76. Berlinale 2026
Rette sie, wer kann (die Berlinale) |
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| Foto aus Chronicles From the Siege, Gewinner in »Perspectives« (hier unsere Besprechung) | ||
| (Foto: Berlinale · Issaad Film Productions) | ||
Von Dunja Bialas
Ein Auftritt eines palästinensischen Filmemachers auf der großen Bühne der Berlinale. Ein Foto von Tuttle im Kreise des Filmteams. Kufiya und Palästinenser-Flagge inklusive, Tuttle trug an diesem Tag ein grünes Kleid, darunter enganliegende schwarze Ärmel. Verräterische Wassermelonen-Symbolik auf dem roten Teppich? Motto-Kleid zur Premiere von Chronicles From The Siege? Oder war hier die KI am Werk? Tuttle müsse zurücktreten, wenn das Foto echt sei, echauffierten sich die Posts auf Social Media. Am selben Tag habe sie jedoch auch bei einem Empfang der israelischen Filmcommunity teilgenommen, berichtet Screen Daily. Wie das eine Festivalleiterin eben so macht.
Wenn am heutigen Vormittag Kulturstaatsminister Wolfram Weimer den Berlinale-Aufsichtsrat KBB (Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin) einberuft, um »über die Zukunft der Berliner Filmfestspiele« zu beraten und die »Vorkommnisse während der (…) Berlinale« aufzuarbeiten, könnte das Ende des internationalen A-Festival bereits eingeläutet sein. Dementiert wird vom Deutschen Bundestag hingegen die Meldung der »Bild«-Zeitung, die am Mittwochnachmittag einen Rausschmiss von Tricia Tuttle kolportiert hatte. International wurde über das geplante Treffen zur Ausrichtung der Berlinale und den möglichen Abgang von Tuttle jedoch bereits berichtet, wie durch Screen Daily oder The Guardian.
In der Fachwelt hat sich im zweiten Jahr von Tuttle der Konsens herausgebildet, dass die Berlinale einen insgesamt soliden Wettbewerb ausgerichtet hat und Tuttles neue Reihe »Perspectives« im Vergleich zur Pilotfolge letztes Jahr deutlich an Qualität gewonnen hat – selbst wenn natürlich noch Luft nach oben ist (Cannes, Venedig, die großen Namen). Die Ausrichtungsdebatte, an die sich unter Umständen auch eine Personalfrage knüpft, hingegen ist nicht künstlerisch, sie ist einzig ideologisch motiviert – könnte sich aber künstlerisch auswirken. Das haben wir bereits an dieser Stelle anlässlich der Vorkommnisse bei der Preisverleihung 2024 geschrieben. Und würde, falls es so käme wie angedeutet, das Ende der Berlinale einläuten – und womöglich das Ende der Kunstfreiheit in Deutschland. Die offenen Briefe internationaler Unterzeichner, die sich in der Vergangenheit um die Meinungsfreiheit in Deutschland gesorgt haben, selbst »Strike Germany« und andere fragwürdige Aktivistengruppen – sie alle hätten am Ende recht behalten. In Deutschland würde nun eine Staatskultur wirksam werden, die über die »Staatsraison« weit hinausschießt.
