79. Filmfestspiele Cannes 2026
Menschen und Monster im Labyrinth |
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| Einer der stärksten Filme im bisherigen Wettbewerb: Minotaur von Andrey Zvyagintsev | ||
| (Foto: Filmfestival Cannes 2026) | ||
»Wir brauchen eine neue Idee. Es wird vermutlich eine sehr einfache sein. Werden wir in der Lage sein, sie zu erkennen?«
- Susan Sontag, 1965
Bitteres Cannes: Das haben auch erfahrene Kollegen in 30 Jahren Cannes noch nicht erlebt: Plötzlich wird es laut im Saal, plötzlich stehen einzelne Filmkritiker auf. Dann wird nach einem Doktor gerufen. Ein Kollege ist zusammengebrochen, bewusstlos, Schaum vorm Mund. Wir kennen diese Szene aus vielen Kino- und Fernsehfilmen, aber hier ist sie echt: »Ist ein Arzt hier?«, und im Kino ist dann immer einer da. In der Pressevorstellung zu Pedro Almodóvars Amarga
Navidad aber nicht. Keiner der rund 400 Filmkritiker im Raum hat medizinische Kenntnisse, oder traut sich die auch, anzuwenden.
Da sieht man mal wieder, dass Filmkritiker zu nicht viel anderem zu gebrauchen sind als zu genau dem, was sie tun.
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Es war der Film gewesen, auf den ich mich im Vorfeld und nur von der Papierform ausgehend am meisten gefreut hatte. Ganz eingelöst hat er diese subjektiven Vorschusslorbeeren nicht, aber Minotaur vom Russen Andrey Zvyagintsev ist gleichwohl einer der stärksten Filme im bisherigen Wettbewerb.
Wie schön, dass man wieder einen russischen Film sehen kann in Cannes, dass überhaupt die Russen zurückkehren: auch Kantemir...
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Mit Bildern eines Sees und einer großen Schilffläche fängt es an, sehr ähnlich zum Beginn von James Grays Paper Tiger, mit dem dieser Film gewisse Gemeinsamkeiten hat. Die Landschaft ist sehr flach, und man erkennt sofort, dass dies irgendwo weit im Osten und Norden ist.
Ein Boot, ein sehr schönes Haus, und darin eine Familie: Vater Mutter Kind; er heißt Gleb, ist Manager und ziemlich unter Druck. Dass die Ehe ausgeleiert ist und die Frau fremdgeht, das merkt man sehr schnell. Und Gleb weiß es auch.
Aber er hat zunächst einmal andere Sorgen: Der Bürgermeister hat gerufen, in der mittelgroßen Stadt müssen sie 150 Menschen an die ukrainische Front schicken. Jedes Unternehmen muss 14 Namen unter den eigenen Angestellten nennen, es gibt keinen Ausweg.
Ein interessantes Kapitel für sich ist, wie dieses Problem gelöst wird. Denn man möchte natürlich nicht seine eigenen qualifizierten Leute an die Armee verlieren. Man stellt also möglichst schnell genauso viel Leute ein, wie man später der Armeeführung nennen möchte, und gibt dann deren Namen weiter. So bleiben die eigenen Leute verschont – das ist zynisch und zugleich patriarchale Fürsorge für die eigenen Mitarbeiter. Denn was soll Gleb denn sonst machen?
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Andrey Zvyagintsev versetzt Claude Chabrols Klassiker Die untreue Frau (»Une femme infidèle« von 1969) in das Russland der Spezialoperation. Der Umgang mit der Vorlage ist frei, sie dient eher als Inspiration. Der Ort Russlands und seiner Gesellschaft verändert das Material nicht weniger als die Umstände im Schatten des Krieges: Die Zwangsrekrutierung von
Zivilisten.
Man wird hier Zeuge der Militarisierung Russlands: Überall große Plakate, mit »Kriegshelden«, Geldangeboten. In Reden an die Truppen wird von den »Mächten der Dunkelheit« und von den »Kräften Satans« gesprochen.
Zugleich macht der Film voller Empathie klar: Auch die Russen sterben. Auch sie sind Opfer.
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Architektur ist wichtig, wie immer bei diesem Regisseur: Sterile Räume, und man könnte meinen, eher in einem Film von Antonioni zu sein. Als die untreue Gattin beim Fotografen im Apartment ist, gibt es eine 360-Grad-Fahrt, die wie in Beruf: Reporter bereits diesen Fotografen als zukünftigen Toten erkennen lässt.
