25.01.2024

»Ich habe heute noch Albträume vom Matheunterricht«

Paul Giamatti in The Holdovers
Paul Giamatti als Paul Hunham in The Holdovers
(Foto: Universal)

Paul Giamatti über The Holdovers

Vor 20 Jahren insze­nierte Alexander Payne in Sideways Paul Giamatti als den Möch­te­gern-Schrift­steller Miles auf Wein-Tour durch Kali­for­nien. Nun ist das Duo wieder vereint – und wieder gibt Giamatti einen vom Leben frus­trierten Mann, der sich zurück­zieht in eine Festung der Besser­wis­serei und Unnah­bar­keit: Den Lehrer Paul Hunham, der in Neueng­land an einem Elite-Internat antike Geschichte unter­richtet. Er ist ein Tyrann in seinem Miniatur-Reich – und doch selbst machtlos im größeren Gefüge von Geld und Privileg. Weil er dem Spross einer Schul­spon­soren-Familie eine schlechte (obgleich gerechte) Zensur verpasste, muss er zur Strafe den Jahres­wechsel 1970/1971 als Aufpasser des einzigen über die Weih­nachts­fe­rien verblei­benden Schülers fristen.

Das Gespräch führte Thomas Willmann

artechock: Hatten Sie selbst eine Lehrkraft, die prägend für Ihr Leben war?

Paul Giamatti: In negativer oder positiver Hinsicht? Ich hatte etliche wirklich gute Lehrer. Und auch viele schlechte. Die schlechten haben womöglich sogar mehr Eindruck hinter­lassen. Es gab einen Typen, der mir in vielerlei Hinsicht als Inspi­ra­tion für diese Filmfigur gedient hat – aber der war ein guter Lehrer und ein netter Mensch. Und ich hatte einen furcht­ein­flößenden Mathe­lehrer, der mich wirklich fürs Leben gezeichnet hat. Er war ein unfassbar grausamer, fieser Mensch. Es gab Leute, die wegen ihm die Schule verlassen haben, weil er sie seelisch gebrochen hat. Eine schreck­liche Person. Ich habe heute noch Albträume vom Mathe­un­ter­richt.

artechock: Mit Schau­spiel­leh­rern hatten Sie mehr Glück...

Paul Giamatti: Als ich mit der Uni fertig war und dachte, ich könnte es mal mit der Schau­spie­lerei probieren, bin ich nach England in ein Schau­spiel-Programm. Das gibt es noch heute – zu jener Zeit war es noch klein und unbekannt. Aber sie haben schon wirklich groß­ar­tige Schau­spieler als Lehr­kräfte geholt. Mein erster Schau­spiel­lehrer war dadurch Alan Rickman. Damals wusste ich noch gar nicht wirklich, wer er war. Da war er mehr von der Bühne bekannt. Aber er war fantas­tisch! Er war ein wirklich groß­ar­tiger Lehrer. Und ein enorm netter Mensch. Er hat mich sehr ermutigt, bei der Schau­spie­lerei zu bleiben. Das hatte zuvor noch niemand getan.

artechock: Haben Sie selbst je erwogen, Lehrer zu werden?

Paul Giamatti: Mehr oder minder – weil das in meiner Familie so üblich war. Meine Großel­tern, meine Eltern, und auch Cousins, Tanten und Onkel, alle waren Lehrer. Drum schien es quasi vorge­zeichnet, dass man in meiner Familie Lehrer wird. Aber ich wusste, dass ich kein guter Lehrer geworden wäre. Ich wäre das Gegenteil gewesen von Paul im Film: Er ist zu streng – ich wäre zu nach­giebig. Was auch nicht gut ist.

artechock: Haben die Paral­lelen zur eigenen Biogra­phie Ihnen bei der Rolle geholfen?

