19.03.2026
Cinema Moralia – Folge 382

Was deutsches Kino sein könnte und nicht ist...

Polizeiruf: Ablass
Muss man sehen: Polizeiruf: Ablass
(Foto: BR/die film gmbh/Susanne Bernhar)

Johanna Wokalek und Tobias Moretti zeigen es; Meinungsfreiheit beweist sich nur bei Gegnern; Timmi bleibt ohne Oscar und Cannes-Spekulationen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 382. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Call me by your name/ Schon viel zu oft gesehen«
Ob es Timothée genauso geht/ Wenn er sich nach den Oscars schlafen legt?
Sag Timmi, fühlst du dich allein?/ Fühlst du dich allein?
Wie ist es, wenn die ganze Welt dich liebt?/ Macht das wirklich einen Unter­schied?
Oder bleibt es immer gleich, das Gefühl, dass man nicht reicht/ Timmi, fühlst du dich allein?
– Lena & Linus, Timothée Chalamet

Die Oscars sind vorbei. Timothée Chalamet hat wieder keinen Oscar gewonnen. Was zunächst mal nichts anderes beweist, als dass die Kreise europäi­schen Akade­mi­ker­kinder, der Film- und Film­kri­tik­stu­denten, nicht auto­ma­tisch mehr­heits­fähig sind. Mögen sie sich auch noch so sehr im Recht fühlen.
Ameri­kaner kommen­tieren seine zweite Oscar-Nieder­lage hinter­ein­ander damit, dass seine Figur Marty Supreme »unsym­pa­thisch« sei, und »bei Frauen« schlecht ankomme.

Wir, die Timmi-Fans, warten einfach bis nächstes Jahr.

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Die Oscars des nächsten Jahres sind schon produ­ziert. Manche sehen wir bald in Cannes...

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Gäbe es in Deutsch­land Oscars, hätten sie in jedem Fall Johanna Wokalek und Tobias Moretti verdient. Beide spielen in vielen Kino- und Fern­seh­filmen, beider Karriere ist nicht straight verlaufen, beide möchte man gern viel öfter sehen.
Wokalek wird wissen, warum sie sich, nachdem sie in dem RAF-Drama Der Baader Meinhof Komplex als Gudrun Ensslin fehl­be­setzt war, und in Die Päpstin besser auch nicht gespielt hätte, in den letzten knapp zwei Jahr­zehnten immer rarer gemacht hat, bis auf einzelne heraus­ra­gende Rollen, wie die groß­ar­tige Haupt­rolle in Freiheit dafür viel Theater gespielt, und warum sie jetzt dafür die Rolle der Ermitt­lerin Cris Blohm im Münchner »Poli­zeiruf« ange­nommen hat. Viel­leicht auch, weil sie hier von Kino­re­gis­seuren wie Christian Petzold und Dominik Graf insze­niert wird. In jedem Fall macht ihr das erkennbar Spaß. Wokalek gibt ihrer Figur zunehmend Kontur: Cris Blohm ist moralisch, aber nie mora­li­sie­rend; hart­nä­ckig, dabei ohne Illu­sionen und vor allem ironisch.
Schon wegen Wokalek lohnt es sich, den neuesten heraus­ra­genden »Poli­zeiruf« vom letzten Sonntag mit dem Titel »Ablass« anzusehen, der in der ARD-Mediathek zu finden ist.

Es lohnt sich auch wegen des Münchner Regis­seurs Christian Bach, der hier als Regisseur und Dreh­buch­autor einen veri­ta­blen Autoren­film (im Fernsehen) insze­niert hat, der – auch sehr sehr gut geschrieben – alles zeigt, was dem deutschen Kinofilm so oft fehlt: Boden­haf­tung und Witz, Ironie und Unvor­her­seh­bar­keit.
Der Film gibt prak­ti­sche Ratschläge für unser aller Lebens­alltag: das Kondom auf dem Rauch­melder, macht diesen unschäd­lich, so dass die Staats­an­wältin auch im Büro weiter ungestört ihr Dasein als Ketten­rau­cherin genießen kann.
Wichtiger das Porträt der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land als Klas­sen­ge­sell­schaft. Eine Klas­sen­ge­sell­schaft in der aber die Reichen nicht auto­ma­tisch böser sind, als die Armen, in der Geschäfts­be­zie­hungen die Moral über­trumpfen.

