29.10.2026

Der Dritte Weg vor und hinter den Anden

La hora de los hornos
Ein Klassiker: La hora de los hornos von Fernando Solanas aus dem Jahr 1968
(Foto: Trigon Film)

Die Retrospektive der DOK-Leipzig zeigt politische Dokumentarfilme aus Lateinamerika – Notizen von der Dok.Leipzig, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Seit Montag läuft die 69. Ausgabe der DOK-Leipzig. Bei der Eröff­nungs­feier gab es nichts zu essen, was tatsäch­lich nicht weiter schlimm ist. Erfahrene Festi­val­gäste, so auch mehrere Regis­seu­rinnen und Regis­seure, Vertre­te­rinnen deutscher Film­in­sti­tu­tionen und der Autor dieses Textes gehen sowieso am liebsten in ihre Leipziger Lieb­lings­kneipe, die Preise und Kell­ne­rin­nen­charme wie in den Neunziger Jahren ebenso bietet wie Gerichte mit Namen aus den Acht­zi­gern (»Steak auf four« und »Zigeu­ner­schnitzel«). Kneipen, deren Namen wir hier besser für uns behalten, sonst tauchen noch die falschen Leute dort auf.

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Viel schlimmer als das fehlende Essen ist das Fehlen eines Katalogs! Da hoffen wir sehr, dass sich die neue Festival-Leiterin Ola Staszel darüber fürs kommende Jahr noch ein paar neue Gedanken macht. Denn ein Katalog ist ein notwen­diges Arbeits­werk­zeug und natürlich auch ein Erin­ne­rungs­me­dium. Besonders Filme­ma­cher, und nicht nur die aus Deutsch­land, möchten unbedingt einen Katalog haben, wenn sie mit einem Film bei der Dok.Leipzig zu Gast sind. Weil dies quasi die Papier gewordene Bestä­ti­gung ihrer Teilnahme und der Lohn all der Mühen ist. Vers­tänd­li­cher­weise möchte man Papier sparen und natürlich auch Kosten. Andere Festivals haben dafür aber eine viel bessere Lösung gefunden als die Dok.Leipzig, die den Katalog einfach abge­schafft hat, und wo man von den freund­li­chen, aber etwas ahnungs­losen Mitar­bei­te­rinnen dann gesagt bekommt, das alles sei ja im Netz – was es erstens nicht ist; zweitens in einer anderen Form; und drittens nur bis zum Ende des Film­fes­ti­vals – die Inter­net­seite funk­tio­niert tatsäch­lich nur bei wenigen Festivals wie San Sebastian oder Berlin wie ein histo­ri­sches Archiv. Wer also Kosten sparen möchte, der sollte den Katalog und die entspre­chenden Texte wenigs­tens in einer PDF-Form für alle akkre­di­tierten Gäste zum Download zugäng­lich machen, und idea­ler­weise gegen eine Gebühr von fünf oder zehn Euro auch die Möglich­keit geben, diesen Katalog gedruckt zu erhalten.
Warum muten wir uns derartige Einschrän­kungen frei­willig zu? Es gibt ja auch immer noch Buch­hand­lungen, die Bücher in Papier anbieten. Wenn papier­lose Welt die einzig gute Welt wäre, müsste man das ja auch verbieten.

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Neben aktuellem Kino zeigt das wich­tigste deutsche Doku­men­tar­film-Festival auch immer eine film­his­to­ri­sche Retro­spek­tive. In diesem Jahr heißt sie »Kino und Kampf. Latein­ame­rika zwischen Ost und West« und ist dem politisch wider­s­tän­digen Kino im Latein­ame­rika der 60er und 70er gewidmet. Diese Jahr­zehnte waren einer­seits von rechten und rechts­extremen Mili­tär­dik­ta­turen geprägt, ande­rer­seits von Filme­ma­chern, die mit ihren Mitteln – dem Kino – dagegen protes­tierten.
Daneben geht es auch noch um eine andere Art der Ost-West-Beziehung: Diese Filme reisten seiner­zeit über die Grenzen des Kalten Kriegs und der Ideo­lo­gien hinweg – von Latein­ame­rika in die DDR, nach West­deutsch­land und ins Vier­mäch­te­berlin und wieder zurück. Vor allem aber ist dies eine faszi­nie­rende Zeitreise in eine vergan­gene Epoche, die viel­leicht doch uner­wartet aktuell ist.

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Now heißt ein Kurzfilm aus dem Jahr 1965. Darin montiert der kuba­ni­sche Filme­ma­cher Santiago Álvarez Bilder rassis­ti­scher Gewalt in den USA im Rhythmus zu Lena Hornes gleich­na­miger Hymne der afro­ame­ri­ka­ni­schen Bürger­rechts­be­we­gung. Der Film lief auf der DOK.Leipzig im Jahr 1965 – ein will­kom­menes Dokument der vermeint­li­chen Dekadenz und der Gewalt im west­li­chen Kapi­ta­lismus.

