17.01.2013

»Es macht mir unend­li­ches Vergnügen, mit Christoph Waltz zu arbeiten.«

Quentin Tarantinos Lieblingsschauspieler bei Tarantinos Lieblingsbeschäftigung
Quentin Tarantinos Lieblingsschauspieler Christopher Waltz (l.)
(Foto: Sony Pictures)

Quentin Tarantino über seinen neuen Lieblingsschauspieler, seinen neuen Film Django Unchained und die Freiheit zum Tabubruch

»Schade, dass ich nur einen Tag bleiben kann.« rief Tarantino in den Saal »Ich habe so viele Freunde hier, und hab' gar keine Zeit. Aber ich werde im Sommer wieder kommen und euch alle besuchen!« Am Dienstag vor einer Woche, bei der fest­li­chen Euro­pa­pre­miere seines neuesten Films am Berliner Potsdamer Platz, gab sich Quentin Tarantino nicht nur von seiner char­man­testen Seite, man konnte sich auch hautnah über­zeugen: Der Regisseur liebt Berlin und er liebt Deutsch­land. Schon in Inglou­rious Basterds portrai­tierte er in seinem unver­wech­sel­baren Stil ja nicht nur die Grau­sam­keiten der Nazi-Diktatur, Tarantino schuf auch groß­ar­tige Figuren deutscher Anti­fa­schisten und Wider­s­tändler und gab ihnen die glamourösen Gesichter von Diane Krüger und Til Schweiger.
Auch in Django Unchained gibt es wieder einen helden­haften Deutschen: Christoph Waltz spielt jenen Doktor King Schultz, ein Zahnarzt, der mit der Pistole schneller ist, als mit der Diagnose, ein Kopf­geld­jäger, der sich zum Skla­ven­be­freier mausert. Schultz ist eine Gestalt, wie sie aus einem Karl-May-Roman stammen könnte, und tatsäch­lich rief er kurz darauf auch noch laut: »Viva Karl May – die besten Spaghetti-Western kommen aus Deutsch­land., Viva Lex Barker und Piere Brice«. Den Namen des Franzosen spricht Tarantino zwar wie »Reis« aus, aber Klei­nig­keiten inter­es­sieren nur Klein­geister. Dafür war Tarantino trotz des Premie­ren­stress und der Tatsache, dass man ihm sein Alter – er wird im März 50 – allmäh­lich ansieht, bester Laune: In schwarzer Leder­jacke mit roter »Kill Bill«-Aufschrift präsen­tierte er sich – die Arbeit am eigenen Mythos war schon immer ein Teil von Taran­tinos Selbst­in­sze­nie­rung. In Deutsch­land startet Django Unchained diese Woche, in den USA lief er vor Weih­nachten an, spielte schon über 110 Mio Dollar ein, und gilt als heißer Favorit auf die Oscars.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

artechock: In Ihrem Film gibt es alle möglichen Refe­renzen auf Deutsch­land: Wagner kommt vor, Beethoven, das Nibe­lun­gen­lied und ein deutscher Held. Und Karl May scheinen Sie auch zu kennen..

Quentin Tarantino: Ja, beim Dreh von Inglou­rious Basterds war ich schließ­lich insgesamt ein ganzes Jahr in Berlin. Eine tolle Stadt. ich werde die Zeit nie vergessen. Und da haben mir deutsche Freunde ein paar dieser Karl-May-Filme aus den 60-er Jahren gezeigt, und von Karl-May erzählt, diesem Fantasy-Wild-West, das er erfunden hat. Das finde ich wunderbar – genau so ist ja auch mein Zugang zur Wirk­lich­keit.

artechock: In Ihrem Film kommt auch das Nibe­lun­gen­lied vor. Sie mögen deutsches Kulturgut?

Tarantino: Ich mag Marlene Dietrich und Fritz Lang, und ich hatte auch vor dem Film schon etwas von dem Siegfried-Mythos gehört und von Wagner-Opern – zum Beispiel durch Fritz Langs Nibe­lungen-Filme.

artechock: Mir scheint die Figur des Dr. Schultz die heimliche Haupt­figur Ihres Films zu sein – und mit Christoph Waltz haben Sie offenbar den ulti­ma­tiven Darsteller für Ihre Figuren und Ihren spezi­ellen Humor gefunden. Liege ich da richtig?