Am nächsten Tag erschlägt unser Held den Fotografen mit seiner Kamera. Er macht das alles aber wie bei Chabrol erbärmlich schlecht, hinterlässt Fingerabdrücke, ist total überfordert dabei, die Spuren zu beseitigen und eigentlich denkt man auch, dass er mit der Leiche im Auto erwischt werden müsste, aber das passiert am Ende nicht.
Das Verbrechen ist kein isolierter Akt, nicht wie bei Chabrol, sondern Symptom eines kollektiven Zustands. Dass er ein Zersetzungsprozess und Zerfall ist, ist nur die Wunschvorstellung einiger. Ein 360-Grad-Blick in die Welt genügt, um uns vom Gegenteil zu überzeugen.
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Der Mord ist ein Riss, der erlaubt, den inneren Zustand einer sozialen Klasse sichtbar zu machen: Doppelmoral der Individuen, Vertuschen von Verbrechen, Verbindungen zwischen Unternehmern, Bürgermeistern und Polizei, die bürgerliche Moral, zu der die Lüge ebenso gehört wie die Genugtuung – in der abschließenden Reaktion der Ehefrau. Sehr sehr bürgerlich: Heuchelei, Privilegien und die ständige Notwendigkeit, den äußeren Schein zu bewahren.
Diese Diagnose ist so trist wie seltsam tröstlich: Man kommt davon. Das Leben geht weiter. In Grautönen, ohne Schuld und Sühne, ohne Paradies und Hölle. Es gibt keine strafenden Götter. Die Hölle, die ist hier. Und das Paradies.
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Die Figuren handeln weder aus patriotischem Idealismus noch aus tiefer politischer Überzeugung. Sie tun, was sie müssen, auch wider Überzeugungen. Niemand fragt, was gerecht oder ungerecht ist; einzig die Bewahrung der eigenen (Wohlstands-)Verhältnisse zählt.
So ist dies ein Film über Verrat, die Universalität und das Wesen des Verrats. Dazu gehört auch, dass Verrat verbindet – wenn man nicht darüber spricht.
Das Ergebnis ist ein kalter, angespannter Film, ein Film unter Druck, der vor allem von einem Schweigen durchzogen ist, das oft schmerzhaft ist.
Ich gebe zu, dass dies trotz alldem kein Film ist, zu dem mir danach so wahnsinnig viel einfällt. Er ist sehr klassisch gefilmt und photographiert und erzählt; er ist gut, aber er ist auch nicht atemberaubend oder in irgendeiner Form so, dass er uns extrem viel Neues erzählt, sei es über Russland, sei es über etwas anderes.
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Minotaur ist ganz offen eine politische und anthropologische Allegorie. In der griechischen Mythologie ist Minotaurus ein kraftvolles, brutales Wesen, ein Tier-Mensch. Er ist in das Labyrinth eingesperrt, erhält regelmäßig junge Menschen als Tribut. Man kann also fragen, ob die Allegorie hier den russischen Staat meint, der durchzogen ist von trüben labyrinthischen Kanälen, in denen sich politische und wirtschaftliche Macht miteinander verbinden?
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Irgendeinen Tod muss man sterben, schreibt Pavao Vlajcic, dessen Texte für critic.de ich in diesem Jahr überaus erfrischend und lesenswert finde: Unerwartet, geprägt von Liebe zum Festivalerlebnis wie von souveräner Distanz zu bestimmten Geschmackstendenzen oder gar Filmschulen, was man nicht über jeden Text sagen kann. Vor allem aber gibt es bei der geschätzten »Konkurrenz« jetzt nach Jahren endlich Texte, die Festivaleindrücke wiedergeben und einem Leser das Gefühl geben, einen Ort zu besuchen, etwas Gemeinsames zu erleben.
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Insgesamt stimmt mir das Kritiker-Rating im Screendaily zu, dass die Qualität des Wettbewerbs in diesem Jahr wieder dürftig ist. Nur drei Filme erhalten einen Durchschnitt von besser als »Drei« und bisher sieben Filme sind schlechter als »Durchschnitt«.
