Pferd am Stiel

Deutschland/Estland 2025 · 81 min. · FSK: ab 6
Regie: Sonja Maria Kröner
Drehbuch:
Kamera: Julia Daschner
Darsteller: Manon Debaille, Chiara Kitsopoulou, Aurelia Ott, Lana Cooper, Valerie Neuenfels u.a.
Pferd am Stiel
Ein Film über Bewegung; im wörtlichen wie im übertragenen Sinne...
(Foto: Port-au-Prince / Central Film)

Peinlich? Großartig!

Sonja Maria Kröner verwandelt das vermeintlich Lächerliche in ein Kino der Befreiung und schenkt dem deutschen Kinderfilm seine vielleicht schönste Utopie seit Jahren

Es beginnt mit einem Satz, der so beiläufig daher­kommt, dass man ihn fast überhört und der doch das ganze Programm dieses Films enthält: »Wir können halt nix.« Zwei Mädchen, ein Münchner Vorort, ein Lebens­ge­fühl irgendwo zwischen Selbst­zweifel und Trotz. Und dann passiert etwas, das im Kino selten geworden ist: Aus diesem Mangel entsteht eine Fantasie, die größer ist als jede Wirk­lich­keit.

Pferd am Stiel von Sonja Maria Kröner ist ein Film, der sich nicht herab­lässt. Weder auf seine Figuren noch auf sein Publikum. Dass Kröner nach ihrem viel­be­ach­teten Erwach­se­nen­film-Debüt Sommer­häuser den Weg in den Kinder- und Jugend­film sucht, wirkt zunächst wie ein Bruch, tatsäch­lich ist es eine Radi­ka­li­sie­rung und ein Geschenk, die viel öfter passieren sollte. Denn obwohl das ärger­liche Label »Kinder­film« auf diesem Film prangt, geht es hier um alles andere als kindliche Themen, sondern um nichts weniger als die Frage: Wer darf sich eine eigene Welt erfinden?

Die Antwort kommt in Gestalt eines Stecken­pferds.

Was zunächst wie ein Gag klingt – finni­sches »Hobby Horsing«, Jugend­liche, die mit plüschigen Pfer­de­köpfen durch Turn­hallen und die Natur springen –, wird in diesem Film zu einem Akt der Selbst­er­mäch­ti­gung. Und dass diese Welt so präzise, so rhyth­misch, so dialo­gisch funk­tio­niert, ist maßgeb­lich dem Drehbuch von Gerlind Becker zu verdanken. Denn es ist ein heraus­ra­gend gebautes, klug kompo­niertes Drehbuch, das seine Figuren ernst nimmt, ohne sie zu über­frachten, und das sich zugleich sichtbar inspi­rieren lässt von der Doku­men­ta­tion Hobby­horse Revo­lu­tion, jener ebenso stau­nenden wie respekt­vollen filmi­schen Annähe­rung an die Szene. Becker gelingt es, aus dieser Vorlage keinen bloßen Transfer, sondern eine eigen­s­tän­dige, fiktio­nale Verdich­tung zu entwi­ckeln.

Sarah (wunderbar gespielt von Manon Debaille) entdeckt diese bizarre, zutiefst poetische Sportart und erkennt sofort: Das ist kein Spiel, das ist eine Möglich­keit. Eine Möglich­keit, sich neu zu erfinden, den eigenen Körper, die eigene Wahr­neh­mung, das eigene Leben umzu­schreiben.

Dass ihre Freundin Dilek (ebenso präzise gespielt von Chiara Kits­o­poulou) zunächst zögert, sich dann doch mitreißen lässt und dann schämt, ist keine Neben­hand­lung, sondern das emotio­nale Zentrum dieses Films. Hier wird Freund­schaft nicht als senti­men­tale Konstante erzählt, sondern als fragiles, gefähr­detes System. Ein falsches Video, ein viraler Moment, und plötzlich kippt alles. Das Lachen der Klasse wird zur sozialen Vernich­tungs­ma­schine.

Aber auch hier macht Kröner einiges anders als in den sonst so muffigen, spießigen Insze­nie­rungen im deutschen Kinder­film. Denn sie insze­niert Mobbing nicht als Endpunkt, sondern als Übergang. Als brutalen, aber notwen­digen Moment der Trans­for­ma­tion. Was hier auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als die Frage nach sozialer Zugehö­rig­keit; und nach der Möglich­keit, sich ihr zu entziehen.

Dass der Film dabei München-Neuper­lach als Schau­platz wählt, ist ein Glücks­fall. Endlich keine dieser austausch­baren Post­kar­ten­idyllen aus Schloss­ku­lisse und bildungs­bür­ger­li­chen Sehn­suchtsorten, sondern Hoch­häuser, Zwischen­räume, soziale Verdich­tungen. Man fühlt sich erinnert an Hark Bohms Nordsee ist Mordsee, nur dass hier nicht das Meer lockt, sondern ein imaginäres Pferd. Und zugleich blitzt in der Art, wie Räume erschlossen, Freund­schaften getestet und kindliche Selbst­be­haup­tung erzählt wird, auch Norbert Lechners Ente gut! Mädchen allein zu Haus auf, mit diesem seltenen Gespür dafür, wie sich soziale Realität und kindliche Fantasie nicht ausschließen, sondern gegen­seitig befeuern.