Tricia Tuttle hatte in einem Interview mit dem »Screen Daily« in Reaktion auf den offenen Brief von über 80 Unterzeichnenden im Hinblick auf das Ausbleiben eines Berlinale-Statements zu Gaza gesagt: »Wir vertreten viele Menschen mit unterschiedlichen Ansichten, darunter viele in Deutschland, die ein komplexeres Verständnis der Position Israels wünschen, als es derzeit vielleicht anderswo der Fall ist. Vieles ist im Wandel«, erklärte sie, »Menschen erkennen, dass die Staatsraison – also die im deutschen Recht verankerte Verpflichtung zur Sicherheit Israels, begründet in der historischen Verantwortung für den Holocaust – möglicherweise wichtige Gespräche über die derzeitige israelische Regierung erschwert.« Es sei komplex, so Tuttle, »und gerade deshalb möchten wir Raum für diese Komplexität schaffen.«
Komplexität, differenziert nachdenken, Widersprüche aushalten und selbst Fotos – auf der Bühne, vor der Fotowand – als das nehmen, was sie sind: inszenierte Bilder und eben nicht die vorgefundene Realität, darum sollte es in einer aufgeklärten Demokratie gehen. Das sollte unser Kunstbetrieb leisten können. Hält Tuttle etwa eine Flagge hoch? Hat Tuttle etwa eine fragwürdige Rede gehalten? Wohl aber die Gäste der Berlinale – lautet also die Weimer’sche Konsequenz, dem allen ein Ende zu bereiten? »Solche« Gäste und »solche« Filme nicht mehr einzuladen? Die palästinensische Flagge und die Kufiya sind jedoch nicht verboten. Selbst das aktivisitische Statement des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah Alkhatib bei Preisverleihung ist von der Meinungsfreiheit gedeckt, auch wenn es viele als bedrohlich empfanden: »Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war. Ein freies Palästina von jetzt bis ans Ende der Welt.« Tricia Tuttle reagierte auf der Bühne umsichtig und klug, anders als auf der Pressekonferenz zu Beginn der Berlinale. Jetzt war sie vorbereitet und hellwach.
Wenn Tuttle entlassen werden sollte oder hinschmeißt, wäre die Berlinale als internationales Festival am Ende. Wer von internationalem Rang würde sich nach Carlo Chatrian und Tricia Tuttle noch für den Job hergeben, der direkt dem Kulturstaatsminister untersteht? Wenn einem jeden Moment der Abtritt nahegelegt werden kann, wie Chatrian durch Claudia Roth, oder gar der Rauswurf trotz aller Dementi öffentlich diskutiert wird, wie jetzt bei Tuttle? Wenn sich der Eindruck verfestigt, beim größten deutschen Festival gäbe es keine Meinungs- und keine Kunstfreiheit mehr? Und wenn sich der kulturfördernde Staat nun tatsächlich in die inhaltliche Ausrichtung einmischt? Die Autonomie der Kulturveranstaltungen ist bislang, sofern sie demokratisch sind und nicht gegen gewisse Grundsätze verstoßen, unantastbar. Eine Zensur und eine Ausrichtung nach den Vorstellungen und Meinungen der Politiker finden bislang nicht statt. Das könnte sich jetzt ändern.
Zahlreiche Verbände haben umgehend reagiert und offene Briefe verfasst. Die Proteste haben Weimer vor Beginn der Aufsichtsratssitzung um 8 Uhr morgens erreicht.
Die Deutsche Filmakademie schreibt: »Eine politische Einflussnahme auf die inhaltliche Gestaltung eines Filmfestivals würde fundamentale Prinzipien gefährden, für die die Berlinale seit Jahrzehnten steht. Es geht um weit mehr als nur eine Personalentscheidung. Dieser Versuch der Einmischung ist ein gefährliches Signal, das weit über das Festival hinausreicht.«
Es gibt auch einen offenen Brief, der von keiner Institution stammt, aber von über 600 internationalen Filmschaffenden unterzeichnet wurde. Darunter der Gewinner des Goldenen Bären Ilker Çatak, außerdem Karim Aïnouz, Eva Trobisch, Ruth Beckermann, Caroline Link, Kleber Mendonça Filho, Ada Solomon, Emin Alper, Nadav Lapid und viele, viele, viele andere. Sie mahnen an: »Wenn aus einzelnen Wortmeldungen oder symbolischen Deutungen personelle Konsequenzen abgeleitet werden, entsteht ein problematisches Signal: Kulturinstitutionen geraten unter politischen Erwartungsdruck. Die Staatsferne der Kultur – ein Grundmerkmal der Demokratie – ist nicht länger gegeben.«
Gezeichnet haben auch der Bundesverband Kommunale Filmarbeit, die AG Kurzfilm, der Hauptverband Cinephilie und die AG Filmfestival. In einem eigenen Statement macht letztere deutlich, immerhin geht es um den Angriff auf eine Festivalleiterin: »Wenn politische Erwartungshaltungen darüber entscheiden, ob Kulturverantwortliche im Amt bleiben, entsteht struktureller Anpassungsdruck. Das schwächt nicht nur die Berlinale, sondern die gesamte Kulturlandschaft in Deutschland.«