Paul Giamatti: Ja, auf jeden Fall. Deshalb wollte Alexander Payne mich wohl auch für die Rolle. Weil er dachte, dass ich diese Welt verstehe und solche Menschen kenne. Ich war circa zehn Jahre später, in den ‘80ern, im Internat. Aller­dings als Externer. Da gab es dort noch immer diese Art von Männern wie Paul. Ich habe noch einige davon miterlebt. Ich habe mich drauf verlassen, dass ich mich nicht groß in Recherche reinknien musste. Sondern dass ich einfach die Sachen wieder hoch­kommen lassen konnte.

artechock: Haben Sie eine besondere Verant­wor­tung verspürt gegenüber ihrem jungen Co-Star, dem Debut­anten Dominic Sessa?

Paul Giamatti: Alexander, Da'Vine [Joy Randolph] und ich hatten ein Auge auf ihn. Aber er brauchte nicht viel Anleitung. Ich habe einmal zuvor mit einer Person zusam­men­ge­ar­beitet, die ganz frisch zum Film kam – und beide waren ziemlich selbst­be­wusst, wirklich fähig und enorm klug, so dass sie alles sehr schnell in sich aufge­sogen haben. Das Einzige, was ich gemacht habe, war ihn wissen zu lassen, wie gut er ist. Mehr nicht. Weil er sonst wirklich nicht viel Hilfe brauchte.

artechock: Sie waren auch in seine Besetzung invol­viert?

Paul Giamatti: Sie hatten Dom zum Vorspre­chen – und noch einen anderen Jungen in der Auswahl, der deutlich erfah­rener war. Kein berühmter Schau­spieler, aber sehr gut! Sie haben mich nach meiner Meinung gefragt – und ich fand Dom einfach inter­es­santer. Zudem meinte ich: Wenn man schon einen Film im Geist der »70er macht, dann sollte man das Risiko eingehen und die Person nehmen, die vorher noch nie einen Film gemacht hat. So etwa wie Linda Manz bei Days of Heaven, die Terrence Malick einfach irgendwo fand und in den Film steckte. Außerdem sah Dominic mehr nach« 70er aus, und wirkte der Figur näher. Der andere Junge war gut – aber er war zu... glatt. Er schien keine Verletzt­heit in sich zu tragen. Dom wirkt, als trage er eine Verletzt­heit in sich.

artechock: Ihre Filmfigur hat ein stark schie­lendes Auge. Woher kam diese Idee – und wie haben Sie das gemacht?

Paul Giamatti: Das darf ich Ihnen nicht verraten. (Lacht) Aber es ist ein sehr einfacher Trick – und er scheint zu funk­tio­nieren. Ich habe einen Freund, den ich kenne, seit ich fünf Jahre alt war – der tatsäch­lich glaubte, ihm sei nur nie aufge­fallen, dass ich schiele. Alexander hat sich von einem fran­zö­si­schen Film der 1930er inspi­rieren lassen – Marcel Pagnols Merlusse. Der hat die gleiche Grundidee – und der Prot­ago­nist ein Glasauge. Pauls Auge, sein strenger Geruch aufgrund einer Stoff­wech­selstörung, sein Schwitzen – das sind für mich alles wie Kainsmale. Sie brand­marken ihn als Außen­seiter. Sie entfremden ihn zusehends von den Leuten. Weshalb er umso mehr seine stoische Fassade und seine Marotten aufrecht­erhalten muss, mit denen er sich selbst eine Illusion von Kontrolle einredet. Doch darunter hat er diese Schwächen und Wunden.

artechock: Aber soviel können Sie viel­leicht verraten: Welches Auge schielt, ist nicht in jeder Szene gleich, oder...?

Paul Giamatti: Nein. Und das soll es auch nicht. Man soll verwirrt sein, welches das schie­lende Auge ist. (Lacht) Das Publikum soll verun­si­chert sein – freut mich zu hören, wenn das funk­tio­niert.

artechock: Wie Sie erwähnt haben, leidet Paul auch an einer Stoff­wech­selstörung, die ihn unan­ge­nehm riechen lässt. Und man hat im Kino wirklich fast das Gefühl, als könnte man das wahr­nehmen. Haben Sie womöglich beim Dreh sogar einen entspre­chenden Duft getragen...?

