13.10.2025

Ein Kontinent in Bewegung

Katanga - La danse des scorpions
Theater, Mythos und Poesie in Katanga – La danse des scorpions
(Foto: Münchner Stadtbibliothek)

Die Filme dieses 15. Jubiläumsjahrgangs der Afrikanischen Filmtage München eint die Weigerung, sich einordnen zu lassen. Sie sprechen von Macht, Migration, Heilung, Musik und weiblicher Selbstbestimmung und zeigen, dass Afrikas Kino kein Nebenschauplatz ist

Von Axel Timo Purr

Afri­ka­ni­sches Kino ist längst kein Rand­phä­nomen mehr. Es ist ein Kontinent in Bewegung, ein Kino, das sich nicht länger an der Peri­pherie des globalen Diskurses verorten lässt. Während die Academy Awards sich Jahr für Jahr schwer tun, Afrika jenseits exoti­scher Projek­tionen wahr­zu­nehmen, wächst in den Metro­polen von Lagos bis Kapstadt, von Nairobi bis Casablanca eine neue Gene­ra­tion von Film­schaf­fenden heran, die ihre Geschichten selbst erzählen – so politisch wie poetisch und von einer formalen Kraft, die immer wieder über­rascht.

In einer Zeit, in der die globale Kino­land­schaft zwischen Block­buster-Monotonie und algo­rith­mi­scher Vorher­seh­bar­keit einge­froren ist, setzen die Afri­ka­ni­schen Filmtage München einen entschie­denen Gegen­ak­zent: Sie zeigen, dass Kino immer auch Wider­stand sein kann – gegen das Vergessen, gegen das Stereotyp, gegen den Verlust von Wirk­lich­keit.

Seit 15 Jahren präsen­tieren die Afri­ka­ni­schen Filmtage filmische Perspek­tiven vom afri­ka­ni­schen Kontinent – jenseits gängiger Klischees und medialer Stereo­typen. Gerade in Zeiten zuneh­mender gesell­schaft­li­cher Ausgren­zung und Pola­ri­sie­rung ist es wichtiger denn je, Räume für Dialog, Mitein­ander und Perspek­tiv­wechsel zu schaffen. Das Jubiläums­pro­gramm 2025 spannt einen weiten Bogen – zwischen Tradition und Moderne, Vergan­gen­heit und Gegenwart, Magie und Realismus, Politik und Poesie.

Den Auftakt der 15. Afri­ka­ni­schen Filmtage München bildet am Samstag, den 18. Oktober 2025 um 16:30 Uhr im Gasteig HP8 Nabil Ayouchs Spielfilm Alle lieben Touda (Marokko/Belgien/Dänemark/Frank­reich/Norwegen/Nieder­lande, 2024, 102 Min., OmdtU). Der fran­zö­sisch-marok­ka­ni­sche Regisseur, bekannt für seine sozi­al­kri­ti­schen Arbeiten, erzählt die Geschichte der allein­er­zie­henden Sängerin Touda, die in den Bars einer Provinz­stadt als Sheikha tradi­tio­nelle marok­ka­ni­sche Aïta singt und schließ­lich in Casablanca einen Neuanfang wagt – in der Hoffnung auf gesell­schaft­liche Aner­ken­nung und eine Gehör­lo­sen­schule für ihren Sohn.
Ayouch, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Maryam Touzani das Drehbuch schrieb, porträ­tiert eine Frau zwischen Stolz, Verletz­lich­keit und Selbst­be­haup­tung. Alle lieben Touda feierte beim FESPACO 2025 große Erfolge und wurde mit dem Preis für die Beste Schau­spie­lerin (Nisrin Erradi) ausge­zeichnet – ein würdiger Auftakt­film für ein Festival, das sich seit fünfzehn Jahren dem poli­ti­schen und poeti­schen Kino Afrikas verschrieben hat.

Ebenfalls am Samstag, den 18. Oktober 2025 um 19:00 Uhr, zeigt das Festival im Gasteig HP8 den burk­in­i­schen Spielfilm Katanga: The Dance of the Scorpion (Burkina Faso, 2024, 113 Min., OmeU) von Dani Kouyaté, der beim FESPACO 2025 als Bester Spielfilm ausge­zeichnet wurde. Im fiktiven König­reich Ganzurgu prophe­zeit ein Wahrsager dem General Katanga den Thron und entfes­selt damit eine Tragödie aus Ehrgeiz, Macht und Verrat. Kouyaté überträgt Shake­speares „Macbeth“ in einen afri­ka­ni­schen Kontext und zeigt mit archai­scher Wucht, wie univer­sell die Mecha­nismen poli­ti­scher Korrup­tion und Hybris geblieben sind. Katanga ist nicht nur ein post­ko­lo­niales Gleichnis, sondern auch ein filmi­sches Lehrstück über Verant­wor­tung und den Zerfall von Macht­struk­turen – getragen von einer Bild­sprache, die zwischen Theater, Mythos und Poesie oszil­liert.

