20.09.2026

»Why cinema matters...«

Geister
Fatih Akins Geister eröffnete San Sebastián
(Foto: Filmfestival San Sebastián · Fatih Akin)

Die Geister der Toten: Fatih Akin, Werner Herzog und José Giovanni am Eröffnungstag des Filmfestivals San Sebastián – San Sebastián-Notizen, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Heute vor 90 Jahren, am 19. September 1936 wurde Picasso zum Direktor des Prado Museums ernannt. Der Putsch der Armee gegen die Republik und der darauf folgende Bürger­krieg war gerade zwei Monate alt, der Dichter Federico García Lorca war einen Monat zuvor ermordet worden, und es zeichnete sich ab, so Paul Ingenday in seinem ausge­zeich­neten Buch »Entschei­dung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939«, »dass die spanische Republik es in mancherlei Beziehung nicht mit ihrem Gegner aufnehmen kann. Der Gegner hat mehr Waffen, besser ausge­bil­dete Soldaten und geht mit äußerster Entschlos­sen­heit vor. Wenn es Lücken in der Komman­do­struktur gibt, so sind sie von außen kaum sichtbar. Aber einen Vorteil hat die Republik von Anfang an: die Kultur­welt – Literaten, Künstler, Musiker, Intel­lek­tu­elle – ist mehr­heit­lich auf ihrer Seite.«

Ingendays vor kurzem erschie­nenes Buch ist meine dies­jäh­rige Reise­lek­türe in San Sebastián, wenn ich beim Film­fes­tival mal gerade keinen Film schaue.

Ich hatte es auch in der Erwartung mitge­nommen, dass der Bürger­krieg, der in diesem Sommer vor 90 Jahren ausbrach, einen Schwer­punkt im Festi­val­pro­gramm bilden würde. Über­ra­schen­der­weise ist das gar nicht der Fall. Ein bisschen enttäu­schend finde ich es auch. Denn wir wissen um die Poli­ti­sie­rung im Basken­land und die kritische Position selbst konser­va­tiver Basken gegenüber dem spani­schen Natio­na­lismus und Mili­ta­rismus.

Eine genaue Erklärung für diese sichtbare Lücke im Programm habe ich noch nicht – aber man muss wohl eine gewisse poli­ti­sche Scheu vermuten.

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Ich erinnere mich noch genau, wie vor 24 Jahren, 2002, als ich das erste Mal hierher kam, auf den Dächern des Kursaal-Festi­val­zen­trums voll­mas­kierte Männer einer Spezi­al­ein­heit platziert waren und die Stadt vor sicht­barer Poli­zei­prä­senz strotzte – während des Festivals fand eine Demons­tra­tion der Anhänger der baski­schen Terror­gruppe ETA ebenso statt, wie eine Demons­tra­tion der ETA-Opfer, wie eine Demons­tra­tion baski­scher Natio­na­listen, die sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen befanden. Es war spannend zu erleben, wie um Politik gerungen wurde, um die Rolle der Gewalt, und darum, wo und ob Natio­na­lismus etwas Positives ist, und um die Frage, ob es sinnvoll ist, beim Verhältnis zwischen Basken­land und Rest­spa­nien von Kolo­nia­lismus oder von Zivi­li­sie­rung zu sprechen oder besser viel­leicht von beiden nicht.
In den folgenden Jahren milderte sich die Spannung und in diesem Jahr spielt das alles überhaupt keine Rolle mehr. Poli­ti­sche Pamphlete, sichtbare Partei­namen und »virtue signaling« gibt es nur in Bezug auf ein einziges Thema: Nahost. Zumal die Farb­kom­bi­na­tion der Flaggen vieler arabi­scher Staaten wie von »Palästina« mit denen des Basken­lands zum Teil identisch sind oder sich ähneln.
So sieht man über vielen Häusern Palästina- und Hamas-Symbole neben denen der Basken und der ETA.

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Mit Cannes und Venedig gehört das 1953 gegrün­dete Festival von San Sebastián zu den großen A-Film­fes­ti­vals der Welt. Eine tradi­ti­ons­reiche, oft politisch aufge­la­dene Veran­stal­tung. Am Freitag wurde die 74. Ausgabe eröffnet. Bis zum kommenden Wochen­ende laufen hier knapp über 200 Filme in zwei Wett­be­werben und 15 weiteren Sektionen.
Der mit dieser Ausgabe schei­dende Direktor José Luis Rebor­dinos hat das Festival in den letzten 15 Jahren weniger cinephil kuratiert, hat es popu­la­ri­siert und dem Main­stream angenähert. Vor allem hat er damit Geld einge­spart, dass er die hoch­an­ge­se­henen bis zu drei Retro­spek­tiven auf eine zusam­men­ge­stutzt hat und die »Donostia Awards«, mit denen Weltstars an die baskische Atlan­ti­küste geholt werden, seit zwei Jahren von drei auf zwei reduziert.

