Cinema Moralia – Folge 400
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| Bislang noch nie erzählt: Marcus O. Rosenmüllers und Alice Brauners Block 10 | ||
| (Foto: Camino) | ||
»Ich ... kam lieber auf die Literatur zu sprechen. Auf Relativismus und Realismus. Ich sagte, Literatur müsse heute endlich wieder 'kraftvoll' sein, denn es werde seit zehn Jahren nur noch larmoyant und ratlos geschrieben.«
– Joachim Lottmann»Alphaville, der Film«
Alphaville, das Stück nach dem Film
Alphaville, die Band nach dem Film
Alphaville, die StadtA
Alpha, Stadt an der Aa
– Andreas Neumeister»Weiter. Weiter. Immer weiter.«
– Oliver Kahn
Wir wollen nicht larmoyant und kraftlos sein, sonst müssten wir hier mal über Produktionsbedingungen schreiben, über Obergrenzen, die man ja in anderen Zusammenhängen doof findet, aber als von der Redaktion verhängte Textobergrenzen feiert.
Lieber quetschen wir in diesen Text an Gedanken und Eindrücken und losen Notizen hinein, was sich innerhalb der Zeitobergrenze halt hineinquetschen lässt.
Darum ist auch keine Zeit, die Nummer 400 angemessen zu feiern, also mit grundsätzlichen Gedanken zur Lage der Filmkritik im Allgemeinen und der deutschen im Besonderen. Ist vielleicht auch besser so.
Andererseits ist diese Abhandlung inklusive ihrer Auslassungen und dem Zusammenklatschen dessen, was besser in fünf getrennten Texten dastünde ja auch schon eigentlich der perfekte Spiegel der Lage.
Als das »Cinema Moralia« 2006 zum ersten Mal erschien – 399 Mal
seitdem, ihr lieben Freunde und geliebten Feinde unter den Lesern! –, da konnte ich nicht ahnen, dass es 20 Jahre später noch viel besser passen und sich als viel nützlicher erweisen würde, um auf den Stand der Dinge zu reagieren.
In jedem Fall möchte ich an dieser Stelle, gewiss auch im Namen der geschätzten Redaktionskollegen, allen Lesern dieser Textreihe für ihre Treue und ihr Interesse danken, für Lob und Kritik, für weitergeleitete Informationen, Korrekturen und Wünsche. Bitte bleibt uns treu, teilt und leitet weiter, und versucht (bei allem gelegentlichen und von mir eingepreisten Ärger) solche Texte abseits der Normierungen, der immer enger werdenden Publikationsräume und des uns alle verdummenden Mainstream zu schätzen.
»Warum Literaturkritik?« fragt Helmut Böttiger jetzt in der taz. Antwort: »Weil es in der Literatur um etwas geht. Literatur, die glaubt, keine Kritik mehr zu brauchen, hat sich bereits aufgegeben.«
Das gilt genauso für die Filmkritik: Auch im Film geht es um etwas, jedenfalls in den Filmen, die uns interessieren. Böttiger rezensiert auch keine Groschenromane. Auch Kino, das glaubt, keine Kritik zu brauchen, hat sich selbst aufgegeben.
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Jetzt zum Tagesgeschäft, also dem nächsten Punkt der Tagesordnung: Es ist nämlich mal wieder so eine Woche, in der die Themen überquellen. Allein die Toten: Elke Sommer ist gestorben. Patrick Stewart. Vor allem Ryu Murakami, der mir einst mit Tokio Dekadenz ein unvergessliches, wahnwitziges Kinoerlebnis beschert hat. Auf ihn kommen wir zurück.
Regina Ziegler starb auch. Mit
82 Jahren. Über diese Grande Dame, die keiner vergaß, der sie mal getroffen hatte. Unverwechselbar war ihr Auftritt: Ziegler trug bevorzugt Rot, eine auffällige Signalfarbe, die zu ihrer Persönlichkeit passte. Sie konnte laut sein, war sehr direkt, war äußerst selbstbewusst. Auch auf dem roten Teppich ist sie eine Erscheinung gewesen.
Mehr als 500 Filme und Serien hat die Pionierin der deutschen Filmproduzentinnen verantwortet. 1973 gründete sie in Berlin ihre eigene
Produktionsfirma Ziegler Film, mit 60 Mark gegründet und dann für den ersten Film erst mal 200.000 Mark von Freunden geliehen und das dann auch alles zurückgezahlt. Als Ziegler anfing, gab es kaum Filmförderung.
