15.10.2026
Cinema Moralia – Folge 399

»In kulturellen Szenen und wissenschaftlichen Milieus hat die Propaganda verfangen.«

Im Visier der Macht
Französisches Plakat von Im Visier der Macht, dem Debüt der Regisseurin Rachel Lang...
(Plakat: Atlas Film)

Ex-Kultursenator Klaus Lederer, Hofer Filmtage, Pressefreiheit, Zensur und Selbstzensur – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 399. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Die Hofer Filmtage nächste Woche werfen Ihre Schatten voraus. Zumindest auf einen Film, der dort läuft möchten wir eigens hinweisen, denn er wird nur dort auf der Leinwand zu sehen sein: Im Visier der Macht, das Debüt der Regis­seurin Rachel Lang. Darin begegnet man dem, was das deutsche Kino ganz ganz dringend braucht: Einem Gegen­ent­wurf zu allen zerknirschten Denke­rinnen und woken weichen »neuen Männern« im deutschen Kino, zu allen heilen Familien und achtsamen gesell­schaft­li­chen Klas­sen­stre­bern: die Agentin Mata wird als »moderne Action­heldin« beschrieben, die gegen die Mächte einer inter­na­tio­nalen Verschwörung antritt. Dafür, dass dies tatsäch­lich etwas anderes ist, als die lahmen Pseudo-Thriller die es mal ins Kino schaffen, spricht, dass Regis­seurin Rachel Lang selbst Reser­ve­of­fi­zierin der fran­zö­si­schen Armee ist, und diese »Kriegs­tüchig­keit« (Boris »August Bebel« Pistorius) sprich authen­ti­sches mili­täri­sches Know-how mit einer span­nungs­ge­la­denen Geschichte über Loyalität, Verrat und die Zerbrech­lich­keit mensch­li­cher Bindungen verbindet. Der Film cruised zwischen der sengenden Wüste Afrikas über die regen­nassen Straßen von Paris bis in den neuen Wilden Westen Europas: Nach Russland. Ein packender Spio­na­ge­thriller, der, so die Produk­ti­ons­be­haup­tung, »die klas­si­sche David-gegen-Goliath-Erzählung vor spek­ta­kulärer inter­na­tio­naler Kulisse neu inter­pre­tiert«.

Keine Behaup­tung, sondern eine Tatsache: Dieser Action-Fetzer wird nur in Hof und bei ausge­wählen enga­gierten Kino­be­trei­bern auf der Kino-Leinwand zu sehen sein. (Screening-Termine: 21.10.; 22.10.; 25.10.)
Danach wird der Film als digitaler Download und als VoD veröf­fent­licht.

Ist man erstmal in Hof, kann man noch andere Filme sehen, und zur Not frän­ki­sche Rost­brat­wurst essen. Da sitzt man dann in der Bratwurst-Falle.

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Um mal etwas Positives über die Partei DIE LINKE zu schreiben: Aus der Bundes­tags­frak­tion erreichen uns zustim­mende Stimmen.

Vergan­gene Woche berich­teten wir über den »Fall Wenders/Kinski« und die entschei­dende Frage: Soll man aus Filmen/ aus Kunst­werken alles entfernen müssen, das bestimmten Betei­ligten im Nach­hinein nicht passt, oder »weh tut«? Anders formu­liert: Wann ist Zensur legitim und gerecht­fer­tigt?

Zensur kennen die Archive nicht. Die Wahrheit liegt in den Archiven. Dort muss sie bleiben dürfen. Wenn es nämlich stimmen sollte, was der SZ-Jour­na­list Ronen Steinke (den ich aus anderen Gründen sehr schätze) hier fordert, dann wird jede künftige Diskus­sion über die Sicher­stel­lung des Filmerbes über­flüssig. Wir über­lassen unser kultu­relles Gedächtnis anstatt wie über Jahr­tau­sende den Künstlern selbst und den berufenen Experten – und das war schon proble­ma­tisch genug –, den Stim­mungen des Augen­blicks, besonders dem digitalen Mob, und verlieren das filmische Gedächtnis unwie­der­bring­lich. Was KI-Mani­pu­la­tionen und digitale Nach­be­ar­bei­tungen jetzt schon anrichten, ist unver­zeih­lich genug. Die Archive sollten (analog und digital) alle histo­ri­schen Versionen bereit­halten. Sie müssen aber auch erin­ne­rungs­po­li­tisch unbe­stech­lich bleiben. »Viel­leicht ist hier sogar eine gesetz­liche Grenz­linie einzu­ziehen«, heißt es in der Nachricht. Dem stimmen wir ausdrück­lich zu: Die Archive müssen verpflichtet werden, alle histo­ri­schen Versionen zu bewahren, auch gegen den Willen von Künstlern und Juristen. Nach dem Motto: Sie dürfen nicht löschen, beschneiden, korri­gieren, säubern.

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Negatives gibt es leider auch zu berichten. Die von vielen in der Filmblase auch außerhalb Berlins schon heilig­ge­spro­chene mögliche künftige RGR-Regierung (rot grün rot) steht noch keines­wegs fest – aus gutem Grund.
Zwar ist von inter­es­sierter Seite ständig zu hören, es handle sich um einen Haufen von Verfas­sungs­feinden, so schlimm wie die AFD, und von anderer inter­es­sierter Seite, die Linke habe kein »Anti­se­mi­tis­mus­pro­blem«, lediglich bei einigen wenigen Mitglie­dern müsste man noch mal genauer hinschauen.
Tatsäch­lich hat sie sich auf ihrem Parteitag im Mai letzten Jahres von der allgemein gültigen IHRA-Defi­ni­tion zur Bestim­mung von Anti­se­mi­tismus verab­schiedet, um nicht größere Teile ihrer Mitglieder wegen Anti­se­mi­tismus ausschließen zu müssen.

