26.03.2026
Cinema Moralia – Folge 383

Die Anatomie der Ablehnung

Once Upon a Time in Gaza
Statt Felaffel wie in Once Upon a Time in Gaza ein Drei-Gänge-Menü für 35 € zum Film...
(Foto: IMMERGUTEFILME)

Neidkultur, Rekorde, Filmkritik ist nicht »links« und die überflüssige Personalisierung unserer Kulturdebatten – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 383. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Suche die Schule auf, Obdach­loser!/ Verschaffe dir Wissen, Frie­render!«
Hungriger, greif nach dem Buch:/ Es ist eine Waffe.
Du musst die Führung über­nehmen.
Scheue dich nicht, zu fragen, Genosse!/ Laß dir nichts einreden,
Was du nicht selber weißt,/ Weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung,/ Du mußt sie bezahlen.
Lege den Finger auf jeden Posten,/ Frage: wie kommt er hierher?
Du mußt die Führung über­nehmen.
– Bertolt Brecht, Lob des Lernens

Auch aus aktuellem Anlass: Es ist ein großes Problem moderner Gesellschaften, dass sich alle zu allem äußern, und alle zu allem eine Meinung haben. Vor allem dieselben Schauspieler und Filmemacher äußern sich zu allen möglichen politischen Themen und zu Rechtsfragen, zu Traumata und ihrer Behandlung, zu Krankheiten, Umweltfragen und allem, worin sie nicht kompetenter sind, als jeder andere Bürger. Politiker äußern sich dagegen zu Filmen, zu Filmpreisen und zu Filmfestivals. Besser wäre es umgekehrt. Vielleicht würden dann Filme und Politik auch besser.

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Die Anatomie der Ablehnung: Ein inter­es­santer Text ist hier nach­zu­lesen. Thema »Warum hasst Deutsch­land seine Stars?«
Unsere reichlich selbst­ge­wisse Öffent­lich­keit, die schnell mit Urteilen bei der Hand ist, und noch schneller damit, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, könnte diesen Text zum Anlass nehmen, über unsere Neid­kultur, die Inno­va­ti­ons­fähig­keit der Filmszene und über die Relevanz der Spass­be­freit­heit nach­zu­denken.

Auszug: »Wenn es eine Neid-Welt­meis­ter­schaft gäbe, hätten die Deutschen den Titel gepachtet. Erfolg wird hier­zu­lande nicht bewundert, sondern mit Argwohn betrachtet. Studien des Instituts für Demo­skopie Allens­bach und von Ipsos MORI zeigen: Finan­zi­eller Reichtum steht in Deutsch­land oft unter Gene­ral­ver­dacht – als Ergebnis von Ausbeu­tung oder Vettern­wirt­schaft. Gleich­zeitig sind die Deutschen besonders scha­den­froh, wenn Millionäre viel Geld verlieren. Da wundert es kaum, dass Stars ihr Erfolg nicht gegönnt wird. Die Deutschen fordern einen steinigen Weg zum Erfolg und Demut. Alle, die es scheinbar 'zu leicht' haben, werden zum Feindbild Nummer eins. ... Für die deutsche Kultur-Elite muss Kunst oft sperrig sein, um als wertvoll zu gelten.«

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Fragen oder auch Wünsche an den deutschen Film: Wann wird endlich etwas über Corona erzählt? Wann kommt das Genre zurück? Wann werden die Debatten, die wir in der Gesell­schaft führen, abge­bildet, und wie werden sie abge­bildet? Mora­li­sie­rend oder philo­so­phisch? Der herr­schafts­freie Diskurs hätte auch im Kino statt­zu­finden.

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Zur Berlinale: Unab­hän­gig­keit ist eine gute Sache und sie ist wichtig für Kultur­in­sti­tu­tionen wie für die Künstler selbst. Aller­dings sind Kultur­in­sti­tu­tionen der Öffent­lich­keit auch Rechen­schaft schuldig, darüber wie Sie mit dieser Unab­hän­gig­keit umgehen, wie Sie sie nutzen. Darauf darf man bei der Berlinale besonders gespannt sein.

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Berech­tigte und gute Fragen an Wolfram Weimer und zur deutschen Kultur­po­litik hat der PEN Berlin formu­liert.

Eine Woche vorher hatte man etwas weniger berech­tigte Anmer­kungen zur Berlinale formu­liert. Die Warnung vor einer Provin­zia­li­sie­rung der Berlinale ist nobel und sicher gut gemeint. Aller­dings sind beim PEN Berlin so gut wie keine Filme­ma­cher Mitglieder. Insgesamt tritt man den Damen und den Herren wohl nicht so nahe, wenn man sagt: Ihr versteht nicht viel von Film und schon gar nicht vom Kino. Darum weiß PEN Berlin nicht, dass die Berlinale längst verpro­vin­zia­li­siert ist.

