Love and Monsters

USA 2020 · 109 min. · FSK: ab 12
Regie: Michael Matthews
Drehbuch: ,
Darsteller: Dylan O'Brien, Jessica Henwick, Michael Rooker u.a.
Momente unaussprechlicher Schönheit
(Foto: Netflix)

Kuscheltherapie für geschundene Pandemiker

In Love and Monsters ist so ziemlich alles drin. Die Big-Bug-Movies der 1950er, Post-New-Hollywood, heutige Serien und ein paar provokante Stammtischrezepte für unsere Pandemiegegenwart

»Schmeißt die Luken auf. Atmet die frische Luft ein. Zieht raus und lebt euer Leben!« – Joel in Love and Monsters

Was geht? Nicht mehr viel. Denn nach der Zerstö­rung eines auf die Erde zusteu­ernden Aste­ro­iden durch Raketen bewirkt der chemische Fallout, dass alle Kalt­blüter zu Mega-Monstern mutieren. Doch es kommt noch schlimmer: im Kampf der Mutanten gegen die mensch­li­chen Armeen wird ein Großteil der Mensch­heit zerstört. Die, die sich retten können, versuchen in unter­ir­di­schen Bunker­ko­lo­nien zu überleben. Auch Joel (Dylan O’Brien) lebt in einem dieser provi­so­ri­schen Patchwork-Familien-Verstecke. Doch als Mitt­zwan­ziger ohne Freundin ist er irgend­wann so genervt vom Rumge­vögel seiner Mitbe­wohner, die in ihm nur das Kind, den Koch und Funk­geräte-Freak sehen, dass er sich trotz aller Gefahren auf den Weg zu Aimee (Jessica Henwick) macht, deren Verbleib er nach fast sieben­jäh­riger Funk­stille endlich heraus­ge­funden hat.

Und so geht Joel seinen Weg. Trifft auf andere Menschen, auf Mutanten, einen Hund und Kulissen eines anderen Zeit­al­ters, also schwer-dysto­pi­sche Land­schaften, so wie wir sie kürzlich auch in Tribes of Europa gesehen haben. Doch von Politik und dem düsteren Homo homini Lupus der deutschen Serie ist die US-ameri­ka­ni­sche Produk­tion weit entfernt. Menschen töten sich hier (von Ausnahmen abgesehen und dann auch nicht aus ideo­lo­gi­schen Gründen) eben gerade nicht, sondern helfen einander und im Fall von Joel geben sie ihm auch ein wenig Bildungs­roman, also Coming-of-Age mit auf den Weg, darf sich Joel vom gewalt-gehemmten spät­pu­ber­tären Jugend­li­chen zum Mann mit neuen Quali­täten entwi­ckeln, ohne dabei jedoch seine Selbst­ironie und Toll­pat­schig­keit zu verlieren.

Das macht Joel zu einem sympa­thi­schen und vor allem histo­risch tief verwur­zelten Hybrid, der bei älteren und/oder film­his­to­risch inter­es­sierten Betrach­tern eine wahre Achter­bahn­fahrt an Asso­zia­tionen auslösen dürfte. Von Arthur Dent aus Per Anhalter durch die Galaxis über Indiana Jones, Back to the Future und Stand by Me scheint alles dabei zu sein. Aber auch die heutigen Refe­renzen auf die Literatur und das Post-New-Hollywood-Kino der 1980er feiern ihre Wieder­auf­er­ste­hung. Sei es der Jumanji-Reboot, das letzte Planet der Affen-Install­ment oder der Serien-Erfolg Stranger Things – ein wenig »Heimat« findet hier jeder, egal wie »fremd« und zugleich vorher­sehbar das alles ist.

Doch anders als Tribes auf Europa gelingt dem Team um den südafri­ka­ni­schen Regisseur Michael Matthews (Five Fingers for Marseilles), Produzent Shawn Levy (u.a. Stranger Things, Arrival) und Dreh­buch­autor Brian Duffield (Jane got a Gun) aus Love and Monsters mehr als nur ein lebloses Zitat­sam­mel­su­rium. Das liegt auch daran, dass das Kata­stro­phen­kino des Kalten Krieges, und im Beson­deren die Big-Bug-Movies wie Tarantula (1955) oder Beginning Of The End (1957) nicht nur zitiert werden, sondern der liebe­vollen Grun­die­rung des ganzen Films dienen und dabei zu etwas ganz Neuem mutieren, was sich zu den multiplen Muta­tionen im Film dann auch besonders gut ausnimmt. Mehr noch als es Monster-Mutanten sind, die wie ein Tribut an den legen­dären Ray Harry­hausen wirken und von den Oscar-nomi­nierten VFX- und Animation Teams von Mr. X in konge­nialer Zusam­men­ar­beit mit Produk­ti­ons­de­si­gner Dan Hennah so liebevoll ausge­stattet wurden, dass jeder Todesfall immer auch ein aufrich­tiges Bedauern nach sich zieht.

Aber zum Glück – und ganz im Sinn des heutigen Mons­ter­dis­kurses (siehe z.B. A Monster Calls) – sterben nicht alle Monster, sondern klärt Love and Monsters auch darüber auf, dass nicht alle Monster Monster sind, dass sie sowohl symbo­lisch für die Abgründe unserer Psyche stehen können als auch für etwas so banales wie unsere gegen­wär­tige Corona-Pandemie, dass es auch gutes Grauen gibt, dass Überleben auch immer heißt, das Gute im Schlechten zu erkennen, es zu liebkosen und zu knuddeln. Und dass in jeder Apoka­lypse sogar Momente unaus­sprech­li­cher Schönheit schlum­mern, so wie etwa jener Moment, als Joel, sein Hund und ein huma­no­ider Roboter zu den Klängen Ben E. Kings Stand by Me auf einem Sofa sitzen und draußen auf den versehrten Straßen Riesen­quallen durch die Lüfte schweben.

Spätes­tens mit dieser so poeti­schen Sequenz wird Joel und allen Betrach­tern klar, dass es für Menschen immer ein Leben danach gibt, dass die Rache der Natur immer auch Rache des Menschen an sich selbst ist. Und dass irgend­wann die Zeit kommt, »wieder­ge­boren« zu werden und ans Tages­licht zu treten, mit neuen Visionen und neuem Mut.

Ein besseres post-pande­mi­sches Credo ist derweil kaum zu haben.

Love and Monsters ist seit 14. April auf Netflix abrufbar.