Umgekehrt Abas­te­ci­mi­ento, auch ein Kurzfilm. Er stammt vom Chilenen Raúl Ruiz. Ruiz war zwar Teil der mili­tanten linken Kino­be­we­gung, die sich in den Dienst der chile­ni­schen Volks­front Salvador Allendes stellte, blieb aber immer ein Außen­seiter. Expe­ri­men­tell und ironisch ging er mit den Wider­sprüchen des eigenen Lagers um. »Bourgeois« nannte man das damals. Hier konfron­tiert er die Ansichten und Alltags­er­fah­rungen einer Hausfrau mit denen des sozia­lis­ti­schen Wirt­schafts­mi­nis­ters. Anschließend zeigt er die Tätigkeit der lokalen Komitees zur Kontrolle und gerechten Vertei­lung von Lebens­mit­teln und Gütern des täglichen Bedarfs. Das Ergebnis ist provokant: Ein Slapstick der alltäg­li­chen Absur­dität und ein unmög­li­cher Dialog. Ruiz' Film durfte seiner­zeit nicht gezeigt werden. Leipzig war kein Ort für einen Regisseur, der nach dem rechts­extremen Putsch Pinochets und Allendes Ermordung nach Paris emigrierte und dort Spiel­filme drehte. Statt­dessen lief sein Film im »Forum« der West­ber­liner Berlinale.

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El tigre saltó y mató, pero morirá... Das Raubtier springt und tötet, aber er wird sterben – so lautet der Refrain dieses Liedes. Der gleich­na­mige Film entstand 1973, fünf Tage nach dem blutigen Putsch gegen Allende – ein Dokument von Trauer und Verzweif­lung, wie von Hoffnung.

Mit insgesamt drei Programmen legt die Retro­spek­tive einen beson­deren Schwer­punkt auf Chile und spiegelt damit die große Aufmerk­sam­keit wider, die dem chile­ni­schen Geschehen und Film­schaffen seiner­zeit entge­gen­ge­bracht wurde.

So laufen da berüh­rende Zeit­do­ku­mente über die Aufbruchs­stim­mung im ersten Regie­rungs­jahr Salvador Allendes, aber auch Doku­men­tar­filme über den Mili­tär­putsch von 1973 und die inter­na­tio­nale Unter­s­tüt­zung für die Chilenen im Exil.

Ein weiterer Schwer­punkt sind die Gescheh­nisse in Argen­ti­nien: Der drei­tei­lige, zusammen vier­stün­dige La hora de los hornos: Notas y testi­mo­nios sobre el neoco­lo­nia­lismo, la violencia y la libe­r­ación von Fernando Solanas und Octavio Getino von 1968 ist ein Klassiker: Ein agita­to­ri­sches Pamphlet über die jüngste Geschichte Argen­ti­niens, das die 68er-Gene­ra­tion so bewegte wie kaum ein zweiter Doku­men­tar­film.

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Die Retro­spek­tive erzählt eine Geschichte, die sich den bequemen Erzäh­lungen und Verein­nah­mungen des Kalten Kriegs entzieht. Die hat ideo­lo­gi­sche Gegen­sätze über­brückt, aber nicht zum Verschwinden gebracht. Diese Geschichte handelt vom Kino der Revo­lu­tion und des Wider­stands gegen die oft faschis­ti­schen, jeden­falls rechts­au­tori­tären Dikta­turen Latein­ame­rikas.
Die DDR verstand das revo­lu­ti­onäre Kino Latein­ame­rikas als Avant­garde der Welt­re­vo­lu­tion, als Bestä­ti­gung ihrer eigenen poli­ti­schen Welt­an­schauung. West­deut­sche Insti­tu­tionen entwi­ckelten dagegen ihre Soli­da­rität unter der Vorstel­lung, hier beginne die Befreiung zur Freiheit der Markt­wirt­schaft und zu einer post­fa­schis­ti­schen Demo­kratie nach Bonner Vorbild.

Aber die Filme der latein­ame­ri­ka­ni­schen Bürger­rechtler, System­kri­tiker und Salon­re­vo­luzzer waren mehr als hübsche Belegstücke im Museum eines System­wett­be­werbs. Sie brauchten intakte Film-Kopien, sichere Archive, Vorführ­orte – und Menschen, die sich für sie einsetzten. Zwischen Ost und West entstand auf diesem Weg eine prak­ti­sche Soli­da­rität des Handelns, die sich nicht restlos aus den offi­zi­ellen Bezie­hungen der beiden deutschen Staaten erklären lässt. Ausge­rechnet die Teilung schuf hier keine unüber­wind­bare Grenze, sondern eine kompli­zierte, mitunter infor­melle Infra­struktur des kultu­rellen Austauschs.

In alldem steckt auch eine klare Korrektur unserer Gegenwart, in der tech­ni­sche Perfek­tion und profes­sio­nelle Distri­bu­tion allzu leicht mit Relevanz verwech­selt werden.

Die Retro­spek­tive feiert nicht nost­al­gisch glatt ein Kino, das noch an die große Verän­de­rung glauben konnte, sondern zeigt Wider­sprüche. Sie feiert aber ein Kino, das überhaupt etwas verändern will, eine Kunst, die sich nicht mit dem Beste­henden abfindet. Dieser Kampf geht weiter. Viel­leicht beginnt er für das Publikum gerade jetzt erst wieder.