Mit gerade einmal 29 Jahren wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Damals war die Branche fest in Männerhand. Sie war erst mal in ihrer Generation ein Solitär und natürlich auch ein Unikum. Das Geheimnis ihres Erfolgs war die Fähigkeit, sich den Veränderungen
der Branche anzupassen. Sie war eine sehr erfolgreiche Produzentin und das hat ja immer zwei Seiten: die finanzielle, die dazu gehört, und die künstlerische Seite. Ziegler hat Preise gewonnen und Filme produziert, die bleiben werden, Filme von Rang.
Zieglers Produktionsliste ist bemerkenswert breit. Zu ihren Arbeiten gehören erfolgreiche Fernsehformate wie »Im weißen Rössl«, »Die Holzbaronin« oder »Mordkommission Istanbul«, aber auch aufwendige historische
Produktionen und anspruchsvolle Serien.
Besonders in Erinnerung geblieben ist die ARD-Serie »Weissensee«, die sich mit der Geschichte der DDR beschäftigt. Auch der Fernsehfilm »Im Schatten der Macht« über die letzten Tage von Willy Brandts Kanzlerschaft gehört zu den wichtigen Produktionen. Darin spielte Matthias Brandt, der Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers, den DDR-Spion Günter Guillaume.
Daneben produzierte Ziegler künstlerisch anspruchsvolle Theaterverfilmungen, etwa Peter Steins »Sommergäste«, und arbeitete mit bedeutenden Regisseuren des europäischen Autorenkinos zusammen. Auch Rainer Werner Fassbinder gehört zu den Namen, die mit ihrem Werk verbunden sind. Mit Kamikaze 1989, inszeniert von Zieglers Mann Wolf Gremm, entstand ein ungewöhnlicher Film mit Fassbinder in der Hauptrolle.
So bleibt die Erinnerung an eine widersprüchliche Persönlichkeit: Sie war einerseits eine ganz altmodische Figur, andererseits einer der modernsten Menschen in ihrer Branche, weil sie sich gut anpassen konnte. Zu ihrem Erfolg hat auch ihr selbstbewusstes Auftreten beigetragen. In einer Branche, in der zunächst ausschließlich Männer das Sagen hatten, hat sie sich durchaus deren Verhaltensweisen angeeignet: Machtbewusstsein, weibliches Machotum.
Berlin blieb Zieglers
Lebensmittelpunkt. Eine Stadt, die sie liebte, aber durchaus kritisch betrachtete. Man kann die sich überhaupt nicht in München oder Hamburg vorstellen. Aber sie hat auch die Schattenseiten der Stadt gesehen.
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Die erste Woche nach sehr langer Zeit, ohne das Wissen, das Joachim Lottman lebt.
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Zu den Toten, an die wir denken, gehört auch unbedingt der inspirierende charmante Grenzgänger Joachim Lottmann. Jeder, der es noch nicht gemacht hat, sollte mindestens sein letztes Werk lesen: Das »langweilige Tagebuch«, das er auf Facebook über sein letztes Lebensjahr geführt hat. Es ist berührend und lustig. Und soo klug!
Und jetzt auch Andreas Neumeister. Wie schade! Ihn kannten wir noch persönlich aus München, haben ihn in den Neunzigern, als er zusammen mit Lottmann die Popliteratur erfand, immer auf irgendwelchen Konzerten im »Atomic Cafe« getroffen. Moritz Baßler hat in der taz einen sehr schönen sehr angemessenen Nachruf geschrieben.
Das bringt uns zu der Frage, warum eigentlich niemand die Romane von Maxim Biller, von Rainald Goetz, von Joachim Lottmann, von Andreas Neumeister verfilmt? Weil sie sich nicht verfilmen lassen! Jedenfalls nicht das, was an ihnen wesentlich ist. Und jedenfalls nicht in dem Korsett der Konventionalität, in das deutsche Filme eingespannt sind. Man müsste erst einen anderen deutschen Film erfinden, um diese Romane verfilmen zu können – genau das sollte man aber.
Quizfrage: Was verrät uns das jetzt über die Romane, die in Deutschland verfilmt werden?
Zweite Quizfrage: Warum sind so viele deutsche Filme Buchverfilmungen? Warum versuchen sich deutsche Filme nicht mal einfach an Filmverfilmungen?