Am Sonntag, den 19. Oktober 2025 um 14:30 Uhr, steht im Gasteig HP8 der Doku­men­tar­film Omi Nobu – The New Man (Kap Verde/Belgien/Deutsch­land/Sudan, 2023, 64 Min., OmeU) von Carlos Yuri Ceuninck auf dem Programm. Der 1976 auf der kapver­di­schen Insel São Nicolau geborene Regisseur porträ­tiert in stillen, kontem­pla­tiven Bildern den 76-jährigen Fischer Quirino, der seit Jahr­zehnten allein in einem verlas­senen Dorf zwischen Meer und Bergen lebt. In langen Einstel­lungen beob­achtet Ceuninck, wie sein Prot­ago­nist über das Gehen oder Bleiben nachdenkt – über die letzten Entschei­dungen des Lebens. Omi Nobu ist kein klas­si­scher Doku­men­tar­film, sondern ein poeti­scher Essay über Einsam­keit, Heimat und Würde, ausge­zeichnet beim FESPACO 2023 als Bester Doku­men­tar­film. Präsen­tiert wird der Film in Koope­ra­tion mit dem DOK.fest München.

Im Anschluss, am Sonntag um 16:30 Uhr, folgt der Spielfilm Hanami (Kap Verde/Portugal/Schweiz, 2024, 96 Min., OmdtU) von Denise Fernandes, die beim Locarno Film Festival 2024 als Beste Nach­wuchs­re­gis­seurin geehrt wurde. Fernandes, Tochter kapver­di­scher Eltern und aufge­wachsen in der Schweiz, erzählt in traum­wand­le­risch schönen Bildern von der jungen Nana, die auf der Insel Fogo zwischen Krankheit, Geistern und dem Schweigen ihrer Mutter aufwächst. Der Vulkan wird zur Metapher innerer Erschüt­te­rung, die Krankheit zur Sprache des Unaus­ge­spro­chenen. Hanami ist Coming-of-Age-Film, mythische Allegorie und femi­nis­ti­sche Heilungs­ge­schichte zugleich – ein poeti­sches Werk über Migration, Identität und die Suche nach den eigenen Wurzeln. Anschließend findet ein Film­ge­spräch via Zoom mit der Regis­seurin Denise Fernandes (angefragt) statt, moderiert von Barbara Off (DOK.fest München).

Zum Abschluss der dies­jäh­rigen Filmtage läuft am Sonn­tag­abend, den 19. Oktober 2025 um 19:30 Uhr, ebenfalls im Gasteig HP8, der algerisch-fran­zö­si­sche Spielfilm Frantz Fanon (Algerien/Frank­reich, 2024, 90 Min., OmeU) von Abdenour Zahzah, der beim Luxor African Film Festival 2025 mit dem Spezi­al­preis der Jury für einen heraus­ra­gende Lang­filmaus­ge­zeichnet wurde. Zahzah widmet sich der Zeit, in der der Arzt, Psych­iater und anti­ko­lo­niale Theo­re­tiker Frantz Fanon Chefarzt an der psych­ia­tri­schen Klinik in Blida war und dort eine huma­nis­ti­sche, anti­ras­sis­ti­sche Psych­ia­trie begrün­dete. Basierend auf histo­ri­schen Recher­chen und Inter­views entsteht ein essay­is­ti­sches Drama über Entmün­di­gung, Heilung und Wider­stand. Zahzah zeichnet Fanon als Denker und Arzt, der erkannte, dass Heilung nur möglich ist, wenn sich zuerst die Gesell­schaft selbst verändert. Frantz Fanon ist keine Biogra­phie, sondern ein Manifest filmi­scher Humanität – und ein würdiger Schluss­punkt eines Festi­val­wo­chen­endes, das zeigt, wie viel Leben, Bewegung und Mut im afri­ka­ni­schen Kino steckt.

Damit verbindet das Programm der 15. Afri­ka­ni­schen Filmtage München (18.–19. Oktober 2025) große filmische Erzähl­kunst mit poli­ti­scher Dring­lich­keit und poeti­scher Tiefe – von den Bars Casablancas bis zu den Vulkanen der Kapverden, von den Macht­spielen West­afrikas bis zu den post­ko­lo­nialen Narben Algeriens. Ein Wochen­ende, das einmal mehr beweist, das Afrikas Kino kein Neben­schau­platz ist.