Die Magnetischen

Les magnétiques

Frankreich 2021 · 98 min.
Regie: Vincent Maël Cardona
Drehbuch: ,  u.a.
Kamera: Brice Pancot
Darsteller: Thimotée Robert, Marie Colomb, Joseph Olivennes, Meinhard Neumann, Fabrice Adde u.a.
So war das in den 80er: Rauchen, trinken, Liebe
(Foto: Port au Prince)

Die gute alte Zeit der Mix-Tapes

Mit Karacho in die französischen 80er: Vincent Maël Cardona legt mit Die Magnetischen ein furioses Regie-Debüt vor

»Darum können junge Menschen, die Anfänger in allem sind, die Liebe noch nicht: sie müssen sie lernen.«

(Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter)

Im Friseur­salon. Philippe lässt sich von der Freundin seines älteren Bruders die Haare schneiden, um ihr nahe sein zu können. Sie direkt anzu­spre­chen, traut er sich noch nicht. Aber er hat Glück: Im Radio läuft gerade passend ein Chanson (»Le Premier Pas« von Claude-Michel Schönberg), der seinen verliebten Gefühlen roman­ti­sche Worte und Melodie verleiht und den beiden einen ersten unschul­digen intimen Moment beschert.

Das Lang­film­debüt des Schau­spie­lers Vincent Maël Cardona erzählt viele solcher beson­derer Momente, die noch lange nach­schwingen und den fantas­ti­schen Film so zu einem blei­benden Erlebnis machen. Zusammen mit einigen anderen hat Cardona auch das Drehbuch geschrieben.

Mit ausge­bleichten Schwarz-Weiß-Bildern beginnt die Geschichte am Tag des Wahl­sieges des Linken François Mitter­rand über den Bürger­li­chen Valéry Giscard d’Estaing am 10. Mai 1981, was in der Kneipe einer fran­zö­si­schen Klein­stadt eupho­risch gefeiert wird. Eine Rich­tungs­wahl in Frank­reich. Während Jerôme (Joseph Olivennes), Moderator des links-anar­chi­schen Pira­ten­sen­ders »Radio Warschau«, glücklich ist und eine neue Zeit heran­ziehen sieht, ist sein jüngerer Bruder Philippe (Thimotée Robart) eher depri­miert. Er war für Giscard d’Estaing.

Es ist die Geschichte dieser zwei Brüder, der eine am Mikrofon, der andere am Mischpult, die aus der Perspek­tive des jüngeren Philippe erzählt wird. Philippe ist zufrieden mit seiner »unsicht­baren« Techniker-Rolle beim als Hobby betrie­benen Pira­ten­sender, im großen, lauten Schatten seines wilden Bruders. Beide verdienen ihr Geld in der Auto­werk­statt ihres Vaters, wo sie auch wohnen, was Jerôme wütend und seinem Vater gegenüber immer wieder aggressiv macht, weil es seinem Wunsch nach einem rebel­li­schen Leben als linker Freigeist, Drauf­gänger, Frau­en­held und Feier­biest so gar nicht entspricht. Philippe dagegen hat damit kein Problem, er ist schweigsam, intro­ver­tiert, verläss­lich, ausge­gli­chen, er bringt seinen sturz­be­trun­kenen großen Bruder regel­mäßig zu Bett und wird von ihm dafür »Soldat« genannt. In manchen Passagen erinnert Die Magne­ti­schen an einen anderen großar­tigen Film über zwei ungleiche Brüder: Aus der Mitte entspringt ein Fluß, mit Brad Pitt, bloß in umge­kehrter Konstel­la­tion, der Ältere ist dort der Vernünf­tige. Während die beiden Brüder im länd­li­chen Montana das beschau­liche Flie­gen­fi­schen verbindet, ist es im fran­zö­si­schen Werk die laute, unbändige Musik. Ja, die Musik spielt hier neben dem Radio und seinen damaligen tech­ni­schen Möglich­keiten (Kassette, Tonband, Schall­platte) eine weitere große Haupt­rolle und liefert den wilden Punk-Sound­track der Achtziger: Joy Division, Iggy Pop, The Under­tones, Gang of Four und The Slits bzw. in den Berlin-Szenen der Metal-Sound und Wave dieser Zeit von Die Krupps oder Malaria!.

