Goliath96

Deutschland 2018 · 109 min. · FSK: -
Regie: Marcus Richardt
Drehbuch: ,
Kamera: Wedigo von Schultzendorff
Darsteller: Katja Riemann, Nils Rovira-Muñoz, Elisa Schlott, Jasmin Tabatabai, Cynthia Micas u.a.
Fangsti oder Verstecksti?

Keine einzige Art Regen zu beschreiben

Nach dem wunder­baren Debüt von Isabel Prahl 1000 Arten Regen zu beschreiben, in dem eine Familie daran fast zerbricht, dass der Sohn und ältere Bruder sein Zimmer nicht mehr verlassen will, beschäf­tigt sich jetzt ein weiterer deutscher Film mit dem Hiki­ko­mori-Phänomen. Marcus Richardt, bislang vor allem als Aufzeichner von Musik­auf­füh­rungen und Musik-Produzent in Erschei­nung getreten, hat sich das Thema ebenfalls für sein Lang­film­debüt Goliath96 ausge­sucht. Wo bei Prahl die äthe­ri­sche Bibiana Beglau die Mutter spielte, muss sich bei Reichardt leider wieder einmal Katja Riemann, zu weiten Teilen in einer mono­lo­gi­schen Rolle, um Kopf und Kragen spielen.

Um keine Miss­ver­s­tänd­nisse aufkommen zu lassen: Katja Riemann ist eine großar­tige, vitale Schau­spie­lerin, die in den richtigen Filmen, wie zum Beispiel in den tief­ge­henden, stillen Werken der Marga­rethe von Trotta, nuan­cen­rei­ches Spiel bewies. Sie wird aber allzuoft als die Schau­spie­lerin einge­setzt, die für all das einstehen darf, woran der deutsche Film krankt: realitäts­ferne Milieus, unnatür­liche Dialoge, falsch wirkende, so ganz und gar mit Ausru­fe­zei­chen gesetzte Szenen.

Für ein TV-gewohntes Publikum kann der stolpernd insze­nierte Film durchaus inter­es­sant wirken, auch hat die (zwei­fel­hafte) Film­be­wer­tungs­stelle dem Ganzen das Prädikat »Wertvoll« verliehen, wenn auch mit Abstri­chen. Das Thema ist immerhin inter­es­sant. Denn dass hier eine Mutter um ihren seit zwei Jahren im Zimmer verbar­ri­ka­dierten Sohn kämpft, ist an sich ein nahe­ge­hendes Drama, für das wohl jeder empfäng­lich ist und das sicher­lich als Grundlage für einen Diskus­si­ons­abend mit Betrof­fenen herhalten kann.

Inter­es­san­ter­weise gibt es mit Isabel Prahl viele Ähnlich­keiten im Plot, viel­leicht sind dies Stan­dard­si­tua­tionen des Hiki­ko­mori. Wie in Prahls Film, der subtil und unter die Haut gehend von einem Psycho­drama erzählt, das eine ganze Familie zuerst hinun­ter­zieht, dann den Schritt in die Freiheit eröffnet, wird auch bei Marcus Richardt dem Umfeld vorge­gau­kelt, der Sohn wäre auf Reisen, wird vor der Tür verharrt, an die Tür gewummert, versucht, den Schatten des Sohnes zu erhaschen, wenn er sich aus seinem Zimmer schleicht, um Essen zu holen. Das ist alles nicht das Problem. Proble­ma­tisch ist der Rhythmus des Films, der einfach nicht zu sich kommt, sind die klischee­haften Stili­sie­rungen des modernen Lebens mit Fitness-Gruppe, Schnell­re­stau­rant, dann ein Internet-Forum, die insze­niert sind, als würde der Dreh­buch­schrei­bende sie gerade mal vom Hören­sagen kennen.

Der Twist des Films ist, das darf man verraten, dass die Mutter heraus­findet, dass sich der Sohn auf einem Forum für Drachen­steig-Fans tummelt. Sie schafft es natürlich, als »cinderella97« mit »goliath96« Kontakt aufzu­nehmen. Alsbald chatten sie über Drachen­s­täbe. Zwischen­drin Kardi­nal­fehler in der Insze­nie­rung, wenn der Sohn, der unsicht­bare Schatten des Hauses, ganz und gar wahr­nehmbar im Kapu­zen­pulli die Treppe hinun­ter­schlen­dert, um sich in der Küche zu bedienen. Jedes Geheimnis, jedes Mysterium wird einfach nur durch Banalität zerstört.

Unab­hängig davon, dass der Film dann einen hane­büchenen Plot entwi­ckelt (Sohn verliebt sich in Mutter, aha, hier hat man sich nach alter Dreh­buch­schule mal wieder bei der antiken Mytho­logie bedient), scheitern die Chat-Szenen schlicht und ergrei­fend daran, dass sich übers Chatten schlecht erzählen lässt. Viel­leicht wäre dies ein inter­es­santer Stoff für ein Game gewesen, bei dem die Spieler versuchen müssen, mittels Beiträgen den Sohn aus seiner Reserve zu locken?

Wie dem auch immer sei. Im Kino ist dieser Film leider deplat­ziert. Als Fern­seh­ware oder Anschau­ungs­ma­te­rial und Diskus­si­ons­grund­lage für Betrof­fene hat der über­wie­gend mit Fern­seh­gel­dern finan­zierte Film aber durchaus seine Berech­ti­gung.

Isabel Prahl hatte knapp über 1000 Zuschauer für ihr tolles, von großer Wahr­haf­tig­keit in der Insze­nie­rung getra­genes Debüt 1000 Arten Regen zu beschreiben. Kann gut sein, dass Marcus Richardt sie zahlen­mäßig überholt. Denn Katja Riemann ist eine wache Schau­spie­lerin, der die Leute gerne zusehen. Dass sie diesen in der falschen Tonlage erzählten Film aus seinem Dreh­buchsumpf raus­ziehen kann, ist dann aber doch eher unwahr­schein­lich.

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