Familiengeheimnisse |
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| Radu Judes Tagebuch einer Kammerzofe | ||
| (Foto: Rumänisches Filmfestival München · Grandfilm) | ||
Von Dunja Bialas
Einen neuen »Sensibilismus« macht der Filmkritiker Bert Rebhandl in seinem Vorwort zum Rumänischen Filmfestival München aus, das dieses Jahr, wieder im Rahmen der Rumänischen Kulturtage, bereits zum 20. Mal stattfindet – und zum vorerst letzten Mal im Filmmuseum München, wegen der Schließung ab kommendem Jahr. Klaus Volkmer, ehemaliger Mitarbeiter des Hauses, hat sich dem rumänischen Film mit einer eigenen Reihe zugewandt, als dieser als »Rumänische neue Welle« (»Noul val românesc«) international Aufmerksamkeit fand und das Land in beispielloser Weise als Filmnation bekannt machte.
In zwanzig Jahren haben die Filme, stets eine schöne Auslese der interessantesten, vielleicht auch besten Produktionen des Jahres, gezeigt, dass das rumänische Kino auch wandelbar ist. Vielleicht sogar mehr als seine »Fans«, die zwischenzeitlich die Konzentriertheit im Stil, die scheinbar einfachen Familiengeschichten und die dramatische Reduktion vermissten.
Dieses Jahr ist das rumänische Kino wieder zu sich zurückgekehrt, thematisch allemal. Die neue Welle rumänischer Filme, so könnte man mehr als lapidar sagen, fing mit Familiengeschichten und Sterbenden an. Und mit Familien und Sterbenden, mit dem Leben und dem Tod, nimmt das Rumänische Filmfestival Abschied von seinem Stammhaus. Allein die hier vorgestellten, bereits gesehenen Filme des Programms machen Lust auf die insgesamt zehn Filme, die bis zum 20. November gezeigt werden. In Klammern steht der Ort der Uraufführung, es sind allesamt hochkarätige Produktionen.
In Rumänien sind die Familienverhältnisse aufgebrochen. Während die Eltern im Ausland arbeiten – die Väter auf dem Bau, die Mütter in fremden Familien (siehe auch Radu Judes Tagebuch einer Kammerzofe), werden die Kinder meist bei der Oma auf dem rumänischen Land zurückgelassen. Genau diese Perspektive nimmt Tudor Cristian Jurgiu in dem mit großer Nähe, fast dokumentarisch erzählten On Our Own ein. Eine Gruppe von Patchwork-Geschwistern ist bei der Oma von Flavia in der engen Wohnung im Plattenbau untergekommen. Ihre Mutter arbeitet klassischerweise als Pflegerin in Italien und hält mit ihr über das Handy Kontakt. Ohne allzu psychologisch zu werden, wird das ganze Ausmaß der emotionalen Vernachlässigung offenbar. Die Ersatzfamilie dient als verzweifeltes Surrogat ausbleibender Nestwärme, während die Oma zunehmend gebrechlich wird. In abenteuerlichen Ausflügen in die wilde Natur wagt man sich ins Unbekannte, probt die Geschlechterrollen und lotet die Körper aus – ein Aufbruch ins Ungewisse einer Erwachsenenzeit. (Samstag, 7. November 2026, 21.00 Uhr, Filmmuseum München)
Die Kehrseite der Elternlosigkeit erzählt Radu Jude in Anlehnung an Octave Mirbeaus »Tagebuch einer Kammerzofe« aus dem Jahr 1900. Er muss nicht lange suchen und findet seine Célestine in einer rumänischen Hausangestellten und Kindermädchen, die in Bordeaux in der großbürgerlichen Bourgeoisie angeheuert hat, während sie ihre Tochter zurück in einem Dorf in Moldawien gelassen hat, bei der Großmutter. Bei ihren Dienstherren (herrlich bemüht: Mélanie Thierry und wunderbar zutraulich: Vincent Macaigne) ist sie die 24-Stunden-Kraft, die putzt, das Essen kocht, den Sohnemann von der Schule abholt, ihm Märchen aus ihrer Heimat erzählt. Abends isst sie wie eine Katze Thunfisch aus der Dose und versucht, im Videocall mit ihrer Tochter den mütterlichen Faden nicht abreißen zu lassen. Tag für Tag geht das so, strukturiert durch das Datum der filmischen Tagebucheinträge, beginnend im September.
