28.05.2026
79. Filmfestspiele Cannes 2026

Wenn die Bilder anstelle des Lebens treten

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Sonnenuntergang über Berlin
(Foto: Cannes · Sandra Wollner · Panama)

Ein Blick zurück auf Sandra Wollners »Everytime«, Preisträger in »Un Certain Regard« – der schönste filmische Einbruch ins Festival

Von Amelie Hochhäusler

Sonnen­un­ter­gang an einem Abend in Cannes. Das Meer liegt unter der Sonne, kommt in Berührung mit ihren funkelnden Strahlen. Die in weiter Ferne liegenden Berge setzen die Erin­ne­rung an Sandra Wollners Film Everytime frei, den wir gerade erst bei der Premiere gesehen haben. Dann schauen wir wieder in die Sonne. D. nimmt ein Video auf, die Sonne formt sich zum Viereck. Wollners Film ist in seiner gewalt­vollen Symbolik nun ganz da, wir entdecken das Filmbild an diesem Abend am Strand erneut. Tage später denke ich immer noch daran.

Die abstrakte Aufnahme der Sonne in Form eines Vierecks ist das wohl eindrück­lichste Bild, das in diesem Jahr in Cannes zu sehen war. Es ist von tiefer Trauer erfüllt und wird zum Träger eines nicht zu erlö­senden Schmerzes.

Mit ihrem dritten Langfilm taucht Regis­seurin Sandra Wollner in das Leben einer allein­er­zie­henden Mutter (Birgit Minich­mayr) und ihrer beiden Töchter ein. Sie leben in Berlin, umgeben vom alltäg­li­chen Chaos. Die jugend­liche Jessie (Carla Hütter­mann) teilt sich das Kinder­zimmer mit ihrer kleinen Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling). Als ihr Freund Lux (Tristan López) zu Besuch da ist, zeichnet sich die familiäre Situation ab: Melli wird aus dem Zimmer geworfen. Sie greift als Kompen­sa­tion zum Handy, spielt ein Compu­ter­spiel. Die endlose Land­schaft der künstlich gene­rierten Welt füllt die Leinwand, lässt die Ebene der erzählten Welt kurz­zeitig hinter sich, öffnet einen Gegenraum zum gedrängten Berlin – es geht hinein in einen imaginären Fluchtweg.

Im Hinter­grund des Alltags stehen fertig gepackte Koffer: Ella plant einen Urlaub mit ihren Töchtern. In der Nacht vor der Abreise schleicht sich Jessie heimlich aus der Wohnung. Zusammen mit Lux geht sie in einen Tech­no­club, es werden Drogen genommen. Den Party­szenen wohnt etwas Bedroh­li­ches inne, der Raum versinkt in ein tiefes Schwarz, nur die kurzen Licht­quellen lassen uns Jessie gerade noch erkennen. Dann die Erlösung: Als es allmäh­lich Morgen wird, taumeln sie durch einen Wald, die Vögel zwit­schern, Jessies Wecker klingelt. Es ist die Erin­ne­rung daran, dass sie zurück nach Hause muss, es steht ja der Fami­li­en­ur­laub bevor. Doch das Signal kann sie nicht zurück­rufen, das frei­ge­setzte Lebens­ge­fühl lässt nicht mehr an ein Umkehren denken. Die Nacht findet kein Ende. Jessie steht im Licht der aufge­henden Sonne, die Strahlen umhüllen sie. Die Kamera verharrt einige Sekunden auf ihr. Dann folgt erneut ein Spiel mit der Auflösung: eine Groß­auf­nahme der Dächer Berlins. In diesem Meer der Häuser zoomt die Kamera langsam auf das Dach, auf dem sich Lux und Jessie befinden. Jessie macht mit ihrem Handy Bilder, erst von Lux, dann von der aufge­henden Sonne: Sie richtet die Kamera darauf, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Langsam verlässt der Kame­ra­schwenk Jessie, verfolgt die Flug­be­we­gung eines Vogels, gleitet entlang der Plat­ten­bauten, taucht schließ­lich ein in das Grün der Bäume. Im Hinter­grund dieser Bilder fällt Jessie aus dem Leben.

