Der Dritte Weg vor und hinter den Anden |
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| Ein Klassiker: La hora de los hornos von Fernando Solanas aus dem Jahr 1968 | ||
| (Foto: Trigon Film) | ||
Seit Montag läuft die 69. Ausgabe der DOK-Leipzig. Bei der Eröffnungsfeier gab es nichts zu essen, was tatsächlich nicht weiter schlimm ist. Erfahrene Festivalgäste, so auch mehrere Regisseurinnen und Regisseure, Vertreterinnen deutscher Filminstitutionen und der Autor dieses Textes gehen sowieso am liebsten in ihre Leipziger Lieblingskneipe, die Preise und Kellnerinnencharme wie in den Neunziger Jahren ebenso bietet wie Gerichte mit Namen aus den Achtzigern (»Steak auf four« und »Zigeunerschnitzel«). Kneipen, deren Namen wir hier besser für uns behalten, sonst tauchen noch die falschen Leute dort auf.
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Viel schlimmer als das fehlende Essen ist das Fehlen eines Katalogs! Da hoffen wir sehr, dass sich die neue Festival-Leiterin Ola Staszel darüber fürs kommende Jahr noch ein paar neue Gedanken macht. Denn ein Katalog ist ein notwendiges Arbeitswerkzeug und natürlich auch ein Erinnerungsmedium. Besonders Filmemacher, und nicht nur die aus Deutschland, möchten unbedingt einen Katalog haben, wenn sie mit einem Film bei der Dok.Leipzig zu Gast sind. Weil dies quasi die Papier gewordene
Bestätigung ihrer Teilnahme und der Lohn all der Mühen ist. Verständlicherweise möchte man Papier sparen und natürlich auch Kosten. Andere Festivals haben dafür aber eine viel bessere Lösung gefunden als die Dok.Leipzig, die den Katalog einfach abgeschafft hat, und wo man von den freundlichen, aber etwas ahnungslosen Mitarbeiterinnen dann gesagt bekommt, das alles sei ja im Netz – was es erstens nicht ist; zweitens in einer anderen Form; und drittens nur bis zum Ende des
Filmfestivals – die Internetseite funktioniert tatsächlich nur bei wenigen Festivals wie San Sebastian oder Berlin wie ein historisches Archiv. Wer also Kosten sparen möchte, der sollte den Katalog und die entsprechenden Texte wenigstens in einer PDF-Form für alle akkreditierten Gäste zum Download zugänglich machen, und idealerweise gegen eine Gebühr von fünf oder zehn Euro auch die Möglichkeit geben, diesen Katalog gedruckt zu erhalten.
Warum muten wir uns derartige
Einschränkungen freiwillig zu? Es gibt ja auch immer noch Buchhandlungen, die Bücher in Papier anbieten. Wenn papierlose Welt die einzig gute Welt wäre, müsste man das ja auch verbieten.
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Neben aktuellem Kino zeigt das wichtigste deutsche Dokumentarfilm-Festival auch immer eine filmhistorische Retrospektive. In diesem Jahr heißt sie »Kino und Kampf. Lateinamerika zwischen Ost und West« und ist dem politisch widerständigen Kino im Lateinamerika der 60er und 70er gewidmet. Diese Jahrzehnte waren einerseits von rechten und rechtsextremen Militärdiktaturen geprägt, andererseits von Filmemachern, die mit ihren Mitteln – dem Kino – dagegen
protestierten.
Daneben geht es auch noch um eine andere Art der Ost-West-Beziehung: Diese Filme reisten seinerzeit über die Grenzen des Kalten Kriegs und der Ideologien hinweg – von Lateinamerika in die DDR, nach Westdeutschland und ins Viermächteberlin und wieder zurück. Vor allem aber ist dies eine faszinierende Zeitreise in eine vergangene Epoche, die vielleicht doch unerwartet aktuell ist.
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Now heißt ein Kurzfilm aus dem Jahr 1965. Darin montiert der kubanische Filmemacher Santiago Álvarez Bilder rassistischer Gewalt in den USA im Rhythmus zu Lena Hornes gleichnamiger Hymne der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Der Film lief auf der DOK.Leipzig im Jahr 1965 – ein willkommenes Dokument der vermeintlichen Dekadenz und der Gewalt im westlichen Kapitalismus.
