28.10.2026

Familiengeheimnisse

Le journal d'une femme de chambre
Radu Judes Tagebuch einer Kammerzofe
(Foto: Rumänisches Filmfestival München · Grandfilm)

Das 20. Rumänische Filmfestival München zeigt einen neuen Sensibilismus des Kinos

Von Dunja Bialas

Einen neuen »Sensi­bi­lismus« macht der Film­kri­tiker Bert Rebhandl in seinem Vorwort zum Rumä­ni­schen Film­fes­tival München aus, das dieses Jahr, wieder im Rahmen der Rumä­ni­schen Kultur­tage, bereits zum 20. Mal statt­findet – und zum vorerst letzten Mal im Film­mu­seum München, wegen der Schließung ab kommendem Jahr. Klaus Volkmer, ehema­liger Mitar­beiter des Hauses, hat sich dem rumä­ni­schen Film mit einer eigenen Reihe zugewandt, als dieser als »Rumä­ni­sche neue Welle« (»Noul val românesc«) inter­na­tional Aufmerk­sam­keit fand und das Land in beispiel­loser Weise als Film­na­tion bekannt machte.

In zwanzig Jahren haben die Filme, stets eine schöne Auslese der inter­es­san­testen, viel­leicht auch besten Produk­tionen des Jahres, gezeigt, dass das rumä­ni­sche Kino auch wandelbar ist. Viel­leicht sogar mehr als seine »Fans«, die zwischen­zeit­lich die Konzen­triert­heit im Stil, die scheinbar einfachen Fami­li­en­ge­schichten und die drama­ti­sche Reduktion vermissten.

Dieses Jahr ist das rumä­ni­sche Kino wieder zu sich zurück­ge­kehrt, thema­tisch allemal. Die neue Welle rumä­ni­scher Filme, so könnte man mehr als lapidar sagen, fing mit Fami­li­en­ge­schichten und Ster­benden an. Und mit Familien und Ster­benden, mit dem Leben und dem Tod, nimmt das Rumä­ni­sche Film­fes­tival Abschied von seinem Stammhaus. Allein die hier vorge­stellten, bereits gesehenen Filme des Programms machen Lust auf die insgesamt zehn Filme, die bis zum 20. November gezeigt werden. In Klammern steht der Ort der Urauf­füh­rung, es sind allesamt hoch­karä­tige Produk­tionen.

Kinder allein zu Haus – Tudor Cristin Jurgiu (Berlinale)

In Rumänien sind die Fami­li­en­ver­hält­nisse aufge­bro­chen. Während die Eltern im Ausland arbeiten – die Väter auf dem Bau, die Mütter in fremden Familien (siehe auch Radu Judes Tagebuch einer Kammer­zofe), werden die Kinder meist bei der Oma auf dem rumä­ni­schen Land zurück­ge­lassen. Genau diese Perspek­tive nimmt Tudor Cristian Jurgiu in dem mit großer Nähe, fast doku­men­ta­risch erzählten On Our Own ein. Eine Gruppe von Patchwork-Geschwis­tern ist bei der Oma von Flavia in der engen Wohnung im Plat­tenbau unter­ge­kommen. Ihre Mutter arbeitet klas­si­scher­weise als Pflegerin in Italien und hält mit ihr über das Handy Kontakt. Ohne allzu psycho­lo­gisch zu werden, wird das ganze Ausmaß der emotio­nalen Vernach­läs­si­gung offenbar. Die Ersatz­fa­milie dient als verzwei­feltes Surrogat ausblei­bender Nestwärme, während die Oma zunehmend gebrech­lich wird. In aben­teu­er­li­chen Ausflügen in die wilde Natur wagt man sich ins Unbe­kannte, probt die Geschlech­ter­rollen und lotet die Körper aus – ein Aufbruch ins Ungewisse einer Erwach­se­nen­zeit. (Samstag, 7. November 2026, 21.00 Uhr, Film­mu­seum München)

Die rumä­ni­sche Kammer­zofe – Radu Jude (Cannes)

Die Kehrseite der Eltern­lo­sig­keit erzählt Radu Jude in Anlehnung an Octave Mirbeaus »Tagebuch einer Kammer­zofe« aus dem Jahr 1900. Er muss nicht lange suchen und findet seine Célestine in einer rumä­ni­schen Haus­an­ge­stellten und Kinder­mäd­chen, die in Bordeaux in der groß­bür­ger­li­chen Bour­geoisie ange­heuert hat, während sie ihre Tochter zurück in einem Dorf in Moldawien gelassen hat, bei der Groß­mutter. Bei ihren Dienst­herren (herrlich bemüht: Mélanie Thierry und wunderbar zutrau­lich: Vincent Macaigne) ist sie die 24-Stunden-Kraft, die putzt, das Essen kocht, den Sohnemann von der Schule abholt, ihm Märchen aus ihrer Heimat erzählt. Abends isst sie wie eine Katze Thunfisch aus der Dose und versucht, im Videocall mit ihrer Tochter den mütter­li­chen Faden nicht abreißen zu lassen. Tag für Tag geht das so, struk­tu­riert durch das Datum der filmi­schen Tage­buch­ein­träge, beginnend im September.

