»Allergie, Melodie, Maladie« |
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| Albert Serra zeigt uns Ingrid Caven in Seize moments de ma vie | ||
| (Foto: Filmfestival San Sebastián · Albert Serra) | ||
»Solange das Elend existiert, werden Geschichten wie diese niemals nutzlos sein.« – Victor Hugo
Immerhin, ich wurde vermisst: Jona, die Leiterin der Retrospektive, begrüßt mich als alten Bekannten und fragt, warum ich die letzten beiden Jahre nicht da war – »es war das erste Mal, seit ich die Retrospektiven hier betreue, dass ich dich nicht gesehen habe, der immer so gern in der ersten Reihe sitzt.«
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Draußen vor dem Kino war zuvor eine alte Frau von einem Ball getroffen worden, weil ein Kind den Ball nicht kontrollieren konnte. In Deutschland würde diese Oma ohne Frage in den meisten Fällen das Kind schelten und ausschimpfen. Hier in San Sebastián ist es anders: da kickt sie den Ball elegant zum Kind zurück.
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Am Tag vor Festivalbeginn sahen wir zu dritt in einem neuen Lokal mit Aficionados von Real Sociedad San Sebastián deren Euro-League-Spiel gegen den AFC Bournemouth. Es war ein schöner Abend in der »Rikardo Taberna«, die wir jetzt öfters besuchen werden. Essen, Trinken und Fußball sind hier vom Kino noch weniger zu trennen als anderenorts. Den ganzen Tag schon hatten die britischen Fans und ihr Rot-Schwarz das Stadtbild dominiert, auch sie gefangengenommen von der Schönheit dieser Stadt.
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Der zweite Film im Wettbewerb nach Fatih Akins Geister war Les Misérables des Franzosen Fred Cavayé nach dem Roman von Victor Hugo. Cavayé hat bisher bei 12 Filmen Regie geführt, nichts davon blieb wirklich im Gedächtnis.
Man erwartet erstmal nichts von dem Film, sondern spricht eher mit Kollegen darüber, ob der Roman schon mehr als 20 Mal verfilmt wurde oder noch nicht ganz. Und die Frage, warum man das Buch verfilmen muss, kann man sich
ganz grundsätzlich natürlich stellen. Auf der anderen Seite sitzt man dann im Film drin und denkt: egal, es ist einfach eine ziemlich gute Geschichte, sehr sehr süffig und satt, mit zig Aspekten. Natürlich voller Klischees, aber genau mit den Klischees, die das Kino braucht und die ihm nutzen, wenigstens, um dann mit ihnen zu spielen.
Es gibt keine Grautöne in dieser Welt von Victor Hugo, nur schwarz-weiß, böse-gut. Eigentlich ist das ein bisschen wie eine Volkstheater-Aufführung: Figuren diskutieren über Gott, ob Gott die Armen verlassen hat; der Held Jean Valjean sagt: er ist nur ein Gott für die Reichen.
Es wird dauern, bis Valjean sich vom Verbrecher zum Wohltäter wandelt. Sein Gegenüber ist der von Ressentiments zerfressene zum Inspektor aufgestiegene Zigeunerjunge Javert, ein unsteter, heimatloser
Charakter, der eine Witterung für Schwächen und unbequeme Einsichten hat – »Everyone has a past. If they don’t, they are hiding something« – und seinen Selbsthass auf Valjean richtet. Seine eigene Mutter hatte ihn verflucht und ihm geweissagt: »You are like me. The uniform will never change the color of your blood. People like you turn us into monsters.«
Hugo macht in Javert das Ressentiment der Unterschichten zum Thema: »God forgives, I don’t«.
Die Lehre für den Bösen am Ende dieser langen Geschichte über zwei versaute Leben lautet: »Der Drang nach zu viel Ordnung produziert Chaos.«
Cavayé verfilmt den Klassiker angemessen episch und monumental, Vincent Lindon und Tahar Rahim, Noémie Merlant spielen Hauptrollen, und alles zusammen ist ein glänzendes, erstaunlich modernes Beispiel dafür, wie Frankreich Hollywood zeigt, was es mit seiner eigenen Kulturgeschichte anzufangen weiß.
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Albert Serras Seize moments de ma vie ist im Grunde die Dokumentation bzw. Aufzeichnung eines Konzerts. Der Film erinnert in vielem an seinen letzten Film Tardes de soledad, der hier in San Sebastián vor zwei Jahren den Hauptpreis gewann. Diesmal ist Ingrid Caven der Matador, und die Stiere, das sind die 16 Lieder, die Szenen aus ihrem Leben.
Caven, Ikone, Sängerin, Ex-Ehefrau und Schlüsseldarstellerin im Werk von Rainer W. Fassbinder steht im Zentrum. Die Begleitung übernimmt die Band Molforts aus Banyoles, geleitet von Marc Verdaguer, dem Komponisten der Filmmusiken zu den meisten Filmen Serras.
Dennoch geht der Film darüber hinaus, denn das Konzert hat etwas von einem Testament über die Präsenz einer echten Muse, einer, die zu groß war für die deutsche Musik und das deutsche Kino.
Ingrid Caven erinnert in Auftritten, in Gestus, Stimme und Gesang an Nico, erinnert an Veruschka, sie singt Heinrich Heine – »Ich weiß nicht was soll es bedeuten...« – sie singt Goethe – »zeig mir das Land wo die Zitronen blühen« –, sie singt in drei Sprachen. Heine und Goethe, Nico und Veruschka waren auch immer zu groß für dieses Land, waren international, waren Emigranten.
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Ingrid Caven beginnt das Konzert mit der Erinnerung der Schauspielerin an jenen Moment, als sie als Kind vor Nazi-Offizieren »Stille Nacht, heilige Nacht« singen musste. Später erinnert sie an die Bomben des Krieges, an Begegnungen im Café Voltaire, an die Faszination für jenes Kino, das zugleich eine Welt und eine Lebenserfahrung war.
Das Ergebnis ist hypnotisch und faszinierend. Zugleich ist es auch eine Reflexion darüber, wie sich Europa seit 250 Jahren gewandelt hat,
seit 1771 Goethe Saarbrücken besucht hat, die Heimatstadt Cavens. Im Ergebnis sehr sehr nihilistisch, Caven singt mit rauer Stimme zart vom Untergang Europas, immer wieder von Ruinen, immer wieder vom Nachkrieg.
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Wie in Tardes de soledad zeigt Serra niemals das Publikum, bildet der Bühnenraum das Zentrum. Wie in anderen seiner Filme dreht sich vieles um das Verhältnis von Mythos und Vergänglichkeit, um den Vorschein des Todes im Leben, um das Altern des Unvergänglichen, um Abendrot.