No Mercy

Deutschland/Ö 2025 · 108 min. · FSK: ab 16
Regie: Isa Willinger
Drehbuch:
Kamera: Bernadette Paassen, Siri Klug, Doro Götz
Schnitt: Lena Hatebur, Niki Mossböck
No Mercy
A woman strikes back: Virginie Despentes
(Foto: RealFiction)

Blumen des Bösen

Die Dokumentarfilmerin Isa Willinger versammelt in »No Mercy« weibliches Filmemachen jenseits des Male Gaze und jenseits des weiblichen Blicks. Eine filmische Dekonstruktion der Gegensätze

Keine Gnade. Kein Knicks und vor allem keine Blümchen. Höchstens Blumen des Bösen. Frauen machen Filme und nicht unbedingt »Frau­en­filme«. Oft sind sie sehr hart, nehmen den Geschlech­ter­kampf beim Wort und wagen den femi­nis­ti­schen Befrei­ungs­schlag, ganz buchs­täb­lich. Godard hat einmal gesagt, fürs Filme­ma­chen brauche man »a girl and a gun«. Wenn man No Mercy gesehen hat, den neuen Doku­men­tar­film von Isa Willinger, möchte man umfor­mu­lieren. Von nun an soll die Formel gelten: a girl is a gun. So entstehen packende Filme, ohne Gnade und ohne Knicks.

Frauen machen seit über 100 Jahren Filme. Die Film­pio­nierin Alice Guy-Blaché begann damit 1886. La Fée de Choux, die »Kohlfee«, zeigt eine vergnügte Kinder-Gärtnerin, die Babys aus einem Weiß­kohl­beet erntet. Scharf­sinnig subver­tiert Guy-Blaché die Prokrea­tion und die weibliche Rolle, durch die ironische und äußerst humor­volle, femi­nis­ti­sche Mise-en-scène. Die Film­ge­schichte vergaß sie, behielt nur die Brüder Lumière und den Fantasten Georges Méliès, als könne man sich keine drei Namen merken. Pamela Green hat Guy-Blaché 2021 mit Be Natural: The Untold Story of Alice Guy-Blaché ins kollek­tive Film­ge­dächtnis zurück­ge­holt.

Auch Kira Muratova ist in Verges­sen­heit geraten. Isa Willinger nimmt die Filme der 2018 verstor­benen ukrai­ni­schen Regis­seurin zum Anlass ihrer Bestands­auf­nahme über ein Filme­ma­chen jenseits des »Male Gaze«, einem direkten Filme­ma­chen, das sich in Teilen auch als Rape-and-Revenge-Erzählung inter­pre­tieren ließe. Wie bei der heute 77-jährigen Catherine Breillat, die von einer versuchten Verge­wal­ti­gung erzählt, die ihr mit 14 Jahren wider­fahren ist. Die Wut, der Zorn waren da und trieben sie an, mit ihren Filmen anders zu erzählen. Vom »Trauma«, sagt sie.

Das Who is Who aktueller Regis­seu­rinnen versam­melt sich um die Erin­ne­rungen der fran­zö­si­schen Grande Dame und entlang eines roten Fadens, den Willinger mit den Filmen von Muratova ausrollt. Die Frauen sprechen über ihr Filme­ma­chen. Selten wird es persön­lich wie bei Breillat, sie sind allesamt Regis­seu­rinnen, die sehr präzise benennen können, was im dominant männ­li­chen Kino falsch läuft – und was und warum sie es anders machen.

Alice Diop spricht im Interview über ihr sehr körper­lich insze­niertes intel­lek­tu­elles Kino; in ihrem Gerichts­film Saint Omer legt eine Schwarze Medea den Univer­sa­lismus von Frausein und Freiheit dar. Über explizite Gewalt geht es bei Virginie Despentes, der Punk-Diva aus Frank­reich. Baise-moi (2000) ist ein einziger, gewalt­tä­tiger Befrei­ungs­schlag gegen die männliche sexuelle Gewalt. »Es gab keine Filme, in denen sich Frauen erlauben, Gewalt auszuüben, obwohl es unfassbar viele gewalt­tä­tige Filme im Kino gibt«, erinnert sie sich an die Zeit, als ihr Film in Frank­reich ein X-rated-Label verpasst bekam und ab da nur noch in Adults-only-Kinos, also Porno­kinos, gezeigt werden durfte. Das kam einem Verbot gleich. Dabei war sie nur in einer Weise vorge­gangen, die Ridley Scotts Alien 1979 den großen Erfolg beschert hatte. Sigourney Weaver als rang­höchste Offi­zierin hatte er als männliche Figur geschrieben; Despentes konzi­pierte ihre Frau­en­fi­guren ebenfalls »männlich«, erzählt sie. In Alien führt Offi­zierin Ellen Ripley im Kampf gegen das unbe­kannte Wesen; die Chest­burster-Geburts­szene, in der das Alien aus dem Brustkorb eines Besat­zungs­mit­glieds geboren wird, durch­kreuzt kongenial das Gender-Schema. Despentes insze­niert ihren Rape-and-Revenge mit lust­vollen Riot Girls.

Die Regis­seu­rinnen wider­setzen sich auch dem viel­be­schwo­renen »Male Gaze«, einem Macht­in­stru­ment, das die Perspek­tive der »patriachalen, kapi­ta­lis­ti­schen und rassis­ti­schen Herr­schafts­an­ord­nung« übernimmt, so definiert Céline Sciamma, Regis­seurin von Porträt einer jungen Frau in Flammen. Mit ihren Filmen versuche sie, den männ­li­chen Blick in die Ecke zu drängen.

No Mercy ist eine Weltreise. Nicht nur die fran­zö­si­schen Größen des femi­nis­ti­schen Kinos hat Willinger aufge­sucht. Sie macht auch Namen aus unter­re­prä­sen­tierten Kine­ma­to­gra­phien bekannt. Apolline Traoré, Regis­seurin aus Burkina Faso, zeigte 2023 im Panorama der Berlinale Sira. Eine Nomadin setzt sich, ein Baby auf den Rücken gebunden, mit einem Gewehr gegen den isla­mis­ti­schen Terror zur Wehr. »Sie hat das Leben auf dem Rücken, vor sich den Tod. So einer sollte man sich nicht in den Weg stellen«, sagt Traoré und weist darauf hin, dass ihre Geschichte geradezu harmlos sei, ange­sichts der Erfah­rungen, die Frauen in Krisen­ge­bieten durch­laufen.

»Können Frauen harte Filme machen?«, fragt die iranische Regis­seurin Marzieh Meshkini, die Frau von Mohsen Makhmalbaf. Ihr Debüt Der Tag, an dem ich zur Frau wurde (2000) war vom Gerücht begleitet, ihr Mann hätte eigent­lich die Regie geführt – obwohl er zur selben Zeit an einem anderen Ort drehte. Meshkini konnte sich mühsam behaupten.

Die vielen Ausschnitte aus den Filmen der Regis­seu­rinnen verlangen geradezu nach einer eigenen Filmreihe, der Doku­men­tar­film von Isa Willinger sollte für alle Film­ku­rator*innen reich­hal­tige Inspi­ra­tion sein. Bis die Kinos die Programm­plätze für die Frauen frei­ma­chen, lohnt sich ein Besuch im Münchner Theatiner. Dort wird Isa Willinger am 8. März, dem Inter­na­tio­nalen Frauentag – in Berlin übrigens ein Feiertag – ihren Film persön­lich vorstellen.