| Estland 2025 · 108 min. · FSK: ab 16 Regie: Tõnis Pill Drehbuch: Tõnis Pill, Laura Raud, Ivo Felt Kamera: Péter Kollányi Darsteller: Derek Leheste, Oskar Seeman, Tõru Kannimäe u.a. |
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| Glänzende Darstellerleistungen... | ||
| (Foto: Barnsteiner Film) | ||
Am Vorabend seines 13. Geburtstag kommt Paul bei seinem Onkel Aivar in einer tristen Kleinstadt in Estland an. Seine Mutter Jane ist sehr gestresst von den ständigen Streitereien mit ihrem Mann und weiß sich offenbar keinen anderen Rat. Paul hat einen blauen Fleck im Gesicht, der offenbar von einer Misshandlung durch den gewalttätigen Vater herrührt. Paul soll ein paar Tage bei seinem Onkel bleiben, bis sich die Lage zu Hause beruhigt hat. Beim Umherstreifen lernt er eine Gruppe von Jungs kennen, die vom draufgängerischen Jasper angeführt wird. Die Halbstarken hängen an einem abgelegenen Platz ab, klopfen Sprüche, rauchen Zigaretten, trinken Bier, boxen sich und schnüffeln zum Teil auch Klebstoff. Zwischendurch kühlen sie ihr Mütchen an dem körperlich und geistig behinderten Sascha, den sie als Fränk verspotten, weil er ein entstelltes Gesicht wie das Monster Frankenstein hat.
Während Paul den Kontakt zum stets hilfsbereiten Aivar auf das Nötigste beschränkt, nimmt Jasper ihn die Clique auf. Doch dann verlangt Jasper von Paul eine Mutprobe: Er soll einen Eimer mit blauer Farbe über Fränk ausschütten. Paul zögert, tut es aber dann. Weil das Opfer am Auge verletzt wird, schaltet sich die Dorfpolizistin ein – mit dem Effekt, dass Paul die Zwangseinweisung in ein Internat droht. Der Junge entschuldigt sich bei Fränk, der ihn ins Herz geschlossen hat – zur großen Verwunderung seines Bruders, der sich liebevoll um Fränk kümmert. Die beiden Außenseiter freunden sich an und chillen eines Abends am Lagerfeuer. Doch Jasper beobachtet das zufällig und stellt Fränk am nächsten Tag zur Rede.
Das Spielfilmdebüt des estnischen Regisseurs Tõnis Pill ist keine leichte Kost und mutet dem jungen Zielpublikum einiges zu. Wie andere baltische Kinder- und Jugendfilme der letzten Jahre wie etwa Toxic, Neon Spring oder Becoming Roosi, erzählt er von Heranwachsenden, die in krisenhaften Lebenslagen in prekären Milieus auf Abwege geraten und nach Orientierung suchen. Der 1962 in Tallinn geborene Filmemacher verarbeitet in dem packenden Familiendrama eigene Gewalterfahrungen. »Auch ich bin von psychischer und physischer Gewalt nicht verschont geblieben. Ich wuchs in einer Familie auf, in der sich ein Mitglied jeden Sommer in einen Teufelskreis aus Alkohol und Sucht trank«, schreibt er in einem Regiestatement.
In seinem Langfilmerstling porträtiert er einen Teenager, der seine Kindheit zumindest zeitweise in einem gewalttätigen Umfeld verbracht hat und dies nicht länger ertragen kann oder will und sich nach Geborgenheit, Liebe und Freundschaft sehnt. Doch die Aussichten stehen schlecht: Die hilflos wirkende Mutter ist offenbar tief verstrickt in eine toxische Beziehung zu ihrem Mann, aus der sie sich aus eigener Kraft nicht lösen kann.
Zugleich zeigt Pill, wie leicht ein Kind mit einem derartigen Erfahrungshorizont auf die schiefe Bahn geraten und unter dem Druck negativer Peer Groups vom Opfer zum Täter werden kann. Am Beispiel von Paul, Fränk und Jasper erzählt „Fränk“ gleich mehrfach von Mobbingaktionen und gewaltsamen Übergriffen, die in einen gefährlichen Sog der Eskalation münden.
Wie gefährlich schon eine unkontrollierte Gruppendynamik werden kann, zeigt sich bei dem Jungen Juss, der mit einer Tüte über dem Kopf gezwungen wird, Klebstoffdämpfe einzuatmen und dabei eine giftige Überdosis abbekommt. Als Paul und ein anderer Junge ihn Tage später zu Hause besuchen, sehen sie, dass das Opfer bleibende Schäden erlitten hat. Er kann nicht mehr sprechen, macht mehrmals ins Bett und muss von seiner alleinerziehende Mutter gefüttert werden. Die Mutter schreit die Täter wütend an: »Seht Euch an, was ihr Dreckskerle aus ihm gemacht habt. Haut ab, ihr Monster!«
Nicht nur Paul, auch Jasper kommt aus einer disparaten Familie. Seine Mutter hat sich vor Jahren mit Tabletten das Leben genommen. Das Verhältnis zu seinem überaus dominanten Vater ist gespannt und von Sprachlosigkeit geprägt. Seinen Frust baut der Junge in der Clique aus, in der er vor allem die Schwächeren herumkommandiert drangsaliert. Als er die Annäherung von Paul und Fränk entdeckt und in der Gruppe süffisant enthüllt, schlägt Paul zurück, indem er ausplaudert, dass Jasper in die ältere Supermarktkassiererin Tiina verliebt ist, der er Karten mit Liebesbotschaften ans Fahrrad steckt. Paul schickt den Rivalen weg, der von allen verspottet wird, und übernimmt das Kommando in der Gruppe.
Doch Jasper rächt sich für die Demütigung, indem er Paul entführt und mit der gestohlenen Jagdarmbrust seines Vaters bedroht. Spätestens überspannt Pill den Bogen der Dramatisierung, häuft sein Film zu viele Gewaltspitzen auf, zumal er dazu tendiert die Schlüsselszenen mit pathetischer Musik zu unterlegen, um ihre Wirkung noch zu verstärken. Die thematische Überfrachtung gipfelt schließlich auch noch im Suizidversuch eines Kindes.
Solch inszenatorische Schwächen werden partiell ausgeglichen durch glänzende Darstellerleistungen, allen voran Derek Leheste, der die innere Zerrissenheit Pauls eindringlich zur Anschauung bringt. Bestechend spielen aber auch Oskar Seemann, der uns Fränk ans Herz zu legen versteht, und Tõru Kannimäe, der die ambivalente Figur des Jasper zum Leben erweckt.
Erfreulicherweise entlässt der Film die Zuschauenden nicht mit einem deprimierenden Elendsgemälde. Paul zeigt Reue, er hat aus seinen Fehlern gelernt. Für ihn und Fränk gibt es am Ende Signale der Hoffnung. Obwohl sich Fränk nur unzureichend verbal ausdrücken kann, finden die beiden eine Ebene der freundschaftlichen Verständigung. Und auch in familiärer Hinsicht zeichnet sich eine vorläufige Lösung für Pauls Dilemma ab.