| GB/USA 2023 · 100 min. · FSK: ab 12 Regie: Guy Nattiv Drehbuch: Nicholas Martin Kamera: Jasper Wolf Darsteller: Helen Mirren, Liev Schreiber, Camille Cottin, Ellie Piercy, Rami Heuberger u.a. |
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| Entscheidungsträger mit Schwächen... | ||
| (Foto: Weltkino) | ||
And who by brave assent, who by accident
Who in solitude, who in this mirror
Who by his lady’s command, who by his own hand
Who in mortal chains, who in power
And who shall I say is calling?
– Leonard Cohen, Who by Fire
Das ist im ersten Moment vielleicht das überraschendste: Obwohl Guy Nattivs Golda – Israels eiserne Lady vor dem Massaker der Hamas am 7. Oktober entstand, sieht er sich wie eine direkte filmische Antwort auf das Attentat an der Zivilbevölkerung und den daraus resultierenden militärischen Gegenschlag der israelischen Armee. Eine filmische Antwort, die vor allem darin besteht, zu zeigen, dass es diesen Konflikt schon einmal gab, und dass trotz unversöhnlichster Lagerbildung schon damals im Jahr 1973 am Ende eine überraschende, politische Lösung des Konflikts erarbeitet wurde.
Doch zurück zu den Parallelen der Zeitgeschichte, zurück zu späten 1960er und 1970er Jahren, als die Fronten nicht nur durch den Sechstagekrieg 1967 zwischen Palästinensern, der arabischen Welt und Israel verhärtet waren, sondern so, wie heute die Hamas, die damalige PLO unter Jassir Arafat Israel von der Landkarte tilgen wollte und mit kontinuierlichen Terroranschlägen dieses Ziel unterstrich. Die damalige Ministerpräsidentin Golda Meir reagierte hart und pragmatisch: Ein Palästinenserstaat war für sie undenkbar, bestenfalls schien ihr eine Rückgabe der im Sechstagekrieg eroberten Gebiete an Jordanien möglich, in dem die Palästinenser eine zweite Heimat finden sollten.
Mit dem trotz Warnungen – auch das ist natürlich eine Parallele zum 7. Oktober – dann doch überraschenden Militärschlag Ägyptens und Syriens am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, änderte sich die Lage grundlegend und es ist folgerichtig, dass Guy Nattiv diesen 18 Tage lang währenden Waffengang gewählt hat, um die charismatische Ministerpräsidentin Israels zu porträtieren, ganz nach der Devise, dass erst die Krise den wahren Kern eines Menschen bloßlegt.
Das bedeutet im Fall dieser Filmbiografie aber auch, dass wir wenig über die Vergangenheit von Meir erfahren und das wir es hier mit einem sehr ungewöhnlichen Kriegsfilm zu tun haben. Denn zum einen erfahren wir zwar die massiven Angriffe der Anrainerstaaten auf Israel, doch wir sehen und vor allem hören dies aus der Kommandozentrale der israelischen Armee und des israelischen Kriegskabinetts. Diese kammerspielartige Umgebung wird durch einen erzählerischen Rahmen eingebettet, in dem sich Meir ein Jahr später vor der Agranat-Kommission darüber verantworten muss, warum sie trotz Warnungen des Geheimdienstes nicht früher auf den Angriff reagiert hat und damit teilschuldig an den 2.812 gefallenen israelischen Soldaten ist.
Nattiv gelingt es trotz dieses strengen klassischen Aufbaus dennoch, ein sogartiges Interesse für den Konflikt zu erzeugen. Zum einen zeigt er israelische Helden wie Mosche Dayan (Rami Heuberger) von ihrer schwachen Seite, legt strategische wie menschliche Fehler bloß und deutet an, dass die Sieger dieses Krieges dann auch in der späteren Politik Israels entscheidende Rollen einnehmen werden. Und immer ist es dann auch die Welt von damals, die sich wie die Geschichte unserer Gegenwart liest, ist Amerika und die übrige Welt wegen der Angst vor steigenden Ölpreisen genauso am Taktieren wie das heute der Fall ist und wo Israel tatsächlich ähnlich isoliert steht, wie es in unserer heutigen Gegenwart der Fall ist. Doch es ist auch ein historischer Raum, in dem damals wie heute nicht nur Politiker und das Militär bestimmen, was passiert, sondern auch die öffentliche Meinung. Nicht umsonst spielt Nattiv am Ende Leonard Cohens »Who by Fire«, denn Cohen reiste damals spontan in diesen Krieg, um als Musiker vor israelischen Soldaten aufzutreten und die politische Isolation aufzuweichen.
