79. Filmfestspiele Cannes 2026
Wenn die Bilder anstelle des Lebens treten |
![]() |
|
| Sonnenuntergang über Berlin | ||
| (Foto: Cannes · Sandra Wollner · Panama) | ||
Sonnenuntergang an einem Abend in Cannes. Das Meer liegt unter der Sonne, kommt in Berührung mit ihren funkelnden Strahlen. Die in weiter Ferne liegenden Berge setzen die Erinnerung an Sandra Wollners Film Everytime frei, den wir gerade erst bei der Premiere gesehen haben. Dann schauen wir wieder in die Sonne. D. nimmt ein Video auf, die Sonne formt sich zum Viereck. Wollners Film ist in seiner gewaltvollen Symbolik nun ganz da, wir entdecken das Filmbild an diesem Abend am Strand erneut. Tage später denke ich immer noch daran.
Die abstrakte Aufnahme der Sonne in Form eines Vierecks ist das wohl eindrücklichste Bild, das in diesem Jahr in Cannes zu sehen war. Es ist von tiefer Trauer erfüllt und wird zum Träger eines nicht zu erlösenden Schmerzes.
Mit ihrem dritten Langfilm taucht Regisseurin Sandra Wollner in das Leben einer alleinerziehenden Mutter (Birgit Minichmayr) und ihrer beiden Töchter ein. Sie leben in Berlin, umgeben vom alltäglichen Chaos. Die jugendliche Jessie (Carla Hüttermann) teilt sich das Kinderzimmer mit ihrer kleinen Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling). Als ihr Freund Lux (Tristan López) zu Besuch da ist, zeichnet sich die familiäre Situation ab: Melli wird aus dem Zimmer geworfen. Sie greift als Kompensation zum Handy, spielt ein Computerspiel. Die endlose Landschaft der künstlich generierten Welt füllt die Leinwand, lässt die Ebene der erzählten Welt kurzzeitig hinter sich, öffnet einen Gegenraum zum gedrängten Berlin – es geht hinein in einen imaginären Fluchtweg.
Im Hintergrund des Alltags stehen fertig gepackte Koffer: Ella plant einen Urlaub mit ihren Töchtern. In der Nacht vor der Abreise schleicht sich Jessie heimlich aus der Wohnung. Zusammen mit Lux geht sie in einen Technoclub, es werden Drogen genommen. Den Partyszenen wohnt etwas Bedrohliches inne, der Raum versinkt in ein tiefes Schwarz, nur die kurzen Lichtquellen lassen uns Jessie gerade noch erkennen. Dann die Erlösung: Als es allmählich Morgen wird, taumeln sie durch einen Wald, die Vögel zwitschern, Jessies Wecker klingelt. Es ist die Erinnerung daran, dass sie zurück nach Hause muss, es steht ja der Familienurlaub bevor. Doch das Signal kann sie nicht zurückrufen, das freigesetzte Lebensgefühl lässt nicht mehr an ein Umkehren denken. Die Nacht findet kein Ende. Jessie steht im Licht der aufgehenden Sonne, die Strahlen umhüllen sie. Die Kamera verharrt einige Sekunden auf ihr. Dann folgt erneut ein Spiel mit der Auflösung: eine Großaufnahme der Dächer Berlins. In diesem Meer der Häuser zoomt die Kamera langsam auf das Dach, auf dem sich Lux und Jessie befinden. Jessie macht mit ihrem Handy Bilder, erst von Lux, dann von der aufgehenden Sonne: Sie richtet die Kamera darauf, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Langsam verlässt der Kameraschwenk Jessie, verfolgt die Flugbewegung eines Vogels, gleitet entlang der Plattenbauten, taucht schließlich ein in das Grün der Bäume. Im Hintergrund dieser Bilder fällt Jessie aus dem Leben.
Wie die Figuren in die Welt hineinfallen, stürzen sie wieder hinaus.
Worum es im Film geht, entfaltet sich nun. Trauer und Schmerz über etwas, das nicht rationalisierbar ist. Wollner erzählt uns nicht die unmittelbare Zeit nach dem tödlichen Unfall. Lux ist für einige Zeit in den USA, hat inzwischen eine neue Freundin. Ella und Melli besuchen das Grab von Jessie, dort wird nicht geweint. Bei einem Essen mit den Großeltern kommt der Tod zur Sprache und die Frage kommt auf, warum Lux eigentlich mit am Tisch sitzt. Wollner erlaubt in keiner Minute, das Geschehene begreifbar zu machen.
Nachdem der Film seinen Figuren Zeit gegeben hat, bricht allmählich und unkontrolliert die Trauer ein. »Ich hab es immer noch nicht verstanden«, sagt Ella. Sie liegt im Bett ihrer verstorbenen Tochter, durch den Türspalt sehen wir sie zaghaft weinen. Melli kann nur noch im Bett der Mutter schlafen: Das Kinderzimmer war nie nur ihres. Feine Details wie diese lassen uns die Abwesenheit der Figur spüren.
Jessies Platz in der Familienkonstellation bleibt nicht unbesetzt, Lux verbringt immer mehr Zeit mit ihnen und kann dadurch sein Schuldgefühl zulassen. Die Einheit der drei Figuren erzeugt ein zutiefst inniges Verständnis geteilten Verlusts. Momente des Alleinseins gewinnen vor allem für die kleine Schwester an Bedeutung: Melli gelangt an Jessies letztes Bild, das sie auf dem Dach mit ihrem Handy aufgenommen hat. Sie kann damit ihren allerletzten Blick teilen. Auch der Chatverlauf mit Jessie wird für Melli zum Mittel, ihre Schwester wieder zu sich zu bekommen. Sie schreibt ihr weiterhin Nachrichten. Nachrichten, die nicht ankommen, aber die einen Empfänger haben.
Alte Videoaufnahmen von Jessie als Kleinkind, im Teneriffa-Urlaub, bilden dann jene Ebene, die Melli zum Wiedergänger ihrer Schwester werden lässt. Die Aufnahmen des Babys setzen sie in ein neues Verhältnis zu ihrer Schwester: Sie ist nun die Ältere.
Doch das Leben ist so nicht weiter erträglich. Sie müssen gehen, weit weg. Die Koffer werden erneut gepackt, der geplante Urlaub nach Teneriffa setzt nun ein, schließt an den ersten Teil des Films an, verlängert ihn im Zeichen der Trauer um die Verlorene. Im dritten Teil geht Everytime in die erzählerische Abstraktion über. Gregory Okes Kamera, die vor vier Jahren Aftersun die Sommerbilder einer verlorenen Kindheitszeit schenkte, überführt hier den verlorenen Körper in eine andere Form. Die gewaltige Landschaft der Vulkaninsel Teneriffa, die Wellen, die aus der unendlichen Weite des Meeres einbrechen, erlangen eine symbolische Kraft, die jene Art der Trauer einfängt, die anders nicht gezeigt werden kann. Der Übergang zum Meer wird zur Schwelle zwischen Leben und Tod. Wollner führt in diesem letzten Teil alle Andeutungen des Irrationalen fort und begegnet meisterlich und in wuchtiger Eindringlichkeit dem, wovon sie erzählen will. Über all dem: die Sonne am Horizont, die nun ganz nah ist.
Wenn man am weitesten geht, kommt man dem Leben am nächsten.
Zurück in München liegt alles davon wieder in der Ferne. Die Auszeichnung für Wollner verleiht dem Festival neben dem Grand Prix der Jury für Valeska Grisebachs Das geträumte Abenteuer einen besonders schönen Nachhall.