| Deutschland 2026 · 116 min. · FSK: ab 12 Regie: Eva Trobisch Drehbuch: Eva Trobisch Kamera: Adrian Campean Darsteller: Frida Hornemann, Max Riemelt, Eva Löbau, Rahel Ohm, Peter René Lüdicke u.a. |
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| Üben für die Show | ||
| (Foto: Pandora) | ||
Chormusik am Anfang. Und ganz kurz kam mir Jane Campions Portrait of a Lady in den Sinn, bevor der Film eine ganz andere Richtung nimmt…
Aber der Chor setzt ein Zeichen und deutet trotzdem die Richtung an. Es geht um Gemeinschaft, Zusammenarbeit und Zusammenhalt, es geht aber auch um die individuelle Note, um das Herausstechen des Einzelnen, um den Kontrapunkt.
Eva Trobischs Film Etwas ganz Besonderes (mit dem womöglich doch besseren internationalen Titel Home Stories) ist ein außergewöhnlicher, sehr schöner Film, und tatsächlich etwas ganz Besonderes im Kino. Er braucht Zeit, um sich in Hirn und Herz des Zuschauers voll zu entfalten, und verdient ausführlichere Betrachtungen.
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Der Film hatte bei der Berlinale im Wettbewerb Premiere, wo er leider keinen Preis bekam – trotzdem ein toller Erfolg, zugleich der Fall eines Films, der in so einem lauten und anders ausgerichteten Wettbewerb leicht untergeht und manche Betrachter überfordert.
Es ist ein Film, der Sensibilität braucht, die Bereitschaft sich einzulassen, nicht auf formale Zumutungen, im Gegenteil, aber auf einen Ton und eine Haltung. Wer Trobischs Debüt Alles ist gut (2018) seinerzeit ganz und gar überzeugend und »erschreckend nüchtern« fand, dürfte hier Schwierigkeiten bekommen, wer mit dessen Gradlinigkeit und Schlichtheit dagegen etwas fremdelte, kommt nun hier auf seine Kosten.
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Trobisch erzählt von einer Familie im thüringischen Greiz. Drei Generationen, Patchwork, im Zentrum ein Vater, Matze (gespielt von Max Riemelt), bei dem die fast erwachsene Tochter Lea lebt, nachdem er von Mutter Rieke frisch getrennt ist, weil sie vom Gymnasialdirektor schwanger ist. Und von seiner Schwester, die gerade an den Heimatort als Museumsdirektorin zurückgekehrt ist und von EU-Töpfen profitiert, während der Pferdehof und das Hotel der Eltern kurz vor dem Konkurs steht. Lea wurde in die Auswahl einer Gesangs-Castingshow genommen. Als deren Redakteur Lea fragt: »Wer bist du und was macht dich aus?«, weiß sie keine Antwort. Da hilft nicht der Blick in den Spiegel, nicht der in die Kamera, und schon gar nicht das Urteil der Anderen. Denn was wissen die schon?
Es gibt Tante Kati, gespielt von Eva Löbau, eine selbstbewusste, urbane Figur. Sie ist gerade zurückgekehrt und versucht als Museumsleiterin mit ihren neuen Ideen diesen historischen Ort und das Museum zu neuem Leben zu erwecken. Aber sie stößt dabei manche vor den Kopf.
So geht es weiter in diesem Reigen der Personen und Beziehungen, der Leidenschaften und Reflexionen. Jeder Zuschauer hat in diesem Film seine Figuren, an die er andockt. Ihnen allen geht es darum, ob sie gesehen werden, wie, und darum, ob sie richtig oder falsch gesehen werden.
Die Regisseurin sampled zwischen diesen Figuren hin und her; genau genommen gibt es drei mögliche Hauptfiguren und eine ganze Reihe wichtiger Nebenfiguren, die zwischendurch auch kurz einmal ins Zentrum rücken. Man lernt sie alle kennen. Man lernt dadurch ein Lebensgefühl kennen, einen Ort, in jedem Fall eine Familie.
Alles ist in ständiger Veränderung, nie im Stillstand. Film heißt für Trobisch Bewegung, »movies«. So ist das Leben, auch dort gibt es kein Innehalten, keine Verlangsamung, auch nicht für jene, die sich das wünschen würden. Insofern kann auch das Selbstbild, die Antwort auf die Frage, was einen ausmacht, nur vorläufig und momentan sein.
Familie ist bei Trobisch etwas Dynamisches. Kein »Terrorzusammenhang« (Kluge), aber bestimmt auch kein Ideal, und kein Hort der Geborgenheit.
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Wie in In die Sonne schauen und in Rote Sterne überm Feld, beide aus dem letzten Jahr, geht auch hier eine Regisseurin mit ihrem Film weg aus Berlin, raus aufs Land in die vermeintliche Provinz, und erzählt von Frauen, von Familien, von Generationen.
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Erkennbar versucht die Regisseurin dabei etwas Ähnliches, wie Robert Altman es vor 30 Jahren mit Short Cuts und anderen Filmen gelungen ist: Eine andere Erzählweise; eine Erzählweise, die den Raum und die Vernetzung innerhalb eines Raumes erzählt.
Noch mehr hat mich der Film aber an einen der besten französischen Regisseure erinnert, an Arnaud Desplechin und seinen Generationenfamilienfreundschaftsfilm Un conte de Noël.
Trobisch selbst nennt in unserem Podcast-Gespräch [BITTE LINK] auch Yi Yi – A One
and a Two von Edward Yang als Referenz.
Es ist Trobischs bisher bester Film, seine Stärken liegen in manchen Schauspielerauftritten, in einer insgesamt sehr guten Kamera, und im Musikeinsatz. Musikalisch erzählt, ist auch die Musikauswahl außerordentlich toll.
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Allenfalls schade ist, dass das letzte Drittel des Films mit der sehr starken ersten Hälfte nicht mehr ganz mithalten kann. Über 60 Minuten ist Home Stories einer der besten Filme des Jahres, danach verläppert er ein bisschen und wird schwächer, wird auch viel deutscher, wird melancholisch und gelegentlich zergrübelt, wo er doch lange Zeit so französisch und heiter anmutet.
Man sieht hier, was die Regisseurin alles kann; man sieht aber auch, wo sie ganz offensichtlich noch etwas lernen muss und wo sie wahrscheinlich – wenn es nicht der eigene Film wäre – sofort sagen würde: dies, das und jenes funktioniert noch nicht ganz. Das ist bei diesem Film erstaunlich klar zu bemerken.
Die Depression und Traurigkeit am Ende ist dann sehr deutsch. Auch das sehr offene Ende ist vielleicht nicht die allerbeste Entscheidung. Aber der Film wird
besser mit jeder Stunde, die vergeht, nachdem man ihn gesehen hat.
Insgesamt ein starker, schöner Film, der zu den stilistisch virtuosesten und interessantesten gehört, die ich in den letzten Jahren im deutschen Kino gesehen habe. Und Eva Trobisch ist sowieso eine ungemein spannende Filmemacherin, die immer noch am Anfang steht.