Doch Nattiv vergisst bei all dem Krieg nicht, auch für seine von Helen Mirren verkörperte Golda, nicht nur den politischen Menschen zu zeigen, sondern auch ihren Humor, der sich am stärksten bei den Besuchen Henry Kissingers zeigt. Vor allem in der Szene, als die kettenrauchende Meir Kissinger dazu nötigt, die Borschtschsuppe ihrer Sekretärin und Beraterin Lou Kaddar (Camille Cottin) zu essen, die er erst anrührt, als Meir ihm mit von schwarzem Humor getränkter Stimme zukommen lässt, dass Lou doch eine »Überlebende« sei und man allein schon deshalb die Suppe essen müsse. Oder Meirs nüchterne Art, sich ihrer Krebstherapie zu unterziehen und sogar währenddessen die Zigarette nicht aus der Hand zu legen oder die Art und Weise, wie sie mit Bleistift und Notizblock die Todeszahlen der gefallenen Soldaten jeden Tag aktualisiert, Details, die aus der inszenierten Rolle einen Menschen machen, der nie weiß, wie am Ende die Geschichte über ihn richten wird, was falsch ist, obwohl es sich in dem Moment der Entscheidung richtig angefühlt hat.
Diese Ambiguität der Gegenwart und die unerklärlichen Widersprüche von Vergangenheit und Gegenwart hat Nattiv bereits in seinem Neonazi-Film Skin (2018) so konsequent wie eindrücklich dargestellt, hier spannt er einen noch weiteren historischen Rahmen, den er mit einem denkwürdigen Ende abschließt, in dem er historische Aufnahmen präsentiert, die Meir und den damaligen ägyptischen Präsidenten Sadat zeigen, wie sie sich mit großem Spaß übereinander lustig machen.
Ein Ende, das am Anfang dieses Konflikts nicht einmal denkbar schien und das kein besserer Spiegel für unsere Gegenwart sein könnte.
»Just remember, all political careers end in failure.«
Golda Meir
Man nannte sie die »Löwin« und tatsächlich auch, Jahre vor Magaret Thatcher, eine »Eiserne Lady«: Golda Meir (1898-1978), die zwischen 1969 bis 1974 eine der allerersten Frauen war, die in demokratischen Wahlen – nicht als Thronerbin – Regierungschefin wurden.
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Der Film geht los mit einer Zigarette. Die ständige Zigarette in der Hand war eines der Markenzeichen der israelischen Ministerpräsidentin, die aus einer Zeit stammte, als den Menschen noch andere Dinge wichtiger waren als die eigene Gesundheit. In Israel, wo man seit Jahrzehnten täglich mit arabischem Terror und Angriffen der Nachbarländer rechnen muss, sowieso.
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Und um einen Angriff geht es; er macht Golda, der bereits 2023 seine Weltpremiere erlebte, zu einem heute überraschend aktuellen Film: Im Oktober 1973 begann – fast auf den Tag genau 50 Jahre vor dem 7. Oktober 2023 – ebenfalls ein Angriff aus heiterem Himmel, ein massiver arabischer Doppelschlag, als Ägypten und Syrien einen Angriffskrieg eröffneten und koordiniert in Israels Süden wie Norden einmarschierten.
Dieser »Jom-Kippur-Krieg« dauerte knapp drei Wochen und endete mit einem israelischen Sieg. Aber dieser war teuer erkauft: Mit hohen Verlusten an Menschen und Material, aber noch mehr, indem es vor allem den Ägyptern an den ersten Tagen ihres Blitzkriegs gelang, an Israels Nimbus der Unbesiegbarkeit zu rütteln.
Regisseur Guy Nattiv erzählt von diesem Krieg im Nahen Osten, der vor den Angriffen des 7.Oktober 2023 der für Israel unerwartetste und gefährlichste war: Sein Film schildert die auf den Kriegsbeginn folgenden Tage fast minutiös aus Sicht von Golda Meir, die auf mehreren Sitzungen hinter verschlossenen Türen mit den Chefs von Militär und Geheimdienst die richtige Strategie bespricht, um diesen Überraschungsangriff zu stoppen, die sich zwischendurch beim Besuch des militärischen Hauptquartiers versucht, ein Bild von der Lage zu verschaffen. Sie stand dabei nie allein, aber letztlich hing es von ihr ab, den Kurs festzulegen und zu verantworten.
