76. Berlinale 2026
Kontinuität und Solidarität |
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| Über die Komponistinnen von Mexiko: Nicolás Peredas Everything Else is Noise | ||
| (Foto: Berlinale · Nicolás Pereda) | ||
Abseits der lautstarken Debatten um die politische Positionierung der Berlinale konnte man quer durch die Sektionen leisen Resonanzen und Echos zwischen lateinamerikanischen Filmen nachspüren. Ohne aufzutrumpfen, knüpften sie feine Fäden untereinander, die in der Programmierung Kontinuität und Solidarität erkennen lassen.
Im Wettbewerb vertreten war der Mexikaner Fernando Eimbcke mit Moscas. Er ist kein Neuling bei der Berlinale, letztes Jahr lief sein Film Olmo im Panorama, als Regisseur erhielt er erstmals große internationale Aufmerksamkeit mit seinem zweiten Film Lake Tahoe 2008 im Wettbewerb der Berlinale, als er den damals noch nach Alfred Bauer benannten Preis der Jury erhielt.
Eimbckes Thema sind Trauer und Verlust, vornehmlich aus der Sicht der Kinder und der Heranwachsenden, deren Coming of Age unter dem Vorzeichen des frühen Todes eines Elternteils steht. Er versteht es dabei immer, über eine minimalistische Inszenierung eine feine Balance aus Lakonie und Rührung zu bewahren. Auch in Moscas bleibt er seiner Thematik und seinem Stil treu. Im Zentrum steht Olga, eine alleinstehende ältere Frau, die aus ökonomischer Not ein Zimmer ihrer Wohnung möbliert vermietet. Sie wohnt in unmittelbarer Nähe eines großen Krankenhauses in Mexiko-Stadt, das viele Patienten aus dem gesamten Land aufnimmt. Tulio, dessen Frau dort behandelt wird, zieht ein, verheimlicht aber, dass er seinen neunjährigen Sohn Cristián dabei hat. Er passt immer den Moment ab, wenn Olga das Licht ausmacht, und schleicht sich dann mit dem Jungen ins Zimmer. Dass Olga den Jungen dann irgendwann entdeckt, bleibt unausweichlich. Wie Eimbcke dann aus dieser Konstellation sachte die Einsamkeit und die Trostbedürftigkeit aller Beteiligten herausmodelliert, ohne auf emotionale Überwältigung zu setzen, ist bei aller Zurückhaltung beeindruckend. Der in nüchternem Schwarzweiß ohne große Kontraste gedrehte Film vermag vor allem den urbanen Raum der Metropole in seiner sozialen Definiertheit präzise zu erfassen. Die neorealistischen Akzente der Milieuschilderung werden in den ruhigen Einstellungen von den Wohnblöcken, den Straßen, den öffentlichen Anlagen und dem Krankenhaus nicht allzusehr ausgereizt, sondern mit einem leichten Hauch des Poetischen versehen. Gelegentlich lässt sich die Kamera von der kindlichen Perspektive anstecken, wenn etwa das An- und Ausgehen der Lichter an der vielfenstrigen Fassade des Wohnblocks wie die Signale eines Computerspiels blinken.
Moscas ist zwar kein großer Film, der sich auch in einem nicht allzu stark besetzten Wettbewerb wirklich in den Vordergrund spielen konnte, aber er wirkt leise und beharrlich nach. Die leicht verdrossene Olga, die sich mit den titelgebenden lästigen Fliegen in ihrer Wohnung herumschlägt und von dem kleinen Jungen aus ihrer Verschlossenheit herausgeholt wird, wird gespielt von Teresita Sánchez, die in Mexiko den Status eines Stars genießt. Berlinale-Besuchern blieb sie nachdrücklich in Erinnerung durch ihren Auftritt in Tótem von Lila Avilés, der im Wettbewerb der Berlinale 2023 lief.
Teresita Sánchez gehört zur festen Filmfamilie des Mexikaners Nicolás Pereda. In fast all seinen Filmen ist sie als Darstellerin dabei. So konnte man ihr auf der diesjährigen Berlinale denn auch im Forum wiederbegegnen, wo Peredas Everything else is noise zu sehen war. Dort spielt sie Tere (bei Pereda tragen die Figuren grundsätzlich die realen Namen der Schauspieler), eine Komponistin und Instrumentalistin zeitgenössischer klassischer Musik. Sie stellt der befreundeten Komponistin Rosa für ein Fernsehinterview ihre Wohnung zur Verfügung. Auch Pereda ist ein Spezialist für minimalistische Inszenierung und Dramaturgie: er geht gerne vom alltäglichen Jetzt und Hier der Drehorte aus, meist den Wohnungen von Freunden. Dass diese Situation in der Handlung des Films gespiegelt wiederkehrt, gehört zu dem fiktionsironischen Spiel, das Pereda gerne betreibt. Bevor die Interviewer kommen, stimmen sich Tere und Rosa auf das Interview ein, dabei zeichnet sich schon eine Rollenverschiebung ab, die eher Tere als Rosa als die interessantere Gesprächspartnerin erscheinen lässt.
