27.09.2018

Blick in Abgründe von Frauenhass

Der Läufer
»Der Läufer« von Hannes Baumgartner
(Foto: Swiss Films)

Regisseur Hannes Baum­gartner über seinen Film Der Läufer, der im Wett­be­werb »Nuevos Direc­tores« beim Film­fes­tival von San Sebastián Premiere hatte und versucht, die komplexen Ursachen und die Entste­hung extremer Gewalt in unserer Gesell­schaft zu verstehen.

Das Gespräch führte Geri Krebs

Es war ein Fall, der die Schweiz erschüt­terte: der 27-jährige Mischa Ebner, von Beruf Koch und in seiner Freizeit gefei­erter Langstre­cken­läufer, Gewinner des Frau­en­felder Waffen­laufs (des tradi­ti­ons­reichsten Mili­tär­wett­marschs der Schweiz) von 1998 und 2001, überfällt in der Nacht zum 1. August 2002 in Bümpliz bei Bern eine Frau, verletzt sie schwer und ersticht noch in der gleichen Nacht im Nach­barort Nieder­wangen eine weitere Frau. Drei Wochen später wird er gefasst, er gesteht nicht nur diese Verbre­chen, sondern noch 20 weitere Überfälle auf Frauen. Die Angriffe hatten im Jahr 2000 mit Entreiss­diebstählen begonnen und stei­gerten sich zu immer bruta­leren Attacken bis zum erwähnten Mord von Nieder­wangen. Am 24. November 2002 erhängte sich Mischa Ebner in seiner Gefäng­nis­zelle.

Basierend auf diesem realen Krimi­nal­fall, erzählt der 1983 geborene Schweizer Regisseur Hannes Baum­gartner lakonisch und weit­ge­hend aus der Täter­per­spek­tive dieses verpfuschte Doppel­leben. Dabei fokus­siert er in seinem Film »Der Läufer«, der jetzt im Wett­be­werb »Nuevos Direc­tores« beim Film­fes­tival von San Sebastián Premiere hatte, ganz auf die letzten Monate des jungen Mannes vor dem Mord von Nieder­wangen. Man sieht einen ambi­tio­nierten Sportler und einen geschätzten Berufs­mann am Arbeits­platz, der daran ist, mit seiner Freundin zusam­men­zu­ziehen. Doch dass mit diesem unauf­fäl­ligen Muster­schweizer etwas nicht stimmt, machen bereits die Schrift­ta­feln am Anfang von »Der Läufer« klar: Er und sein Bruder kamen im Alter von vier, respek­tive sechs Jahren in völlig verwahr­lostem Zustand in eine Pfle­ge­fa­milie, konnten noch nicht laufen und nicht sprechen. Später im Film erfährt man, dass der Bruder 1998 Suizid beging – drei Tage nach Ebners erstem großen Triumph als Waffen­läufer.
Ohne mit diesem Hinter­grund zu viel Täter­psy­cho­logie zu betreiben, schafft es »Der Läufer« mit einigen sparsamen Rück­blenden, ein wenig die Abgründe einer Dr.Jekyll-und-Mr.Hyde-Figur auszu­leuchten. Dabei bleibt er aber bewusst und wohltuend weit davon entfernt, das Uner­klär­liche erklären zu wollen. Verkör­pert wird die Figur, die im Film Jonas Widmer heißt, und die, wenn sie nicht rennt, immer unter Strom zu stehen scheint, vom 1993 geborenen Berner Schau­spieler Max Hubacher. Der »Berlinale-Shooting-Star« von 2012 ist nach dem Kriegs­drama Der Hauptmann des deutschen Regis­seurs Robert Schwentke (Hubacher spielte dort einen Wehr­machts­de­ser­teur) nun hier bereits zum zweiten Mal innert Jahres­frist in San Sebastián in einer Haupt­rolle zu bewundern. Die physische Präsenz des jungen Berners in einer Figur, die unauf­haltsam in mörde­ri­schen Wahnsinn abdriftet, ist in beiden Filmen glei­cher­maßen beein­dru­ckend. Aller­dings wirkt sie in »Der Läufer« noch stärker nach, da hier die histo­ri­sche Distanz fehlt. Regisseur Hannes Baum­gartner, Absolvent der Zürcher Film­hoch­schule ZhdK, hat in seinem Erstling Namen, Orte und Zeitpunkt des realen Falles so weit verändert und verfremdet, dass Der Läufer weniger zur Rekon­struk­tion eines Krimi­nal­falles wird, als vielmehr zur brennend aktuellen Studie über Frau­en­hass.

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Artechock: Sie waren 19, als der Fall des »Mitter­nachts­mör­ders von Bern« die Schweiz aufwühlte. Wie haben Sie das damals erlebt?

