Wogende Wellen und sichere Ufer |
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| Drama der Elemente auf einem See: Fabrice Aragnos Le Lac | ||
| (Foto: Fünf Seen Filmfestival · Fabrice Aragno) | ||
Von Dunja Bialas
Er ist ein Alleinstellungsmerkmal im oberbayerischen Fünfseenland: Matthias Helwig. Der Erfinder der Breitwandkinos feierte dieses Jahr bereits das vierzigjährige Bestehen seiner Leinwände. Dass die große Feier ausgerechnet am Abend der Eröffnung des Filmfest München stattfand, zeigt, dass Helwig eigentlich nicht auf die benachbarte große Stadt angewiesen ist. Er macht sein Ding.
Das gilt auch für sein Fünf Seen Filmfestival, abgekürzt FSFF, das dieses Jahr halb so alt wird wie seine Kinos, 20 Jahre. Mit beiden Projekten hat Helwig über die Jahrzehnte die Region zwischen Starnberger See, Ammersee, Wörthsee, Pilsensee und dem Weßlinger Weiher als Kinokulturlandschaft geprägt. Kurz vor Ende der Sommerferien, wenn die urlaubenden Bayern allmählich wieder vom Gardasee zurückkehren und späte Touristen das etwas kühlere Sommerwetter genießen, steht den fünf Seen unter Helwigs Regie der große Almabtrieb bevor – bevor der Herbst beginnt.
Erwartet werden zur 20. Jubiläumsausgabe rund 100 Gäste aus der Filmwelt. Während bei anderen Festivals immer auf die Hollywood-Größen geguckt wird, setzt Helwig selbstbewusst andere Maßstäbe und empfängt eine schöne Mischung aus Münchnern, deutschen und DACH-Regisseuren aus den Alpenländern Schweiz und Österreich.
So kommt einem vieles sehr vertraut vor. Die Starter-Filmpreisträger der Stadt München zum Beispiel, die bereits mitten in ihrer Karriere stehen, sind da. Annelie Boros (Co-Regie Vera Brückner) präsentiert mit Wer weiß schon, was ein Leben ist? einen Film über Paula Modersohn-Becker (Katharina Stark). Die Malerin begegnet einer Schauspielerin, die ihr aus über 100 Jahren Distanz entgegeneilt. Der ungewöhnliche Plot zeigt, dass Boros weder am Biopic noch am Museumsfilm interessiert ist. Modersohn-Becker feiert dieses Jahr ihren 150. Geburtstag, ein Anlass für einen poetischen Film über die Malerin.
Auch Anatol Schuster, ebenfalls Starter-Preisträger der Stadt München, hat eine schöne Ader für das Poetische. Laute Komödien sind für den mittlerweile in Berlin lebenden Regisseur nichts, sein bisheriges Werk zeichnet sich durch stille, teils verträumte Filme aus, die in der Wirklichkeit – ganz wie ein Kinozauberer – etwas Lyrisches entdecken können. Sein neuester Film heißt Wurzeln und Flügeln und greift schon im Titel auf, dass Schuster ein Gespür für die Elemente hat – hier ist es die Erde und die Luft – und verspricht eine Art La Strada über das Aufwachsen auf der Straße aus der Perspektive einer Dreijährigen, die mit ihrer Mutter, einem Straßenclown, unterwegs ist.
Wer Marcus O. und H. Rosenmüller nicht außeinanderhalten kann, kann beim FSFF praktischerweise beide antreffen. M.O.R. stellt seinen Film BLOCK 10 vor. Es geht um die finsteren medizinischen Experimenten der NS-Zeit an Inhaftierten des KZ Auschwitz. Der andere Rosenmüller ist in München bekannt als »Rosi«, und als solcher synonym für die eher heitere Seite der bayerischen Filmgeschichte. Er kommt mit seinem filmischen Durchbruch Wer früher stirbt ist länger tot, der genauso alt ist wie das Festival, als Ehrengast zum FSFF.
Dass Matthias Helwig es geschafft hat, Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden zum FSFF zu holen, bedeutet ein Privileg für alle Besucher:innen des FSFF gegenüber dem Münchner Publikum – das auf den Film noch bis zur großen Premiere am 1.11. im Residenztheater warten muss. Allein über Archivmaterial – meist aus seinen Texten, Inszenierungen, Aufzeichnungen und Reden – nähert sich die Regisseurin Sandra Prechtl dem großen Theatermacher an. Eine Biographie entsteht, wie sie Schleef selbst geschrieben haben könnte – und auch hat, mit seinen eigenen Worten und Texten. Prechtl meistert mit ihrem Film die höchste Dokumentarfilm-Kunst: Menschen selbst über sich erzählen zu lassen.
Ein ganz besonderer Film kommt aus der Schweiz, ein stilles Highlight des Festivals. Le Lac von Fabrice Aragno huldigt dem Gefühl, mit einem Segelboot auf einem See zu sein. Die Natur saugt der Film förmlich auf, in all ihren Erscheinungen – das Wasser, die Wellen, die Gischt, den Wind, das Rauschen, den Sturm. Alles ist in Bewegung, selten kehrt Stille ein auf dieser Regatta, die ein Pärchen auf dem Genfersee unternimmt. Aragno war Assistent von Jean-Luc Godard; bei ihm hat er gelernt, dass das Bild im Film ebenso wichtig ist wie der Ton. Le Lac ist eine regelrechte Oper, die uns das Naturschauspiel bietet, mit aufwühlenden Gefühlen.
Helwig weiß inmitten aller Jubiläen, wie schwierig es ist, ein Kino zu führen und ein Festival zu stemmen. Seit über zehn Jahren veranstaltet der unter anderem deshalb filmpolitisch Versierte Diskussionsrunden in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Dieses Jahr geht es ums Thema »Fragile Räume? Film und Filmfestival«. Es diskutieren die Regisseurin Margarethe von Trotta, Bettina Brokemper, Produzentin von Heimatfilm, und Florian Weghorn von der Berlinale.
Eine Attraktion des Festivals sollte nicht übergangen werden: Legendär ist die Kurzfilmnacht auf der MS Starnberg, bei der auch der ortsansässige Verein »Weitwinkel – Forum für Film und Kultur im Fünfseenland« seine Hände im Spiel hat. Von ihm organisiert wurde auch eine Fotoausstellung zum 20. Geburtstag des Festivals. Neben Virtual Reality – erstmals dieses Jahr – ist auch die Videokunst Bestandteil des Programms – dies seit 13 Jahren. Dieses Jahr zeigt es Arbeiten rund um »Realations«, dem vielfältigen Zusammenspiel des Realen.
Wer sich also einfach treiben lassen will, kann auch dies beim FSFF wunderbar tun.