20.09.2026

»Allergie, Melodie, Maladie«

Seize moments de ma vie
Albert Serra zeigt uns Ingrid Caven in Seize moments de ma vie
(Foto: Filmfestival San Sebastián · Albert Serra)

Die Königin des Chaos im Abendrot: Ingrid Caven als Matador und eine Neuverfilmung von Victor Hugo – San Sebastián-Notizen, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Solange das Elend existiert, werden Geschichten wie diese niemals nutzlos sein.« – Victor Hugo

Immerhin, ich wurde vermisst: Jona, die Leiterin der Retro­spek­tive, begrüßt mich als alten Bekannten und fragt, warum ich die letzten beiden Jahre nicht da war – »es war das erste Mal, seit ich die Retro­spek­tiven hier betreue, dass ich dich nicht gesehen habe, der immer so gern in der ersten Reihe sitzt.«

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Draußen vor dem Kino war zuvor eine alte Frau von einem Ball getroffen worden, weil ein Kind den Ball nicht kontrol­lieren konnte. In Deutsch­land würde diese Oma ohne Frage in den meisten Fällen das Kind schelten und ausschimpfen. Hier in San Sebastián ist es anders: da kickt sie den Ball elegant zum Kind zurück.

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Am Tag vor Festi­val­be­ginn sahen wir zu dritt in einem neuen Lokal mit Afici­o­nados von Real Sociedad San Sebastián deren Euro-League-Spiel gegen den AFC Bour­ne­mouth. Es war ein schöner Abend in der »Rikardo Taberna«, die wir jetzt öfters besuchen werden. Essen, Trinken und Fußball sind hier vom Kino noch weniger zu trennen als ande­ren­orts. Den ganzen Tag schon hatten die briti­schen Fans und ihr Rot-Schwarz das Stadtbild dominiert, auch sie gefan­gen­ge­nommen von der Schönheit dieser Stadt.

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Der zweite Film im Wett­be­werb nach Fatih Akins Geister war Les Miséra­bles des Franzosen Fred Cavayé nach dem Roman von Victor Hugo. Cavayé hat bisher bei 12 Filmen Regie geführt, nichts davon blieb wirklich im Gedächtnis.
Man erwartet erstmal nichts von dem Film, sondern spricht eher mit Kollegen darüber, ob der Roman schon mehr als 20 Mal verfilmt wurde oder noch nicht ganz. Und die Frage, warum man das Buch verfilmen muss, kann man sich ganz grund­sätz­lich natürlich stellen. Auf der anderen Seite sitzt man dann im Film drin und denkt: egal, es ist einfach eine ziemlich gute Geschichte, sehr sehr süffig und satt, mit zig Aspekten. Natürlich voller Klischees, aber genau mit den Klischees, die das Kino braucht und die ihm nutzen, wenigs­tens, um dann mit ihnen zu spielen.

Es gibt keine Grautöne in dieser Welt von Victor Hugo, nur schwarz-weiß, böse-gut. Eigent­lich ist das ein bisschen wie eine Volks­theater-Auffüh­rung: Figuren disku­tieren über Gott, ob Gott die Armen verlassen hat; der Held Jean Valjean sagt: er ist nur ein Gott für die Reichen.
Es wird dauern, bis Valjean sich vom Verbre­cher zum Wohltäter wandelt. Sein Gegenüber ist der von Ressen­ti­ments zerfres­sene zum Inspektor aufge­stie­gene Zigeu­ner­junge Javert, ein unsteter, heimat­loser Charakter, der eine Witterung für Schwächen und unbequeme Einsichten hat – »Everyone has a past. If they don’t, they are hiding something« – und seinen Selbst­hass auf Valjean richtet. Seine eigene Mutter hatte ihn verflucht und ihm geweis­sagt: »You are like me. The uniform will never change the color of your blood. People like you turn us into monsters.«
Hugo macht in Javert das Ressen­ti­ment der Unter­schichten zum Thema: »God forgives, I don’t«.

Die Lehre für den Bösen am Ende dieser langen Geschichte über zwei versaute Leben lautet: »Der Drang nach zu viel Ordnung produ­ziert Chaos.«

Cavayé verfilmt den Klassiker ange­messen episch und monu­mental, Vincent Lindon und Tahar Rahim, Noémie Merlant spielen Haupt­rollen, und alles zusammen ist ein glän­zendes, erstaun­lich modernes Beispiel dafür, wie Frank­reich Hollywood zeigt, was es mit seiner eigenen Kultur­ge­schichte anzu­fangen weiß.

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Albert Serras Seize moments de ma vie ist im Grunde die Doku­men­ta­tion bzw. Aufzeich­nung eines Konzerts. Der Film erinnert in vielem an seinen letzten Film Tardes de soledad, der hier in San Sebastián vor zwei Jahren den Haupt­preis gewann. Diesmal ist Ingrid Caven der Matador, und die Stiere, das sind die 16 Lieder, die Szenen aus ihrem Leben.

Caven, Ikone, Sängerin, Ex-Ehefrau und Schlüs­sel­dar­stel­lerin im Werk von Rainer W. Fass­binder steht im Zentrum. Die Beglei­tung übernimmt die Band Molforts aus Banyoles, geleitet von Marc Verdaguer, dem Kompo­nisten der Film­mu­siken zu den meisten Filmen Serras.
Dennoch geht der Film darüber hinaus, denn das Konzert hat etwas von einem Testament über die Präsenz einer echten Muse, einer, die zu groß war für die deutsche Musik und das deutsche Kino.

Ingrid Caven erinnert in Auftritten, in Gestus, Stimme und Gesang an Nico, erinnert an Veruschka, sie singt Heinrich Heine – »Ich weiß nicht was soll es bedeuten...« – sie singt Goethe – »zeig mir das Land wo die Zitronen blühen« –, sie singt in drei Sprachen. Heine und Goethe, Nico und Veruschka waren auch immer zu groß für dieses Land, waren inter­na­tional, waren Emigranten.

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Ingrid Caven beginnt das Konzert mit der Erin­ne­rung der Schau­spie­lerin an jenen Moment, als sie als Kind vor Nazi-Offi­zieren »Stille Nacht, heilige Nacht« singen musste. Später erinnert sie an die Bomben des Krieges, an Begeg­nungen im Café Voltaire, an die Faszi­na­tion für jenes Kino, das zugleich eine Welt und eine Lebens­er­fah­rung war.
Das Ergebnis ist hypno­tisch und faszi­nie­rend. Zugleich ist es auch eine Reflexion darüber, wie sich Europa seit 250 Jahren gewandelt hat, seit 1771 Goethe Saar­brü­cken besucht hat, die Heimat­stadt Cavens. Im Ergebnis sehr sehr nihi­lis­tisch, Caven singt mit rauer Stimme zart vom Untergang Europas, immer wieder von Ruinen, immer wieder vom Nachkrieg.

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Wie in Tardes de soledad zeigt Serra niemals das Publikum, bildet der Bühnen­raum das Zentrum. Wie in anderen seiner Filme dreht sich vieles um das Verhältnis von Mythos und Vergäng­lich­keit, um den Vorschein des Todes im Leben, um das Altern des Unver­gäng­li­chen, um Abendrot.