Man möchte, dass es davon viel mehr gibt: dass die Banlieues Deutsch­lands endlich gesehen und gehört werden. Nicht als Problem­zonen, sondern als Erfah­rungs­räume, als Orte von Energie, Wider­spruch, Erfindung. Pferd am Stiel zeigt, wie das gehen kann, ohne falsche Härte, ohne falsche Romantik, sondern mit einer Genau­ig­keit, die politisch ist, gerade weil sie nicht behauptet, politisch zu sein. Und in dem auch Raum bleibt für das Dsyfunk­tio­nale von Familien, so wie es das Kino außerhalb Deutsch­lands ja immer wieder zeigt, so wie erst dieses Jahr auf der Berlinale in der Sektion Gene­ra­tionen in Mees Peij­nen­burgs groß­ar­tigem A Family.

Und dann dieser Ton. Diese Dialoge, die nie geschnie­gelt wirken, sondern roh, tastend, wahr klingen. Wenn die Mädchen darüber sprechen, »besonders« sein zu wollen, dann schwingt darin alles mit: Klas­sismus, Unsi­cher­heit, der stille Neid auf jene, die scheinbar mühelos dazu­gehören. Dass der Film dieses Thema so selbst­ver­s­tänd­lich inte­griert, ohne je didak­tisch zu werden, ist eine seiner größten Stärken. München erscheint hier als soziale Topo­grafie, in der Herkunft und Möglich­keiten eng mitein­ander verschränkt sind und doch nicht deter­mi­nis­tisch bleiben.

Dass dieses Projekt im Rahmen der Initia­tive Der besondere Kinder­film entstanden ist, ist dabei mehr als eine Produk­ti­ons­notiz. Es ist ein Verspre­chen. Eine Haltung. Eine Einladung, den Kinder­film nicht als pädago­gi­sche Pflich­tü­bung zu begreifen, sondern als ästhe­ti­sches Expe­ri­ment. Dass dieselbe Initia­tive zuletzt auch die bemer­kens­werte Doku­men­ta­tion Zirkus­kind begleitet hat – eine ähnlich fein austa­rierte visionäre Grenz­wan­de­rung zwischen Beob­ach­tung und Poesie – zeigt, welches Potential hier liegt.

Der zweite Teil des Films, der sich fast unmerk­lich in ein Roadmovie verwan­delt, ist dann reines Kino-Glück. Die Reise nach Finnland – ins Ursprungs­land des Hobby Horsing – wirkt wie eine Initia­tion. An der Seite von Beatrice (Aurelia Ott), einer Figur, die zunächst wie ein Gegen­ent­wurf erscheint (wohl­ha­bend, kontrol­liert, ziel­ge­richtet), entdeckt Sarah eine neue Form von Disziplin. Aber auch hier verwei­gert der Film einfache Gegen­sätze. Beatrice ist keine Mentorin im klas­si­schen Sinne, sondern sie ist selbst Suchende.

Visuell wagt Kröner dabei etwas, das im deutschen Kinder­film selten ist: eine Ästhetik, die TikTok und Kunstkino nicht gegen­ein­ander ausspielt, sondern mitein­ander verschränkt. Farb­ver­frem­dungen, Rhyth­mus­wechsel, musi­ka­li­sche Über­höhungen. All das wirkt nie aufge­setzt, sondern organisch aus der Wahr­neh­mung der Figuren heraus entwi­ckelt. Die Bilder sind nicht Illus­tra­tion, sondern Erfahrung.

Und so entsteht etwas, das man kaum anders nennen kann als eine Utopie des Pein­li­chen. Denn genau darin liegt die große, fast subver­sive Kraft dieses Films: Er nimmt das, was in der sozialen Ordnung als »cringe« gilt, und verwan­delt es in etwas Radikal-Schönes. Pein­lich­keit wird hier zur ästhe­ti­schen Kategorie. Zum Ort, an dem Freiheit überhaupt erst möglich wird.

Das ist nicht nur klug, das ist bewegend. Weil es den Zuschauer zwingt, sich selbst zu befragen: Wo und wann habe ich aufgehört, mich lächer­lich zu machen? Und was habe ich damit verloren?

Am Ende ist Pferd am Stiel ein Film über Bewegung; im wört­li­chen wie im über­tra­genen Sinne. Über Sprünge, über Stürze, über das Wieder­auf­stehen. Aber vor allem ist er ein Film über die Kraft der Imagi­na­tion. Darüber, dass ein Stück Holz mit Plüsch­kopf ausrei­chen kann, um die Welt zu verändern. Man möchte nach diesem Film, dass dieser Film gesehen wird. Von Kindern, von Eltern, von Lehrern, von all jenen, die glauben, schon zu wissen, wie die Welt funk­tio­niert. Denn er zeigt: Viel­leicht funk­tio­niert sie ganz anders.