»Why cinema matters...« |
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| Fatih Akins Geister eröffnete San Sebastián | ||
| (Foto: Filmfestival San Sebastián · Fatih Akin) | ||
Heute vor 90 Jahren, am 19. September 1936 wurde Picasso zum Direktor des Prado Museums ernannt. Der Putsch der Armee gegen die Republik und der darauf folgende Bürgerkrieg war gerade zwei Monate alt, der Dichter Federico García Lorca war einen Monat zuvor ermordet worden, und es zeichnete sich ab, so Paul Ingenday in seinem ausgezeichneten Buch »Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939«, »dass die spanische Republik es in mancherlei Beziehung nicht mit ihrem Gegner aufnehmen kann. Der Gegner hat mehr Waffen, besser ausgebildete Soldaten und geht mit äußerster Entschlossenheit vor. Wenn es Lücken in der Kommandostruktur gibt, so sind sie von außen kaum sichtbar. Aber einen Vorteil hat die Republik von Anfang an: die Kulturwelt – Literaten, Künstler, Musiker, Intellektuelle – ist mehrheitlich auf ihrer Seite.«
Ingendays vor kurzem erschienenes Buch ist meine diesjährige Reiselektüre in San Sebastián, wenn ich beim Filmfestival mal gerade keinen Film schaue.
Ich hatte es auch in der Erwartung mitgenommen, dass der Bürgerkrieg, der in diesem Sommer vor 90 Jahren ausbrach, einen Schwerpunkt im Festivalprogramm bilden würde. Überraschenderweise ist das gar nicht der Fall. Ein bisschen enttäuschend finde ich es auch. Denn wir wissen um die Politisierung im Baskenland und die kritische Position selbst konservativer Basken gegenüber dem spanischen Nationalismus und Militarismus.
Eine genaue Erklärung für diese sichtbare Lücke im Programm habe ich noch nicht – aber man muss wohl eine gewisse politische Scheu vermuten.
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Ich erinnere mich noch genau, wie vor 24 Jahren, 2002, als ich das erste Mal hierher kam, auf den Dächern des Kursaal-Festivalzentrums vollmaskierte Männer einer Spezialeinheit platziert waren und die Stadt vor sichtbarer Polizeipräsenz strotzte – während des Festivals fand eine Demonstration der Anhänger der baskischen Terrorgruppe ETA ebenso statt, wie eine Demonstration der ETA-Opfer, wie eine Demonstration baskischer Nationalisten, die sich irgendwo zwischen
diesen beiden Extremen befanden. Es war spannend zu erleben, wie um Politik gerungen wurde, um die Rolle der Gewalt, und darum, wo und ob Nationalismus etwas Positives ist, und um die Frage, ob es sinnvoll ist, beim Verhältnis zwischen Baskenland und Restspanien von Kolonialismus oder von Zivilisierung zu sprechen oder besser vielleicht von beiden nicht.
In den folgenden Jahren milderte sich die Spannung und in diesem Jahr spielt das alles überhaupt keine Rolle mehr. Politische
Pamphlete, sichtbare Parteinamen und »virtue signaling« gibt es nur in Bezug auf ein einziges Thema: Nahost. Zumal die Farbkombination der Flaggen vieler arabischer Staaten wie von »Palästina« mit denen des Baskenlands zum Teil identisch sind oder sich ähneln.
So sieht man über vielen Häusern Palästina- und Hamas-Symbole neben denen der Basken und der ETA.
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Mit Cannes und Venedig gehört das 1953 gegründete Festival von San Sebastián zu den großen A-Filmfestivals der Welt. Eine traditionsreiche, oft politisch aufgeladene Veranstaltung. Am Freitag wurde die 74. Ausgabe eröffnet. Bis zum kommenden Wochenende laufen hier knapp über 200 Filme in zwei Wettbewerben und 15 weiteren Sektionen.
