbeck spielt Jean-Luc Godard, Zoey Deutch die ameri­ka­ni­sche Schau­spie­lerin Jean Seberg, Aubry Dullin Jean-Paul Belmondo. Um sie herum versam­melt sich ein ganzes Panorama der Film­ge­schichte: François Truffaut, Claude Chabrol, Éric Rohmer, Agnès Varda, Juliette Gréco, Produzent Georges de Beau­re­gard – und natürlich Kame­ra­mann Raoul Coutard, ohne dessen impro­vi­sa­to­ri­sche Virtuo­sität der Film wohl sehr anders ausge­sehen hätte.

Der Film beginnt, wie diese Geschichte beginnen muss: mit einem jungen Regisseur, der eigent­lich noch keiner ist. Godard ist Kritiker bei den Cahiers du cinéma, Teil jener Gruppe junger cine­philer Intel­lek­tu­eller, die das Kino lieben, weil sie es verändern wollen. Bevor er überhaupt dreht, erhält er im Film eine Art väter­li­chen Rat von Roberto Rossel­lini – ein Moment, der wie eine Übergabe wirkt, eine symbo­li­sche Staf­fel­stabwei­ter­gabe vom italie­ni­schen Neorea­lismus an die kommende Gene­ra­tion.

Linklater erzählt diese Geschichte mit sicht­barer Zuneigung. Nouvelle Vague ist, ganz ohne Zweifel, eine Liebes­er­klärung an das Kino. An seine Mythen, seine Rituale, seine Zufälle. Die Pariser Straßen werden zum Spiel­platz der Film­ge­schichte, Drehorte entstehen aus Impro­vi­sa­tion, Einstel­lungen werden erfunden, während sie schon gedreht werden. Man spürt in vielen Momenten die Begeis­te­rung für eine Zeit, in der Kino noch etwas war, das man gegen Wider­s­tände machen musste – gegen Studios, gegen Konven­tionen, gegen die eigene Unsi­cher­heit.

Zoey Deutch gibt eine bemer­kens­wert fragile Jean Seberg. Sie spielt diese zu diesem Zeitpunkt schon berühmte ameri­ka­ni­sche Schau­spie­lerin nicht als Ikone, sondern als jemand, der mitten in eine Bewegung hinein­gerät, deren Bedeutung sie viel­leicht selbst noch nicht ganz begreift. Auch Aubry Dullin als Belmondo bringt eine angenehm lässige Präsenz mit – als jemand, der scheinbar zufällig Film­ge­schichte schreibt.

Und doch hat dieser Film auch eine Schwäche, die para­do­xer­weise mit seiner Liebe zum Kino zusam­men­hängt. Linklater inter­es­siert sich sehr für das Kino der Nouvelle Vague – für seine Gesten, seine Namen, seine Mythen. Und das viel­leicht ein wenig zu sehr.

Denn Nouvelle Vague ist sehr oft weniger ein Drama als ein Schau­laufen der Berühmt­heiten. Truffaut taucht auf, Chabrol taucht auf, Rohmer taucht auf. Juliette Gréco schaut vorbei. Jeder hat einen Moment, einen Auftritt, einen Satz. Für Kenner der Film­ge­schichte ist das ein Vergnügen, es sieht sich fast wie ein cine­philes Wimmel­bild des legen­dären Ali Migutsch an. Dadurch entsteht ein seltsamer Effekt: Die Figuren bleiben oft Figuren zweiter Ordnung hinter ihren eigenen Legenden.

Besonders deutlich wird das bei Godard selbst. Guillaume Marbeck spielt ihn durchaus über­zeu­gend – als intel­lek­tu­ellen Provo­ka­teur, als nervösen Kopf voller Ideen. Doch im Film wirkt er manchmal wie eine Zitat­ma­schine, eine Art philo­so­phi­sche Jukebox, aus der permanent apho­ris­ti­sche Gedanken über das Kino und das Leben heraus­fallen. Das ist unter­haltsam, aber auch etwas simplex und irgend­wann auch etwas lang­weilig. Denn man wartet ja gerade ange­sichts Link­la­ters früheren Filmen wie Boyhood darauf, dass hinter diesen Zitaten endlich auch ein Mensch sichtbar wird.

Viel­leicht liegt darin der entschei­dende Unter­schied zu einem Film wie Hamnet von Chloé Zhao, der ebenfalls die Entste­hungs­ge­schichte eines künst­le­ri­schen Meilen­steins erzählt – die von Shake­speares Hamlet. Zhao inter­es­siert sich radikal für die seeli­schen Bewe­gungen der Menschen hinter dem Werk. Linklater hingegen bleibt beim Werk selbst. Sein Film ist ein Making-of des Mythos – weniger eine Tiefen­boh­rung in das Biogra­fi­sche seiner Darsteller.

