Cinema Moralia – Folge 382
Was deutsches Kino sein könnte und nicht ist... |
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| Muss man sehen: Polizeiruf: Ablass | ||
| (Foto: BR/die film gmbh/Susanne Bernhar) | ||
»Call me by your name/ Schon viel zu oft gesehen«
Ob es Timothée genauso geht/ Wenn er sich nach den Oscars schlafen legt?
Sag Timmi, fühlst du dich allein?/ Fühlst du dich allein?
Wie ist es, wenn die ganze Welt dich liebt?/ Macht das wirklich einen Unterschied?
Oder bleibt es immer gleich, das Gefühl, dass man nicht reicht/ Timmi, fühlst du dich allein?
– Lena & Linus, Timothée Chalamet
Die Oscars sind vorbei. Timothée Chalamet hat wieder keinen Oscar gewonnen. Was zunächst mal nichts anderes beweist, als dass die Kreise europäischen Akademikerkinder, der Film- und Filmkritikstudenten, nicht automatisch mehrheitsfähig sind. Mögen sie sich auch noch so sehr im Recht fühlen.
Amerikaner kommentieren seine zweite Oscar-Niederlage hintereinander damit, dass seine Figur Marty Supreme »unsympathisch« sei, und »bei Frauen« schlecht ankomme.
Wir, die Timmi-Fans, warten einfach bis nächstes Jahr.
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Die Oscars des nächsten Jahres sind schon produziert. Manche sehen wir bald in Cannes...
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Gäbe es in Deutschland Oscars, hätten sie in jedem Fall Johanna Wokalek und Tobias Moretti verdient. Beide spielen in vielen Kino- und Fernsehfilmen, beider Karriere ist nicht straight verlaufen, beide möchte man gern viel öfter sehen.
Wokalek wird wissen, warum sie sich, nachdem sie in dem RAF-Drama Der Baader Meinhof Komplex als Gudrun Ensslin fehlbesetzt war, und in Die Päpstin besser auch nicht gespielt hätte, in den letzten knapp zwei Jahrzehnten immer rarer gemacht hat, bis auf einzelne herausragende Rollen, wie die großartige Hauptrolle in Freiheit dafür viel Theater gespielt, und warum sie jetzt dafür die Rolle der Ermittlerin Cris
Blohm im Münchner »Polizeiruf« angenommen hat. Vielleicht auch, weil sie hier von Kinoregisseuren wie Christian Petzold und Dominik Graf inszeniert wird. In jedem Fall macht ihr das erkennbar Spaß. Wokalek gibt ihrer Figur zunehmend Kontur: Cris Blohm ist moralisch, aber nie moralisierend; hartnäckig, dabei ohne Illusionen und vor allem ironisch.
Schon wegen Wokalek lohnt es sich, den neuesten herausragenden »Polizeiruf« vom letzten Sonntag mit dem Titel »Ablass« anzusehen, der in der ARD-Mediathek zu finden ist.
Es lohnt sich auch wegen des Münchner Regisseurs Christian Bach, der hier als Regisseur und Drehbuchautor einen veritablen Autorenfilm (im Fernsehen) inszeniert hat, der – auch sehr sehr gut geschrieben – alles zeigt, was dem deutschen Kinofilm so oft fehlt: Bodenhaftung und Witz, Ironie und Unvorhersehbarkeit.
Der Film gibt praktische Ratschläge für unser aller Lebensalltag: das Kondom auf dem Rauchmelder, macht diesen unschädlich, so dass die
Staatsanwältin auch im Büro weiter ungestört ihr Dasein als Kettenraucherin genießen kann.
Wichtiger das Porträt der Bundesrepublik Deutschland als Klassengesellschaft. Eine Klassengesellschaft in der aber die Reichen nicht automatisch böser sind, als die Armen, in der Geschäftsbeziehungen die Moral übertrumpfen.
Noch wichtiger aber dass der Krimi die Moralisierung, die dem Fernsehkriminalfilm innewohnt, immer wieder bricht, und immer wieder zeigt, dass man alles, auch noch den größten Wert, von mindestens zwei Seiten aus betrachten kann. Den falschen Trost müsse moderner Realismus vermeiden, wusste der Marxist Bertolt Brecht. So stellt der Film das falsche und bequeme Verlangen der Menschen, immer und überall Gerechtigkeit herzustellen infrage, und zeigt, dass die konkrete Gerechtigkeit einer guten Tat mehr Sinn macht, als die abstrakte Gerechtigkeit der regelbasierten Ordnung. Nietzsche siegt über Kant.