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Feinde sind etwas Schönes. Denn Feinde schweißen zusammen. Feinde lassen Wider­sprüche vergessen und vereinen die Menschen.
Im Kalten Krieg stabi­li­sierte der Feind Sowjet­union die Gesell­schaften des Westens.

Offen­sicht­lich, das zeigen nicht nur die oben zitierten Pres­se­mit­tei­lungen, hat auch die deutsche Kultur­szene und ihr Feuil­leton wieder einen Feind. Er heißt Wolfram Weimer und ist anschei­nend für alles Schlimme im Kultur­be­trieb verant­wort­lich. Wäre er bloß weg, dann bräche fast das Paradies aus. Die Künste würden frei. Jeder könnte öffent­lich seine Meinung sagen, vor allem die gleiche, die die Mehr­heits­mei­nung des Kultur­be­triebs ist.

Alle viel zu einfach mit dem fort­wäh­renden Gerede über Wolfram Weimer. Und überhaupt ist die unselige Perso­na­li­sie­rung unserer Kultur­de­batten in diesem Fall nur auf eine weitere Stufe gehoben. Kunst in Deutsch­land und dazu gehört allen Gegen­ar­gu­menten zum Trotz auch das Kino wird erst besser werden, wenn wir aufhören, Debatten zu perso­na­li­sieren und wahlweise Monika Grütters, Claudia Roth oder jetzt Wolfram Weimar die Schuld zu geben. Wir müssen über Struk­turen reden, wir müssen über Geld reden, und wir müssen vor allem über Prin­zi­pien reden. Wenn es grund­sätz­liche Über­ein­stim­mung über Prin­zi­pien und Struk­turen gäbe, dann könnte ein Weimer kommen und gehen und würde an diesem Grund­sätzen nichts ändern.

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Rekorde aller­orten. »Volle Kinosäle« und zwei Prozent »mehr Auslas­tung« meldet die Diagonale, die gerade in Graz zu Ende ging.
Und auch die Berlinale, die für alles etwas länger braucht, hat jetzt ihre Zuschauer zusam­men­ge­zählt: »Berlinale 2026 mit erneutem Publi­kums­re­kord und Zuwachs bei Fach­be­su­chern«: »Das viel­sei­tige Festi­val­pro­gramm mit 278 Filmen aus 80 Ländern erhielt sehr positives Feedback und wurde begeis­tert ange­nommen: Insgesamt 343.200 Tickets wurden verkauft (2025: 340.000). Rund 19.500 Fach­be­su­cher aus 135 Ländern – darunter 2.288 Pres­se­ver­treter – besuchten das Festival. Der starke Andrang beim European Film Market (EFM) und den anderen Berlinale Pro-Initia­tiven (Berlinale Co-Produc­tion Market, Berlinale Talents und World Cinema Fund) unter­strei­chen eindrucks­voll die anhal­tende Relevanz der Berlinale für Markt und Branche.«

Weil es so schön war, dauert die Berlinale im kommenden Jahr gleich einen Tag länger. 2027 (10. bis 21. Februar) geht es schon mittwochs los, die Preise werden am Freitag verliehen, und ein zusätz­li­cher Publi­kumstag soll die Einnahmen vermehren.
»Mit dem verän­derten Start­datum schafft die Berlinale am letzten Wochen­ende zusätz­li­chen Raum für erstmals zwei Berlinale Publi­kums­tage«.

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Kuli­na­ri­scher Hunger: Wie pervers geht es eigent­lich noch? »Once upon a time in Gaza« wurde jetzt in Frankfurt als Culi­na­rico Sonder­vor­stel­lung präsen­tiert, mit einem Drei-Gänge-Menü für 35 €. Haben die Veran­stalter gehört, dass der Film von einer Gegend handelt, in der die Leute hungern? Und finden sie, das passt trotzdem?

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Last, not least: Es gibt nicht immer nur Schwarz oder Weiß. Aber wenn alle möglichst laut rufen »Weiß«, »Weiß«, »Weiß« – dann scheint mir, sollte man ein bisschen »Schwarz!« rufen. damit das Gesamt­bild etwas grauer wird.

Film­kritik ist nicht »links«. Sie ist vorn oder hinten, gut oder schlecht. Gesell­schafts­kri­tisch auf alle Fälle! Aber wenn die Gesell­schaft sich links gibt und und die Filmszene sich über nichts einig ist, als über den »Kampf gegen rechts«, wird Film­kritik an diese breite »Linke« zumindest Nach­fragen stellen, und sie mitunter auch kriti­sieren, in Frage stellen müssen. Wenn alle es sich zu einfach machen, muss Film­kritik verkom­pli­zieren.