Wenn dann Lázaro (der Stammschauspieler von Pereda, der sich seit Peredas Lázaro de noche so nennt, vorher hieß er Gabino Rodríguez) als Interviewer mit seinem Tonmann eintrifft, müssen sie sich erst mal dem Stromausfall und dem Hundegebell aus der Nachbarwohnung zurechtfinden. Und wie sich das Interview dann entwickelt, ist reinster Pereda-Slow-Slapstick, bei dem auf intelligent-hintergründige Weise das Format eines Kultur-Interviews ad absurdum geführt wird. Luisa, die Tochter Teres und des der Familie abtrünnig gewordenen Vaters, des Maestros der mexikanischen klassischen Gegenwartsmusik, kommt hinzu und gibt eine experimentell-avantgardistische Violoncello-Solo-Performance. Sie bittet die in der Wohnung Anwesenden darum, während ihres Spiels die Augen zu schließen, damit sie nicht vom Hören abgelenkt würden: die Kamera bleibt konsequent auf die Zuhörenden gerichtet, auf deren angestrengtes Blinzeln und Lauschen, eine schöne Lektion in Sachen Listening & Watching, um hier auf James Bennings filmisches Credo zu verweisen. Wie Pereda hier Ton und Bild auseinanderseziert, legt den Finger auf ein essentielles Gestaltungsmittel dieses Films. Der Ton wird hier zu einem genuinen Ereignis, der das Bild immer wieder aushebelt und in Frage stellt. Für die Gestaltung der Tonspur hat Pereda die argentinischen Sounddesign-Experten Guido Berenblum und Gerardo Kalmar hinzugezogen (Berenblum etwa ist für seine Zusammenarbeit mit Lucrecia Martel bekannt). Ihnen gelingt eine plastische Modulierung des permanenten Straßenlärms als Hintergrundrauschen, das man als eigenen Protagonisten in diesem Film aufführen könnte. Die verkehrsreiche Kreuzung, die sich außerhalb der Fenster der Wohnung befindet, durfte sich zu Beginn aus der Draufsicht ausführlich präsentieren: aus dem Off unterminiert sie parasitär das sichtbare Kammerspiel in Teres Wohnung.
Darüberhinaus wartet Pereda noch mit einem ins Satirische oszillierenden Höhepunkt auf, wenn er am Ende den Vater Luisas, den Ex von Tere, auftreten lässt: Wie schon in Peredas »Los mejores temas« legt José Rodríguez López einen großartig eitel-peinlichen Auftritt hin, der das seit Buñuels Die Vergessenen in der mexikanischen Kultur ständig wiederkehrende Thema des abwesenden Vaters mit einer feministischen Spitze anreichert.
Im Panorama wartete der Paraguayer Marcelo Martinessi mit Narciso auf, auch er war schon früher auf der Berlinale vertreten: mit seinem ersten Langfilm Las herederas gewann er 2018 im Wettbewerb unter anderem den Fipresci-Preis. Diesmal erhielt er den Fipresci-Preis in der Sektion Panorama.
Narciso führt in das Paraguay der späten 50er Jahre zurück. Die Titelfigur, der charismatische Narciso, lässt als Radiodiscjockey den Rock'n'Roll von Elvis Presley, Chuck Berry und Buddy Holly erklingen und löst gewaltigen Gender Trouble unter der Zuhörerschaft aus. Mit den im Rundfunkstudio vor live anwesendem Publikum abgespielten Platten erregt Narciso mit seinem Sexappeal nicht nur das Begehren der weiblichen Fans, auch der Programm-Chef des Senders, der ehrenwerte ältere Herr Don Luis Bermúdez (genannt Lulu), verfällt Narcisos verführerischem Hüftschwung. Melodramatische Züge nimmt die Handlung an, als Mister Wesson, der US-amerikanische Botschaftsangestellte (dargestellt von dem aufs Neue brillant agierenden Nahual Pérez Biscayart), ebenfalls Narciso nachstellt. Wie die beiden heimlich auf dem verbotenen Schwulenstrich unterwegs sind, wie das ganze Rundfunk-Studio von einem subversiven queeren Geist beseelt scheint, macht Martinessis Inszenierung auf raffinierte Weise spürbar. Das in Paraguay frisch etablierte Stroessner-Regime will solche Umtriebe nicht dulden und führt eine martialische Razzia durch. Kameramann Luis Arteaga findet für die erstickende Atmosphäre in einer der langlebigsten lateinamerikanischen Diktaturen beklemmende Bilder: Inszenierung und Kameraarbeit erzählen in sinnlich aufgeladenen Einstellungen vom unterdrückten, gleichwohl aber virulenten Begehren. Vor allem die Szenen, die im Sender Radio Capital das vor Publikum live aufgeführte »Dracula«-Hörspiel mit seinen handgemachten Geräusch- und Kulisseneffekten zeigen, wirken nachdrücklich.