Paul Giamatti: (Lacht) Nein. Die Frau, die mein Make-up machte, bat mich und Dom: Wenn ihr Euch viel­leicht nur alle zwei Tage richtig waschen könntet...? Das sieht man – wir sehen etwas speckig aus, was aber auch sehr wie in den Filmen der ’70er wirkt. Zum Geruch... Es heißt: Wenn man bei Shake­speare einen König spielt, dann spielen eigent­lich alle um einen durch ihre Reak­tionen die Königs­rolle. Ich musste nicht nach Fisch riechen – alle um mich mussten so tun, als würde ich nach Fisch riechen. Paul selbst ist das ja eh gewohnt, und er kann nichts dagegen tun. Neulich kam nach einer Vorfüh­rung mit Q&A jemand zu mir und meinte, seine Schwie­ger­mutter leide tatsäch­lich an Trime­thyl­ami­n­urie. Und sie fühlte sich sehr berührt und bestätigt dadurch, dass mal jemand in einem Film diese Krankheit hat.

artechock: Gab es für Sie irgendein Detail, das der Schlüssel war zur Rolle des Paul?

Paul Giamatti: Da war so viel, das einem das Drehbuch [von David Hemingson] angeboten hat! Es ist sehr detail­liert. Die Dreh­bücher zu Alex­an­ders Filmen sind sehr lite­ra­risch. Mit jedem Lesen entdeckt man in ihnen mehr und mehr und mehr. Aber es gab eine Sache, auf die ich sehr insis­tiert habe: Die Jacke, die ich im Film trage, ist sehr spezi­fisch, und ich habe sehr darauf beharrt, genau so eine zu bekommen. Weil all die Akade­miker und Intel­lek­tu­ellen in meiner Kindheit diese Jacken trugen. Alexander hatte eigent­lich eine andere Vorstel­lung fürs Kostüm – aber ich habe darauf bestanden: Nein, ich brauche genau diese Jacke, sonst ist das nicht der richtige Typ Mensch. Viel­leicht war das mein Zugang...

artechock: Im Netz ging unlängst ein Foto von Ihnen viral, wie Sie nach der Verlei­hung mit Ihrem Golden Globe in einer In-N-Out Burger­ketten-Filiale sitzen. Wie war das für Sie?

Paul Giamatti: Das war seltsam. Und inter­es­sant. Ich hab keine Ahnung, warum manche Dinge viral gehen und andere nicht. Ich finde das faszi­nie­rend. Warum war gerade DAS so eine Sache...?

artechock: Weil es so schön ans Ende von Sideways erinnert hat?

Paul Giamatti: Möglich. Aber ob die Person, die das Foto gemacht hat, daran dachte? Ich mag einfach den Laden, und ich hatte Hunger... Es war das erste Mal, dass mir so etwas passiert ist. Drum fand ich’s inter­es­sant. Andauernd so exponiert zu sein, wäre nichts für mich. Keine Ahnung, wie die Leute das machen, denen es dauernd so geht.

artechock: Auch wenn er das zu kaschieren versucht – Paul Hunham ist definitiv nicht zufrieden mit dem, was er erreicht hat... Wie würden Sie Erfolg im Leben defi­nieren?

Paul Giamatti: Er ist unerfüllt, denke ich. Er macht nichts Kreatives. Ich glaube man fühlt sich erfolg­rei­cher, wenn man etwas Eigenes machen kann – und nicht anderer Leute Vorstel­lung verpflichtet ist, was man zu tun habe. Er ist im Grunde eine kreative Person – und kann das nicht ausleben. Hätte er kreativ sein können, wäre er wohl glück­li­cher. Ob erfolg­rei­cher, weiß ich nicht – aber er wäre glück­li­cher.

artechock: Sind Sie denn ein glück­li­cher Mensch...?

Paul Giamatti: Ich bin ein halbwegs glück­li­cher Mensch. [»Happy-ish«] (Lacht) Ein halbwegs glück­li­cher Mensch, ja.