Father Mother Sister Brother

USA/I/F/IRL/D 2025 · 111 min. · FSK: ab 12
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch:
Kamera: Frederick Elmes, Yorick Le Saux
Darsteller: Cate Blanchett, Charlotte Rampling, Vicky Krieps, Adam Driver, Tom Waits u.a.
Father Mother Sister Brother
Die Kinder zu Besuch beim Vater
(Foto: Weltkino)

Das ewige Danebenstehen

Jim Jarmuschs erster Film seit sechs Jahren zeichnet ein lakonisches Familienportrait in drei Akten

Father Mother Sister Brother: Ein einziger Titel, nicht getrennt durch Kommas, ein gleich­zei­tiges Neben­ein­ander, hier­ar­chi­siert lediglich durch die Abfolge der Wörter. Als Tripty­chon beschreibt Jarmusch diesen Film, seinen neuesten. Nach Night on Earth und Coffee and Ciga­rettes verschreibt er sich also erneut dem episo­dischen Erzählen, diesmal sind es drei Geschichten, »Sister« und »Brother« bilden gemeinsam die letzte. Diese Drei­tei­lung fügt sich sinnvoll ein in das Werk des legen­dären Inde­pen­dent-Regis­seurs, auch frühere Filme (Stranger Than Paradise und Mystery Train) verfolgten diese Erzähl­struktur, rahmten sie aber in ein größeres, die Figuren mitein­be­zie­hendes Narrativ ein. Dieser Plot fehlt nun, statt­dessen gibt es einen thema­ti­schen Schwer­punkt: die Familie.

Alle drei Geschichten erzählen von einem Zusam­men­kommen, einem Wieder­sehen, einem Neu-Begegnen. In der ersten Episode ist es der Vater, der von seinen – bereits erwach­senen – Kindern zuhause in New Jersey besucht wird. Adam Driver und Mayim Bialik verkör­pern sie, passen perfekt in die träge, lako­ni­sche Kunstwelt, die Jarmusch erneut errichtet. Sie sorgen sich um ihren Vater, bringen Geschenke mit, er selbst wirkt etwas neben der Rolle, verbringt seine Zeit mit abschwei­fenden Blicken über den angren­zenden See. Tom Waits spielt diese erste Titel­rolle, man kann sich denken, dass der etwas senil wirkende alte Mann so unschuldig nicht ist.

In der zweiten Episode gibt Charlotte Rampling die zuge­spitzte Dubliner Torten-Mama, ihre Töchter (Cate Blanchett und Vicky Krieps) besuchen sie zur Tea-Time, fein säuber­lich wurde der Tisch gedeckt, die Küchlein und Muffins sind arran­giert wie ein ganzes Sonnen­system.

Die letzte Episode dann handelt eben von besagtem Geschwis­ter­paar, Skye und Billy, gespielt von Indya Moore und Luka Sabbat. Nach dem Tod ihrer Eltern wollen sie die Pariser Wohnung ausräumen, verlieren sich in Kind­heits­er­in­ne­rungen, fragen sich, was sie denn wirklich wussten von ihren Eltern, was sie zurück­lassen, wie sie das eigene Leben geprägt haben.

Jarmusch erzählt also inter­na­tional, trennt seine Episoden klar vonein­ander ab, vermeidet dadurch auch eine für ihn typische Milieu-Studie. Nur kurze Blicke wirft er auf die jewei­ligen Städte, rahmt sie kurz ein, die meiste Zeit verweilen wir aber in Innen­räumen; zuhause oder im Auto. Noch mehr als in seinen bishe­rigen Filmen macht sich eine Distanz klar, eine Entrü­ckung, die sich nicht nur auf die jeweilige Gesell­schaft bezieht, die sich nicht mehr Auffangen lässt in Subkul­turen, in spezi­ellen Lebens­ge­fühlen. Jarmuschs Filme waren auch immer das: eine Ablehnung des Status Quo, ein Zele­brieren der Lang­sam­keit und der Coolness. Diese Anti-Haltung wurde begeis­tert aufge­nommen, erreichte schnell einen Kult­status. Die ruhigen Außen­sei­ter­filme liefen auf einmal auf der ganzen Welt, wurden selbst zur Popkultur, Jarmusch wurde Auteur und Marke glei­cher­maßen. Das schmälert nicht die Qualität, wurde aber gewis­ser­maßen erwartbar, repro­du­zierte sich immer weiter selbst. Und so ist auch dieser Film ein klas­si­scher Jarmusch, fügt sich nahtlos in sein Œuvre ein.

Das bedeutet glei­cher­maßen, dass es wieder ein sehr guter Film geworden ist, und auch, dass er seine etablierten Trade­marks nicht blind kopiert.

