Ein Kontinent in Bewegung |
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| Theater, Mythos und Poesie in Katanga – La danse des scorpions | ||
| (Foto: Münchner Stadtbibliothek) | ||
Von Axel Timo Purr
Afrikanisches Kino ist längst kein Randphänomen mehr. Es ist ein Kontinent in Bewegung, ein Kino, das sich nicht länger an der Peripherie des globalen Diskurses verorten lässt. Während die Academy Awards sich Jahr für Jahr schwer tun, Afrika jenseits exotischer Projektionen wahrzunehmen, wächst in den Metropolen von Lagos bis Kapstadt, von Nairobi bis Casablanca eine neue Generation von Filmschaffenden heran, die ihre Geschichten selbst erzählen – so politisch wie poetisch und von einer formalen Kraft, die immer wieder überrascht.
In einer Zeit, in der die globale Kinolandschaft zwischen Blockbuster-Monotonie und algorithmischer Vorhersehbarkeit eingefroren ist, setzen die Afrikanischen Filmtage München einen entschiedenen Gegenakzent: Sie zeigen, dass Kino immer auch Widerstand sein kann – gegen das Vergessen, gegen das Stereotyp, gegen den Verlust von Wirklichkeit.
Seit 15 Jahren präsentieren die Afrikanischen Filmtage filmische Perspektiven vom afrikanischen Kontinent – jenseits gängiger Klischees und medialer Stereotypen. Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Ausgrenzung und Polarisierung ist es wichtiger denn je, Räume für Dialog, Miteinander und Perspektivwechsel zu schaffen. Das Jubiläumsprogramm 2025 spannt einen weiten Bogen – zwischen Tradition und Moderne, Vergangenheit und Gegenwart, Magie und Realismus, Politik und Poesie.
Den Auftakt der 15. Afrikanischen Filmtage München bildet am Samstag, den 18. Oktober 2025 um 16:30 Uhr im Gasteig HP8 Nabil Ayouchs Spielfilm Alle lieben Touda (Marokko/Belgien/Dänemark/Frankreich/Norwegen/Niederlande, 2024, 102 Min., OmdtU). Der französisch-marokkanische Regisseur, bekannt für seine sozialkritischen Arbeiten, erzählt die Geschichte der
alleinerziehenden Sängerin Touda, die in den Bars einer Provinzstadt als Sheikha traditionelle marokkanische Aïta singt und schließlich in Casablanca einen Neuanfang wagt – in der Hoffnung auf gesellschaftliche Anerkennung und eine Gehörlosenschule für ihren Sohn.
Ayouch, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Maryam Touzani das Drehbuch schrieb, porträtiert eine Frau zwischen Stolz, Verletzlichkeit und Selbstbehauptung. Alle lieben Touda feierte beim FESPACO 2025 große Erfolge und wurde mit dem Preis für die Beste Schauspielerin (Nisrin Erradi) ausgezeichnet – ein würdiger Auftaktfilm für ein Festival, das sich seit fünfzehn Jahren dem politischen und poetischen Kino Afrikas verschrieben hat.
Ebenfalls am Samstag, den 18. Oktober 2025 um 19:00 Uhr, zeigt das Festival im Gasteig HP8 den burkinischen Spielfilm Katanga: The Dance of the Scorpion (Burkina Faso, 2024, 113 Min., OmeU) von Dani Kouyaté, der beim FESPACO 2025 als Bester Spielfilm ausgezeichnet wurde. Im fiktiven Königreich Ganzurgu prophezeit ein Wahrsager dem General Katanga den Thron und entfesselt damit eine Tragödie aus Ehrgeiz, Macht und Verrat. Kouyaté überträgt Shakespeares „Macbeth“ in einen afrikanischen Kontext und zeigt mit archaischer Wucht, wie universell die Mechanismen politischer Korruption und Hybris geblieben sind. Katanga ist nicht nur ein postkoloniales Gleichnis, sondern auch ein filmisches Lehrstück über Verantwortung und den Zerfall von Machtstrukturen – getragen von einer Bildsprache, die zwischen Theater, Mythos und Poesie oszilliert.
