05.11.2026
Cinema Moralia – Folge 400

Zurück zum Ernst!

Block 10
Bislang noch nie erzählt: Marcus O. Rosenmüllers und Alice Brauners Block 10
(Foto: Camino)

Für die Störung des Betriebsablaufs, für Humorlosigkeit aus gegebenem Anlass, für subversiven Spaß – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 400. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Ich ... kam lieber auf die Literatur zu sprechen. Auf Rela­ti­vismus und Realismus. Ich sagte, Literatur müsse heute endlich wieder 'kraftvoll' sein, denn es werde seit zehn Jahren nur noch larmoyant und ratlos geschrieben.«
– Joachim Lottmann

»Alpha­ville, der Film«
Alpha­ville, das Stück nach dem Film
Alpha­ville, die Band nach dem Film
Alpha­ville, die StadtA
Alpha, Stadt an der Aa
– Andreas Neumeister

»Weiter. Weiter. Immer weiter.«
– Oliver Kahn

Wir wollen nicht larmoyant und kraftlos sein, sonst müssten wir hier mal über Produk­ti­ons­be­din­gungen schreiben, über Ober­grenzen, die man ja in anderen Zusam­men­hängen doof findet, aber als von der Redaktion verhängte Text­ober­grenzen feiert.
Lieber quetschen wir in diesen Text an Gedanken und Eindrü­cken und losen Notizen hinein, was sich innerhalb der Zeit­ober­grenze halt hinein­quet­schen lässt.

Darum ist auch keine Zeit, die Nummer 400 ange­messen zu feiern, also mit grund­sätz­li­chen Gedanken zur Lage der Film­kritik im Allge­meinen und der deutschen im Beson­deren. Ist viel­leicht auch besser so.
Ande­rer­seits ist diese Abhand­lung inklusive ihrer Auslas­sungen und dem Zusam­men­klat­schen dessen, was besser in fünf getrennten Texten dastünde ja auch schon eigent­lich der perfekte Spiegel der Lage.
Als das »Cinema Moralia« 2006 zum ersten Mal erschien – 399 Mal seitdem, ihr lieben Freunde und geliebten Feinde unter den Lesern! –, da konnte ich nicht ahnen, dass es 20 Jahre später noch viel besser passen und sich als viel nütz­li­cher erweisen würde, um auf den Stand der Dinge zu reagieren.

In jedem Fall möchte ich an dieser Stelle, gewiss auch im Namen der geschätzten Redak­ti­ons­kol­legen, allen Lesern dieser Textreihe für ihre Treue und ihr Interesse danken, für Lob und Kritik, für weiter­ge­lei­tete Infor­ma­tionen, Korrek­turen und Wünsche. Bitte bleibt uns treu, teilt und leitet weiter, und versucht (bei allem gele­gent­li­chen und von mir einge­preisten Ärger) solche Texte abseits der Normie­rungen, der immer enger werdenden Publi­ka­ti­ons­räume und des uns alle verdum­menden Main­stream zu schätzen.

»Warum Lite­ra­tur­kritik?« fragt Helmut Böttiger jetzt in der taz. Antwort: »Weil es in der Literatur um etwas geht. Literatur, die glaubt, keine Kritik mehr zu brauchen, hat sich bereits aufge­geben.«

Das gilt genauso für die Film­kritik: Auch im Film geht es um etwas, jeden­falls in den Filmen, die uns inter­es­sieren. Böttiger rezen­siert auch keine Groschen­ro­mane. Auch Kino, das glaubt, keine Kritik zu brauchen, hat sich selbst aufge­geben.