Wenn sie den Sohn von der Schule abholt, kreuzt sie den Weg eines Verkäufers von Straßenzeitungen. Die Existenz der Arbeitsmigranten ist allgegenwärtig, und doch gibt es eine Hierarchie: den einen geht es besser, die anderen sind auf der Straße. Radu Jude fackelt da nicht lange; er macht es einfach, lässt die Gegensätze sich selbst zeigen und spielt auch lustvoll die Stereotype aus. Célestines Arbeitgeber sind sehr bemüht, möglichst nicht als Dienstherren zu erscheinen. Als Anerkennung für Célestines literarische Ader vermittelt sie sie an eine Theatergruppe, in der ausschließlich Arbeitsmigranten spielen. Aufgeführt wird: »Le journal d’une femme de chambre«.
Was sich auf der Bühne zuträgt, ist nicht nur das klassische Vergrößerungsglas auf das Geschehen in Form einer mise-en-abyme – hier lässt Jude Ana Dumitrașcu zu komödiantischer Hochform aufdrehen, was ihr im quasi-realistischen Spiel der anderweitigen Handlung nicht erlaubt ist. Die sexuellen Phantasien des Bühnen-Dienstherren werden hier entfesselt, der Stiefelfetisch des Originals, den auch Buñuel ins Zentrum setzte, inszeniert.
Den größten Witz entfaltet Jude jedoch in seiner abrupten Montage. Sätze werden mitten im Wort abgeschnitten, Dinge einfach stehengelassen. Lakonisch und kurzweilig ist das. Und dann gibt es noch die Handyaufnahmen aus Rumänien, in denen die zurückgelassene Tochter filmt: ihre behäbige Großmutter, die Hühner, die Katzen, das Sofa, den Esstisch. Alles ist fahrig aufgenommen, aus der strengen Subjektive, einmal wirft die Tochter das Handy auf den Boden, weil die Mutter ihr Versprechen nicht halten kann. Sie ruft dann ins Leere, bis sich die Großmutter erbarmt und Célestine vom Boden aufliest. (Mittwoch, 11. November 2026, 21.00 Uhr)
Nur wenige Filmminuten bekommt die großartige Elina Löwensohn in Andrei Epures Debütfilm Don’t Let Me Die, bevor sie vor der Tür eines Wohnhauses leblos aufgefunden wird. Der Titel, er könnte so auch programmatisch sein. Aber sie hat eine Art Wiedergängerin. Maria, gespielt von Cosmina Stratan, findet die Tote. Vielleicht wegen ihrer Ähnlichkeit, mehr aber, weil sie sich irgendwie verpflichtet fühlt, nicht nur den Notarzt zu rufen, sondern auch danach die Ansprechpartnerin für alle Angelegenheiten zu sein, wird sie als Tochter der toten Isabela wahrgenommen. Da kann sie noch so oft widersprechen. Sie wählt das Holz des Sarges aus, kümmert sich um die Bestattung – geisterhaft liegt der Friedhof da – und um die beiden Hunde, die in der Wohnung der Toten eigentlich auf den leiblichen Sohn warten – der dann irgendwann anrückt. Ruhig und fast schon in sich gekehrt – sich wiederholende Einstellungen zeigen Maria, wie zuvor auch Isabela, mit dem Rücken der Kamera zugekehrt, vor einer verschlossenen Tür – entfaltet der Film eine reduzierte Erzählweise, die eine große Mystik in sich trägt. Der Film führt, wo er begonnen hat, in den Wald. Dort zeigt sich die Verwandtschaft der Figuren, die zu ganz anderen Geheimnissen führt.
Andrei Epure baut durch Andeutungen einen großen Assoziationsraum auf: An Transsilvanien (das jedoch im Herz von Rumänien liegt und nicht an der Küste, wo der Film spielt) und die Jenseitserzählungen, an die Naturmystik, Sagen und Märchen, und, mit der funktionalen Architektur, in der sich Maria bewegt, an eine kalte, entmenschlichte Moderne. Zu ihr wäre der Wald der Gegenraum, der einen empfängt. Mit ruhiger Hand wird kadriert, während das Untergründige bebt. (Dienstag, 10. November 2026, 21.00 Uhr)