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Die besonders ange­se­hene Retro­spek­tive ist in diesem Jahr einer der kontro­ver­sesten Figuren des fran­zö­si­schen Kinos nach dem Krieg gewidmet: dem eher unbe­kannten Regisseur, Dreh­buch­autor und Roman­schrift­steller José Giovanni. Wir werden darüber in den nächsten Tagen noch mehr schreiben und man kann vieles auf die Schnelle in den bekannten Quellen nachlesen, aber kurz zusam­men­ge­fasst ist Giovanni einer der inter­es­san­testen und wich­tigsten Dreh­buch­au­toren des Polizei- und Gangs­ter­genres, der für Meis­ter­re­gis­seure wie Jean-Pierre Melville, Jacques Becker, Claude Sautet und andere Dreh­bücher zu wichtigen Filmen schrieb, die hier auch gezeigt werden. Auf der anderen Seite ist er als Regisseur, Schrift­steller wie auch als poli­ti­sche und private Persön­lich­keit das, was mit dem heute infla­ti­onären Ausdruck »umstritten« allzu vage und höflich umschrieben ist.
Giovanni, unter dem Namen Joseph Damiani 1923 in Korsika geboren, war zeit­le­bens ein Angehö­riger der fran­zö­si­schen Rechten, zum Teil der extremen Rechten. Unter dem Vichy-Regime und der deutschen Besatzung kämpfte er in der proto­fa­schis­ti­schen »Milice« gegen die Résis­tance. Im ersten Jahr nach der Befreiung gehört er einer Gangs­ter­bande in Paris an, die mehrere Angehö­rige der Résis­tance und Juden entführte, erpresste, folterte und ermordete. Verur­teilt zum Tode und zu 20 Jahren Arbeits­lager wurde er nach 11 Jahren Haft begnadigt und schlug erst dann, ab 1956 seinen Weg als Filme­ma­cher ein – in seinen zum Teil einfach vulgären, zum Teil auch politisch frag­wür­digen Männer­ge­schichten blieb er aller­dings dieser poli­ti­schen und krimi­nellen Vergan­gen­heit bis zu einem gewissen Grad verbunden.

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Es ist dem Festival von San Sebastián hoch anzu­rechnen, dass es auch einer solchen Figur Raum gibt und damit die Möglich­keiten auch zu einer kontro­versen Debatte über diesen Teil der fran­zö­si­schen Film­ge­schichte ebenso wie über bestimmte Aspekte der fran­zö­si­schen Politik- und Gesell­schafts­ge­schichte eröffnet. Zugleich möchte man nicht allzu lange darüber nach­denken, inwieweit es auch unter manchen jener baski­schen Natio­na­listen, die im Träger­verein des Film­fes­ti­vals wie in der Stadt­ver­wal­tung mitreden, Sympa­thien für eine Figur wie Giovanni und sein laxes Verhältnis insbe­son­dere zur poli­ti­schen Gewalt gibt.

Die ersten beiden Filme, die ich in der Retro­spek­tive gesehen habe, beides Regie­ar­beiten aus den 80er Jahren und insofern das Spätwerk des Regis­seurs, bestä­tigen genau solche Vorü­ber­le­gungen in ihrer Spann­breite. Les Loups entre eux kann man salopp als einen Film »unter aller Kanone« bezeichnen, ein niveau­loser C-Movie, der einfach auch als Enter­tain­ment nicht funk­tio­niert, der über weite Strecken nicht gut erzählt ist, aber auf der anderen Seite Momente von Männer­freund­schaft und männ­li­cher Intimität bietet, die beach­tens­wert sind. Und mit Claude Brasseur, Niels Arestrup und Jean-Hugues Anglade in den Haupt­rollen gibt es einige ansehn­liche Schau­spiel­leis­tungen, sodass ich nicht bereue, diesen Film gesehen zu haben – aller­dings habe ich mich über weite Strecken auch gelang­weilt und in manchen Momenten fremd­ge­schämt.