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Jetzt zum Tages­ge­schäft, also dem nächsten Punkt der Tages­ord­nung: Es ist nämlich mal wieder so eine Woche, in der die Themen über­quellen. Allein die Toten: Elke Sommer ist gestorben. Patrick Stewart. Vor allem Ryu Murakami, der mir einst mit Tokio Dekadenz ein unver­gess­li­ches, wahn­wit­ziges Kino­er­lebnis beschert hat. Auf ihn kommen wir zurück.
Regina Ziegler starb auch. Mit 82 Jahren. Über diese Grande Dame, die keiner vergaß, der sie mal getroffen hatte. Unver­wech­selbar war ihr Auftritt: Ziegler trug bevorzugt Rot, eine auffäl­lige Signal­farbe, die zu ihrer Persön­lich­keit passte. Sie konnte laut sein, war sehr direkt, war äußerst selbst­be­wusst. Auch auf dem roten Teppich ist sie eine Erschei­nung gewesen.
Mehr als 500 Filme und Serien hat die Pionierin der deutschen Film­pro­du­zen­tinnen verant­wortet. 1973 gründete sie in Berlin ihre eigene Produk­ti­ons­firma Ziegler Film, mit 60 Mark gegründet und dann für den ersten Film erst mal 200.000 Mark von Freunden geliehen und das dann auch alles zurück­ge­zahlt. Als Ziegler anfing, gab es kaum Film­för­de­rung.
Mit gerade einmal 29 Jahren wagte sie den Schritt in die Selbst­stän­dig­keit. Damals war die Branche fest in Männer­hand. Sie war erst mal in ihrer Gene­ra­tion ein Solitär und natürlich auch ein Unikum. Das Geheimnis ihres Erfolgs war die Fähigkeit, sich den Verän­de­rungen der Branche anzu­passen. Sie war eine sehr erfolg­reiche Produ­zentin und das hat ja immer zwei Seiten: die finan­zi­elle, die dazu gehört, und die künst­le­ri­sche Seite. Ziegler hat Preise gewonnen und Filme produ­ziert, die bleiben werden, Filme von Rang.
Zieglers Produk­ti­ons­liste ist bemer­kens­wert breit. Zu ihren Arbeiten gehören erfolg­reiche Fern­seh­for­mate wie »Im weißen Rössl«, »Die Holz­ba­ronin« oder »Mord­kom­mis­sion Istanbul«, aber auch aufwen­dige histo­ri­sche Produk­tionen und anspruchs­volle Serien.
Besonders in Erin­ne­rung geblieben ist die ARD-Serie »Weis­sensee«, die sich mit der Geschichte der DDR beschäf­tigt. Auch der Fern­seh­film »Im Schatten der Macht« über die letzten Tage von Willy Brandts Kanz­ler­schaft gehört zu den wichtigen Produk­tionen. Darin spielte Matthias Brandt, der Sohn des ehema­ligen Bundes­kanz­lers, den DDR-Spion Günter Guillaume.

Daneben produ­zierte Ziegler künst­le­risch anspruchs­volle Thea­ter­ver­fil­mungen, etwa Peter Steins »Sommer­gäste«, und arbeitete mit bedeu­tenden Regis­seuren des europäi­schen Autoren­kinos zusammen. Auch Rainer Werner Fass­binder gehört zu den Namen, die mit ihrem Werk verbunden sind. Mit Kamikaze 1989, insze­niert von Zieglers Mann Wolf Gremm, entstand ein unge­wöhn­li­cher Film mit Fass­binder in der Haupt­rolle.

So bleibt die Erin­ne­rung an eine wider­sprüch­liche Persön­lich­keit: Sie war einer­seits eine ganz altmo­di­sche Figur, ande­rer­seits einer der modernsten Menschen in ihrer Branche, weil sie sich gut anpassen konnte. Zu ihrem Erfolg hat auch ihr selbst­be­wusstes Auftreten beigetragen. In einer Branche, in der zunächst ausschließ­lich Männer das Sagen hatten, hat sie sich durchaus deren Verhal­tens­weisen ange­eignet: Macht­be­wusst­sein, weib­li­ches Machotum.
Berlin blieb Zieglers Lebens­mit­tel­punkt. Eine Stadt, die sie liebte, aber durchaus kritisch betrach­tete. Man kann die sich überhaupt nicht in München oder Hamburg vorstellen. Aber sie hat auch die Schat­ten­seiten der Stadt gesehen.

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Die erste Woche nach sehr langer Zeit, ohne das Wissen, das Joachim Lottman lebt.

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Zu den Toten, an die wir denken, gehört auch unbedingt der inspi­rie­rende charmante Grenz­gänger Joachim Lottmann. Jeder, der es noch nicht gemacht hat, sollte mindes­tens sein letztes Werk lesen: Das »lang­wei­lige Tagebuch«, das er auf Facebook über sein letztes Lebens­jahr geführt hat. Es ist berührend und lustig. Und soo klug!

Und jetzt auch Andreas Neumeister. Wie schade! Ihn kannten wir noch persön­lich aus München, haben ihn in den Neun­zi­gern, als er zusammen mit Lottmann die Popli­te­ratur erfand, immer auf irgend­wel­chen Konzerten im »Atomic Cafe« getroffen. Moritz Baßler hat in der taz einen sehr schönen sehr ange­mes­senen Nachruf geschrieben.

Das bringt uns zu der Frage, warum eigent­lich niemand die Romane von Maxim Biller, von Rainald Goetz, von Joachim Lottmann, von Andreas Neumeister verfilmt? Weil sie sich nicht verfilmen lassen! Jeden­falls nicht das, was an ihnen wesent­lich ist. Und jeden­falls nicht in dem Korsett der Konven­tio­na­lität, in das deutsche Filme einge­spannt sind. Man müsste erst einen anderen deutschen Film erfinden, um diese Romane verfilmen zu können – genau das sollte man aber.

Quizfrage: Was verrät uns das jetzt über die Romane, die in Deutsch­land verfilmt werden?
Zweite Quizfrage: Warum sind so viele deutsche Filme Buch­ver­fil­mungen? Warum versuchen sich deutsche Filme nicht mal einfach an Film­ver­fil­mungen?
Ihr versteht, was ich meine?!

