| USA 2026 · 90 min. · FSK: ab 6 Regie: Pierre Coffin Drehbuch: Brian Lynch .Pierre Coffin Musik: Heitor Pereira Schnitt: Claire Dodgson |
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| Wo Bilder noch erfunden wurden... | ||
| (Foto: Universal) | ||
Mit den Minions ist es inzwischen so eine Sache: Sie sind nicht mehr nur Figuren, sondern ein Aggregatzustand. Sie sind Slapstick, Merchandising, Kinderlachen, kapitalistische Allgegenwart und anarchisches Störgeräusch in einem. Sie sind die gelbe Minionisierung der Welt, und sie sind nun auch die Minionisierung Hollywoods. In Minions & Monster landen die Minions im Hollywood der 1920er-Jahre, also dort, wo das Kino noch jung, gefährlich, körperlich, stumm und größenwahnsinnig war. Wo Bilder noch erfunden wurden, bevor sie verbal erklärt werden mussten. Und wo Monster noch Schatten, Schminke, Licht und ein bisschen Hysterie waren.
Und tatsächlich ist dieser Anfang so großartig wie das dargestellte Thema. Denn in den ersten Minuten gelingt Pierre Coffins Film etwas, was man diesem Franchise nach den letzten Minions-Auskopplungen kaum noch zugetraut hätte: eine echte, zärtliche, formal verspielte Liebe zum Kino. Das Intro rekapituliert Filmgeschichte nicht als museales Best-of, sondern als Bewegung, als Rausch, als slapstickhafte Geburt aus Licht, Staub, Kurbeln, Kulissen und Körpern. In seiner Kürze, Eleganz und emotionalen Verdichtung erinnert das fast an die berühmte Anfangssequenz von Pixars Oben, in der ein ganzes Leben in wenigen Minuten erzählt wurde. Hier wird zwar nicht ein Leben erzählt, aber doch ein Zeitalter: die Verheißung des Kinos, bevor es zur Industrie, zur Maschine, zum Franchise wurde.
Gerade in diesen ersten Passagen überzeugt auch die historische Einbettung der Minions. Denn ihre Existenz war ja immer schon ein finsterer Witz über Gefolgschaft: Sie hängen sich an den Stärksten, Dümmsten, Lautesten, Gefährlichsten; sie lieben Autorität, solange sie laut genug kracht; sie sind die niedlichste Form des Opportunismus und ganz nach Heinrich Mann der perfekte Untertan. In diesem alten Hollywood, in dem Egos, Genies, Ausbeuter, Visionäre und Scharlatane ohnehin kaum voneinander zu unterscheiden sind, finden sie deshalb einen erstaunlich passenden Sehnsuchtsort menschlicher Niederungen. Sie gehören hierher. Zwischen Größenwahn und Studiochaos, zwischen Monsterfilm und Machtfantasie, zwischen Traumfabrik und Ausbeutungsbetrieb wirken sie für einen Moment nicht wie nachträglich hineingeschriebene Franchise-Maskottchen, sondern wie ein Symptom des Systems selbst.
Minions & Monster beginnt wie eine gelbe, kindgerechte, natürlich viel harmlosere Variante von Damien Chazelles Babylon – Rausch der Ekstase. Auch dort ging es um Hollywood als Fiebertraum, um die verlorene Zeit des Kinos, um Moral, Identität, Exzess und Verfall. Chazelles Film war in seiner epischen Suche nach dem Ursprung und Untergang Hollywoods nicht immer überzeugend, aber immerhin maßlos. Minions & Monster scheint zunächst daran anzuschließen: an die Frage, was vom Kino bleibt, wenn alles nur noch Spektakel, Zitat, Lärm und Selbstvermarktung ist. Und was passiert, wenn plötzlich der Tonfilm seinen Siegeszug antritt.
Das Problem ist nur: Der Film weiß mit diesem vielversprechenden Ausgangspunkt bald nichts mehr anzufangen. Was am Anfang noch nach liebevoller, kluger, manchmal sogar elegischer und pädagogisch wertvoller Filmgeschichtsstunde aussieht, wird spätestens ab der Hälfte zu einer zunehmend ermüdenden Nummernrevue. Ein Zitat aus den guten alten Zeiten jagt das nächste. Mal blitzt Stummfilmkomik auf, mal Monsterkino, mal Studio-Satire, mal Reiseabenteuer, mal selbstreflexiver Hollywood-Klamauk, so dass man irgendwann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.
Denn Referenzen sind noch keine Erzählung. Und Nostalgie ist noch kein Herz. Und eben daran krankt Minions & Monster. Je weiter sich die Minions mit ihrem grünen Monster und ihrer Suche nach noch schrecklicheren Kreaturen in die Kinowelt bewegen, desto stärker zerfällt der Film in Episoden, Set-pieces, Gags, Schauwerte. Das ist schon witzig. Und natürlich funktioniert diese irre Mischung aus Gibberish, Körperkomik und völliger Selbstentgrenzung immer wieder. Und natürlich wird ein Kinosaal voller Kinder an vielen Stellen lachen. Aber unter dem ganzen Krawall fehlt ein emotional andockbares Kernnarrativ.
Das war schon das Problem der beiden bisherigen Minions-Auskopplungen Minions und Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss. Sie hatten Tempo, Farbe, Chaos, Irrsinn und ein paar sehr gute Einfälle, reichten aber nie an die narrative und emotionale Dichte der frühen Ich – Einfach unverbesserlich-Filme heran. Dort gab es mit Gru, den Mädchen, der Frage nach Familie, Einsamkeit, Erziehung und Zuneigung noch ein echtes erzählerisches und emotionales Zentrum. Die Minions waren Störungen, Kommentare, Seitenarme des Wahnsinns. Als Hauptfiguren sind sie dagegen strukturell überfordert. Sie sind brillante Nebenfiguren, aber schwierige Protagonisten. Sie können alles sprengen, aber kaum etwas tragen.
Minions & Monster bestätigt dieses Dilemma erneut. Der Film will zugleich Liebeserklärung an das Kino, Monsterabenteuer, Hollywoodsatire, Franchise-Fortsetzung, Kinderkomödie und Metagag-Maschine sein. Das ist viel. Das ist zu viel. Denn statt aus diesen Elementen eine innere Bewegung zu entwickeln, stapelt er sie übereinander. Am Ende entsteht ein Film, der rast, aber nicht vorankommt; der zitiert, aber nicht vertieft; der permanent beschäftigt ist, aber seltsam leer bleibt.
So bleibt Minions & Monster ein Film, der in seinen besten Momenten erstaunlich schön und in seinen schwächeren Momenten erschreckend egal ist. Er ist lustig, chaotisch, anspielungsreich, in seinem Auftakt sogar brillant, aber letztlich ohne Herz. Vielleicht ist das die eigentliche Tragik dieser gelben Weltbeherrschung: Die Minions können inzwischen alles erobern, sogar Hollywood. Nur die Seele, das Herz des Kinos bekommen sie nicht zu fassen.
Ein sehr guter Grund, den Film vielleicht doch, dann aber im Original zu sehen, ist Christoph Waltz’s Stimme als Max, jener Regisseur, der die Minions für seine Filme engagiert. Denn diese Stimme bringt genau jene Mischung aus Eleganz, Ironie, Kontrollwahn und leiser Bedrohung mit, die dem Film insgesamt guttut. Für einen Moment hört man darin, was Minions & Monster häufiger hätte sein können: nicht nur Krawall, sondern Kino mit Abgrund. Nicht nur gelber Lärm, sondern böser, zweideutiger Glanz.