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Die Eröff­nungs­gala war wie auf allen Film­fes­ti­vals, mit Ausnahme von Cannes: Film­fremde Fern­seh­mo­de­ra­toren lesen Texte über das Kino vom Tele­prompter, zu deren Inhalt sie erkennbar keine Beziehung haben. Dann verkünden sie, das Festival von San Sebastián sei »wie Weih­nachten im September«. Da mag sogar etwas dran sein, aller­dings hat man an Weih­nachten norma­ler­weise keine Paläs­ti­nenser-Flaggen am Tannen­baum. Am Brücken­geländer vorm Kursaal sehr wohl.

Diese Eröff­nungen sind immer ein echtes Problem. Weil alle einer­seits schnell fertig werden wollen, weil man diese Galas irgendwie doof findet und zugleich sehr viel, am besten alles irgendwie vorkommen muss.
Man müsste diese Veran­stal­tungen so machen, dass sie für das Publikum im Saal gut sind und nicht fürs Fernsehen – so ist das Publikum eigent­lich nur Staffage für ein paar Fern­seh­bilder.

Besonders trist war dann die Laudatio der blassen Mode­ra­torin zu Werner Herzog. Das hätte besser der Festi­val­di­rektor vorge­lesen.
Orlando Bloom glich dies in einer kurzen Vorstel­lung immerhin etwas aus, und erklärte, von Werner Herzogs Werk könne man lernen, »why cinema matters«.

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Herzog selbst zeigte sich als Gast, der wusste, was sich gehört: Er outete sich als Fan des Basken­lands, dem er immer besonders verbunden gewesen sei: »Lope de Aguirre was basque«, erklärte er in Anspie­lung auf seinen berühmten Spielfilm. Bei der Arbeit an seinem Film Die Höhle der verges­senen Träume habe er erfahren, dass »der erste Homo sapiens ein Baske war«.
Damit zeigte sich wieder einmal, dass Werner Herzog halt ein guter Märchen­er­zähler ist. Denn die indo­ger­ma­ni­sche und die baskische Sprache entwi­ckelten sich vor allem parallel zuein­ander, nicht nach­ein­ander.

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Mit Geister von Fatih Akin wurde das Festival eröffnet. Der Film, den Akin auch geschrieben hat, funk­tio­niert im Kino und beim Publikum gut. Er geht von einer sehr roman­ti­schen Idee aus. Farasha und Faris lernen sich kennen, verlieben sich, doch am gleichen Abend stirbt sie bei einem Unfall, an dem er sich schuldig fühlt – zu Unrecht, wie wir erfahren.

Doch sie lebt weiter – als Geist. 40 Tage mate­ria­li­siert sie sich in seinen Träumen. Der Film bewegt sich damit in einem Terrain, in dem das Reale und das Über­na­tür­liche einander durch­dringen, er erzählt von Verlust, Erfahrung, Schuld­ge­fühlen.
Akin geht von einer schönen Idee aus, die Geschichte verzichtet aber darauf, eine Poetik des Gespens­ti­schen zu entdecken. Die Phan­tas­ma­gorie entsteht nicht aus den Bildern.

Es gibt Anklänge an Wenders’ Der Himmel über Berlin und manchmal dachte ich, der Film hätte von Hamburg ein bisschen mehr erzählen können, ein bisschen mehr so wie Der Himmel über Berlin damals einen Ort in einem bestimmten Moment aufge­griffen hat. Aber das Hamburg der Gegenwart ist natürlich nicht das West-Berlin der späten 80er, hier liegt der eine Unter­schied. Der andere ist der, dass Fatih Akin ein ganz anderer Regisseur ist als Wenders. Wo bei diesem die Poesie in der Lang­sam­keit liegt, im Grübeln und Medi­tieren und den raunenden Dialogen des Peter Handke, liegt die Poesie von Akin in der Energie der Leiden­schaft, in einer Ehrlich­keit und Unmit­tel­bar­keit des Gefühls. Es ist ein Filme­ma­chen, das weniger Fragen stellt, als Setzungen vornimmt.

Das Roman­ti­sche braucht Distanz, Mehr­deu­tig­keit und Schat­ten­zonen. In Geister wandelt sich die Romantik ins Melo­dra­ma­ti­sche, auch wenn die Musik von Malakoff Kowalski dem entge­gen­steht und den Film immer wieder auf eine andere Stufe hebt. Das liegt einem heutigen Publikum näher. Geister streift immer wieder die Grenze zum Kitsch – es ist aller­dings ein sehr guter Kitsch, und damit ein essen­ti­eller Teil des Kinos.