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Dann die Festivals: Über die Dok.Leipzig unter neuer Leitung ist noch viel mehr zu sagen, meist nur Gutes, als es in den zwei bishe­rigen Texten und Podcasts geschehen ist. Das holen wir nach.

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Dann diese Woche des Wahnsinns über die ich im Podcast mit Marc Trap­pen­dreher gespro­chen habe. Denn gleich 28 Filme starten neu in den Kinos! Vier pro Tag, wenn man alle sehen will. Wenigs­tens ein paar neue Filme finden da Erwähnung: von Andreij Zwag­intsev, Fatih Akin, Michal Kosa­kowski, Kevin Costner und Nicholas Winding Refn.

Bedin­gungslos empfehlen möchte ich Minotaur von Andreij Zwag­intsev, Geister von Fatih Akin; Holo­fic­tion von Michal Kosa­kowski und Block 10.

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Diese Geschichte wurde noch nie erzählt. Selbst Menschen, die sich mit den Gescheh­nissen in Auschwitz auskennen, waren viele Details der schwer erträg­li­chen Gescheh­nisse im Block 10 des Konzen­tra­tions- und Vernich­tungs­la­gers unbekannt. Hier wurden an Tausenden von Frauen und wenigen Männern Massen­ste­ri­li­sie­rungen und verschie­denste Abtrei­bungs­expe­ri­mente durch­ge­führt, die essen­ti­eller Teil der NS-Vernich­tungs­ma­schine gewesen sind.
Jetzt wird diese verdrängte Geschichte endlich erzählt. Vom erfah­renen Regisseur Marcus O. Rosen­müller und Alice Brauner, die das Drehbuch schrieb und dafür recher­chierte, und den Film nun auch selbst produ­ziert hat.
Formal ist der Film eine schwie­rige Grat­wan­de­rung, weil er einer­seits die Würde der Opfer achten will, und ande­rer­seits jenseits jeder Verharm­lo­sung unmiss­ver­s­tänd­lich vor Augen führen, was die Deutschen bis heute gern verdrängen. Scho­ckie­rend authen­tisch, genau den histo­ri­schen Doku­menten folgend, erfährt das Publikum, wie falsch und beschränkt unser vermeint­lich umfas­sendes Wissen über »Auschwitz« in Wahrheit ist. Zum Beispiel war der berüch­tigte Josef Mengele tatsäch­lich nur ein kleines Licht unter den »Auschwitz-Ärzten«, die man hier kennen­lernt und die zum Teil seine Vorge­setzten waren – es wird deutlich, dass in Auschwitz noch weit mehr geschah, als der Mord an über einer Million Menschen.
Rosen­müller verzichtet auf alle der üblichen »Erleich­te­rungen« der Shoah-Filme: es gibt keine psycho­lo­gi­schen Ausweich­manöver, keine drama­tur­gi­schen »Erho­lungs­pausen«, Roman­ti­sie­rung. Statt­dessen die Mechanik der Wieder­ho­lung, die das serielle, indus­tria­li­sierte Morden erfahrbar macht. Auch für deutsche Schau­spieler wie Axel Prahl, Bibiana Beglau, Luise Aschen­brenner und ein großes Ensemble aus Newcomern ist dieser Film eine Heraus­for­de­rung.
Unge­schönt wird der Albtraum ins Bild gesetzt.

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Zurück zum Ernst. Darum muss es gehen. Wir müssen das Kino wieder ernst nehmen als Kunst. Wir müssen die Film­kritik wieder ernst nehmen als Ausein­an­der­set­zung mit Kunst. Nicht als Empfeh­lung, nicht als Ratgeber, nicht als Gastro­kritik, die darauf hinaus­läuft ob sich die Geld­aus­gabe lohnt oder die geschmäck­le­risch auf Filme blickt. Sondern Kritik. Als eigene Instanz und eigene Kunstform, als Stören­fried im Betriebs­ab­lauf, als Irri­ta­tion, als Nerven­säge, als Provo­ka­tion. Wenn man das nicht will, und das nicht aushält, wenn man nur möchte, dass alles zum Flow wird, dann öffnet man die Schleusen auch für den anderen Flow: Die Verdum­mung und die Abschaf­fung aller Maßstäbe, nicht nur der Maßstäbe für schön und hässlich, sondern auch die Maßstäbe für Gut und Böse, für richtig und falsch.
Und vor allem der Maßstäbe für die Grauzonen, für das Dazwi­schen, für die kleinen feinen Unter­schiede, für Ambi­va­lenz, für das was Forscher heute Ambi­gui­tät­s­to­le­ranz nennen, für Unter­schei­dungs­ver­mögen und Maßver­hält­nisse. Darum muss es gehen in den nächsten 400 Ausgaben.