Hannes Baum­gartner: Ich kann nicht behaupten, dass ich das damals sehr bewusst mitbe­kommen hätte. Natürlich las und hörte man in den Medien in jener Zeit viel davon, aber es ist keines­falls so, dass mich diese Geschichte seit damals umge­trieben hätte.

Wie und wann sind Sie dann auf die Geschichte gestoßen?

Baum­gartner: Es war mein Produzent Stefan Eichen­berger, der mit mir zusammen die Film­schule in Zürich abge­schlossen hat. Er war in früheren Jahren selber aktiver Läufer, er hat zwar nicht bei Waffen­läufen mitge­macht, sondern jahrelang als Leicht­athlet im Mittel- und Langstre­cken­be­reich. Dabei stellte er nach Mischa Ebners Verhaf­tung fest, dass er selber nicht nur einige Wett­kämpfe mit ihm zusammen gelaufen war, sondern dass er ihn sogar vom Sehen her flüchtig kannte. Irgend­wann, Jahre später, als ich bereits meine ersten Kurzfilme reali­siert hatte, erzählte mir Stefan davon und fand, wir sollten daraus doch einen fiktio­nalen Stoff für meinen ersten langen Spielfilm entwi­ckeln, ich sei von meinen Kurz­filmen her prädes­ti­niert für diese Geschichte.

Dann waren Sie also schon immer von mörde­ri­schen Männ­er­fi­guren faszi­niert?

Baum­gartner: Nein, so würde ich das nicht bezeichnen. Aber in meinen Kurz­filmen »Teneriffa«, »Toter Mann«, »Mein bester Freund«, ging es letzt­end­lich um Männer, die keinen oder nur einen sehr schwie­rigen Zugang zu ihren Emotionen haben. Obwohl sie vorder­gründig angepasst sind und funk­tio­nieren, haben sie Mühe, sich in einen sozialen Kontext zu inte­grieren. Der Bruch zwischen dem, was man außen lebt und innen fühlt, führt dann häufig zu Gewalt. Sei es Gewalt gegen sich selber oder gegen andere. Das hat mich inter­es­siert.

Haben Sie dann für die Recher­chen zum Drehbuch mit dem Umfeld von Mischa Ebner Kontakt gesucht, oder haben Sie die Story ganz anhand von den – sehr zahl­rei­chen – Medien­be­richten entwi­ckelt?

Baum­gartner: Nein, es war für mich klar, dass ich nach Möglich­keit auch bei den Direkt­be­trof­fenen recher­chieren wollte, auch wenn mir nie ein Dokudrama oder etwas Ähnliches vorschwebte. Zudem gab es 2005 ja bereits den TV-Doku­men­tar­film »Mischa E. – Lebensweg eines Mörders« von Stella Tinbergen. Darin äußerte sich vor allem die Pfle­ge­mutter des Täters sehr offen, gab der Regis­seurin bereit­willig Auskunft. Sie, die Pfle­ge­mutter, war nun auch bei unseren Recher­chen eine große Hilfe. Sie machte uns aber klar, dass für sie die Geschichte seit jenem Doku­men­tar­film abge­schlossen sei und dass es darin keine endgül­tige Wahrheit geben könne. Deshalb war sie nur unter der Bedingung bereit, mit uns über das Gesche­hene zu sprechen, wenn wir die Geschichte fiktional umsetzen und zu einer eigenen, persön­li­chen Inter­pre­ta­tion verar­beiten würden. Aber das war ohnehin unsere Absicht und so ist unser Verhältnis bis heute ein positives geblieben.
Noch wichtiger als sie war aller­dings der Psych­iater, der damals das Gutachten geschrieben hatte und der uns Einblick in die Akten gab. So erhielten wir eine vertiefte Vorstel­lung davon, was in diesem Menschen abge­laufen war, welche Mecha­nismen ihn zu seinen Taten trieben. Gleich­zeitig haben wir aber immer versucht, einen Film zu reali­sieren, der eben gerade nicht einen linearen Kausa­li­täts­zu­sam­men­hang schafft: Das und das ist passiert, deshalb hat er dann so und so gehandelt.

Als letztes Jahr bekannt wurde, dass ein Spielfilm über den »Fall Mischa Ebner« realisert würde, gab es in den Kommen­tar­spalten der Medien Reak­tionen im Sinn von: Da wird doch einmal mehr ein Täter zum Opfer und wird nur Voyeu­rismus befrie­digt. Was antworten Sie diesen Leuten?

Baum­gartner: Ich denke, das wurde von Leuten geschrieben, die einen Film verur­teilten, den es damals noch gar nicht gab. Und was man unserem Film sicher nicht vorwerfen kann, ist, dass er voyeu­ris­tisch oder gewalt­ver­herr­li­chend sei. Der Läufer ist vielmehr ein Film, der versucht, etwas von den komplexen Ursachen und der Entste­hung extremer Gewalt in unserer Gesell­schaft zu verstehen.

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