03.09.2026

Wogende Wellen und sichere Ufer

Le Lac
Drama der Elemente auf einem See: Fabrice Aragnos Le Lac
(Foto: Fünf Seen Filmfestival · Fabrice Aragno)

Das 20. Fünf Seen Filmfestival zeigt über 150 Filme auf 13 Leinwänden. Ein Navigationsvorschlag

Von Dunja Bialas

Er ist ein Allein­stel­lungs­merkmal im ober­baye­ri­schen Fünf­seen­land: Matthias Helwig. Der Erfinder der Breit­wand­kinos feierte dieses Jahr bereits das vier­zig­jäh­rige Bestehen seiner Leinwände. Dass die große Feier ausge­rechnet am Abend der Eröffnung des Filmfest München stattfand, zeigt, dass Helwig eigent­lich nicht auf die benach­barte große Stadt ange­wiesen ist. Er macht sein Ding.

Das gilt auch für sein Fünf Seen Film­fes­tival, abgekürzt FSFF, das dieses Jahr halb so alt wird wie seine Kinos, 20 Jahre. Mit beiden Projekten hat Helwig über die Jahr­zehnte die Region zwischen Starn­berger See, Ammersee, Wörthsee, Pilsensee und dem Weßlinger Weiher als Kino­kul­tur­land­schaft geprägt. Kurz vor Ende der Sommer­fe­rien, wenn die urlau­benden Bayern allmäh­lich wieder vom Gardasee zurück­kehren und späte Touristen das etwas kühlere Sommer­wetter genießen, steht den fünf Seen unter Helwigs Regie der große Almab­trieb bevor – bevor der Herbst beginnt.

Erwartet werden zur 20. Jubiläums­aus­gabe rund 100 Gäste aus der Filmwelt. Während bei anderen Festivals immer auf die Hollywood-Größen geguckt wird, setzt Helwig selbst­be­wusst andere Maßstäbe und empfängt eine schöne Mischung aus Münchnern, deutschen und DACH-Regis­seuren aus den Alpen­län­dern Schweiz und Öster­reich.

So kommt einem vieles sehr vertraut vor. Die Starter-Film­preis­träger der Stadt München zum Beispiel, die bereits mitten in ihrer Karriere stehen, sind da. Annelie Boros (Co-Regie Vera Brückner) präsen­tiert mit Wer weiß schon, was ein Leben ist? einen Film über Paula Modersohn-Becker (Katharina Stark). Die Malerin begegnet einer Schau­spie­lerin, die ihr aus über 100 Jahren Distanz entge­gen­eilt. Der unge­wöhn­liche Plot zeigt, dass Boros weder am Biopic noch am Muse­ums­film inter­es­siert ist. Modersohn-Becker feiert dieses Jahr ihren 150. Geburtstag, ein Anlass für einen poeti­schen Film über die Malerin.

Auch Anatol Schuster, ebenfalls Starter-Preis­träger der Stadt München, hat eine schöne Ader für das Poetische. Laute Komödien sind für den mitt­ler­weile in Berlin lebenden Regisseur nichts, sein bishe­riges Werk zeichnet sich durch stille, teils verträumte Filme aus, die in der Wirk­lich­keit – ganz wie ein Kino­zau­berer – etwas Lyrisches entdecken können. Sein neuester Film heißt Wurzeln und Flügeln und greift schon im Titel auf, dass Schuster ein Gespür für die Elemente hat – hier ist es die Erde und die Luft – und verspricht eine Art La Strada über das Aufwachsen auf der Straße aus der Perspek­tive einer Drei­jäh­rigen, die mit ihrer Mutter, einem Straßen­clown, unterwegs ist.

Wer Marcus O. und H. Rosen­müller nicht außein­an­der­halten kann, kann beim FSFF prak­ti­scher­weise beide antreffen. M.O.R. stellt seinen Film BLOCK 10 vor. Es geht um die finsteren medi­zi­ni­schen Expe­ri­menten der NS-Zeit an Inhaf­tierten des KZ Auschwitz. Der andere Rosen­müller ist in München bekannt als »Rosi«, und als solcher synonym für die eher heitere Seite der baye­ri­schen Film­ge­schichte. Er kommt mit seinem filmi­schen Durch­bruch Wer früher stirbt ist länger tot, der genauso alt ist wie das Festival, als Ehrengast zum FSFF.

Dass Matthias Helwig es geschafft hat, Einar Schleef – Ich habe kein Deutsch­land gefunden zum FSFF zu holen, bedeutet ein Privileg für alle Besucher:innen des FSFF gegenüber dem Münchner Publikum – das auf den Film noch bis zur großen Premiere am 1.11. im Resi­denz­theater warten muss. Allein über Archiv­ma­te­rial – meist aus seinen Texten, Insze­nie­rungen, Aufzeich­nungen und Reden – nähert sich die Regis­seurin Sandra Prechtl dem großen Thea­ter­ma­cher an. Eine Biogra­phie entsteht, wie sie Schleef selbst geschrieben haben könnte – und auch hat, mit seinen eigenen Worten und Texten. Prechtl meistert mit ihrem Film die höchste Doku­men­tar­film-Kunst: Menschen selbst über sich erzählen zu lassen.

Ein ganz beson­derer Film kommt aus der Schweiz, ein stilles Highlight des Festivals. Le Lac von Fabrice Aragno huldigt dem Gefühl, mit einem Segelboot auf einem See zu sein. Die Natur saugt der Film förmlich auf, in all ihren Erschei­nungen – das Wasser, die Wellen, die Gischt, den Wind, das Rauschen, den Sturm. Alles ist in Bewegung, selten kehrt Stille ein auf dieser Regatta, die ein Pärchen auf dem Genfersee unter­nimmt. Aragno war Assistent von Jean-Luc Godard; bei ihm hat er gelernt, dass das Bild im Film ebenso wichtig ist wie der Ton. Le Lac ist eine regel­rechte Oper, die uns das Natur­schau­spiel bietet, mit aufwüh­lenden Gefühlen.

Helwig weiß inmitten aller Jubiläen, wie schwierig es ist, ein Kino zu führen und ein Festival zu stemmen. Seit über zehn Jahren veran­staltet der unter anderem deshalb film­po­li­tisch Versierte Diskus­si­ons­runden in der Akademie für Poli­ti­sche Bildung in Tutzing. Dieses Jahr geht es ums Thema »Fragile Räume? Film und Film­fes­tival«. Es disku­tieren die Regis­seurin Marga­rethe von Trotta, Bettina Brokemper, Produ­zentin von Heimat­film, und Florian Weghorn von der Berlinale.

Eine Attrak­tion des Festivals sollte nicht über­gangen werden: Legendär ist die Kurz­film­nacht auf der MS Starnberg, bei der auch der orts­an­säs­sige Verein »Weit­winkel – Forum für Film und Kultur im Fünf­seen­land« seine Hände im Spiel hat. Von ihm orga­ni­siert wurde auch eine Foto­aus­stel­lung zum 20. Geburtstag des Festivals. Neben Virtual Reality – erstmals dieses Jahr – ist auch die Video­kunst Bestand­teil des Programms – dies seit 13 Jahren. Dieses Jahr zeigt es Arbeiten rund um »Reala­tions«, dem viel­fäl­tigen Zusam­men­spiel des Realen.

Wer sich also einfach treiben lassen will, kann auch dies beim FSFF wunderbar tun.