Normal

Kanada/USA 2025 · 93 min. · FSK: ab 18
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: ,
Kamera: Armando Salas
Darsteller: Bob Odenkirk, Henry Winkler, Lena Headey, Ryan Allen, Billy MacLellan u.a.
Normal mit Bob Odenkirk
Die Welt von Normal funktioniert nach einfachen Regeln...
(Foto: Leonine)

Ruhe bewahren, Ärger ersparen

Was als verschneite Provinzposse beginnt, entpuppt sich in Derek Kolstads Drehbuch und Ben Wheatleys Inszenierung als präzise Studie über Gewalt, Verdrängung und fragile Ordnungen

Man misstraut diesem Titel natürlich sofort. Das ist schon fast zu billig. Denn Normal, das klingt nach Beru­hi­gung, nach Ordnung, nach einer Welt, die sich erklären lässt. Und Ben Wheatley setzt genau hier an und dreht die vermeint­liche Gewiss­heit natürlich ins Gegenteil. Was als Verspre­chen beginnt, erweist sich schnell als Täuschung, die dieser Film mit wach­sender Lust unter­läuft.

Und es beginnt auch alles genau so, wie man es erwartet und wie es das ameri­ka­ni­sche Kino seit Jahr­zehnten eingeübt hat. Eine Klein­stadt im Nirgendwo, irgendwo in Minnesota, Schnee, Stille, ein Ort, an dem jeder jeden kennt und nichts passiert. Wäre es nicht Winter und die Rosen würden blühen, könnte das auch David Lynchs Lumberton aus Blue Velvet sein. Ulysses, gespielt von Bob Odenkirk, kommt als neuer Ersatz-Sheriff in diese Welt, um vorü­ber­ge­hend die Ordnung zu sichern. Sein Vorgänger ist unter unge­klärten Umständen gestorben, aber auch das scheint zunächst nur eine jener Geschichten zu sein, die in solchen Orten schnell wieder unter der Ober­fläche verschwinden.

Doch Normal gibt sich mit dieser Ober­fläche selbst­re­dend nicht zufrieden. Was sich hier dann statt­dessen entfaltet, ist eine Realität, ups, ein Film, der seine eigene Norma­lität syste­ma­tisch demon­tiert: Die Stadt floriert, nicht trotz, sondern wegen eines Abkommens mit der Yakuza, die hier ihr Geld lagert. Die Idylle ist gekauft, die Ruhe orga­ni­siert, die Moral ausge­la­gert. »Ruhe bewahren, Ärger ersparen« – ein Satz, der in diesem Kontext weniger wie Lebens­weis­heit als wie eine Drohung klingt.

Gemeinsam mit Dreh­buch­autor Derek Kolstad, der schon die effektive Mechanik der John Wick-Filme geprägt hat, aber auch das groß­ar­tige Drehbuch für den tollen Selbst­jus­tizler Nobody geschrieben hat, ebenfalls mit Odenkirk in der Haupt­rolle, verschiebt Wheatley das Genre. Während Nobody noch offen mit der Tradition des Selbst­jus­tiz­films spielte, bewegt sich Normal in eine ganz andere Richtung. Der Film zitiert weniger diesen Seitenarm des Action­kinos als vielmehr die schräg verschro­bene Welt der Coen-Brüder, insbe­son­dere Fargo: ein winter­li­ches Amerika, in dem das Absurde und das Brutale eine eigen­tüm­liche Allianz eingehen.

Das zeigt sich vor allem in der Tonalität. Die Dialoge sind von jener trockenen Lakonie, die das Groteske erst sichtbar macht. Wenn auf die Frage, wie der Schnee­pflug gestartet wurde, die Antwort kommt: »Den Schalter hier mit 'An' drücken« und als Replik »'An'fänger­glück« kommt, dann ist das nicht nur ein Gag, sondern es ist Programm. Die Welt von Normal funk­tio­niert nach einfachen Regeln, die sich als hoch­gradig instabil und doppel­bödig erweisen.

Im Zentrum steht dabei Odenkirks Ulysses, eine Figur, die ihren Namen nicht zufällig trägt. Nomen est omen: Auch er ist ein Heim­kehrer, aller­dings einer, der nicht weiß, wohin er eigent­lich gehört. Was zunächst wie ein routi­nierter, lockerer Cop wirkt, entpuppt sich zunehmend als jemand, der vor sich selbst geflohen ist. Der Film entwi­ckelt daraus, fast unmerk­lich, ein Coming-of-Age im Spät­sta­dium, es ist die Geschichte eines Mannes, der aufhören will, seinem eigenen Trauma auszu­wei­chen.

Parallel dazu entfaltet sich ein Ensemble an bizarren Prot­ago­nisten, das die fragile Ordnung der Stadt wider­spie­gelt. Henry Winkler als Bürger­meister, der zwischen jovialer Autorität und stiller Kompli­zen­schaft pendelt, Lena Headey als Barkee­perin mit undurch­sich­tiger Agenda; Figuren, die nie ganz das sind, was sie vorgeben zu sein. In Normal ist jede Rolle ein Arran­ge­ment, jede Beziehung ein still­schwei­gender Vertrag.

Und doch ist der eigent­liche Witz des Films ein anderer. Denn was als lakonisch-ironi­sches Spiel mit Genre­ver­satz­stü­cken beginnt, kippt im letzten Drittel in eine radikale Neujus­tie­rung. Der erwartete Gewalt­aus­bruch, das blutige Showdown-Szenario, ist zwar präsent und wird auch genüss­lich und selbst­iro­nisch ausge­spielt, aber Wheatley und sein Dreh­buch­autor inter­es­sieren sich dann plötzlich noch für etwas anderes: für den absurden, beinahe rührenden Versuch, nach all dem Chaos wieder so etwas wie Norma­lität herzu­stellen.

Darin liegt dann auch die eigent­liche Qualität dieses Films. Normal ist kein Zynismus-Kino, auch wenn es sich lange so tarnt. Es ist ein Film über die Fragi­lität gesell­schaft­li­cher Ordnungen, über die Verlo­gen­heit der Idylle und über den zutiefst mensch­li­chen Impuls, dennoch an ihr fest­zu­halten. Dass dabei auch poli­ti­sche Untertöne mitschwingen – die Verwahr­lo­sung der ameri­ka­ni­schen Klein­stadt, die Abhän­gig­keit von unsicht­baren Macht­struk­turen – ist kein Zufall.

Das ist nicht immer perfekt. Manche Wendungen wirken zu bewusst über­zeichnet und aufge­setzt, einige Figuren sind mehr Klischee und Ober­fläche als Charakter. Doch das ist natürlich auch Teil dieses hier sehr verspielten Thriller-Konzepts. Normal inter­es­siert sich nicht für psycho­lo­gi­sche Ausleuch­tung im klas­si­schen Sinne, sondern für das Zusam­men­spiel von Ober­fläche und Abgrund. Am Ende ist Normal ein Film, der genau das einlöst, was sein Titel verspricht, aller­dings auf paradoxe Weise. Denn »normal« ist am Ende hier nichts. Womit wir wieder ganz bei Büchner und Dantons Tod wären: »Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott«.