Und doch funk­tio­niert auch in dieser limi­tierten, fas schon ampu­tierten Form Nouvelle Vague über­ra­schend gut. Weil der Film damit auch erklärt, dass Kino manchmal nicht nur aus Psycho­logie entsteht, sondern auch aus Energie. Aus Freund­schaften, Zufällen, Gesprächen in Cafés, aus der Lust, eine Kamera auf die Straße zu stellen und zu sehen, was passiert.

So entsteht ein Film, der viel­leicht nicht ganz die Tiefe erreicht, die ich mir erhofft hatte. Aber einer, der etwas anderes schafft: Er erinnert daran, dass Kino einmal ein Abenteuer war.

Und dass es das viel­leicht immer noch sein kann. Dass gerade in dieser Mischung aus Mythos, Zitat und cine­philer Begeis­te­rung etwas von der ursprüng­li­chen Energie der Nouvelle Vague wieder aufscheint. Viel­leicht erklärt das auch, warum ausge­rechnet die Franzosen diesen Ansatz besonders goutieren. Bei den César-Verlei­hungen wurde Richard Linklater als erster ameri­ka­ni­scher Regisseur überhaupt mit dem Preis für die beste Regie ausge­zeichnet – ein symbo­li­scher Ritter­schlag aus jenem Land, dessen Film­ge­schichte er hier so bewundert. Dass Nouvelle Vague darüber hinaus für weitere wichtige Preise nominiert wurde, zeigt vor allem eines: Diese Liebes­er­klärung an das Kino mag nicht immer in die Tiefe gehen, aber sie trifft offenbar einen Nerv – gerade dort, wo dieses Kino einst erfunden wurde.

Die Zukunft der Vergangenheit

Zurück zu Godard? Hoffentlich: Nouvelle Vague von Richard Linklater ist ein Film, auf den die Welt gewartet hat, obwohl sie das nicht weiß – ein Film gegen die Identifikation mit dem Aggressor

»Nous allons parler de fort vilaines choses«
– Stendhal, »Die Karthause von Parma« (das Zitat war das Motto des Drehbuchs von Außer Atem)

Kein anderer US-ameri­ka­ni­scher Filme­ma­cher steht dem Geist der Nouvelle Vague näher als Richard Linklater, der Regisseur von Before Sunset, einer bewusst rohme­resken Passage durch die Straßen von Paris, die fast in Echtzeit erzählt ist. Ganz abgesehen von den zahllosen Anspie­lungen in seiner übrigen Filmo­grafie auf das kritische, theo­re­ti­sche und cinephile Umfeld, dem letztlich À bout de souffle (Außer Atem) entstand. Es ist daher geradezu exem­pla­risch folge­richtig, dass Link­la­ters filmi­scher Weg nun zu jenem Grün­dungs­film zurück­kehrt, dessen Erscheinen 1959 symbo­lisch die Geburt der filmi­schen Moderne einlei­tete.

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Zu Godard zurück­zu­kehren ist aller­dings kein leichtes Unter­fangen – ganz im Gegenteil. Das zeigt sich an der uner­träg­li­chen Albern­heit, die 2017 Godard Mon Amour darstellte – ein Werk, an das man sich nur mit Grauen erinnert. Zum Glück entspringt Link­la­ters Zugang zu einem so entschei­denden Film der Kino­ge­schichte einer aufrich­tigen Bewun­de­rung für dessen offene, einfalls­reiche, leichte und zutiefst freie Natur und einem Vers­tändnis für die Umstände. Es handelt sich bei »Nouvelle Vague« somit um eine Art »Retro-Making-of«, gefilmt in Schwarz-Weiß, im quadra­ti­schen Format und auf Fran­zö­sisch.

Drama­tur­gisch gibt es daher weder Spannung noch Drama sondern eine Abfolge von Anekdoten – allesamt explizit cinephil, wohl­be­kannt und ohne jeglichen histo­rio­gra­fi­schen oder theo­re­ti­schen Anspruch – die das Zustan­de­kommen des Projekts und dessen Entste­hung schildern. Hinzu kommt die bekannte großrtige Sprüche­klop­ferei Godards: »Conti­nuity is not reality«; »Ein Regisseur strebt immer nach intel­lek­tu­eller und mora­li­scher Anarchie«; »Wahre Kunst ist entweder Plagiat oder Revo­lu­tion.« usf.