Der mit dieser Ausgabe scheidende Direktor José Luis Rebordinos hat das Festival in den letzten 15 Jahren weniger cinephil kuratiert, hat es
popularisiert und dem Mainstream angenähert. Vor allem hat er damit Geld eingespart, dass er die hochangesehenen bis zu drei Retrospektiven auf eine zusammengestutzt hat und die »Donostia Awards«, mit denen Weltstars an die baskische Atlantiküste geholt werden, seit zwei Jahren von drei auf zwei reduziert.
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Die besonders angesehene Retrospektive ist in diesem Jahr einer der kontroversesten Figuren des französischen Kinos nach dem Krieg gewidmet: dem eher unbekannten Regisseur, Drehbuchautor und Romanschriftsteller José Giovanni. Wir werden darüber in den nächsten Tagen noch mehr schreiben und man kann vieles auf die Schnelle in den bekannten Quellen nachlesen, aber kurz zusammengefasst ist Giovanni einer der interessantesten und wichtigsten Drehbuchautoren des Polizei-
und Gangstergenres, der für Meisterregisseure wie Jean-Pierre Melville, Jacques Becker, Claude Sautet und andere Drehbücher zu wichtigen Filmen schrieb, die hier auch gezeigt werden. Auf der anderen Seite ist er als Regisseur, Schriftsteller wie auch als politische und private Persönlichkeit das, was mit dem heute inflationären Ausdruck »umstritten« allzu vage und höflich umschrieben ist.
Giovanni, unter dem Namen Joseph Damiani 1923 in Korsika geboren, war zeitlebens ein
Angehöriger der französischen Rechten, zum Teil der extremen Rechten. Unter dem Vichy-Regime und der deutschen Besatzung kämpfte er in der protofaschistischen »Milice« gegen die Résistance. Im ersten Jahr nach der Befreiung gehört er einer Gangsterbande in Paris an, die mehrere Angehörige der Résistance und Juden entführte, erpresste, folterte und ermordete. Verurteilt zum Tode und zu 20 Jahren Arbeitslager wurde er nach 11 Jahren Haft begnadigt und schlug erst dann, ab 1956
seinen Weg als Filmemacher ein – in seinen zum Teil einfach vulgären, zum Teil auch politisch fragwürdigen Männergeschichten blieb er allerdings dieser politischen und kriminellen Vergangenheit bis zu einem gewissen Grad verbunden.
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Es ist dem Festival von San Sebastián hoch anzurechnen, dass es auch einer solchen Figur Raum gibt und damit die Möglichkeiten auch zu einer kontroversen Debatte über diesen Teil der französischen Filmgeschichte ebenso wie über bestimmte Aspekte der französischen Politik- und Gesellschaftsgeschichte eröffnet. Zugleich möchte man nicht allzu lange darüber nachdenken, inwieweit es auch unter manchen jener baskischen Nationalisten, die im Trägerverein des Filmfestivals wie in der Stadtverwaltung mitreden, Sympathien für eine Figur wie Giovanni und sein laxes Verhältnis insbesondere zur politischen Gewalt gibt.
Die ersten beiden Filme, die ich in der Retrospektive gesehen habe, beides Regiearbeiten aus den 80er Jahren und insofern das Spätwerk des Regisseurs, bestätigen genau solche Vorüberlegungen in ihrer Spannbreite. Les Loups entre eux kann man salopp als einen Film »unter aller Kanone« bezeichnen, ein niveauloser C-Movie, der einfach auch als Entertainment nicht funktioniert, der über weite Strecken nicht gut erzählt ist, aber auf der anderen Seite Momente von Männerfreundschaft und männlicher Intimität bietet, die beachtenswert sind. Und mit Claude Brasseur, Niels Arestrup und Jean-Hugues Anglade in den Hauptrollen gibt es einige ansehnliche Schauspielleistungen, sodass ich nicht bereue, diesen Film gesehen zu haben – allerdings habe ich mich über weite Strecken auch gelangweilt und in manchen Momenten fremdgeschämt.