Die Zuschauer lernen auch ihr engeres Umfeld kennen: ihre Assistentin Lou Kaddar (Camille Cottin), IDF-Stabschef David 'Dado' Elazar (Lior Ashkenazi), Mossad-Chef Eli Zeira (Dvir Benedek), Zvi Zamir (Rotem Keinan), den Generaldirektor des Mossad, den legendären Verteidigungsminister Moshe Dayan (Rami Heuberger), Held des Sechs-Tage-Kriegs von 1967, der mitverantwortlich dafür war, dass Israel trotz Geheimdienstwarnungen von den Angriffen zunächst überrumpelt werden konnte, und an den ersten Tagen einen Nervenzusammenbruch erlitt, und den wilden, mutigen General (und zukünftigen Premierminister) Ariel Sharon (Ohad Knoller), dem Meir im Film voraussagt: »They'll make you prime minister.«
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Filmisch hat all dies naturgemäß seine Grenzen: Viele Gespräche in geschlossenen Räumen, über militärische Details, über Bündnisse, dazu gelegentliche Momente der Ruhe. Aber keine Action, keine Katharsis, kein »Drama« im angloamerikanischen Sinn.
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Den Rahmen des Films bildet die Untersuchung der »Agranat«-Kommission, vor der sich die Ministerpräsidentin und ihr Büro nach den Ereignissen rechtfertigen mussten, bevor man ihr zugestand, alles richtig gemacht zu haben.
Dies ist ein ruhiger, nachdenklicher und oft düsterer Film. 1982 hatte Alan Gibson in dem Film A Woman Called Golda mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle das komplette Leben Meirs nacherzählt. Darin konnte man erfahren, wie die noch im russischen Zarenreich in der Ukraine geborene Meir als Kind Opfer von ukrainischen Pogromen wurde, bevor ihre Familie, als sie acht Jahre alt war, nach Milwaukee auswanderte. Mit Anfang zwanzig zog sie mit ihrem Mann in einen Kibbuz im britischen Mandatsgebiet Palästina. Als sie 1969 die vierte Premierministerin Israels wurde, war sie bereits 71 Jahre alt und ähnelte eher einer alten europäischen Großmutter, die selbstgebackenen Kuchen in die Kabinettssitzungen mitbrachte, als einer Machtpolitikerin – doch wie manche Großmütter war sie genau das. Ihr Verstand war machtpolitisch und ihr Bewusstsein von der Jugend in der amerikanischen Hochmoderne geprägt.
Nattiv verweigert sich solchen möglichen psychologischen Komponenten und beschränkt sich auf den Horizont der Handlungen des Jahres 1973. Diese umfassen militärstrategische Dialoge und Entscheidungen, Lagebesprechungen, Öffentlichkeitsarbeit wie Fernsehansprachen, sowie diplomatische Gespräche, vor allem mit US-Außenminister Henry Kissinger.
Vor allem darin geht es um Friedensverhandlungen als Voraussetzung einer Konfliktlösung. Auch dies ist ein
hochaktuelles Thema. Die Figuren entwickeln sich hingegen kaum – was kein Wunder ist, weil es um einen Handlungszeitraum geht, der kaum drei Wochen umfasst.
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Der Regisseur folgt dabei der Formel, die bereits in dem hervorragenden Invisible Enemy (2015) verwendet wurde, in dem eine weibliche Chefin von einem Kommandoraum aus militärisches Personal anweist, bestimmte Ziele aus der Ferne anzugreifen. Es kann kein reiner Zufall sein, dass Helen Mirren in beiden Filmen die Hauptrolle spielt.
Mirren erreicht es, Meirs schillernde Persönlichkeit mit einer gewissen Glaubwürdigkeit zu versehen, indem sie sie als charaktervolle, immerfort Zigaretten durch die Luft schwingende Frau spielt, die, ohne im klassischen Sinn emanzipiert zu sein, nie ernsthafte Probleme hat, um in einem von Männern dominierten Raum ihre Autorität deutlich zu machen.
Mirren ist mit Hilfe der im Frühjahr oscarnominierten Maske der echten Golda Meir schon tatsächlich aus dem Gesicht geschnitten. Ihre eigentliche Schauspielkunst liegt hier in Gang und Gesten und Bewegungen und darin, unter der zentimeterdicken Maske noch Nuancen erkennbar zu machen.
Neben Mirrens Darstellung tritt außerdem die sehr präzise, authentische Wiedergabe der damaligen Zeit, die durch Archivmaterial ergänzt wird, das der Darstellung des historischen Kontextes einen dokumentarischen Ton verleiht. Der Film endet kurz vor dem ägyptisch-israelischen Friedensvertrag, eine Folge des Jom-Kippur-Kriegs und später der Auslöser für die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar el-Sadat.
Zu den besten Momenten gehören die Gespräche mit US-Außenminister Kissinger, der von Liev Schreiber gespielt wird. Dessen kühl-realistische Pendeldiplomatie nicht nur den Krieg beendete, sondern auch zu den hoffnungsvollsten Epochen im Nahen Osten führte, als nämlich der Friedensschluss zwischen Israel und Ägypten einige Zeit lang eine grundsätzliche Befriedung der Situation möglich erscheinen ließ.