| Frankreich/B 2025 · 128 min. · FSK: ab 16 Regie: Julia Ducournau Drehbuch: Julia Ducournau Kamera: Ruben Impens Darsteller: Mélissa Boros, Golshifteh Farahani, Tahar Rahim, Emma Mackey, Louai El Amrousy u.a. |
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| (Foto: Plaion Pictures) | ||
So viel Schmerz. So viel Liebe. Es ist ein Wunder, dass die Leinwand nicht birst vor all der Emotion, die Julia Ducournau gleichsam durch sie hindurch pressen möchte.
Alpha ist ein Film, der vom ersten Augenblick an unter die Haut will, unter die Haut geht. Buchstäblich. Wir kommen ans grindig glosende Licht seiner Welt durch eine Einstichstelle im Unterarm eines Junkies. Eine von mehreren solcher Wunden dort. Welche ein kleines Mädchen mit
Filzstiftstrichen verbindet, wie Sterne in einer Konstellation. Von Anfang an ist da auch das sehnsüchtige Streben nach Transzendenz.
Der Junkie ist, wie sich später herausstellt, der Onkel des Mädchens. Ein Mensch, der nicht fürs Diesseits gemacht ist. Er wird verschwinden aus dem Leben des Mädchens – der Titelgestalt Alpha – und jenem ihrer alleinerziehenden Mutter. Bis er dann eines Tages in der eisgrauen Gegenwart des Films plötzlich wieder vor der Tür steht. Sich in das räumlich wie emotional enge Familiengefüge seiner Schwester und Nichte drängt.
Der Scheidepunkt zwischen den visuell
distinkten Zeitebenen ist eine Pandemie: Ein Virus, das Menschen wie zu Marmorstatuen erstarren, ihr Fleisch versteinern, sie gleichsam von innen erfrieren lässt.
Alpha selbst bekommt als Teenagerin auf einer Party im Rausch mit einer unsterilisierten Nadel ein »A« in den Arm tätowiert. Mehr eine schwärende Wunde als ein Hautbild. Ein scharlachschwarzer Buchstabe. Alle fürchten, Alpha sei infiziert. Machen sie noch mehr zur Außenseiterin, als sie ohnehin schon ist.
Das Meisterinnenwerk Alpha ist ein konsequenter Schritt für Julia Ducournau nach ihrem Debut Raw, ihrem Cannes-Gewinner Titane: Wieder geht es um das Gefühl, fremd zu sein in der Welt, quer zu stehen zu ihr. Doch die Genre-Elemente,
der Body Horror sind noch sublimierter. Wobei die Bilder von erstarrenden, zerbröckelnden Körpern durch ihre Ungewohntheit oft leib- und schmerzhafter wirken als aller blutgetränkter, saftvoller Splatter.
In seiner Durchlässigkeit zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Dies- und Jenseits ist Alpha ohnehin eher in der Phantastik beheimatet als im Horror. Er lässt eine (wohl für den Film erfundene) Berber-Legende vom »Roten Wind«
hindurchwehen. Zitiert Poes »Is all that we see or seem / but a dream within a dream«. Was nach allen Regeln der Kunst abgedroschen, gar kitschig sein müsste – doch Ducournau bricht dies. Indem sie inszeniert, wie die Welt reagiert auf solch zu ungefilterte, ungeschützte Emotionalität. Sie lässt das Gedicht in einer Schulstunde vorlesen. Lässt einen Schüler befinden, dass Poes Gefühligkeit, sein Versuch, tiefster Einsamkeit Ausdruck zu verleihen, »homo« sei. Die Kälte von
Marmor ist nichts gegen die performte Coolness von Teenagern.
Nach der intensiven Vater-Beziehung in Titane dreht sich Alpha um eine Mutter-Tochter-Emanzipation. Die Mutter ist Ärztin, ist Hüterin, Pflegerin ihres Bruders. Ein Über-Vorbild, an dem Alpha nur scheitern kann. Was es ihr schwer macht, die eigene Hilf- und Planlosigkeit zu leben.
Und doch kommt es zu einem Rollenwechsel: In einer
frühen Szene nimmt die Mutter Alpha tröstend in den Arm, singt ihr ein Lied vor. Gegen Ende ist es dann genau anders herum.
Zu Spritzenbesteck und Tattoo-Nadeln gibt es Ducournaus bewährte Virtuosität der Needledrops: Es beginnt mit Portishead, »Roads«, mit der Stimme von Beth Gibbons, der großen Schmerzensfrau des Trip-Hop. Und Alpha kann es sich sogar leisten, noch häufiger verwendete, stärker mit Assoziationen besetzte Stücke mit vollem Effekt einzusetzen, indem er nicht die Standard-Versionen wählt. Sondern rohere, unerhörtere. Nick Caves »Mercy Seat« erklingt in einer Akustik-Fassung. Der langsame Satz aus Beethovens Siebter – eigentlich seit Irréversible nicht mehr nutzbar und dann doch von zahllosen weiteren Filmen totgespielt – in einer Klaviertranskription.
Alpha ist ein brutal intensiver Film über arg unbequeme Emotionen. Er fängt einerseits ein, wie es ist, sich krätzig, aussätzig zu fühlen in der eigenen Haut. Lässt Alpha in einer Halluzination das Gefühl haben, buchstäblich erdrückt, erstickt zu werden von ihrer Zimmerdecke.
Und andererseits stellt er in der Beziehung der Mutter zu ihrem Bruder die schreckliche Frage: Kann man, darf man einen Menschen in der Welt halten, der partout
nicht mehr in diesem Dasein bleiben will? Wann muss man, wie kann man je loslassen?
Alpha ist durchaus ein Film, für den Requiem for a Dream zu heiter und kuschelig scheint. Aber er suhlt sich nicht in der Misere, sondern wühlt und arbeitet sich durch. Verdient sich, gönnt uns, ein transzendentes Ende. Es ist ein letztlich erlösender Film über Trauer und Trost. Der getragen ist von Ducournaus tiefer Akzeptanz des
vermeintlich Monströsen.
Im Wartezimmer einer Arztpraxis begegnet Alpha besagtem Lehrer wieder – der seinen infizierten Lebensgefährten begleitet, welcher schon weitgehend erstarrt ist, seine Haut bereits eher mineralisch als organisch. Alpha blickt den vorgeblich Aussätzigen an. Und sagt mit berührender Schlichtheit: »Du bist schön. Das ist eine Tatsache.«