Wenn sie den Sohn von der Schule abholt, kreuzt sie den Weg eines Verkäu­fers von Straßen­zei­tungen. Die Existenz der Arbeits­mi­granten ist allge­gen­wärtig, und doch gibt es eine Hier­ar­chie: den einen geht es besser, die anderen sind auf der Straße. Radu Jude fackelt da nicht lange; er macht es einfach, lässt die Gegen­sätze sich selbst zeigen und spielt auch lustvoll die Stereo­type aus. Céles­tines Arbeit­geber sind sehr bemüht, möglichst nicht als Dienst­herren zu erscheinen. Als Aner­ken­nung für Céles­tines lite­ra­ri­sche Ader vermit­telt sie sie an eine Thea­ter­gruppe, in der ausschließ­lich Arbeits­mi­granten spielen. Aufge­führt wird: »Le journal d’une femme de chambre«.

Was sich auf der Bühne zuträgt, ist nicht nur das klas­si­sche Vergröße­rungs­glas auf das Geschehen in Form einer mise-en-abyme – hier lässt Jude Ana Dumit­rașcu zu komö­di­an­ti­scher Hochform aufdrehen, was ihr im quasi-realis­ti­schen Spiel der ander­wei­tigen Handlung nicht erlaubt ist. Die sexuellen Phan­ta­sien des Bühnen-Dienst­herren werden hier entfes­selt, der Stie­fel­fe­tisch des Originals, den auch Buñuel ins Zentrum setzte, insze­niert.

Den größten Witz entfaltet Jude jedoch in seiner abrupten Montage. Sätze werden mitten im Wort abge­schnitten, Dinge einfach stehen­ge­lassen. Lakonisch und kurz­weilig ist das. Und dann gibt es noch die Handy­auf­nahmen aus Rumänien, in denen die zurück­ge­las­sene Tochter filmt: ihre behäbige Groß­mutter, die Hühner, die Katzen, das Sofa, den Esstisch. Alles ist fahrig aufge­nommen, aus der strengen Subjek­tive, einmal wirft die Tochter das Handy auf den Boden, weil die Mutter ihr Verspre­chen nicht halten kann. Sie ruft dann ins Leere, bis sich die Groß­mutter erbarmt und Célestine vom Boden aufliest. (Mittwoch, 11. November 2026, 21.00 Uhr)

Wald­ver­wandt­schaft – Andrei Epure (Locarno)

Nur wenige Film­mi­nuten bekommt die groß­ar­tige Elina Löwensohn in Andrei Epures Debütfilm Don’t Let Me Die, bevor sie vor der Tür eines Wohn­hauses leblos aufge­funden wird. Der Titel, er könnte so auch program­ma­tisch sein. Aber sie hat eine Art Wieder­gän­gerin. Maria, gespielt von Cosmina Stratan, findet die Tote. Viel­leicht wegen ihrer Ähnlich­keit, mehr aber, weil sie sich irgendwie verpflichtet fühlt, nicht nur den Notarzt zu rufen, sondern auch danach die Ansprech­part­nerin für alle Ange­le­gen­heiten zu sein, wird sie als Tochter der toten Isabela wahr­ge­nommen. Da kann sie noch so oft wider­spre­chen. Sie wählt das Holz des Sarges aus, kümmert sich um die Bestat­tung – geis­ter­haft liegt der Friedhof da – und um die beiden Hunde, die in der Wohnung der Toten eigent­lich auf den leib­li­chen Sohn warten – der dann irgend­wann anrückt. Ruhig und fast schon in sich gekehrt – sich wieder­ho­lende Einstel­lungen zeigen Maria, wie zuvor auch Isabela, mit dem Rücken der Kamera zugekehrt, vor einer verschlos­senen Tür – entfaltet der Film eine redu­zierte Erzähl­weise, die eine große Mystik in sich trägt. Der Film führt, wo er begonnen hat, in den Wald. Dort zeigt sich die Verwandt­schaft der Figuren, die zu ganz anderen Geheim­nissen führt.

Andrei Epure baut durch Andeu­tungen einen großen Asso­zia­ti­ons­raum auf: An Trans­sil­va­nien (das jedoch im Herz von Rumänien liegt und nicht an der Küste, wo der Film spielt) und die Jenseits­er­zäh­lungen, an die Natur­mystik, Sagen und Märchen, und, mit der funk­tio­nalen Archi­tektur, in der sich Maria bewegt, an eine kalte, entmensch­lichte Moderne. Zu ihr wäre der Wald der Gegenraum, der einen empfängt. Mit ruhiger Hand wird kadriert, während das Unter­grün­dige bebt. (Dienstag, 10. November 2026, 21.00 Uhr)