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Schließlich lohnt sich der Film nicht weniger wegen Tobias Moretti: Seine wunderbar sardonisch gespielte Figur des Münchner Star-Rechtsanwalts Schellenberg, eines klugen Mannes mit wenig Moral, aber »guten Kontakten in die bayerische Politik« erinnerte an Morettis Auftritt als Ferdinand Marian in Oskar Roehlers konsequent unterschätztem Jud Süss – Film ohne Gewissen.
Er ist der eine, der auf Augenhöhe mit Blohm ist. Blohm und Schellenberg sind zwei´, die sich nicht fassen können, die sich zum Austausch auf neutralem Grund treffen, in irgendeiner Bar in München. Sie trinkt einen Rotwein, er einen Cocktail. Sie belauern sich, wie ein Löwe und ein Panther. Auf Augenhöhe, zwei Gegner, voller Respekt, in Wahlverwandtschaft und feindseliger Sympathie wider Willen miteinander verbunden.
Man muss es sehen!
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Meinungsfreiheit über die gerade gern und viel geredet wird, beweist sich nur da, wo man andere Meinungen doof und falsch findet, oder einem die Sprecher nicht passen.
Meinungsfreiheit beweist sich zum Beispiel bei Harvey Weinstein. Der gefallene Filmmogul, der derzeit verurteilt im Gefängnis einsitzt, hat jetzt dem Hollywood-Reporter ein Interview gegeben, sein erstes in Haft. Lesenswert ist es, ansonsten möge sich jeder selbst ein Urteil über den Inhalt bilden. Dass dies in den USA möglich ist, spricht jedenfalls für die Freiheit der Presse und den Grundsatz »free speech«. Oder nicht?
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Langsam aber sicher läuft sich die internationale Filmwelt für Cannes warm. Bei »Deadline« erscheinen die ersten Prognosen und Vermutungen.
Vier Wochen dauert es noch bis zur Bekanntgabe der offiziellen Auswahl in Paris am 9. April. Da die französische Auswahl oft erst wenige Stunden vor der Pressekonferenz finalisiert wird,
ist dies eine nervenaufreibende Zeit für die Branche.
Aus Europa spekuliert man über die Franzosen Judith Godrèche, Léa Mysius, Bruno Dumont, und den Iraner Asghar Farhadi mit seinem französischsprachigen Film »Parallel Tales« und Stars wie Isabelle Huppert, Vincent Cassel und Pierre Niney. Weitere mögliche Beiträge sind Filme von Quentin Dupieux, Alexandre Arcady, Stéphane Brizé und Yann Gonzalez.
Spanien könnte ebenfalls ein starkes Jahr haben, mit neuen Filmen von Albert Serra und Rodrigo Sorogoyen. Im Gespräch sind auch Werner
Herzog, Marie Kreutzer, Nicolas Winding Refn und der zweifache Cannes-Sieger Ruben Östlund, der nach der dritten Palme greifen will.
Japan dürfte ein sehr starkes Jahr haben, mit Filmen von Ryûsuke Hamaguchi, Hirokazu Kore-eda und Kiyoshi Kurosawa.
Aus Deutschland Valeska Grisebach und die Newcomerin und Potsdam-Absolventin Ulrike Vahl,
Man wartet und rechnet auch noch mit Filmen von Steven Spielberg, Terence Malik, David Robert Mitchell, Christi Mungiu, James Grey, Joel Cohen,
Pavel Pavlikowski, Kirill Serebrenikov, Carlos Reygadas, Laszlo Nemes, Bertrand Mandico, Radu Jude, Takashi Miike
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Querdenker fallen nicht vom Himmel, Querdenker werden gemacht. Durch Neid und Ressentiment, dadurch, dass man ihnen immer wieder erklärt, sie seien Querdenker. Irgendwann fügen sie sich in die ihnen zugedachte Rolle, und nehmen sie an.
Man kann es gerade wieder erleben.