16.12.1999

»Wenn Sie Filme über Menschen machen, müssen Sie die dunkle Seite mit einbeziehen«

Filmszene »Die neun Pforten«
Die neun Pforten
(Foto: 20th Century Fox)

Roman Polanski im Gespräch über Die neun Pforten

Roman Polanski legt mit Die neun Pforten seinen 15. langen Spielfilm vor. Bereits auf dem dies­jäh­rigen Münchner Filmfest sprach Rüdiger Suchsland mit dem Altmeister.

artechock: Sie haben gerade einen neuen Film fertig­ge­stellt: Die neun Pforten. Es ist eine Art mythische Detek­tivstory?

Roman Polanski: In gewissem Sinn, ja. es geht um einen Buch­ex­perten – gespielt von Johnny Depp – der einem Buch nach­forscht, das über­na­tür­liche Kräfte besitzen soll. Während dieser Recherche geschehen merk­wür­dige Dinge, offenbar ist er dem Satan auf der Spur. Sie merken, es ist eine Komödie. Mehr sage ich Ihnen nicht, sonst haben Sie keinen Spaß mehr, wenn Sie ihn sehen.

artechock: Sehr oft geht es in Ihren Filmen um die dunkle Seite des Menschen. Was faszi­niert Sie daran?

Polanski: Die gehört untrennbar zum Menschen. Wenn Sie Filme über Menschen machen, müssen Sie die dunkle Seite mit einbe­ziehen.

artechock: Inter­es­siert es Sie überhaupt, in Ihren Filmen ein komplettes Bild des Menschen zu geben?

Polanski: Das kann ich kaum beant­worten. Ich inter­es­siere mich für konkrete Themen. Ich bin viel weniger philo­so­phisch, als Sie denken. Mir geht es um die Vorlieben, die ich jetzt und hier habe. Ich mache Filme, die ich gerne selber sehen würde. Und im Grunde mache ich die Filme auch nur für mich selber.

artechock: Mögen Sie Ihre eigenen Filme?

Polanski: Ich mag Sie, wenn Sie fertig sind. Der Prozeß des Filme­ma­chens ist sehr kompli­ziert, ein Haufen von Zufällen und Dingen, um die Sie sich kümmern müssen, und gleich­zeitig wollen Sie das umsetzen, was Sie ursprüng­lich im Kopf hatten. Das kann man natürlich nie zu 100 Prozent. Man kann es meistens noch nicht einmal zu 50 Prozent. Aber man versucht so nahe wie möglich an die ursprüng­liche Idee heran zu kommen. Aber wenn es fertig ist, freut man sich. Einige Jahre später ist die Freude dann nicht mehr so groß. Zumindest gibt es kaum einen meiner Filme, die ich von Anfang bis Ende mag. Da sind wunder­bare Momente, aber auch Szenen, die ich heute anders machen würde. Das ist eine Frage der Perspek­tive, aber auch der Zeit, die vergangen ist. Aber ich habe den Verdacht, daß es nicht nur daran liegt, sondern daß man, wenn man älter ist, auch einen immer objek­ti­veren Blick hat, alles distan­zierter sieht. Ich wäre froh, wenn es eine Droge gäbe, die einen vergessen ließe, was man gestern getan hat. Ich könnte meine Filme neu sehen, zum ersten Mal.

artechock: Ist es schmerz­haft für Sie, Ihre alten Filme wieder­zu­sehen?

Polanski: Es ist beides, eine Art sado­ma­so­chis­ti­scher Lust. Meine ganz frühen Filme bringen mich wirklich in Verle­gen­heit.

artechock: Welchen Ihrer eigenen Filme mögen Sie heute am liebsten?

Polanski: Tanz der Vampire vermut­lich, einen wirklich witzigen Film. Die Atmo­sphäre war sehr angenehm. Ich glaube nicht, daß er eine große filmische Leistung ist, und ein paar Momente sind eher mißglückt, aber als Ganzes ist er sehr charmant.

artechock: Sie machen seit über 30 Jahren Filme. Fühlen Sie keine Müdigkeit?

Polanski: Nein, zu filmen ist meine Passion. Ich habe bisher noch keinen Film gemacht, den ich ganz als »meinen Film« empfinde. Hoffent­lich geschieht das irgend­wann, und viel­leicht geht es mir danach anders. Aber bisher habe ich meinen »Moby Dick noch nicht gefunden«. Viel­leicht sollte ich einen Film über meine Kindheit machen. Auch Die neun Pforten: Wenn einer nach einem Buch mit über­na­tür­li­chen Kräften sucht kann man das ja nicht wirklich ernst nehmen, oder finden Sie?

artechock: Wenn das Filme­ma­chen so eine Passion ist, was genau ist das Objekt dieser Passion?

Polanski: Der Prozeß des Filme­ma­chens selber, das mag ich wirklich sehr, aber die Leute verstehen das nicht. Film ist ein Spielzeug für mich. Und es ist doch toll: Wir dürfen spielen und bekommen es noch bezahlt. Wir bauen erst eine Brücke auf, dann sprengen wir sie in die Luft – stellen Sie sich ein besseres Spiel vor! Wir müssen es ja nicht allen sagen, daß es so viel Spaß macht.

artechock: Ihre Filme sind immer voller Humor. Wie wichtig ist Ihnen Humor?

Polanski: Er ist essen­tiell, das Aller­wich­tigste. Wenn Sie mich vorhin auf die dunkle Seite meiner Filme hinge­wiesen haben: Hier ist die helle!
Horror und Humor gehören ja eng zusammen. Ja, ich finde Horror auch sehr witzig. In den Filmen, nicht im Leben. Viel­leicht hält man den Horror im Leben besser aus, wenn man Horror­filme macht – ich weiß nicht, viel­leicht. Denken Sie, daß ich Filmen als Selbst­the­rapie betreibe?

artechock: Das haben Sie gesagt.

Polanski: Ja, Sie haben mich dahin geführt. Wahr­schein­lich ist das so. Warum mögen Kinder gerne Horror­ge­schichten? Es muß irgendwie helfen, mit Angst und Schrecken der Wirk­lich­keit fertig zu werden. Aber das sollten wir bei einem Thera­peuten nach­fragen.