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Nochmal kurz zu Paper Tiger von James Gray: Am Ende geht es in diesem Film natürlich darum, was für Werte gelten, worauf es ankommt. Und wir sind an einem Kipppunkt: Die alte Welt verschwindet, die analoge Welt und eine neue Welt beginnt, aber das merkt man noch nicht, das weiß man noch nicht in dem Moment.
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Ein bisschen mitleidig lächelt man die Menschen an, die sich einem in den Weg stellen und auf Tickets hoffen. Es gibt nämlich natürlich auch hier immer Tickets, die Leute, die sie dann nicht nutzen können und sie statt sie zurückzugeben wiederum an andere verteilen.
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Einen japanischen Western, einen Samurai-Film hat Kiyoshi Kurosawa mit Kokuroju – the Samurai and the Prisoner gedreht, eine unerwartete Wendung in der Laufbahn dieses Meisters psychologischer Feinheiten. Weit von jedem Spektakel ist dies ein anstrengendes Dialogstück, das am Ende für all jene ergebnislos bleibt, die mit den Feinheiten des Genres und der historischen Geschichte und ihrer popkulturellen Auslegung nicht vertraut sind.
Keine choreografierten Duelle, große Kampfszenen oder die epische Entfaltung der Gewalt – Kurosawa scheint den historischen Rahmen als einen Raum zu benutzen, in dem er weiterhin Obsessionen ins Zentrum rückt: Risse innerhalb einer Kämpfer-Gemeinschaft, Loyalitätskonflikte, Zersetzung von Gruppen.
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In der Schlange mit Detlev Buck, der von Katharina Rivilis persönlich eine Karte zu ihrem Film bekommen hatte. Über Schlöndorff sprechen wir nicht.
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Abendessen mit Saralisa, Albert und seinen Produzenten aus Deutschland und Portugal. Der heißt Joaquim: Langes Gespräch mit ihm, auch über Zwagintsev, vor allem aber über sämtliche der 15.000 Bücher, die er angeblich besitzt: Ob die Welt heute wieder mehr Religion braucht? Ein Thema, zu groß sogar für Cannes.
Mit Albert spreche ich über den Tod von José Luis Cienfuegos, den Direktor von Gijón, dann Sevilla, zuletzt Valladolid, den ich hier in Cannes getroffen hatte. In Gijón hatte
er auch Albert und mich zum ersten Mal bekannt gemacht. José Luis war ein Freak, ein großartiger Festivalleiter, einer von dem ich gelernt habe, dass ein Festival mehr ist, als Filme zu zeigen: Musik, Essen und Trinken und alle müssen einander kennenlernen, im gleichen Hotel wohnen! Er wusste, was ein gutes Festival ausmacht.
Die Besten sterben leider früh.
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Stolze Preise allerorten: In Cannes kostet ein durchschnittliches Bier vom Fass 10,30 Euro, eine anständige, aber nicht übermäßig herausragende Flasche Wein 70 Euro.
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Ich sehe zwischen 30 und 40 Filme in einem Cannes-Jahrgang, wenige sind kürzer als 90 Minuten, manche sind über drei Stunden lang. Dazu muss man sagen, dass unter dieser Zahl fünf bis zehn Filme sind, aus denen ich früher rausgehe – manchmal nur fünf oder zehn Minuten vor Schluss und unter Schmerzen, aber weil ich ein anderes Screening erreichen möchte, oder z.B einen fixen Termin habe oder schreiben muss; manchmal aber auch schon nach 20 bis 30 Minuten. Weil mir einfach überhaupt nichts in dem Film gefällt, er mich von den ersten Minuten an nervt oder, was selten vorkommt, ich einfach keine Beziehung mehr zu ihm finde und durch anderes gedanklich so abgelenkt bin, dass ich den Film zwar unter anderen Umständen interessant finden würde, aber jetzt und hier mich auf ihn nicht einlassen kann. Das gibt es nämlich auch: Die Unmöglichkeit, sich auf einen Film einzulassen.
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Eine Enttäuschung, auch für die spanischen Kollegen, ist Pedro Almodóvars neuer Film: Amarga Navidad ist unorganisch und wirkt wie ein Baukasten aus kunterbunten Steinchen.
Alles ist überaus steril und didaktisch. Als angebliche selbstkritische Metareflexion des Filmemachers über seine eigenen Methoden angelegt, ist der Film allzu narzisstisch: Almodóvar als Gefangener seines selbsterbauten Labyrinths.