Da wäre zum einen das Alter: Mit mitt­ler­weile 73 Jahren ist Jarmusch in seinem Spätwerk ange­kommen, auch seine lang­jäh­rigen Kolla­bo­ra­teure nehmen nun andere Rollen ein. Die Stilikone Waits spielt nun den Vater, überhaupt ist das Altern ein zentrales Thema. Die Eltern können die Welt der Kinder nicht mehr verstehen, Vicky Krieps’ Figur etwa wird von ihrer Lebens­part­nerin zur Mutter chauf­fiert, gibt ihre Freundin als Uber-Fahrerin aus. Diese Streit­punkte werden nie ausbuch­sta­biert, sie schwingen mit, sind in den Eltern­be­su­chen spürbar, ohne zu wirk­li­chen Leit­mo­tiven zu werden. Es bleibt stets bei einer etwas ratlosen, ruhigen Zurück­hal­tung, Ideo­lo­gien vermi­schen sich, stapeln sich über­ein­ander, ohne zur Sprache zu kommen. Alles wirkt ein bisschen arti­fi­ziell, steht neben sich, bildet eine künst­liche Welt ab, ohne gestellt zu wirken. Das rührt sicher von der ausser­or­dent­li­chen Besetzung her, alle Schau­spieler*innen sind mindes­tens welt­berühmt, die meisten Ikonen. Und sie scheinen sich auch immer ein bisschen selbst zu spielen, auf ihren Status in der Öffent­lich­keit Bezug zu nehmen. Dazu passend: Alle Kostüme kommen von Saint Laurent, sind perfekt auf die Rollen zuge­schnitten, wirken wie eine zweite Haut. Wieder etwas künst­li­ches also, wieder eine leichte Entfrem­dung.

In diesem Modus erzählt Father Mother Sister Brother dann von einer exis­ten­ti­ellen Ratlo­sig­keit, der Fami­li­en­bezug ist mehr motivisch, struk­tu­riert den Film und fungiert als Basis für die anknüp­fenden Gefühle und Ideen. Alle drei Geschichten enden offen, die Figuren fahren mit ihren eigenen Exis­tenzen fort, und doch gibt es da Gemein­sam­keiten. Kleine Themen, die sich wieder­holen, Alltags­ge­gen­stände oder milde Absur­di­täten: Leitungs­wasser, Fentanyl, eine Rolex, Sprich­wörter. So stellt sich schließ­lich eine Univer­sa­lität ein, eine Verbin­dung zwischen all diesen unter­schied­li­chen Arten zu leben. Der Film bleibt dem gegenüber distan­ziert, beob­ach­tend und immer ein wenig unschlüssig. In der letzten Episode, wenn junge Erwach­sene ins Zentrum treten, wirkt das zunächst ein wenig fahrig, bevor immer deut­li­cher wird, dass Jarmusch zu diesem Lebens­stil, zu dieser Sprache viel­leicht keinen konkreten Bezug mehr hat. Der bislang behan­delte Gene­ra­tio­nen­kon­flikt wird in den Film selbst inte­griert, und die bishe­rigen Asso­zia­tionen verdichten sich weiter.

Kein Lehrstück über die Wich­tig­keit oder Komple­xität der Familie entsteht, keine Moral lässt sich aus diesem Film ziehen. Vielmehr erlaubt er ein melan­cho­li­sches, subtiles Nach­denken über diese Themen, über den indi­vi­du­ellen Stand­punkt, die eigene Posi­tio­nie­rung zur Welt und den ihr einge­schrie­benen Verpflich­tungen. Eine wunder­volle Gesetzt­heit durch­zieht diese 110 Minuten, exem­pla­risch wird sie durch eine in allen drei Episoden wieder­keh­rende Sequenz deutlich: Jugend­liche, die in Slow-Motion Skate­board fahren.

Unauf­hör­lich schiebt sich die Zeit nach vorne, unauf­haltsam setzen stete Verän­de­rungen ein. Jarmuschs Film ist dem gegen­ü­ber­ge­setzt, nimmt diese ganzen Trans­for­ma­tionen in sich auf, ohne das eigene Tempo zu verlieren, ohne aufzu­hören darüber nach­zu­denken, sich zu ihnen zu verhalten.
Doch er greift nie selbst ein, er steht staunend daneben und bewahrt sich ein immer produk­tives Unver­s­tändnis im Wissen um die beständig verlorene Zeit.

»These days I seem to think a lot«
About the things that I forgot to do
And all the times I had
A chance to
– Jackson Browne, These Days (im Film gesungen von Anika, Jarmusch spielt die Gitarre)