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Der Film zeigt Jean Luc Godard als sympa­thi­schen Menschen – über­ra­schen­der­weise. Er zeigt ihn auch als das Genie, das er war: Einer der selbst­be­wusst und lässig gedreht hat, der mehr wusste und schneller dachte als andere, und trotzdem ein guter Freund war – für manche seiner Wegge­fährten bis zum Schluss. Er zeigt wie notwendig Streit und Kämpfe sind, dass sie aber nur dann produktiv sein können wenn sie auf einer gemein­samen Basis ausge­tragen werden, einer intel­lek­tu­ellen, einer mora­li­schen aber vor allem einer persön­li­chen freund­schaft­li­chen Basis.

Linklater stützt sich auf eine sorg­fäl­tige und faszi­nie­rende Casting-Arbeit. Die Schau­spieler, die Jean-Luc Godard, François Truffaut, Claude Chabrol, Suzanne Schiffman, Jean Seberg, Jean-Paul Belmondo, Raoul Coutard oder Pierre Braun­berger verkör­pern, sind keine Stars – aber sie ähneln ihren realen Vorbil­dern deutlich. Linklater macht keinen Hehl daraus, wer wer ist, und würzt die erste Hälfte des Films mit zahl­rei­chen char­manten Anspie­lungen. Neben den Mitglie­dern der Nouvelle Vague treten auch deren künst­le­ri­sche »Väter« auf: Roberto Rossel­lini und Jean-Pierre Melville.

Eine glück­liche Mischung aus cine­philer Verehrung und augen­zwin­kernder Ironie durch­zieht die Dialoge, und macht aus diesem Film ein großes Vergnügen. Eine extrem unter­halt­same, nur dezent hagio­gra­phi­sche Hommage an das fran­zö­si­sche Kino, aber nicht nur an das fran­zö­si­sche, sondern überhaupt das, was am Kino glücklich machen kann, und uns immer wieder glücklich macht.

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1959 gelang es Jean Luc Godard, eine Revo­lu­tion zu initi­ieren. 2025 begnügt sich Richard Linklater mit einem Palim­psest – denn er kann, und will, keine Revo­lu­tion mehr voll­ziehen. Das er das nicht will, ist dabei das einzige Problem.

Denn auch das führt »Nouvelle Vague« fast schon beiläufig vor: Das Gegen­warts­kino steckt in einer massiven Krise. Ihm fehlen in seiner Gesamt­heit – einzelne Ausnahmen lassen wir jetzt einfach mal weg – Einfalls­reichtum und Kunst­wille, Intel­lek­tua­lität und Mut. Das Kino der Gegenwart ist normiert, weil es sich normieren lässt, weil es Normie­rung insgeheim selber für nötig hält, weil es die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Aggressor vollzieht. Weil es in seinem Denken, in seinen Erwar­tungen, in seinem Geschmack, in seinen Blicken auf die Welt selbst normiert ist. Weil es im Kern erzkon­ser­vativ ist und die Welt erhalten will, wie sie ist: Demo­kra­tisch, liberal, in Wohl­stands­ver­hält­nissen, Ibiza-Kurztrips und Toskana-Urlauben, Airbnb-Wohnungen, die auf Apple Computern gebucht werden.

Einer wirk­li­chen Revo­lu­tion steht all das natürlich im Wege. Sie wird deswegen nicht vom Kino kommen sondern von Außen. Revo­lu­tion will be televised, but it will not be a TV-event.

Erst wenn das Kino seinen Konser­va­tismus abwirft, und ihm Verän­de­rung und Revolte nicht mehr nur eine Stil-Geste oder ein Instagram-Post sind, wird die Revo­lu­tion, und sei es nur eine ästhe­ti­sche, statt­finden.

Aber wer will das wirklich?

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Das Kino ist der großen Kino­er­fah­rung verpflichtet – einer Erfahrung, die heute extrem bedroht ist, so sehr, dass sie jede Aufmerk­sam­keit braucht, die sie bekommen kann.
Es ist auch Starkino und Block­buster, es ist vor allem aber ein sinn­li­ches Erlebnis, das man unbedingt auf der großen Leinwand sehen muss.

»Nouvelle Vague« ist auch die nost­al­gi­sche Erin­ne­rung an Kino wie es einmal war, und wie es, will es überleben, wieder werden muss: Massen­en­ter­tain­ment mit Stars und mensch­li­chen Figuren, ein aufse­hen­er­re­gender Publi­kums­film, der das eher ernst­hafte und oft ein bisschen zu beflis­sene Programm aus Autoren­filmen aus aller Welt, poli­ti­schen Skan­dal­themen und zur Schau getra­gener Woke­n­ess­hal­tung ein bisschen auszu­ba­lan­cieren vermag.
Das Kino ist nicht nur eine einzige Sache.