Tarantino: Eine schöne Beschrei­bung. Ich bewundere ihn, und es macht mir ein unend­li­ches Vergnügen, mit Christoph zu arbeiten. Er ist für einen ästhe­ti­schen Trip, wie das jeder Film ist, der beste Reise­be­gleiter, den man sich vorstellen kann. Zugleich ist er natürlich ein sehr sehr ernst­hafter Schau­spieler. Er überlässt nichts dem Zufall: Er macht seine Haus­auf­gaben, er kennt seine Dialog­zeilen perfekt – und glauben Sie mir: Es ist nicht immer leicht mit den von mir geschrie­benen Dialogen zu arbeiten. Ich habe, während ich das Drehbuch schrieb immer an ihn gedacht, und ich glaube es wird mir in Zukunft sehr schwer­fallen, ein Drehbuch zu schreiben, ohne auch an Christoph zu denken.

artechock: Was hat Sie zu Django Unchained inspi­riert?

Tarantino: Am Anfang natürlich das Genre des Italo-Western, oder des »Makkaroni-Western«, wie man es in Japan nennt, unter dem das Django-Original natürlich ein Höhepunkt ist. Ich schätze die Filme von Sergio Corbucci noch mehr, als die von Sergio Leone. Und ob Sie es glauben oder nicht: Tatsäch­lich war für mich auch Richard Wagners Ring-Tetra­logie wichtig. Dieses opern­hafte Pathos und die mythische Dimension von Wagner wollte ich aufgreifen.

artechock: Ihre Filme werden immer poli­ti­scher und ernst­hafter – zugleich sind es immer noch Filme voller Refe­renzen und Zitate. Was ist Ihnen wichtiger?

Tarantino: Es stimmt, die Themen sind viel ernst­hafter geworden... [Tarantino macht eine lange Pause, und denkt nach] Beide Filme hängen tatsäch­lich eng zusammen. Für beide Filme habe ich mich gut vorbe­reitet: Ich habe viele Bücher über das NS-Regime und jetzt die Sklaverei gelesen, und natürlich noch mehr Filme angeguckt, Doku­men­tar­filme und Spiel­filme.

Ich liebe Hommagen gar nicht so sehr, wie manche das von mir glauben. Es ist eher so, dass ich Techniken benutze: In »Kill Bill« habe ich zum Beispiel ein paar Mal Split­screen-Techniken verwendet, die ich in den Filmen von Brian De Palma gelernt habe – das ist keine Hommage, sondern De Palma ist einfach der beste Thriller-Regisseur des Univer­sums. Ich kann’s nicht besser. Meine Art zu filmen ist wie Kochkunst: Ich expe­ri­men­tiere gern und wandle Rezepte ab, aber manchmal kann man auch nach Rezept kochen.

artechock: In den USA wird der Film gefeiert, aber auch ange­griffen, zum Beispiel, weil im Film das »N-Wort« »nigger« dauernd vorkommt...

Tarantino: Ganz ehrlich: Ich verstehe diese Angriffe nicht, und ich akzep­tiere sie auch nicht: Wie soll ich einen Film über Rassismus machen, wenn die Rassisten sich nicht rassis­tisch benehmen dürfen? Es ist doch sonnen­klar, wo ich stehe, was in diesem Film die Haltung des Regis­seurs ist. »Django Unchained«. Und im Kino ist sowieso alles erlaubt. Heute sind viele Leute zu brav geworden – diese Feigheit macht die Filme nicht besser. Natürlich gibt es viel Schmerz­haftes in dem Film. Ich will ja scho­ckieren. Ande­rer­seits: Hätte ich ganz ehrlich und natu­ra­lis­tisch gezeigt, wie es damals auf einer Südstaa­ten­plan­tage zuging, wäre der Film uner­träg­lich. Das ist viel schlimmer, als was sie im Film sehen.

Davon abgesehen glaube ich unbedingt an das Recht des Publikums zu lachen. Die Tatsache, dass es um ein ernst­haftes Thema geht, bedeutet nicht, dass man nicht lachen darf. Im Gegenteil, in meinen Filmen heißt der Grundsatz: Komödie, Komödie, Komödie! Und dann: Stop! Hier gibt es nichts mehr zu lachen. Oder: Darf ich hier noch lachen? Solche Effekte liebe ich. [Lacht]

artechock: Hollywood verändert sich – für manche ist es längst wieder in der Krise: Die Filme werden immer teurer, von Digi­ta­li­sie­rung und 3-D verspricht man sich das Heil. Ihre Filme dagegen sind 2-D und auf Film­ma­te­rial gedreht. Was denken Sie über die neuesten Entwick­lungen?

Tarantino: Wenn ich einen digitalen Film voller Compu­ter­ef­fekte angucke, fühle ich kein bisschen Neid. Ich möchte so etwas nicht machen. Sich eine digitale Vorfüh­rung anzu­gu­cken – das ist für mich wie DVD auf großer Leinwand. Schade, dass manche Leute zu unwissend oder zu unsen­sibel sind, um den Unter­schied zu merken.