Cinema Moralia – Folge 399
»In kulturellen Szenen und wissenschaftlichen Milieus hat die Propaganda verfangen.« |
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| Französisches Plakat von Im Visier der Macht, dem Debüt der Regisseurin Rachel Lang... | ||
| (Plakat: Atlas Film) | ||
Die Hofer Filmtage nächste Woche werfen Ihre Schatten voraus. Zumindest auf einen Film, der dort läuft möchten wir eigens hinweisen, denn er wird nur dort auf der Leinwand zu sehen sein: Im Visier der Macht, das Debüt der Regisseurin Rachel Lang. Darin begegnet man dem, was das deutsche Kino ganz ganz dringend braucht: Einem Gegenentwurf zu allen zerknirschten Denkerinnen und woken weichen »neuen Männern« im deutschen Kino, zu allen heilen Familien und achtsamen gesellschaftlichen Klassenstrebern: die Agentin Mata wird als »moderne Actionheldin« beschrieben, die gegen die Mächte einer internationalen Verschwörung antritt. Dafür, dass dies tatsächlich etwas anderes ist, als die lahmen Pseudo-Thriller die es mal ins Kino schaffen, spricht, dass Regisseurin Rachel Lang selbst Reserveoffizierin der französischen Armee ist, und diese »Kriegstüchigkeit« (Boris »August Bebel« Pistorius) sprich authentisches militärisches Know-how mit einer spannungsgeladenen Geschichte über Loyalität, Verrat und die Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen verbindet. Der Film cruised zwischen der sengenden Wüste Afrikas über die regennassen Straßen von Paris bis in den neuen Wilden Westen Europas: Nach Russland. Ein packender Spionagethriller, der, so die Produktionsbehauptung, »die klassische David-gegen-Goliath-Erzählung vor spektakulärer internationaler Kulisse neu interpretiert«.
Keine Behauptung, sondern eine Tatsache: Dieser Action-Fetzer wird nur in Hof und bei ausgewählen engagierten Kinobetreibern auf der Kino-Leinwand zu sehen sein. (Screening-Termine: 21.10.; 22.10.; 25.10.)
Danach wird der Film als digitaler Download und als VoD veröffentlicht.
Ist man erstmal in Hof, kann man noch andere Filme sehen, und zur Not fränkische Rostbratwurst essen. Da sitzt man dann in der Bratwurst-Falle.
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Um mal etwas Positives über die Partei DIE LINKE zu schreiben: Aus der Bundestagsfraktion erreichen uns zustimmende Stimmen.
Vergangene Woche berichteten wir über den »Fall Wenders/Kinski« und die entscheidende Frage: Soll man aus Filmen/ aus Kunstwerken alles entfernen müssen, das bestimmten Beteiligten im Nachhinein nicht passt, oder »weh tut«? Anders formuliert: Wann ist Zensur legitim und gerechtfertigt?
Zensur kennen die Archive nicht. Die Wahrheit liegt in den Archiven. Dort muss sie bleiben dürfen. Wenn es nämlich stimmen sollte, was der SZ-Journalist Ronen Steinke (den ich aus anderen Gründen sehr schätze) hier fordert, dann wird jede künftige Diskussion über die Sicherstellung des Filmerbes überflüssig. Wir überlassen unser kulturelles Gedächtnis anstatt wie über Jahrtausende den Künstlern selbst und den berufenen Experten – und das war schon problematisch genug –, den Stimmungen des Augenblicks, besonders dem digitalen Mob, und verlieren das filmische Gedächtnis unwiederbringlich. Was KI-Manipulationen und digitale Nachbearbeitungen jetzt schon anrichten, ist unverzeihlich genug. Die Archive sollten (analog und digital) alle historischen Versionen bereithalten. Sie müssen aber auch erinnerungspolitisch unbestechlich bleiben. »Vielleicht ist hier sogar eine gesetzliche Grenzlinie einzuziehen«, heißt es in der Nachricht. Dem stimmen wir ausdrücklich zu: Die Archive müssen verpflichtet werden, alle historischen Versionen zu bewahren, auch gegen den Willen von Künstlern und Juristen. Nach dem Motto: Sie dürfen nicht löschen, beschneiden, korrigieren, säubern.
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Negatives gibt es leider auch zu berichten. Die von vielen in der Filmblase auch außerhalb Berlins schon heiliggesprochene mögliche künftige RGR-Regierung (rot grün rot) steht noch keineswegs fest – aus gutem Grund.
Zwar ist von interessierter Seite ständig zu hören, es handle sich um einen Haufen von Verfassungsfeinden, so schlimm wie die AFD, und von anderer interessierter Seite, die Linke habe kein »Antisemitismusproblem«, lediglich bei einigen wenigen
Mitgliedern müsste man noch mal genauer hinschauen.
Tatsächlich hat sie sich auf ihrem Parteitag im Mai letzten Jahres von der allgemein gültigen IHRA-Definition zur Bestimmung von Antisemitismus verabschiedet, um nicht größere Teile ihrer Mitglieder wegen Antisemitismus ausschließen zu müssen.