Ihr versteht, was ich meine?!
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Dann die Festivals: Über die Dok.Leipzig unter neuer Leitung ist noch viel mehr zu sagen, meist nur Gutes, als es in den zwei bisherigen Texten und Podcasts geschehen ist. Das holen wir nach.
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Dann diese Woche des Wahnsinns über die ich im Podcast mit Marc Trappendreher gesprochen habe. Denn gleich 28 Filme starten neu in den Kinos! Vier pro Tag, wenn man alle sehen will. Wenigstens ein paar neue Filme finden da Erwähnung: von Andreij Zwagintsev, Fatih Akin, Michal Kosakowski, Kevin Costner und Nicholas Winding Refn.
Bedingungslos empfehlen möchte ich Minotaur von Andreij Zwagintsev, Geister von Fatih Akin; Holofiction von Michal Kosakowski und Block 10.
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Diese Geschichte wurde noch nie erzählt. Selbst Menschen, die sich mit den Geschehnissen in Auschwitz auskennen, waren viele Details der schwer erträglichen Geschehnisse im Block 10 des Konzentrations- und Vernichtungslagers unbekannt. Hier wurden an Tausenden von Frauen und wenigen Männern Massensterilisierungen und verschiedenste Abtreibungsexperimente durchgeführt, die essentieller Teil der NS-Vernichtungsmaschine gewesen sind.
Jetzt wird diese verdrängte
Geschichte endlich erzählt. Vom erfahrenen Regisseur Marcus O. Rosenmüller und Alice Brauner, die das Drehbuch schrieb und dafür recherchierte, und den Film nun auch selbst produziert hat.
Formal ist der Film eine schwierige Gratwanderung, weil er einerseits die Würde der Opfer achten will, und andererseits jenseits jeder Verharmlosung unmissverständlich vor Augen führen, was die Deutschen bis heute gern verdrängen. Schockierend authentisch, genau den historischen
Dokumenten folgend, erfährt das Publikum, wie falsch und beschränkt unser vermeintlich umfassendes Wissen über »Auschwitz« in Wahrheit ist. Zum Beispiel war der berüchtigte Josef Mengele tatsächlich nur ein kleines Licht unter den »Auschwitz-Ärzten«, die man hier kennenlernt und die zum Teil seine Vorgesetzten waren – es wird deutlich, dass in Auschwitz noch weit mehr geschah, als der Mord an über einer Million Menschen.
Rosenmüller verzichtet auf alle der üblichen
»Erleichterungen« der Shoah-Filme: es gibt keine psychologischen Ausweichmanöver, keine dramaturgischen »Erholungspausen«, Romantisierung. Stattdessen die Mechanik der Wiederholung, die das serielle, industrialisierte Morden erfahrbar macht. Auch für deutsche Schauspieler wie Axel Prahl, Bibiana Beglau, Luise Aschenbrenner und ein großes Ensemble aus Newcomern ist dieser Film eine Herausforderung.
Ungeschönt wird der Albtraum ins Bild gesetzt.
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Zurück zum Ernst. Darum muss es gehen. Wir müssen das Kino wieder ernst nehmen als Kunst. Wir müssen die Filmkritik wieder ernst nehmen als Auseinandersetzung mit Kunst. Nicht als Empfehlung, nicht als Ratgeber, nicht als Gastrokritik, die darauf hinausläuft ob sich die Geldausgabe lohnt oder die geschmäcklerisch auf Filme blickt. Sondern Kritik. Als eigene Instanz und eigene Kunstform, als Störenfried im Betriebsablauf, als Irritation, als Nervensäge, als Provokation.
Wenn man das nicht will, und das nicht aushält, wenn man nur möchte, dass alles zum Flow wird, dann öffnet man die Schleusen auch für den anderen Flow: Die Verdummung und die Abschaffung aller Maßstäbe, nicht nur der Maßstäbe für schön und hässlich, sondern auch die Maßstäbe für Gut und Böse, für richtig und falsch.
Und vor allem der Maßstäbe für die Grauzonen, für das Dazwischen, für die kleinen feinen Unterschiede, für Ambivalenz, für das was Forscher heute Ambiguitätstoleranz
nennen, für Unterscheidungsvermögen und Maßverhältnisse. Darum muss es gehen in den nächsten 400 Ausgaben.