Wie die Figuren in die Welt hinein­fallen, stürzen sie wieder hinaus.

Worum es im Film geht, entfaltet sich nun. Trauer und Schmerz über etwas, das nicht ratio­na­li­sierbar ist. Wollner erzählt uns nicht die unmit­tel­bare Zeit nach dem tödlichen Unfall. Lux ist für einige Zeit in den USA, hat inzwi­schen eine neue Freundin. Ella und Melli besuchen das Grab von Jessie, dort wird nicht geweint. Bei einem Essen mit den Großel­tern kommt der Tod zur Sprache und die Frage kommt auf, warum Lux eigent­lich mit am Tisch sitzt. Wollner erlaubt in keiner Minute, das Gesche­hene begreifbar zu machen.

Nachdem der Film seinen Figuren Zeit gegeben hat, bricht allmäh­lich und unkon­trol­liert die Trauer ein. »Ich hab es immer noch nicht verstanden«, sagt Ella. Sie liegt im Bett ihrer verstor­benen Tochter, durch den Türspalt sehen wir sie zaghaft weinen. Melli kann nur noch im Bett der Mutter schlafen: Das Kinder­zimmer war nie nur ihres. Feine Details wie diese lassen uns die Abwe­sen­heit der Figur spüren.

Jessies Platz in der Fami­li­en­kon­stel­la­tion bleibt nicht unbesetzt, Lux verbringt immer mehr Zeit mit ihnen und kann dadurch sein Schuld­ge­fühl zulassen. Die Einheit der drei Figuren erzeugt ein zutiefst inniges Vers­tändnis geteilten Verlusts. Momente des Allein­seins gewinnen vor allem für die kleine Schwester an Bedeutung: Melli gelangt an Jessies letztes Bild, das sie auf dem Dach mit ihrem Handy aufge­nommen hat. Sie kann damit ihren aller­letzten Blick teilen. Auch der Chat­ver­lauf mit Jessie wird für Melli zum Mittel, ihre Schwester wieder zu sich zu bekommen. Sie schreibt ihr weiterhin Nach­richten. Nach­richten, die nicht ankommen, aber die einen Empfänger haben.

Alte Video­auf­nahmen von Jessie als Kleinkind, im Teneriffa-Urlaub, bilden dann jene Ebene, die Melli zum Wieder­gänger ihrer Schwester werden lässt. Die Aufnahmen des Babys setzen sie in ein neues Verhältnis zu ihrer Schwester: Sie ist nun die Ältere.

Doch das Leben ist so nicht weiter erträg­lich. Sie müssen gehen, weit weg. Die Koffer werden erneut gepackt, der geplante Urlaub nach Teneriffa setzt nun ein, schließt an den ersten Teil des Films an, verlän­gert ihn im Zeichen der Trauer um die Verlorene. Im dritten Teil geht Everytime in die erzäh­le­ri­sche Abstrak­tion über. Gregory Okes Kamera, die vor vier Jahren Aftersun die Sommer­bilder einer verlo­renen Kind­heits­zeit schenkte, überführt hier den verlo­renen Körper in eine andere Form. Die gewaltige Land­schaft der Vulkan­insel Teneriffa, die Wellen, die aus der unend­li­chen Weite des Meeres einbre­chen, erlangen eine symbo­li­sche Kraft, die jene Art der Trauer einfängt, die anders nicht gezeigt werden kann. Der Übergang zum Meer wird zur Schwelle zwischen Leben und Tod. Wollner führt in diesem letzten Teil alle Andeu­tungen des Irra­tio­nalen fort und begegnet meis­ter­lich und in wuchtiger Eindring­lich­keit dem, wovon sie erzählen will. Über all dem: die Sonne am Horizont, die nun ganz nah ist.

Wenn man am weitesten geht, kommt man dem Leben am nächsten.

Zurück in München liegt alles davon wieder in der Ferne. Die Auszeich­nung für Wollner verleiht dem Festival neben dem Grand Prix der Jury für Valeska Grise­bachs Das geträumte Abenteuer einen besonders schönen Nachhall.