Der ehemalige Vorsitzende der Linken und Berliner Kultursenator Klaus Lederer wird in einem Zeitungsbeitrag sehr deutlich: »Kaum war die furchtbare Nachricht eingetroffen, begannen sie sofort mit großer Leidenschaft, die Taten zu leugnen, zu relativieren und zu ›kontextualisieren‹, wenn sie nicht
sogar offen für die Mörder Partei ergriffen.« schreibt er über den 7.Oktober, »In kulturellen Szenen und wissenschaftlichen Milieus hat die intensive Propaganda von BDS und anderen aktivistischen Netzwerken verfangen. Über webbasierte News-Kanäle und digitale Plattformen befeuern auch staatliche Akteure wie Russland oder der Iran diskursive Narrative, die zwar sehr wenig mit der historischen Wahrheit zu tun haben, aber umso mehr mit der affektiven Mobilisierung von
Verschwörungsglauben.
All das trifft auf eine Linke mit immer schwächerem kollektiven historisch-kritischen Bewusstsein, in der das selbstreflektierende Denken und die notwendige Aufklärungsarbeit hinter affektiver Mobilisierung und ideologischem Missionseifer zurückstehen müssen. Hinzu kommt, dass ›chiffrierte‹ Ausdrucksformen antisemitischer Einstellungen, bei denen nicht explizit von Juden die Rede ist, nicht umstandslos offen zutage liegen. Jean
Améry nannte das den ›ehrbaren Antisemitismus‹, den Antisemitismus, der auf keinen Fall einer sein will.«
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Ja, ich weiß: manche unserer Leser stört es sehr, dass wir den 7. Oktober als das bezeichnen, was es war und immer wieder an ihn und die Folgen erinnern; dass wir daran erinnern, dass es im Kulturbetrieb einen besonders starken Antisemitismus gibt und dass der mit der politisch links stehenden Seite des Kulturbetriebs zusammenhängt. Und das es diesen Antisemitismus schon lange vor dem 7. Oktober 2023 gab, etwa auf der Documenta 15 im Jahr davor, und dass er nur mit diesem Datum nicht mehr latent ist, sondern offen zur Schau tritt, oder sich ein bisschen versteckt hinter »Israel-Kritik« – gibt es eigentlich auch »Österreich-Kritik« und »Frankreich-Kritik«? Und wo bleibt die Deutschland-Kritik? – oder hinter dem Gerede über Wall-Street-Kapitalismus. Es stört auch manche dass wir den Film Naza als das bezeichnen, was er ist und dass wir versuchen, die israelsolidarischen, aber zu leisen Stimmen der deutschen Mehrheitsgesellschaft etwas hörbarer zu machen. Wir versprechen allen Lesern: wir werden weitermachen.
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PEN Berlin erklärt zur Türkei: Mit großen Schritten von der Autokratie zur Diktatur.
»Die Erstürmung des Nachrichtensenders Halk TV durch die türkische Polizei am frühen Mittwochmorgen in Istanbul ist mehr als eine ›Razzia‹, von der in den ersten deutschsprachigen Agenturmeldungen die Rede war. Tatsächlich wurde der Sender unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt, also faktisch enteignet. Die Polizei hinderte Mitarbeiter am Betreten des Gebäudes, der Sendebetrieb wurde eingestellt. ›Damit bringt das Erdoğan-Regime den
reichweitenstärksten regierungskritischen Sender unter seine Kontrolle‹, sagte PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel. ›Der nächste verheerende Schlag gegen die Reste von Pressefreiheit in der Türkei, ausgeführt unter den fadenscheinigen Vorwürfen der Bestechung und des Ausschreibungsbetrugs.‹
Populär wurde der damals noch amateurhaft anmutende Sender 2013, als er als einziger türkischer Fernsehsender live von den Gezi-Protesten berichtete. Seither hatte
sich Halk TV vom Nischen- zum einflussreichen Nachrichtensender entwickelt und sich nach und nach auch von der anfänglich starken Verflechtung mit der Republikanischen Volkspartei (CHP) gelöst.
Deniz Yücel sagte: ›Die Türkei bewegt sich in großen Schritten von der Autokratie zur Diktatur. Und in Trumps Antwort steckt ein Teil der Erklärung dafür, warum Erdoğan das kann: Weil ihn niemand davon abhält – weder die türkische Justiz, die er längst zu seinem
willigen Repressionsapparat umgeformt hat, noch das westliche Ausland. Und das gilt nicht allein für die USA. Am selben Tag, an dem T24 gesperrt wurde, besuchte der ambitionierte Ministerpräsident von NRW, Hendrik Wüst, die Türkei, wurde von Staatspräsident Erdoğan empfangen und erklärte, man werde »in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit ein neues Kapitel in den Beziehungen zur Türkei« aufschlagen.‹«
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Nicht gleichsetzen wollen wir damit die Durchsuchungen bei der ZEIT: Die taz berichtet aber zutreffend vom Alptraum für die Pressefreiheit. Nächste Woche mehr.