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Die Eröffnungsgala war wie auf allen Filmfestivals, mit Ausnahme von Cannes: Filmfremde Fernsehmoderatoren lesen Texte über das Kino vom Teleprompter, zu deren Inhalt sie erkennbar keine Beziehung haben. Dann verkünden sie, das Festival von San Sebastián sei »wie Weihnachten im September«. Da mag sogar etwas dran sein, allerdings hat man an Weihnachten normalerweise keine Palästinenser-Flaggen am Tannenbaum. Am Brückengeländer vorm Kursaal sehr wohl.
Diese Eröffnungen sind immer ein echtes Problem. Weil alle einerseits schnell fertig werden wollen, weil man diese Galas irgendwie doof findet und zugleich sehr viel, am besten alles irgendwie vorkommen muss.
Man müsste diese Veranstaltungen so machen, dass sie für das Publikum im Saal gut sind und nicht fürs Fernsehen – so ist das Publikum eigentlich nur Staffage für ein paar Fernsehbilder.
Besonders trist war dann die Laudatio der blassen Moderatorin zu Werner Herzog. Das hätte besser der Festivaldirektor vorgelesen.
Orlando Bloom glich dies in einer kurzen Vorstellung immerhin etwas aus, und erklärte, von Werner Herzogs Werk könne man lernen, »why cinema matters«.
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Herzog selbst zeigte sich als Gast, der wusste, was sich gehört: Er outete sich als Fan des Baskenlands, dem er immer besonders verbunden gewesen sei: »Lope de Aguirre was basque«, erklärte er in Anspielung auf seinen berühmten Spielfilm. Bei der Arbeit an seinem Film Die Höhle der vergessenen Träume habe er erfahren, dass »der erste Homo sapiens ein Baske war«.
Damit zeigte
sich wieder einmal, dass Werner Herzog halt ein guter Märchenerzähler ist. Denn die indogermanische und die baskische Sprache entwickelten sich vor allem parallel zueinander, nicht nacheinander.
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Mit Geister von Fatih Akin wurde das Festival eröffnet. Der Film, den Akin auch geschrieben hat, funktioniert im Kino und beim Publikum gut. Er geht von einer sehr romantischen Idee aus. Farasha und Faris lernen sich kennen, verlieben sich, doch am gleichen Abend stirbt sie bei einem Unfall, an dem er sich schuldig fühlt – zu Unrecht, wie wir erfahren.
Doch sie lebt weiter – als Geist. 40 Tage materialisiert sie sich in seinen Träumen. Der Film bewegt sich damit in einem Terrain, in dem das Reale und das Übernatürliche einander durchdringen, er erzählt von Verlust, Erfahrung, Schuldgefühlen.
Akin geht von einer schönen Idee aus, die Geschichte verzichtet aber darauf, eine Poetik des Gespenstischen zu entdecken. Die Phantasmagorie entsteht nicht aus den Bildern.
Es gibt Anklänge an Wenders’ Der Himmel über Berlin und manchmal dachte ich, der Film hätte von Hamburg ein bisschen mehr erzählen können, ein bisschen mehr so wie Der Himmel über Berlin damals einen Ort in einem bestimmten Moment aufgegriffen hat. Aber das Hamburg der Gegenwart ist natürlich nicht das West-Berlin der späten 80er, hier liegt der eine Unterschied. Der andere ist der, dass Fatih Akin ein ganz anderer Regisseur ist als Wenders. Wo bei diesem die Poesie in der Langsamkeit liegt, im Grübeln und Meditieren und den raunenden Dialogen des Peter Handke, liegt die Poesie von Akin in der Energie der Leidenschaft, in einer Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit des Gefühls. Es ist ein Filmemachen, das weniger Fragen stellt, als Setzungen vornimmt.
Das Romantische braucht Distanz, Mehrdeutigkeit und Schattenzonen. In Geister wandelt sich die Romantik ins Melodramatische, auch wenn die Musik von Malakoff Kowalski dem entgegensteht und den Film immer wieder auf eine andere Stufe hebt. Das liegt einem heutigen Publikum näher. Geister streift immer wieder die Grenze zum Kitsch – es ist allerdings ein sehr guter Kitsch, und damit ein essentieller Teil des Kinos.