Cinema Moralia – Folge 383
Die Anatomie der Ablehnung |
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| Statt Felaffel wie in Once Upon a Time in Gaza ein Drei-Gänge-Menü für 35 € zum Film... | ||
| (Foto: IMMERGUTEFILME) | ||
»Suche die Schule auf, Obdachloser!/ Verschaffe dir Wissen, Frierender!«
Hungriger, greif nach dem Buch:/ Es ist eine Waffe.
Du musst die Führung übernehmen.
Scheue dich nicht, zu fragen, Genosse!/ Laß dir nichts einreden,
Was du nicht selber weißt,/ Weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung,/ Du mußt sie bezahlen.
Lege den Finger auf jeden Posten,/ Frage: wie kommt er hierher?
Du mußt die Führung übernehmen.
– Bertolt Brecht, Lob des Lernens
Auch aus aktuellem Anlass: Es ist ein großes Problem moderner Gesellschaften, dass sich alle zu allem äußern, und alle zu allem eine Meinung haben. Vor allem dieselben Schauspieler und Filmemacher äußern sich zu allen möglichen politischen Themen und zu Rechtsfragen, zu Traumata und ihrer Behandlung, zu Krankheiten, Umweltfragen und allem, worin sie nicht kompetenter sind, als jeder andere Bürger. Politiker äußern sich dagegen zu Filmen, zu Filmpreisen und zu Filmfestivals. Besser wäre es umgekehrt. Vielleicht würden dann Filme und Politik auch besser.
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Die Anatomie der Ablehnung: Ein interessanter Text ist hier nachzulesen. Thema »Warum hasst Deutschland seine Stars?«
Unsere reichlich selbstgewisse Öffentlichkeit, die schnell mit Urteilen bei der Hand ist, und noch schneller damit, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, könnte diesen Text zum Anlass nehmen, über unsere Neidkultur, die Innovationsfähigkeit
der Filmszene und über die Relevanz der Spassbefreitheit nachzudenken.
Auszug: »Wenn es eine Neid-Weltmeisterschaft gäbe, hätten die Deutschen den Titel gepachtet. Erfolg wird hierzulande nicht bewundert, sondern mit Argwohn betrachtet. Studien des Instituts für Demoskopie Allensbach und von Ipsos MORI zeigen: Finanzieller Reichtum steht in Deutschland oft unter Generalverdacht – als Ergebnis von Ausbeutung oder Vetternwirtschaft. Gleichzeitig sind die Deutschen besonders schadenfroh, wenn Millionäre viel Geld verlieren. Da wundert es kaum, dass Stars ihr Erfolg nicht gegönnt wird. Die Deutschen fordern einen steinigen Weg zum Erfolg und Demut. Alle, die es scheinbar 'zu leicht' haben, werden zum Feindbild Nummer eins. ... Für die deutsche Kultur-Elite muss Kunst oft sperrig sein, um als wertvoll zu gelten.«
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Fragen oder auch Wünsche an den deutschen Film: Wann wird endlich etwas über Corona erzählt? Wann kommt das Genre zurück? Wann werden die Debatten, die wir in der Gesellschaft führen, abgebildet, und wie werden sie abgebildet? Moralisierend oder philosophisch? Der herrschaftsfreie Diskurs hätte auch im Kino stattzufinden.
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Zur Berlinale: Unabhängigkeit ist eine gute Sache und sie ist wichtig für Kulturinstitutionen wie für die Künstler selbst. Allerdings sind Kulturinstitutionen der Öffentlichkeit auch Rechenschaft schuldig, darüber wie Sie mit dieser Unabhängigkeit umgehen, wie Sie sie nutzen. Darauf darf man bei der Berlinale besonders gespannt sein.
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Berechtigte und gute Fragen an Wolfram Weimer und zur deutschen Kulturpolitik hat der PEN Berlin formuliert.
Eine Woche vorher hatte man etwas weniger berechtigte Anmerkungen zur Berlinale formuliert. Die Warnung vor einer Provinzialisierung der Berlinale ist nobel und sicher gut gemeint. Allerdings sind beim PEN Berlin so gut wie keine Filmemacher Mitglieder. Insgesamt tritt man den Damen und den Herren wohl nicht so nahe, wenn man sagt: Ihr versteht nicht viel von Film und schon gar nicht vom Kino. Darum weiß PEN Berlin nicht, dass die Berlinale längst verprovinzialisiert ist.