Der ehemalige Vorsit­zende der Linken und Berliner Kultur­se­nator Klaus Lederer wird in einem Zeitungs­bei­trag sehr deutlich: »Kaum war die furcht­bare Nachricht einge­troffen, begannen sie sofort mit großer Leiden­schaft, die Taten zu leugnen, zu rela­ti­vieren und zu ›kontex­tua­li­sieren‹, wenn sie nicht sogar offen für die Mörder Partei ergriffen.« schreibt er über den 7.Oktober, »In kultu­rellen Szenen und wissen­schaft­li­chen Milieus hat die intensive Propa­ganda von BDS und anderen akti­vis­ti­schen Netz­werken verfangen. Über webba­sierte News-Kanäle und digitale Platt­formen befeuern auch staat­liche Akteure wie Russland oder der Iran diskur­sive Narrative, die zwar sehr wenig mit der histo­ri­schen Wahrheit zu tun haben, aber umso mehr mit der affek­tiven Mobi­li­sie­rung von Verschwörungs­glauben.
All das trifft auf eine Linke mit immer schwächerem kollek­tiven histo­risch-kriti­schen Bewusst­sein, in der das selbst­re­flek­tie­rende Denken und die notwen­dige Aufklärungs­ar­beit hinter affek­tiver Mobi­li­sie­rung und ideo­lo­gi­schem Missi­ons­eifer zurück­stehen müssen. Hinzu kommt, dass ›chif­frierte‹ Ausdrucks­formen anti­se­mi­ti­scher Einstel­lungen, bei denen nicht explizit von Juden die Rede ist, nicht umstandslos offen zutage liegen. Jean Améry nannte das den ›ehrbaren Anti­se­mi­tismus‹, den Anti­se­mi­tismus, der auf keinen Fall einer sein will.«

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Ja, ich weiß: manche unserer Leser stört es sehr, dass wir den 7. Oktober als das bezeichnen, was es war und immer wieder an ihn und die Folgen erinnern; dass wir daran erinnern, dass es im Kultur­be­trieb einen besonders starken Anti­se­mi­tismus gibt und dass der mit der politisch links stehenden Seite des Kultur­be­triebs zusam­men­hängt. Und das es diesen Anti­se­mi­tismus schon lange vor dem 7. Oktober 2023 gab, etwa auf der Documenta 15 im Jahr davor, und dass er nur mit diesem Datum nicht mehr latent ist, sondern offen zur Schau tritt, oder sich ein bisschen versteckt hinter »Israel-Kritik« – gibt es eigent­lich auch »Öster­reich-Kritik« und »Frank­reich-Kritik«? Und wo bleibt die Deutsch­land-Kritik? – oder hinter dem Gerede über Wall-Street-Kapi­ta­lismus. Es stört auch manche dass wir den Film Naza als das bezeichnen, was er ist und dass wir versuchen, die isra­el­so­li­da­ri­schen, aber zu leisen Stimmen der deutschen Mehr­heits­ge­sell­schaft etwas hörbarer zu machen. Wir verspre­chen allen Lesern: wir werden weiter­ma­chen.

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PEN Berlin erklärt zur Türkei: Mit großen Schritten von der Auto­kratie zur Diktatur.

»Die Erstür­mung des Nach­rich­ten­sen­ders Halk TV durch die türkische Polizei am frühen Mitt­woch­morgen in Istanbul ist mehr als eine ›Razzia‹, von der in den ersten deutsch­spra­chigen Agen­tur­mel­dungen die Rede war. Tatsäch­lich wurde der Sender unter staat­liche Zwangs­ver­wal­tung gestellt, also faktisch enteignet. Die Polizei hinderte Mitar­beiter am Betreten des Gebäudes, der Sende­be­trieb wurde einge­stellt. ›Damit bringt das Erdoğan-Regime den reich­wei­ten­stärksten regie­rungs­kri­ti­schen Sender unter seine Kontrolle‹, sagte PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel. ›Der nächste verhee­rende Schlag gegen die Reste von Pres­se­frei­heit in der Türkei, ausge­führt unter den faden­schei­nigen Vorwürfen der Bestechung und des Ausschrei­bungs­be­trugs.‹
Populär wurde der damals noch amateur­haft anmutende Sender 2013, als er als einziger türki­scher Fern­seh­sender live von den Gezi-Protesten berich­tete. Seither hatte sich Halk TV vom Nischen- zum einfluss­rei­chen Nach­rich­ten­sender entwi­ckelt und sich nach und nach auch von der anfäng­lich starken Verflech­tung mit der Repu­bli­ka­ni­schen Volks­partei (CHP) gelöst.
Deniz Yücel sagte: ›Die Türkei bewegt sich in großen Schritten von der Auto­kratie zur Diktatur. Und in Trumps Antwort steckt ein Teil der Erklärung dafür, warum Erdoğan das kann: Weil ihn niemand davon abhält – weder die türkische Justiz, die er längst zu seinem willigen Repres­si­ons­ap­parat umgeformt hat, noch das westliche Ausland. Und das gilt nicht allein für die USA. Am selben Tag, an dem T24 gesperrt wurde, besuchte der ambi­tio­nierte Minis­ter­prä­si­dent von NRW, Hendrik Wüst, die Türkei, wurde von Staats­prä­si­dent Erdoğan empfangen und erklärte, man werde »in der wirt­schaft­li­chen Zusam­men­ar­beit ein neues Kapitel in den Bezie­hungen zur Türkei« aufschlagen.‹«

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Nicht gleich­setzen wollen wir damit die Durch­su­chungen bei der ZEIT: Die taz berichtet aber zutref­fend vom Alptraum für die Pres­se­frei­heit. Nächste Woche mehr.