Zum Coming-of-Age-Film wird die Geschichte Philippes durch zwei Einschnitte: Er verliebt sich in die Freundin seines Bruders Marianne (Marie Colomb), die mit ihrer Tochter aus Paris kommt und im Friseur­laden der Klein­stadt arbeitet und er wird zum Wehr­dienst einge­zogen und nach West-Berlin geschickt. Durch beide Ereig­nisse ist Philippe plötzlich gezwungen, aus dem Schatten seines Bruders zu treten, seine eigene Stimme zu finden, seinen eigenen Weg zu gehen.

Vincent Maël Cardona gelingt es mit durch die Bank sehr über­zeu­genden Schau­spie­lern, allen voran mit Thimotée Robart und Joseph Olivennes als unglei­chen Brüdern, die Atmo­s­phäre der 1980er Jahre im Look (Kamera: Brice Pancot), im Sound und in den Details perfekt wider­zu­spie­geln. Darüber hinaus erzählt er eine univer­selle Geschichte vom Erwach­sen­werden, ausgelöst durch den unwi­der­steh­li­chen Sog der Liebe. In einer gran­diosen Szene wirbelt Philippe in einem Berliner Radio­studio wie ein Derwisch durch die Räume, als er in einer Live-Perfor­mance eine aber­wit­zige Klang­col­lage aus schwin­genden Mikro­fonen, gescratchten Schall­platten und virtuos einge­fügten Kasset­ten­tape-Ausschnitten zusam­men­zau­bert – eine einzig­ar­tige Liebes­er­klä­rung an Marianne und gleich­zeitig ein wilder Rausch der Selb­stof­fen­ba­rung.

Aber auch andere univer­selle Fragen wie die nach einem Leben zwischen Anpassung und Rebellion, zwischen beschau­li­chem, lang­wei­ligem Landleben und pulsie­render Großstadt werden anschau­lich, in großar­tigen Dialogen, anhand der Figuren des hart arbei­tenden Vaters und seinem mit diesem Lebens­kon­zept unzu­frie­denen älteren Sohn packend in Szene gesetzt. Was man in einem guten Film alles unter­bringen kann! Auch das Thema der ambi­va­lenten Bruder­liebe und Bruder­ri­va­lität oder die Frage danach, was man bereit ist für seine eigene (beruf­liche) Leiden­schaft zu opfern, werden eindring­lich und mit großer Inten­sität miter­zählt. Nicht zu vergessen die Darstel­lung der fran­zö­si­schen Linken in ihrem Versuch des Wieder­auf­le­ben­las­sens der 68-er-Power mit ihrem vor allem durch die ener­ge­ti­sche Musik ange­trie­benen wilden Lebens­ge­fühl – im Vergleich aller­dings weniger politisch theo­re­tisch als eher hedo­nis­tisch, indi­vi­dua­lis­tisch. Inter­es­sant dabei auch die damalige Rolle Berlins aus fran­zö­si­scher Perspek­tive. Durch ihre Musik-Avant­garde und die Under­ground-Locations wirkt hier alles ungemein cool auf den jungen Soldaten Philippe.

Und das alles in einem Debütfilm! Kein Wunder, dass Die Magne­ti­schen 2021 in Cannes in der Sektion Quinzaine des Réali­sa­teurs ausge­zeichnet wurde und später einen César als Bester Debütfilm erhielt.

Vieles gäbe es noch zu erzählen von diesem wunder­baren Film, aber letztlich sollte man sich die Zeit nehmen und selbst eintau­chen in das Leben von Philippe, Jerôme und Marianne.