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Feinde sind etwas Schönes. Denn Feinde schweißen zusammen. Feinde lassen Widersprüche vergessen und vereinen die Menschen.
Im Kalten Krieg stabilisierte der Feind Sowjetunion die Gesellschaften des Westens.
Offensichtlich, das zeigen nicht nur die oben zitierten Pressemitteilungen, hat auch die deutsche Kulturszene und ihr Feuilleton wieder einen Feind. Er heißt Wolfram Weimer und ist anscheinend für alles Schlimme im Kulturbetrieb verantwortlich. Wäre er bloß weg, dann bräche fast das Paradies aus. Die Künste würden frei. Jeder könnte öffentlich seine Meinung sagen, vor allem die gleiche, die die Mehrheitsmeinung des Kulturbetriebs ist.
Alle viel zu einfach mit dem fortwährenden Gerede über Wolfram Weimer. Und überhaupt ist die unselige Personalisierung unserer Kulturdebatten in diesem Fall nur auf eine weitere Stufe gehoben. Kunst in Deutschland und dazu gehört allen Gegenargumenten zum Trotz auch das Kino wird erst besser werden, wenn wir aufhören, Debatten zu personalisieren und wahlweise Monika Grütters, Claudia Roth oder jetzt Wolfram Weimar die Schuld zu geben. Wir müssen über Strukturen reden, wir müssen über Geld reden, und wir müssen vor allem über Prinzipien reden. Wenn es grundsätzliche Übereinstimmung über Prinzipien und Strukturen gäbe, dann könnte ein Weimer kommen und gehen und würde an diesem Grundsätzen nichts ändern.
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Rekorde allerorten. »Volle Kinosäle« und zwei Prozent »mehr Auslastung« meldet die Diagonale, die gerade in Graz zu Ende ging.
Und auch die Berlinale, die für alles etwas länger braucht, hat jetzt ihre Zuschauer zusammengezählt: »Berlinale 2026 mit erneutem Publikumsrekord und Zuwachs bei Fachbesuchern«: »Das vielseitige Festivalprogramm mit 278 Filmen aus 80
Ländern erhielt sehr positives Feedback und wurde begeistert angenommen: Insgesamt 343.200 Tickets wurden verkauft (2025: 340.000). Rund 19.500 Fachbesucher aus 135 Ländern – darunter 2.288 Pressevertreter – besuchten das Festival. Der starke Andrang beim European Film Market (EFM) und den anderen Berlinale Pro-Initiativen (Berlinale Co-Production Market, Berlinale Talents und World Cinema Fund) unterstreichen eindrucksvoll die anhaltende Relevanz der Berlinale für
Markt und Branche.«
Weil es so schön war, dauert die Berlinale im kommenden Jahr gleich einen Tag länger. 2027 (10. bis 21. Februar) geht es schon mittwochs los, die Preise werden am Freitag verliehen, und ein zusätzlicher Publikumstag soll die Einnahmen vermehren.
»Mit dem veränderten Startdatum schafft die Berlinale am letzten Wochenende zusätzlichen Raum für erstmals zwei Berlinale Publikumstage«.
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Kulinarischer Hunger: Wie pervers geht es eigentlich noch? »Once upon a time in Gaza« wurde jetzt in Frankfurt als Culinarico Sondervorstellung präsentiert, mit einem Drei-Gänge-Menü für 35 €. Haben die Veranstalter gehört, dass der Film von einer Gegend handelt, in der die Leute hungern? Und finden sie, das passt trotzdem?
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Last, not least: Es gibt nicht immer nur Schwarz oder Weiß. Aber wenn alle möglichst laut rufen »Weiß«, »Weiß«, »Weiß« – dann scheint mir, sollte man ein bisschen »Schwarz!« rufen. damit das Gesamtbild etwas grauer wird.
Filmkritik ist nicht »links«. Sie ist vorn oder hinten, gut oder schlecht. Gesellschaftskritisch auf alle Fälle! Aber wenn die Gesellschaft sich links gibt und und die Filmszene sich über nichts einig ist, als über den »Kampf gegen rechts«, wird Filmkritik an diese breite »Linke« zumindest Nachfragen stellen, und sie mitunter auch kritisieren, in Frage stellen müssen. Wenn alle es sich zu einfach machen, muss Filmkritik verkomplizieren.