Umgekehrt Abastecimiento, auch ein Kurzfilm. Er stammt vom Chilenen Raúl Ruiz. Ruiz war zwar Teil der militanten linken Kinobewegung, die sich in den Dienst der chilenischen Volksfront Salvador Allendes stellte, blieb aber immer ein Außenseiter. Experimentell und ironisch ging er mit den Widersprüchen des eigenen Lagers um. »Bourgeois« nannte man das damals. Hier konfrontiert er die Ansichten und Alltagserfahrungen einer Hausfrau mit denen des sozialistischen Wirtschaftsministers. Anschließend zeigt er die Tätigkeit der lokalen Komitees zur Kontrolle und gerechten Verteilung von Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs. Das Ergebnis ist provokant: Ein Slapstick der alltäglichen Absurdität und ein unmöglicher Dialog. Ruiz' Film durfte seinerzeit nicht gezeigt werden. Leipzig war kein Ort für einen Regisseur, der nach dem rechtsextremen Putsch Pinochets und Allendes Ermordung nach Paris emigrierte und dort Spielfilme drehte. Stattdessen lief sein Film im »Forum« der Westberliner Berlinale.
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El tigre saltó y mató, pero morirá... Das Raubtier springt und tötet, aber er wird sterben – so lautet der Refrain dieses Liedes. Der gleichnamige Film entstand 1973, fünf Tage nach dem blutigen Putsch gegen Allende – ein Dokument von Trauer und Verzweiflung, wie von Hoffnung.
Mit insgesamt drei Programmen legt die Retrospektive einen besonderen Schwerpunkt auf Chile und spiegelt damit die große Aufmerksamkeit wider, die dem chilenischen Geschehen und Filmschaffen seinerzeit entgegengebracht wurde.
So laufen da berührende Zeitdokumente über die Aufbruchsstimmung im ersten Regierungsjahr Salvador Allendes, aber auch Dokumentarfilme über den Militärputsch von 1973 und die internationale Unterstützung für die Chilenen im Exil.
Ein weiterer Schwerpunkt sind die Geschehnisse in Argentinien: Der dreiteilige, zusammen vierstündige La hora de los hornos: Notas y testimonios sobre el neocolonialismo, la violencia y la liberación von Fernando Solanas und Octavio Getino von 1968 ist ein Klassiker: Ein agitatorisches Pamphlet über die jüngste Geschichte Argentiniens, das die 68er-Generation so bewegte wie kaum ein zweiter Dokumentarfilm.
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Die Retrospektive erzählt eine Geschichte, die sich den bequemen Erzählungen und Vereinnahmungen des Kalten Kriegs entzieht. Die hat ideologische Gegensätze überbrückt, aber nicht zum Verschwinden gebracht. Diese Geschichte handelt vom Kino der Revolution und des Widerstands gegen die oft faschistischen, jedenfalls rechtsautoritären Diktaturen Lateinamerikas.
Die DDR verstand das revolutionäre Kino Lateinamerikas als Avantgarde der Weltrevolution, als
Bestätigung ihrer eigenen politischen Weltanschauung. Westdeutsche Institutionen entwickelten dagegen ihre Solidarität unter der Vorstellung, hier beginne die Befreiung zur Freiheit der Marktwirtschaft und zu einer postfaschistischen Demokratie nach Bonner Vorbild.
Aber die Filme der lateinamerikanischen Bürgerrechtler, Systemkritiker und Salonrevoluzzer waren mehr als hübsche Belegstücke im Museum eines Systemwettbewerbs. Sie brauchten intakte Film-Kopien, sichere Archive, Vorführorte – und Menschen, die sich für sie einsetzten. Zwischen Ost und West entstand auf diesem Weg eine praktische Solidarität des Handelns, die sich nicht restlos aus den offiziellen Beziehungen der beiden deutschen Staaten erklären lässt. Ausgerechnet die Teilung schuf hier keine unüberwindbare Grenze, sondern eine komplizierte, mitunter informelle Infrastruktur des kulturellen Austauschs.
In alldem steckt auch eine klare Korrektur unserer Gegenwart, in der technische Perfektion und professionelle Distribution allzu leicht mit Relevanz verwechselt werden.
Die Retrospektive feiert nicht nostalgisch glatt ein Kino, das noch an die große Veränderung glauben konnte, sondern zeigt Widersprüche. Sie feiert aber ein Kino, das überhaupt etwas verändern will, eine Kunst, die sich nicht mit dem Bestehenden abfindet. Dieser Kampf geht weiter. Vielleicht beginnt er für das Publikum gerade jetzt erst wieder.