Am Sonntag, den 19. Oktober 2025 um 14:30 Uhr, steht im Gasteig HP8 der Dokumentarfilm Omi Nobu – The New Man (Kap Verde/Belgien/Deutschland/Sudan, 2023, 64 Min., OmeU) von Carlos Yuri Ceuninck auf dem Programm. Der 1976 auf der kapverdischen Insel São Nicolau geborene Regisseur porträtiert in stillen, kontemplativen Bildern den 76-jährigen Fischer Quirino, der seit Jahrzehnten allein in einem verlassenen Dorf zwischen Meer und Bergen lebt. In langen Einstellungen beobachtet Ceuninck, wie sein Protagonist über das Gehen oder Bleiben nachdenkt – über die letzten Entscheidungen des Lebens. Omi Nobu ist kein klassischer Dokumentarfilm, sondern ein poetischer Essay über Einsamkeit, Heimat und Würde, ausgezeichnet beim FESPACO 2023 als Bester Dokumentarfilm. Präsentiert wird der Film in Kooperation mit dem DOK.fest München.
Im Anschluss, am Sonntag um 16:30 Uhr, folgt der Spielfilm Hanami (Kap Verde/Portugal/Schweiz, 2024, 96 Min., OmdtU) von Denise Fernandes, die beim Locarno Film Festival 2024 als Beste Nachwuchsregisseurin geehrt wurde. Fernandes, Tochter kapverdischer Eltern und aufgewachsen in der Schweiz, erzählt in traumwandlerisch schönen Bildern von der jungen Nana, die auf der Insel Fogo zwischen Krankheit, Geistern und dem Schweigen ihrer Mutter aufwächst. Der Vulkan wird zur Metapher innerer Erschütterung, die Krankheit zur Sprache des Unausgesprochenen. Hanami ist Coming-of-Age-Film, mythische Allegorie und feministische Heilungsgeschichte zugleich – ein poetisches Werk über Migration, Identität und die Suche nach den eigenen Wurzeln. Anschließend findet ein Filmgespräch via Zoom mit der Regisseurin Denise Fernandes (angefragt) statt, moderiert von Barbara Off (DOK.fest München).
Zum Abschluss der diesjährigen Filmtage läuft am Sonntagabend, den 19. Oktober 2025 um 19:30 Uhr, ebenfalls im Gasteig HP8, der algerisch-französische Spielfilm Frantz Fanon (Algerien/Frankreich, 2024, 90 Min., OmeU) von Abdenour Zahzah, der beim Luxor African Film Festival 2025 mit dem Spezialpreis der Jury für einen herausragende Langfilmausgezeichnet wurde. Zahzah widmet sich der Zeit, in der der Arzt, Psychiater und antikoloniale Theoretiker Frantz Fanon Chefarzt an der psychiatrischen Klinik in Blida war und dort eine humanistische, antirassistische Psychiatrie begründete. Basierend auf historischen Recherchen und Interviews entsteht ein essayistisches Drama über Entmündigung, Heilung und Widerstand. Zahzah zeichnet Fanon als Denker und Arzt, der erkannte, dass Heilung nur möglich ist, wenn sich zuerst die Gesellschaft selbst verändert. Frantz Fanon ist keine Biographie, sondern ein Manifest filmischer Humanität – und ein würdiger Schlusspunkt eines Festivalwochenendes, das zeigt, wie viel Leben, Bewegung und Mut im afrikanischen Kino steckt.
Damit verbindet das Programm der 15. Afrikanischen Filmtage München (18.–19. Oktober 2025) große filmische Erzählkunst mit politischer Dringlichkeit und poetischer Tiefe – von den Bars Casablancas bis zu den Vulkanen der Kapverden, von den Machtspielen Westafrikas bis zu den postkolonialen Narben Algeriens. Ein Wochenende, das einmal mehr beweist, das Afrikas Kino kein Nebenschauplatz ist.