Noch wichtiger aber dass der Krimi die Mora­li­sie­rung, die dem Fern­seh­kri­mi­nal­film innewohnt, immer wieder bricht, und immer wieder zeigt, dass man alles, auch noch den größten Wert, von mindes­tens zwei Seiten aus betrachten kann. Den falschen Trost müsse moderner Realismus vermeiden, wusste der Marxist Bertolt Brecht. So stellt der Film das falsche und bequeme Verlangen der Menschen, immer und überall Gerech­tig­keit herzu­stellen infrage, und zeigt, dass die konkrete Gerech­tig­keit einer guten Tat mehr Sinn macht, als die abstrakte Gerech­tig­keit der regel­ba­sierten Ordnung. Nietzsche siegt über Kant.

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Schließ­lich lohnt sich der Film nicht weniger wegen Tobias Moretti: Seine wunderbar sardo­nisch gespielte Figur des Münchner Star-Rechts­an­walts Schel­len­berg, eines klugen Mannes mit wenig Moral, aber »guten Kontakten in die baye­ri­sche Politik« erinnerte an Morettis Auftritt als Ferdinand Marian in Oskar Roehlers konse­quent unter­schätztem Jud Süss – Film ohne Gewissen.

Er ist der eine, der auf Augenhöhe mit Blohm ist. Blohm und Schel­len­berg sind zwei´, die sich nicht fassen können, die sich zum Austausch auf neutralem Grund treffen, in irgend­einer Bar in München. Sie trinkt einen Rotwein, er einen Cocktail. Sie belauern sich, wie ein Löwe und ein Panther. Auf Augenhöhe, zwei Gegner, voller Respekt, in Wahl­ver­wandt­schaft und feind­se­liger Sympathie wider Willen mitein­ander verbunden.

Man muss es sehen!

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Meinungs­frei­heit über die gerade gern und viel geredet wird, beweist sich nur da, wo man andere Meinungen doof und falsch findet, oder einem die Sprecher nicht passen.
Meinungs­frei­heit beweist sich zum Beispiel bei Harvey Weinstein. Der gefallene Filmmogul, der derzeit verur­teilt im Gefängnis einsitzt, hat jetzt dem Hollywood-Reporter ein Interview gegeben, sein erstes in Haft. Lesens­wert ist es, ansonsten möge sich jeder selbst ein Urteil über den Inhalt bilden. Dass dies in den USA möglich ist, spricht jeden­falls für die Freiheit der Presse und den Grundsatz »free speech«. Oder nicht?

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Langsam aber sicher läuft sich die inter­na­tio­nale Filmwelt für Cannes warm. Bei »Deadline« erscheinen die ersten Prognosen und Vermu­tungen.
Vier Wochen dauert es noch bis zur Bekannt­gabe der offi­zi­ellen Auswahl in Paris am 9. April. Da die fran­zö­si­sche Auswahl oft erst wenige Stunden vor der Pres­se­kon­fe­renz fina­li­siert wird, ist dies eine nerven­auf­rei­bende Zeit für die Branche.

Aus Europa speku­liert man über die Franzosen Judith Godrèche, Léa Mysius, Bruno Dumont, und den Iraner Asghar Farhadi mit seinem fran­zö­sisch­spra­chigen Film »Parallel Tales« und Stars wie Isabelle Huppert, Vincent Cassel und Pierre Niney. Weitere mögliche Beiträge sind Filme von Quentin Dupieux, Alexandre Arcady, Stéphane Brizé und Yann Gonzalez.
Spanien könnte ebenfalls ein starkes Jahr haben, mit neuen Filmen von Albert Serra und Rodrigo Sorogoyen. Im Gespräch sind auch Werner Herzog, Marie Kreutzer, Nicolas Winding Refn und der zweifache Cannes-Sieger Ruben Östlund, der nach der dritten Palme greifen will.
Japan dürfte ein sehr starkes Jahr haben, mit Filmen von Ryûsuke Hamaguchi, Hirokazu Kore-eda und Kiyoshi Kurosawa.
Aus Deutsch­land Valeska Grisebach und die Newco­merin und Potsdam-Absol­ventin Ulrike Vahl,
Man wartet und rechnet auch noch mit Filmen von Steven Spielberg, Terence Malik, David Robert Mitchell, Christi Mungiu, James Grey, Joel Cohen, Pavel Pavli­kowski, Kirill Sere­bre­n­ikov, Carlos Reygadas, Laszlo Nemes, Bertrand Mandico, Radu Jude, Takashi Miike

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Quer­denker fallen nicht vom Himmel, Quer­denker werden gemacht. Durch Neid und Ressen­ti­ment, dadurch, dass man ihnen immer wieder erklärt, sie seien Quer­denker. Irgend­wann fügen sie sich in die ihnen zuge­dachte Rolle, und nehmen sie an.

Man kann es gerade wieder erleben.